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Über meine Herkunft, den Ursprung von Kreativität und das Leben meiner Oma

Eine Frauenbiografie zwischen Berlin der 30er Jahre und dem Alltag in der DDR

So viele Lebensgeschichten von Frauen sind nie aufgeschrieben worden. Sie wurden gelebt, getragen, durchgehalten und organisiert, aber selten dokumentiert.
Meine Oma, Eva Christel Emilie im Jahr 1946.

Wie kommt es überhaupt dazu, das ich einen Newsletter über meine Oma schreibe?

Ich habe meine Freundin Niina Lehtonen Braun dabei geholfen, ihre Arbeiten zu scannen. Sechs Stunden haben wir konzentriert gearbeitet und sprachen dabei über unsere jeweiligen Familiengeschichten. In ihrer Kunst beschäftigt sie sich immer wieder mit der Rolle von Frauen in unserer Gesellschaft. Dabei wurde uns erneut bewusst, wie viel Care-Arbeit Frauen über Generationen hinweg ganz selbstverständlich getragen haben, oft unsichtbar und ohne große Anerkennung.

Meine Oma gehörte zu dieser Generation. Sie heiratete 1949 und bekam 1950 ihr erstes Kind. Die Geschichte meiner Familie spielte sich in der DDR ab. Berufstätigkeit war selbstverständlich, ebenso wie die Verantwortung für Haushalt, Kinder und den emotionalen Zusammenhalt der Familie. Erwerbsarbeit kam nicht anstelle der Fürsorgearbeit, sondern zusätzlich dazu. Gerade in den Jahrzehnten nach dem Krieg lag ein Großteil dieser Verantwortung bei den Frauen. Organisation, Durchhaltevermögen und körperliche Belastbarkeit wurden vorausgesetzt. Und auch wenn sich Rollenbilder verändert haben, tragen Frauen diese Verantwortung bis heute, häufig neben Beruf, eigenen Projekten und dem Anspruch, allem gerecht zu werden.

Später, während wir weiterarbeiteten, schauten wir uns Fotos meiner Oma an. Ich habe sehr viele Bilder von ihr. In diesem Newsletter für Mitglieder möchte ich ihre Geschichte erzählen. Ich nehme euch mit in das Berlin der frühen 30er Jahre und später die Zeit der DDR.

Generationen starker Frauen sind mir vorausgegangen.

Meine Ur-Urgroßmutter und meine Urgroßmutter Lina rechts.
Die Familie meiner Urgroßmutter Lina. Neben ihrem Vater sitzend, die zweite von rechts.

Wo sind eigentlich meine Wurzeln?

Diese Frage stellt man sich vielleicht häufiger, je älter man wird. In einem Monat werde ich 53 und beschäftige mich seit einiger Zeit intensiver mit dem Leben von Frauen in der DDR. Angeregt wurde das unter anderem durch den „Ostfrauensalon“, den Isa Grütering ins Leben gerufen hat und an dem ich bereits zweimal teilnehmen konnte. Dort habe ich begonnen, meine eigene Geschichte und die meiner Familie bewusster zu reflektieren. Mehr und mehr frage ich mich also, wo meine Wurzeln liegen.

Ich bin in Schöneiche am Rande Berlins aufgewachsen. Dort habe ich gelebt, bis ich 17 Jahre alt war. Doch meine familiären Wurzeln liegen in Berlin-Mitte.

Als Jugendliche zog ich von Brandenburg nach Berlin, um dort eine Ausbildung zu machen. Später studierte ich in Niedersachsen und lebte fünf Jahre dort. Danach pendelte ich für meinen Job wöchentlich von Berlin nach Hannover, bis meine Tochter geboren wurde. Ich war die Erste aus der Familie meiner Oma, die ein Studium absolvierte. Das wurde bei Familientreffen lange Zeit hinterfragt. Meine Eltern standen jedoch immer hinter mir und sind, glaube ich, auch stolz auf meinen Lebensweg, der alles andere als geradlinig ist.

Während des Studiums habe ich meine Großeltern seltener gesehen, als ich es mir gewünscht hätte. Aber wenn ich konnte, besuchte ich sie und achtete darauf, dass die Verbindung zwischen uns bestehen blieb. Das war mir wichtig.

Meine Oma hatte viele Enkel. Bei sechs Kindern kein Wunder. Einige Ehen wurden geschieden, neue Partner kamen hinzu, die Familie wuchs weiter. Da konnte man leicht den Überblick verlieren, sie behielt ihn immer. Über unsere Besuche freute sie sich auch. Meinen Mann nannte sie ihren „Liebling“. Den mochte sie also genauso gern wie ich. Ich habe sie bei jedem Besuch mit Fragen gelöchert, weil sie für mich schon immer eine beeindruckende Frau war. Zu ihrem Geburtstag brachte ich ihr auch später jedes Jahr einen meiner Kalender mit.

