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Newsletter – dein kreativer Journaling Kurs #20

Wie man seinen eigene Stil entwickelt

  1. Eine Frage des Stils

Habe ich einen eigenen Stil? Zum ersten Mal wurde ich mit dem Thema Schreibstil konfrontiert, als ich in der 4. Klasse war. Meine Deutschlehrerin gab mir einen Aufsatz zurück, unter dem stand „Immer sehr im Enid Blyton Stil“. Ich war irgendwie stolz darauf, denn in dieser Zeit habe ich VIEL Enid Blyton gelesen und ich empfand es als Kompliment, ähnlich wie sie zu klingen. Ein Jahr lang habe ich als Ghostwriterin gearbeitet und bekam von meinem „Arbeitgeber“ die Ansage „Bitte folgende Worte nicht verwenden... - die verwendest du einfach extrem oft!“ Ich hätte wirklich geschworen, dass das keine typischen Sina-Formulierungen waren, aber einmal auf gewissen Floskeln in dieser Weise aufmerksam gemacht, merkte ich es selber in kommenden Texten, die ich verfasste: Doch, alle Begriffe aus der Index-Liste waren very much me.

Der eigene Stil ist sowas wie der Fingerabdruck der Sprache: halb Unfall, halb Ansicht und immer das Echo der eigenen Logik, eine Mischung aus Gewohnheit und Entscheidung. Mein Enid-Blyton-Kommentar zeigt: Lesen ist ein wichtiges to do auf dem Weg zum eigene Stil. Nicht (wie ich damals, obwohl das mit 10 schon auch noch erlaubt ist), um zu kopieren, sondern um Resonanzkammern zu erweitert. Wer viel liest, gewinnt ein Gespür für Sprache, geht in Resonanz mit fremden Stilelementen, verliebt sich in Satz-Konstruktionen, Sprachrhythmen und Formulierungen – oder beginnt, sie nervig zu finden, wie im Fall von „bitte weniger von den Top10-Sina-Phrasen. Das übrigens auch unverkennbar mein Stil, wenn ich ihn selbst beschreiben müsste: Ich liebe diese Konstruktionen mit Bindestrich. Um einen unverkennbar eigenen Stil zu entwickeln, hilft zudem: schreiben, viel schreiben. Denn wenn du dir selbst beim druckreifen Denken zuhörst, wirst du im Laufe der Zeit zu deiner eigenen Kopie. Wer das noch würzt mit einer Prise Mut-zum-Mut (da isses wieder) und mal das ein oder andere Neue wagt, indem man Worte setzt, die man normalerweise nicht benutzen würde, wird man stilistische im Laufe der Zeit immer eigenständiger.

Ein bisschen kann man es auch mit dem Finden des eigenen Klamotten-Stils beschreiben: Zum Teil folgt man vielleicht der Mode, probiert sich durch, wagt mal das ein oder andere Experiment, aber am Ende ist Stil doch das, was du gerne und oft trägst und weshalb du entscheidest: das darf bleiben, darin fühle ich mich wohl. Nun bleibt die Frage: braucht es denn fürs Journaling einen eigenen Stil? Und: Was bedeutet „eigener Stil“ im Journaling?

