Lucie wurde als Kind entführt und misshandelt. Sie konnte ihren Peinigern entkommen und möchte sich nun, fünfzehn Jahre später, an ihnen rächen. Sie dringt ins Haus der Täter, einer bürgerlichen Familie, ein und tötet alle, auch die Kinder. Doch der Dämon, der sie seit Kindertagen verfolgt, verlangt Selbstverletzung und auch ihren Tod. Ihre beste Freundin Anna weiß um die psychisch schwer angeschlagene Lucie und versucht, das Schlimmste zu verhindert. Doch das misslingt und Anna muss plötzlich feststellen, dass Lucie mit allem Recht hatte. Nun gerät Anna selbst in die Hände der mächtigen Organisation, die Lucie misshandelte und systematisch junge Frauen quält. Der elitäre Club versucht, die Frauen durch vielfältiges Leiden in einen Zustand zu bringen wie ihn die christlichen Märtyrer gehabt haben sollen und erhofft sich davon, einen Einblick in transzendente Welten zu erlangen.
Pascal Laugiers Martyrs aus dem Jahr 2008 ist der Höhepunkt des französischen Terrorkinos der 2000er-Jahre, das auch als "New French Extremity" bekannt ist. Zusammen mit High Tension (2003), Inside (2007) und Frontier(s) - Kennst du deine Schmerzgrenze? (2007) definierte er den Terrorfilm neu und löste, wie jeder wahrhaft transgressive Filme vor ihm, Kontroversen aus. So bezeichneten die Medien das Terrorkino dieses Jahrzehnts, allen voran US-amerikanische Produktionen wie Saw (2004), Hostel (2005) und The Hills Have Eyes (2006), abfällig als "Torture Porn".
Pascal Laugier hat hier den raffiniertesten Film unter den vier großen Werken der New French Extremity geschaffen. Wie in allen drei vorangegangenen Filmen steht wieder eine junge Frau im Mittelpunkt der Handlung - zunächst ist das Lucie, gespielt von Mylène Jampanoï, dann Anna, von Morjana Alaoui verkörpert. Martyrs greift Elemente von Inside, High Tension und Frontier(s) - Kennst du deine Schmerzgrenze? auf und reflektiert seine Vorläufer. Das sind vor allem die Motive lesbische Liebe, Psychose, die Familie als Hort der Gewalt, das Massengrab als Symbol für den Faschismus, abjekte Körper und ein Haus voller Blut. Wo sich die drei Vorgänger mit Politik, Körper und Sexualität beschäftigen, da fügt Martyrs eine vierte kulturelle Entität hinzu: die Transzendenz. Diese wird aber ganz in der nihilistischen Tradition der französischen Terrorfilmwelle als verborgen dargestellt und lediglich als monströs und unbegreiflich angedeutet.
Marcus Stiglegger sieht Pascal Laugiers Martyrs als "programmatischen Endpunkt des Terrorfilms" und gar als "gegenwärtigen Endpunkt des Horrorgenres" schlechthin, weil der Film durch seine Folter- und Horrorszenen nicht nur ein Inbegriff an Überschreitung ist und zugleich die Erzählkonventionen des Genres weit hinter sich lässt, sondern auch an die letzte Grenze des Menschlichen überhaupt reicht, die zugleich ein filmisch nicht mehr darstellbarer Endpunkt ist. In Stigleggers Buch "Terrorkino - Angst/Lust und Körperhorror" beschreibt der Film- und Kulturwissenschaftler Martyrs als spirituelle Grenzerfahrung, die ganz im Sinne des Transgressionsphilosophen Georges Bataille interpretiert werden kann. Dieser beschäftigte sich in seinem Buch "Die Tränen des Eros" mit einem Foto, das die chinesische Foltertradition "Leng T´sche" (Folter der hundert Teile) zeigt. Just dieses Foto hängt als Bild im Folterkeller der dubiosen Organisation, durch den Anna immer wieder von ihren Peinigern getrieben wird.
Kein Film reizt den Terror bis ins buchstäblich Unnennbare so aus wie Martyrs und gibt dem Zuschauer die Chance auf eine echte Grenzerfahrung. Martyrs ist für mich einer der unheimlichsten, verstörendsten, klügsten und besten Horrorfilme aller Zeiten, ein fesselndes Potpourri aus Psycho-Thriller, Körperhorror und Überschreitungsphilosophie.
https://www.imdb.com/de/title/tt1029234/ (Si apre in una nuova finestra)