Natürlich war mein eigenes Leben irgendwann ausgefüllt. Mit Kind, mit eigenem Laden, der auch am Wochenende geöffnet war, verging die Zeit schnell. Und doch hatte ich immer das Bedürfnis, möglichst viel von ihr zu erfahren. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine große Portion ihrer Gene geerbt habe. Obwohl ich als Kind oft bei ihr übernachtet und viel Zeit dort verbracht habe, war unsere Verbindung nie besonders innig. In ihrem Leben war einfach zu viel los. Sie war ständig beschäftigt. Meine Tante, ihr jüngstes Kind, ist zum Beispiel nur drei Jahre älter als ich. Das heißt, sie war nicht nur Großmutter, sondern gleichzeitig noch mitten im Muttersein.

Ich habe sie in warmer Erinnerung und möchte euch deshalb von ihr erzählen. Über meine anderen Großeltern mütterlicherseits könnte ich ebenfalls viel schreiben. Das wäre nur fair, vielleicht ein anderes Mal. Dort habe ich allerdings kaum Fotos und spüre weniger Verbindung. Die vielen Bilder und die Berlin-Verbindung habe ich von ihr geerbt. Berlin ist mein Zuhause, und es ist mir wichtig, auch von hier zu stammen.

Wir haben immer „Omi“ zu ihr gesagt, nie Großmutter. Für ihre Kinder war sie einfach Mama.

Für alle anderen war sie Evchen oder Eva,

Ihre Eltern nannten sie Eva Christel Emilie. Sie war ein Einzelkind. Den Namen Christel sollte sie laut ihrem Vater bekommen, weil sie eigentlich an Heiligabend geboren werden sollte. Es wurde dann der 20. Dezember 1930. Als Kind konnte ich mir ihr Alter immer gut merken. Sie war so alt wie das jeweilige Jahr. Im Jahr 2021 starb sie, kurz bevor sie 91 Jahre alt geworden wäre.

Eva hat das Leben angepackt und sich durchgeschlagen, obwohl es für sie wohl nie ganz leicht war. Sie war siebenmal schwanger, sechs Kinder hat sie großgezogen. Mein Vater war eines davon. Er war das zweite Kind und später der große Bruder für vier weitere Geschwister. Ihr erstes Kind bekam sie 1950, ein Jahr nach ihrer Hochzeit, mit 20 Jahren. Das letzte mit über 40. Sie war kreativ. Sie hat sehr viel genäht und gestrickt, denn sie wurde Schneiderin wie ihr Vater. Und sie hatte sehr viel Geschick mit Pflanzen und ein riesiges Herz für Tiere.

In der kleinen Rosenthaler Straße

Meine Urgroßeltern wohnten wahrscheinlich im Scheunenviertel, genauer gesagt in der Nähe der Linienstraße. Dort ist auch meine Oma geboren worden. Sie erzählte mir einmal, dass sie dort zur Welt kam. Das habe ich mir gut gemerkt und bin später selbst durch diese Straßen spazieren gegangen. In der Kleinen Rosenthaler Straße entstanden infolge des Zweiten Weltkriegs erhebliche Lücken. Mehrere Gebäude wurden durch Luftangriffe zerstört. Heute ist nur noch wenig von den einstigen Gründerzeitbauten erhalten. Das Scheunenviertel in Berlin-Mitte liegt zwischen dem Rosa-Luxemburg-Platz und dem Hackeschen Markt. Seinen Namen erhielt es durch die zahlreichen Scheunen, die sich früher in diesem Gebiet befanden.

Wenn ich heute dort entlanggehe, versuche ich mir vorzustellen, wie es damals ausgesehen haben muss.

Meine Oma wurde in der Kleinen Rosenthaler Straße in Berlin-Mitte geboren. Hier ist sie mit ihren Großeltern (meinen Urgroßeltern) und einem Cousin auf dem Balkon zu sehen.

Das Leben in der Stadt war beengt. Die Wohnungen längst nicht so geräumig wie heute. In vielen Haushalten lebten deutlich mehr Personen unter einem Dach als heute. Wer es sich leisten konnte, hatte ein Wochenendhäuschen, zum Beispiel in Berlin-Heiligensee. Dort gab es an den freien Tagen Platz, frische Luft und Gelegenheit zur Bewegung. „Pack die Badehose ein …“

Hier ein paar Fotos vom Leben meiner noch sehr kleinen Oma im Sommer um 1930 im Grünen.