2. Ist beim Journaling ein eigener Stil überhaupt wichtig?

Wem der Gedanke an „Stil-Fragen“ beim Journaling nicht behagt, den möchte ich beruhigen: Journaling und Tagebuch schreiben ist kein Literaturprojekt und da braucht es nicht zwingend einen wiedererkennbaren Stil. Obwohl ich sehr stark vermute, dass jeder, der regelmäßig und vielleicht irgendwann auch viel schreibt, seinen eigenen Stil wie im Vorbeigehen entwickeln wird, ob er es nun anstrebt oder nicht. Obwohl auch beim Journaling der eigene Stil relevant sein kann, ist das wichtigste natürlich, dass Journaling frei sein darf: frei von Auflagen und Erwartungen, frei von Ansprüchen, etwas literarisch Hochwertiges produzieren zu müssen, und auch frei davon, immer das Gleiche tun zu müssen. Aus diesem Grund habe ich euch in den vergangenen Wochen viele unterschiedliche Schreibtechniken vorgestellt, denn es kann gut und inspirierend sein, sich immer wieder einfach ausprobieren zu dürfen, neue Dinge kennenzulernen, einfach drauf los zu schreiben und dabei den Kopf auch in gewisser Weise ausschalten zu dürfen. Es korrigiert und zensiert ja niemand, was du schreibst, und Veränderungen im Laufen eines Schreiber*innen-Lebens sind auch vollkommen normal. Es kann beleben und gut tun und über Schreibflauten hinweghelfen, sich nicht festzulegen und immer mal etwas Neues auszuprobieren, auch was den Stil und die äußere Form des Journaling angeht, aber dennoch denke ich, dass es auch für Tagebuch-Schreibende von Nutzen sein kann, sich mit dem Thema „eigener Stil“ auseinanderzusetzen. Mal abgesehen davon, dass es auch einfach schön ist, sich irgendwann bewusst zu werden, dass man auch stilistisch eine eigene Handschrift herausgebildet hat, ist für jeden Menschen, der gerne schreibt, der eigene Stil auch ein Stückchen Identität. Und das kann sich durchziehen, selbst wenn unsere Methoden öfter mal wechseln.

Es gibt mehrere Faktoren, warum Stil auch beim Journaling relevant sein kann: Ein eigener Stil fördert Kontinuität und schafft Wiedererkennungsgefühl – auch für dich. Du wirst dich in deinen Texten und deiner Art der Schreibe so „zuhause“ fühlen, dass die Widerstände, die häufig den Schreibbeginn begleiten, kleiner werden oder ganz verschwinden. Schreiben wird sich anfühlen wie „bei dir sein“ und das ist ein tolles Gefühl, dass, wenn es sich erstmal eingestellt hat, dich immer wieder zu Zettel und Stift greifen lassen wird. Auf diese Weise stärkt „Stil“ die Identifikation mit der eigenen Praxis. Ein eigener Stil erleichtert inneres Sortieren und das kann man sich ganz praktisch wie beim „echtem“ Aufräumen vorstellen: Wer beim Haushalt Dinge wiederholt und immer in derselben Weise tut, der entwickelt im Laufe der Jahre ebenfalls eine Art Putz- und Ordnungsstil, der durch Routine und Wiederholung kaum mehr Nachdenken erfordert: Die Dinge, die du wegräumst, haben ihren festen Platz. Je vertrauter dir dein „Ordnungs-Stil“ ist, desto schneller ist das Chaos beseitigt. Das ist beim Schreiben ebenso: Mit der Zeit wirst du einen Stil herausbilden, der dazu führt, dass du dich zB in emotionalen Krisen nicht mehr mit dem Stift in der Hand fragen musst „Was mache ich den jetzt?“, sondern du wirst der Routine deiner eigenen Schreib-Art folgen. Du wirst dich im Prozess des Schreibens mit dir verbunden fühlen und dich durch den Prozess des Schreibens wieder mit dir verbinden können, weil es im Schreiben einfach so „very much me“ anfühlen wird.

3. Was meint „Stil“ im Journaling konkret?

Es ist der Ton, in dem du schreibst: Schreibst du eher sachlich, emotional oder fragmentarisch? Es ist die Form, die du immer wieder wählst: Bist du Typ Fließtext, Listen, Mindmaps oder Dialoge?

