Wenn Verpflichtungen und der Alltag im Hintergrund verschwinden und sämtliche Rollen von mir abfallen? Was bleibt, wenn man einfach nur man selber ist? Ohne Maske, ohne Hülle?
Das waren meine Gedanken während meiner letzten Spaziergänge durch den Kurpark, nur noch zwei Nächte lagen vor mir.
Da konnte ich nicht ahnen, welch schöne Überraschung das Universum noch für mich bereit hält. Für meinen letzten Tag in der Reha.

Anfang
In der ersten Woche meiner Reha habe ich mich ein bisschen in Luft aufgelöst. Mich sah man bei den Anwendungen, im Speisesaal und sonst nur auf meinen Spaziergängen durch den wunderschönen Kurpark.
Die restliche Zeit habe ich, meist schlafend, auf meinem Zimmer verbracht. Meine drei Tischnachbarn im Speisesaal waren meine einzigen Gesprächspartner, neben den netten Stationsschwestern.

Mitte
In der zweiten Woche hatte ich das Gefühl, endlich wieder in der Lage zu sein, mich mit fremden Menschen austauschen zu können. Und so habe ich vor den Anwendungen irgendwo gesessen und gelesen. Meine Lieblingsecken habe ich in den Tagen zuvor fein säuberlich ausgekundschaftet.
Als die zweite Woche halb rum war, fing es an, dass ich angesprochen wurde. Und jedes Gespräch endete auf irgendeine Art und Weise mit einem Kompliment. Sowohl von Männern, als auch von Frauen. Nach einigen Tagen wurde ich stutzig und dachte, dass kann doch kein Zufall sein. Ich fing an, die schönen Dinge aufzuschreiben, die kleinen Momente festzuhalten.
Wer bin ich, fern des Alltags, fern jeder Rolle? Wenn ich einfach nur Denise bin, in Sportklamotten und mit einem Buch unter dem Arm.
Neben den Komplimenten für meinen Style und mehrfach für meine Haare gab es auch Sachen wie “Du strahlst immer so!”
Die Krönung für mich war “Ich werde noch lange an Dich zurückdenken, an die Ruhe, die Du ausgestrahlt hast!”
Komplimente fürs Aussehen sind schön, aber vergänglich. Wenn ich jedoch Ruhe ausstrahle und mir fremde Menschen genau das spiegeln, dann bin ich genau da, wo ich immer hin wollte.
Meinen Tischnachbarn Silvio habe ich in den drei Wochen völlig aus dem Konzept gebracht. Er konnte nicht glauben, dass jemand wirklich so viel liest - und noch nicht einmal einen Fernseher besitzt. Für ihn war ich wie aus einer anderen Welt.

Für drei Wochen war ich einfach nur Denise. Es gab nur mich und meine Persönlichkeit. Niemand wusste, was ich beruflich mache, wie mein Familienstand ist, ob ich Kinder habe. Nur dass ich gerne lese, war für alle ersichtlich. Erst nach und nach bin ich aufgetaut und habe ein bisschen mehr preisgegeben.
Wenn man auf so einer Basis, fern von social media, positives Feedback bekommt, ist das besonders schön.
Wenn ich in Zukunft düstere Tage habe, dann greife ich zu meinem Buch, in dem ich jetzt all die schönen Dinge gesammelt habe. Es erinnert mich daran, dass ich alles bereits in mir habe. Das Strahlen, die positive Energie. Und dass ich schon vielmehr die Frau geworden bin, die ich immer sein wollte.
Ein Kompliment
Eigentlich bin ich schon ganz gut darin, Komplimente zu machen. Meinen Freundinnen sage ich gerne, dass sie gerade besonders gut aussehen, dass ich stolz auf sie bin oder wenn ich sie bewundere.
Aber vielleicht ist da noch Luft nach oben?
Vielleicht sollte ich mich viel öfter fragen:
Was kann ich nettes sagen?
Welches Gefühl möchte ich meinem Gegenüber mitgeben?
Ende
Das Ende der Reha hat eine ganz eigene Dynamik bekommen.
Es gab Verbindungen und Kontakte und ein Gefühl von “Ferienlager Abschiedsstimmung” schlich sich ein. Sonntags bin ich mit Armin und Martin im Märchen Museum gelandet, zur Märchenstunde, vorher Kaffee & Kuchen und nach dem Abendessen waren wir noch bei der Weinbar um die Ecke. Dass ich bis zu diesem Abend mit niemandem abends was trinken war, wurde überrascht aufgenommen.
Die schönste Überraschung jedoch, die hat sich das Universum für den letzten Tag aufbewahrt.