Ein Wochenendhäuschen am Stadtrand

Meine Urgroßeltern Lina und Ernst vor der Sommerlaube in Heiligensee um 1930.

Vom Balkon in Berlin aufs Land, die Kindheit meiner Oma Eva

Mein Urgroßvater kaufte um 1930, noch vor dem Zweiten Weltkrieg, ein Haus auf dem Land. So wurde aus der kleinen Eva,
ein Landkind. Bis dahin wurden Gemüse und Kaninchen noch auf dem Balkon gehalten.

Das Haus in Schöneiche war ein einfaches Holzhaus mit knarrenden Dielen, einer gemütlichen Veranda, einem Holzofen im Bad zum Erwärmen des Wassers und einem großen Garten drum herum. Für ein Kind muss es wie ein kleines Paradies gewesen sein. Weite Wiesen, Obstbäume, das Summen der Bienen im Sommer und der Geruch von feuchter Erde nach einem Regenschauer. Viel Raum, um sich frei zu bewegen und die Welt zu entdecken.

Schöneiche blieb im Krieg von größeren Zerstörungen verschont. In den 1930er Jahren war es ein gehobener Wohnvorort, besonders beliebt bei der gut verdienenden Berliner Mittelschicht und auch Teilen der Oberschicht. Neben wohlhabenden Familien lebten dort jedoch auch Menschen, denen es wirtschaftlich weniger gut ging. Durch die gute Anbindung an Berlin war Schöneiche zudem ein beliebtes Ziel für Ausflügler und für den Bau von Wochenendhäusern. Stadt und Land lagen hier nah beieinander.

Viele Jahre später lebte meine Oma selbst wieder in diesem Haus. Nicht mehr als Kind, sondern als Mutter von sechs Kindern. Der große Garten, in dem sie einst gespielt hatte, wurde nun zum Lebensraum ihrer eigenen Familie.

Das Haus 1930. In diesem Haus habe ich als Kind übernachtet und war oft zu Besuch. Mit dem Fahrrad waren es nur eine Viertelstunde zu meinen Großeltern.

So habe ich das Haus auch in Erinnerung. Es war ganz eingewachsen ins Grün, und hinter dem Haus standen Hühner-, Kaninchen- und Schweineställe.

Ich habe, ähnlich wie meine Oma damals, als Kind im Hühnerstall gestanden, das Rascheln im Stroh gehört und den warmen Geruch der Tiere in der Nase gehabt. Vielleicht hat dort schon etwas begonnen, das uns verbindet. Eine Nähe zur Natur. Ein Verständnis für Kreisläufe. Ein Gefühl dafür, dass Leben Arbeit bedeutet, aber auch Fülle.

Für den Sport meines Urgroßvaters war im großen Garten genug Platz. Auf den folgenden Fotos turnt er im Unterhemd und in Turnhose auf dem Rasen, erstaunlich gelenkig. Er war Herrenschneider. Vielleicht war das auch sein Ausgleich zu der konzentrierten, feinen Arbeit am Zuschneidetisch. Ähnlich wie bei mir?

Eine Eisenstange zwischen zwei Bäumen wurde erst Jahrzehnte später befestigt, vermutlich ursprünglich zum Teppichklopfen gedacht. Für uns Kinder wurde sie zur Turnstange.

Meine Oma dagegen kannte Bewegung vor allem als Arbeit. Sechs Kinder, Haushalt, Garten und viele Stunden am Nähtisch. Später hatte sie große Rückenprobleme. Aber dazu komme ich noch.

Parallelen zwischen zwei Kindheiten

Wenn ich diese Fotos aus ihrer Kindheit in den 30er Jahren betrachte, sehe ich viele Parallelen zu meiner eigenen Kindheit. Ich war viel draußen unterwegs, auf Feldern und im Wald. Meine Schwester und ich hatten ebenso viele Tiere um uns herum wie meine Oma.

Wir hatten einen Hund, Hühner, Enten, Kaninchen, Goldfische, Frösche, Wellensittiche und Meerschweinchen. Mein Vater hat vieles von seinen Eltern übernommen. Er machte es ähnlich wie sie. Er wollte diesen ganzen kleinen Zoo um sich herum und als Gärtner natürlich auch Gemüse und alles, was grün war. Er hatte gelernt Selbstversorger zu sein. Das macht er heute noch so.