Dein Stil ist verbunden mit den Ritualen, die du pflegst: Stellst du dir beim Schreiben immer dieselben Fragen, hast du eine feste Uhrzeit, feste Struktur, die mit einem Kaffee beginnt und mit dem Auspusten deiner Kerze endet? Und am Ende ist Stil auch die Optik, die ein Tagebuch hat: Deine Handschrift, die Farben, die du nutzt, die Markierungen, die du setzt. Die Optik meiner Tagebücher ist vielleicht etwas langweilig, aber mir einfach sehr vertraut. Ich schlage naturgebundene Dotted-Seiten mit blauer Tinte auf – schon seit vielen, vielen Jahren jeden Morgen. Die Seiten oder Schreibmomente, die von diesen Stil abweichen, sind ebenfalls bedeutsam, weil sie mich beim späteren Durchblättern meiner Notizen immer noch mal innehalten und aufmerken lassen. Man darf also auf jeden Fall und gerne von seinem eigenen Stil abweichen und das darf dann und wann auch gut tun und erweitert den Horizont. Dein Stil ist sozusagen wie dein Lieblingsessen, muss aber auf keinen Fall die einzige Nahrung sein, die du zu dir nimmst.

4. Wie finde ich meinen eigenen Stil?

Der eigene Stil ist ja weniger etwas, was man bewusst kreiert, sondern mehr etwas, was sich im Laufe der Zeit aus einer Mischung aus Wiederholung, Imitation und Wohlgefühl (wie schreibe ich eigentlich am Liebsten?) ergibt. Dabei findest du deinen Stil ganz einfach durch Beobachten: Wie journalst du ganz natürlich, wenn du einfach anfängst? Immer mal wieder zu experimentieren kann ebenfalls eine Methode sein, um seinen eigenen Stil zu finden und zu entwickeln. Probiere diverse Techniken aus, das, was deinem Charakter und deinem Leben am meisten entspricht, wird von alleine bleiben, weil du dich nach Wiederholung dessen sehnst, was dir gut getan hat. Wenn du merkst, dass du deine besten Schreib-Momente hast, wenn du dich an Reflexionsfragen abarbeitest, dann ist die Arbeit mit einem Sidekick Teil deines persönlichen Stil. Wenn du noch ganz am Anfang stehst, kann du auch so eine Art „Stundenplan“ für dich selbst entwickeln, indem du verschiedene Formen für einige Tage testen oder mal eine Woche lang jeden Tag etwas anderes ausprobierst. Mit der Zeit wirst du von ganz allein reduzieren und nur das behalten, was sich am leichtesten anfühlt.

Nach einer Phase des Ausprobierens darf eine Phase des Verstärkens kommen, in der du das, was für dich gut funktioniert, konsequent zu nutzen beginnst. Gib dir dabei aber die Erlaubnis zur Entwicklung: Stil darf sich verändern.

Beim Journaling ist es ja anders als in der Belletristik so, dass wir seltener den Stil von anderen zu sehen oder zu lesen bekommen und daher weniger großen Vorbildern nacheifern können. Wer lässt schon andere einen Blick in sein Tagebuch werfen?

5. Hindernisse auf dem Weg zum eigenen Stil

Irgendwann zu registrieren, dass man einen eigenen Stil gefunden hat, mit dem man sich wohl fühlt, oder auch Stil-Elemente der eigenen Schreibe und Technik zu registrieren, kann ein echt schönes Gefühl sein. In dem Moment, als ich ein Bewusstsein für meine Schreibweise bekam und auch von Leserinnen zurückgemeldet bekam, dass dieser oder jener Text „typisch Sina“ sei, bekann ich das Wort „Schreiberin“ in meiner Instagram-Bio zu verwenden. Autorin war ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber das Schreiben war in der Tat so sehr zu meiner Identität und zu einem Wiedererkennungs-Punkt geworden, dass ich diese Selbstbezeichnung passend fand und fühlte. Ein eigener Stil ist etwas Schönes, aber auf dem Weg dorthin gibt es auch einige Hindernisse, von denen man sich nicht abschrecken und aufhalten lassen sollte. Die größten Feinde des eigenen Stils sind zugleich die Feinde der Schreibroutine, die du schon kennengelernt hast: Perfektionismus, der Vergleich mit anderen, das Gefühl, „falsch“ zu schreiben oder nicht gut genug zu sein oder zu enge Erwartungen an sich selbst! Man sollte seine Feinde gut kennen – nicht, um Angst vor ihnen zu haben, sondern vielmehr, um sie effektiv bekämpfen zu können. Und wie bekämpft man die Feinde der eigenen Schreib-Kunst? Das ist so einfach und so schwer zugleich, aber unglaublich effektiv: einfach weitermachen. Wer regelmäßig und beständig schreibt, der wird sich entwickeln (in Routine, Stil und irgendwann Meisterhaftigkeit), das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Lies und schreib und hab Freude daran, die apokalyptischen Reiter der Selbstanklage haben nur dann eine Chance, wenn du aufhörst. Also ignoriere sie beflissentlich und schreib einfach weiter.

6. Übungen der Woche

Zum Schluss noch ein paar Mini-Übungen, mit denen ihr eurem eigene Stil auf die Spur kommen oder diesen vertiefen könnt: Versuche mal, jeden Tag eine andere Form des Journalings ausprobieren: Beginne mit einem klassischen „Liebes Tagebuch...“-Eintrag am Montag, an dem du deine Erlebnisse des Wochenendes schilderst, suche dir für den Dienstag Reflexionsfragen raus, die du beantwortest, und wähle für die Wochentage Mittwoch bis Sonntag einige Techniken, die ich im Laufe der letzten Wochen vorgestellt habe.

Falls Dienstag dein Reflexions-Tag ist, habe ich hier einige Reflexionsfragen, die dir auf der Suche nach deinem eigenen Stil helfen könnten:

1. Welche Art von Sätzen schreibe ich ganz automatisch, bevor ich überhaupt darüber nachdenke

2. Wo merke ich, dass meine Sprache ehrlicher klingt als sonst – in Bildern, in Klartext oder in Fragmenten?

3. Welche Gefühle tauchen häufig in meinem Schreiben auf, und wie drücke ich sie aus, ohne dass ich es bewusst plane?

4. Welche Schreibformen fühlen sich für mich mühelos an: Fließtext, Listen, kurze Notizen, Dialog mit mir selbst?

5. Welche Wörter oder Formulierungen benutze ich immer wieder – und was verraten sie über meinen Blick auf die Welt?

6. Welche Texte anderer Menschen berühren mich am meisten – und welche Elemente davon sprechen mit meiner eigenen Stimme mit?

7. In welchen Momenten wirkt mein Schreiben gezwungen, und an welcher Stelle klingt es nach mir?

8. Welche Art von Bildern oder Metaphern tauchen bei mir immer wieder auf, selbst in ganz unterschiedlichen Texten?

9. Was macht mir beim Schreiben wirklich Spaß – Spiel mit Sprache, Tempo, Tiefe, Humor, Genauigkeit?

10. Wenn mein Schreiben ein Ort wäre, wie würde er aussehen: aufgeräumt, wild, farbig, reduziert, verspielt, ernst, weit, eng?

Und zu guter Letzt: Beginne ein Bewusstsein für „Stil“ zu entwickeln. Das funktioniert am Besten, wenn du anfängst, dir Stilnotizen zu machen: Wenn dir beim Lesen (von Belletristik, Biographien, Lebensbeschreibungen) bestimmte Elemente auffallen, die dir gefallen, notiere sie dir. Wenn du bestimmte wiederkehrende Facetten in deiner eigenen Schreibe erkennst, notiere sie als „deine Stilelemente“. Und: Beginne dir (auf der letzten Seite deines Journals vielleicht) Redewendungen, Metaphern, Sätze zu formulieren, die du schön findest. So eine Sammlung an kleinen Sprachhighlights können einfach ein Lesegenuss sein oder zur Inspiration für die Entwicklung deines eigenen Stils dienen.

Viel Spaß beim Schreiben und Ausprobieren – und bis nächste Woche

Eure Sina

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Du findest die Kolumne unter: https://steady.page/de/feelslikesina/about

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