Das hatte zur Folge, dass wir, genau wie meine Großeltern, nur sehr selten in den Urlaub gefahren sind. Bis heute erinnere ich mich an zwei Reisen. Eine an die Ostsee und eine an die Müritz. Mir hat als Kind eigentlich nichts gefehlt. Die Sommerferien waren zwar unendlich lang, aber es blieb Raum für große kreative Entfaltung. Ich war viel allein mit mir selbst und suchte mir schon damals Projekte, die meine Neugier stillen konnten. Das Reisen jedoch musste ich erst lernen. Meine erste Reise ins Ausland habe ich mit 19 Jahren gemacht. Ich liebe es zu verreisen, aber bis heute fällt es mir schwer, und ich bin vorher oft unglaublich gestresst. Das müssen wohl auch die Gene sein.

Dieses Foto liebe ich besonders. Der Birkenhain, die Sonne, der Sommerwind. Ich kann mich so gut in dieses Gefühl hineinversetzen. Ich bin ein wenig traurig, dass wir vor vielen Jahren, als wir die Fotos gescannt haben, um meiner Oma daraus ein Fotobuch zum 80. Geburtstag zu machen, noch keinen guten Scanner hatten. Die Auflösung ist sehr gering. Seit Jahren liegt ein Ordner mit diesen Bildern auf meinem Rechner. Für einen Newsletter haben sie jedoch genau die richtige Größe. Vielleicht ist jetzt genau der richtige Moment für sie.

Unbeschwerte Jahre vor dem Krieg

Hier steht sie neben dem Weihnachtsmann, aufgenommen wahrscheinlich auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz um 1935. Solche Bilder konnte man dort in der Adventszeit machen lassen, als Erinnerung an den Marktbesuch. Auch in den 1930er Jahren gehörten Weihnachtsstände, Lichter und festliche Dekoration zur Vorweihnachtszeit. In einer politisch zunehmend angespannten Zeit boten solche Momente für viele Familien ein Stück Vertrautheit und Normalität, so stelle ich es mir zumindest vor. Der erwartungsvolle Gesichtsausdruck meiner fünfjährigen Oma spricht Bände und ist mir vertraut. Diesen Blick hatte sie auch später noch.

Dass ich selbst ein ähnliches Bild in meinem Fotoalbum habe, zeigt, wie lange sich solche Traditionen gehalten haben.

Weihnachten in Berlin 1935. Diese Fotos konnte man auf dem Alexanderplatz machen lassen. Ich habe selbst ein ähnliches in meinem Fotoalbum.

Meine Oma hatte als Kind Ziegen und war im Ort wohl oft mit ihnen unterwegs. „Evchen zog einen Rattenschwanz von Freundinnen beim Ziegenhüten an“, wurde später erzählt. Ihre Kindheit auf dem Land war bis zum Ausbruch des Krieges 1939 wohl sehr idyllisch und frei. Das kann ich nur vermuten. Ihre Eltern müssen sie auf jeden Fall sehr geliebt haben. Wer all die schönen Fotos gemacht hat, weiß ich nicht. Vielleicht ihr Vater.
Sie sind für mich aber der Ausdruck einer sehr behüteten Kindheit.

1936 mit ihren geliebten Ziegen
Einschulung 1936

Ein neuer Lebensabschnitt

Doch diese freie Kindheit währte nicht lange. Mit dem Erwachsenwerden traten andere Erwartungen in den Vordergrund. Wie ihr Vater begann auch sie eine Lehre zur Schneiderin. Ob es ihr eigener Wunsch war, weiß ich nicht. Vieles sprach damals nicht für große Wahlmöglichkeiten. Vielleicht war es selbstverständlich, vielleicht auch eine Anpassung an die Erwartungen des Vaters. Was sie eigentlich werden wollte, weiß ich nicht. Ich würde heute viel dafür geben, sie danach fragen zu können.

Hier ist sie 16 Jahre alt und am Bahnhof Zoologischer Garten unterwegs mit ihren Freundinnen. Heute sieht dieser Teil des Platzes noch fast genau so aus.

Nach dieser unbeschwerten Zeit im Berliner Stadtleben, als sie mit ihren Freundinnen eine Lehre zur Schneiderin machte, begegnete sie auch meinem Großvater.

Er kam aus demselben Ort. Zwei Jahre war er im Reichsarbeitsdienst, danach in russischer Kriegsgefangenschaft. Er war der Sohn des Kutschers des Gutsherren von Schöneiche und hatte eine Lehre bei einem Obst- und Gemüsegroßhandel begonnen, doch der Krieg durchkreuzte alle Pläne. Als er zurückkehrte, war sein Kopf kahlrasiert, und er muss sehr schmal und gezeichnet ausgesehen haben. Vieles von dem, was er erlebt hatte, blieb unausgesprochen. Er war kein Mann vieler Worte. Ich habe ihn als Kind oft mürrisch erlebt und nie einen wirklichen Zugang zu ihm gefunden. Erst nach seinem Tod erfuhr ich, wie sehr ihm die Pferde seiner Kindheit fehlten und dass er vom Fliegen träumte. In die Erziehung seiner Kinder griff er, so erzählt mein Vater, kaum ein. Er war milder als andere Väter seiner Zeit. Den Jungen zeigte er vieles und brachte ihnen handwerkliche Dinge bei. Später wurde er Kraftfahrer. Sein Vater hatte noch die Pferde des Gutsherren geführt, er selbst fuhr seinen Chef durch die halbe DDR.

1947 lernten sie sich meine Großeltern beim Tanz kennen. Zwei junge Menschen in einer Zeit, in der vieles neu beginnen musste. Und sie verliebten sich. Was die DDR später mit ihnen machte, erzähle ich im weiteren Verlauf. Erst einmal lasst die Fotos des jungen Liebespaares auf euch wirken.

So krasse Kostüme hatten wohl damals nur Schneiderlehrlinge. Ich finde es toll. Was für ein selbstbewusster Blick.

Im Jahr 1949 haben sie geheiratet. Schaut euch die wunderschöne Braut an. Ob sie ihr Hochzeitsklied auch selbst genäht hat?

Ich habe das Hochzeitsfoto seit vielen Jahren in meiner Küche an der Wand hängen. Jeden Morgen fällt mein Blick darauf. Sie begleitet mich durch meinen Alltag.

Das Foto zeigt einen festlichen Moment. Was folgte, war ein Leben voller Verantwortung, aber sicher auch voller lebendiger, fröhlicher Augenblicke.

Mit zwanzig wurde sie zum ersten Mal Mutter. Insgesamt war sie siebenmal schwanger und zog sechs Kinder groß. Mein Vater war ihr zweites Kind und später der große Bruder für vier weitere Geschwister. 1970 wurde das jüngste Kind geboren. Nur drei Jahre danach wurde ich geboren, ihr zweites Enkelkind. Da war sie 43 Jahre alt. Fünf Jahre später folgte meine Schwester.

In einem Alter, in dem heute viele Frauen noch einmal neu anfangen oder beruflich durchstarten, war sie bereits mehrfache Großmutter.

Auf diesem Foto sind es schon drei Söhne. 1950 wurde mein Onkel geboren, 1951 mein Vater, 1955 folgte ein weiterer Bruder. 1956 kam die erste Tochter hinzu, 1962 noch ein Sohn und 1970 schließlich die jüngste Tochter.

Über die einzelnen Geburten weiß ich nichts Genaues. Nur dass einige davon wohl Hausgeburten waren. Sechs Kinder zur Welt zu bringen, ist für mich kaum vorstellbar. Ich habe eine Tochter, und ihre Geburt war unkompliziert und gut betreut in einem Geburtshaus. Was Frauen ihrer Generation geleistet haben, war enorm. Gleichzeitig waren die gesellschaftlichen und medizinischen Rahmenbedingungen andere. Vieles galt als selbstverständlich, was heute gut begleitet, abgesichert oder hinterfragt wird.

Im Haus waren immer mehrere Kinder, die versorgt werden wollten. Verantwortung begann früh, für die Mütter ebenso wie für die Geschwister untereinander. Es war eine andere Form von Kindheit, mit mehr Freiheit vielleicht, aber auch mit mehr Mitverantwortung im Alltag. Für Hausaufgaben oder Lernprobleme war oft niemand da. Vieles regelten die älteren Geschwister unter sich.

Die Familie 1975. Das ganz Kleine da bin ich. Mein Vater und meine Mutter daneben. Das wird wohl ein runder Geburtstag gewesen sein. Schon immer mochte ich diese unbeschwerten Familiengruppenfotos.

Was nun folgt, ist der Teil ihrer Geschichte, der mich am stärksten geprägt hat.

Wie sie in der DDR gearbeitet, organisiert, getragen und dennoch ihre eigene Kreativität bewahrt hat, erzähle ich ausführlich im Mitgliederbereich. Was ich bisher erzählt habe, ist die Oberfläche.

Was nun folgt, ist der Teil ihrer Geschichte, der mich bis heute prägt. Im Mitgliederbereich erzähle ich ausführlich,

  • wie sie in der DDR Heimarbeit leistete,

  • wie viel sie für 1,50 Mark pro Stück nähte,

  • wie die Rolle der Frau zwischen Ideologie und Realität aussah,

  • und warum ich glaube, dass meine eigene Kreativität dort ihren Ursprung hat.

Argomento Ateliergedanken

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