Passa al contenuto principale

Ich hab die KI zu tief in mein Leben gelassen

Ich habe einen Fehler gemacht. Und dann gleich noch einen. Fast wäre ich dabei verschwunden.

Fehler 1 – Ich bin stumm geworden

(Passiert mir immer wieder)

Es ist immer schlecht, wenn ich stumm werde. Wenn ich aufhöre zu erzählen, dann stimmt etwas nicht. Wenn es mir nicht gut geht, dann höre ich auf zu erzählen. Wenn Shit wirklich down geht, höre ich sogar auf zu singen. Nicht mal summen kann ich dann noch, auch nicht beim Geschirrspülen oder Schuhebinden.

Dann sehe ich mich als verstummter Vogel in einem goldenen Käfig.

Wenn ich aufhöre zu erzählen, mache ich alles mit mir selbst aus. Wenn jemand nachfragt, gebe ich den aktuellen Wissensstand nüchtern und in mundgerechten Happen durch. Von losen Enden, die ich selbst noch nicht verstehe, rede ich nicht. Ich streue Witzchen ein, denn ich will niemanden runterziehen. Manchmal sage ich Sätze wie “Ich könnte heulen” oder “Ich bin wütend”, aber mein Gesicht ist dabei ganz neutral. Vielleicht sieht man eine oder zwei Stirnfalten oder ich lasse den Kopf drei Millimeter hängen.

Zurück zu Hause bin ich dann sauer auf mein Gegenüber, weil es nicht richtig auf meine Gefühle eingegangen ist. Ich habe sie doch eindeutig benannt!

Ich sage vor einer wichtigen Prüfung “Ich bin sehr aufgeregt” und sehe dabei TED-erfahren aus.

Reihenfolge der Ereignisse, wenn ich stumm werde

  1. Ich mache mir eine Sorge.

  2. Ich merke, dass ich selbst Ursache meiner Sorge bin.

  3. Ich will nicht Ich – geprüfte Sorgenverursacherin™ – sein.

  4. Ich will alle Anderen™ sein, denn ich bin nicht normal™.

  5. Ich höre auf, Texte zu schreiben.

  6. Ich höre auf, Fotos von mir zu machen.

  7. Ich höre generell auf, ins Internet zu schreiben.

  8. Ich höre auf, Freund:innen zu treffen.

  9. Ich höre auf, zu masturbieren.

  10. Ich höre auf, zu singen und zu summen.

  11. Ich höre auf, mit Bekannten und Fremden zu reden.

Obwohl ich das Muster genau kenne, dauert es jedes Mal mehrere Wochen, bis ich begreife, dass ich in meiner Schleife gelandet bin. Ich verstumme etwa 3 bis 4 Mal im Jahr. Immerhin: Tendenz sinkend. Und ich komme auch immer schneller wieder aus der Schleife raus. Nicht zuletzt, weil ich – anders als früher – auch mal Unterstützung™ in Anspruch nehme. Ich kann Unterstützung™ nur empfehlen. Du kannst auch direkt bei mir welche bekommen (Si apre in una nuova finestra), ich habe ab Mitte März noch freie Plätze dafür.

Anywho.

Wenn ich wieder anfange zu erzählen, geht es mir sofort besser. Das merke ich auch jetzt gerade beim Schreiben dieses Textes. Aber wie konnte ich es diesmal so weit kommen lassen? Das führt uns zu (Kassettezurückspulgeräusch) ––

Fehler 2 – Ich habe die KI zu tief reingelassen

(Passiert mir nicht nochmal)

Ich weiß nicht, wann es anfing, dass ich die KI zu tief reingelassen habe. Sie ist schon lange hier mit am Start und eigentlich geht alles damit ganz gut. Ich habe die typische Weiterentwicklung durchgemacht: Frage einfach hinrotzen. “Du bist ein erfahrener Marketing Manager”. Irgendwann dann: Kern des Problems, Zielgruppe, Tone of Voice, “Stell mir alle relevanten Fragen, bevor du anfängst”. Fast keine Aufgabe, bei der sie nicht bei mir auf der Schulter sitzt.

Lange war mir die KI mal mehr, mal weniger guter Assistent in fast allen Lebenslagen. Bis ich vor ein paar Wochen plötzlich wieder anfing zu verstummen.

Als ich verstummte, wollte ich nicht Ich – geprüfte Sorgenverursacherin™ – sein, sondern alle Anderen™. Eine Aufgabe, die wie gemacht ist für die KI!

Kennt ihr Rainald Grebe? “Ich will doch für alle sein. Für alle Leute”, singt er in seinem Song Massenkompatibel. Ja, das wollte ich sein, schon immer, schon als Kind!

Ich bin das Beste aus den 80ern, 90ern und von Heute

Aber es war irgendwie nicht so easy. Wenn man erwachsen ist, finden die Leute auf einmal all die Dinge cool, für die man als Kind weggemobbt wurde. Wer das erlebt hat, wird den Applaus immer mit einem bitteren Beigeschmack genießen.

Ich ließ die KI also nicht nur Assistent sein, sondern letzte Instanz. Ich schmiss eines meiner wichtigsten Ausdrucksmittel in sie herein: meine Texte. Auch die für die HEISE SCHEISE. Und meine zartesten Ideen und Träume, die noch Zeit zum Reifen brauchten. Ich ließ sie glätten, zupfen und streichen. Ich spülte all mein KI-Masterwissen das Klo runter und ließ meinen Richter, meinen Lehrer, mein leuchtendes Licht ChatGPT frei verfügen.

Weil ich mich – geprüfte Sorgenverursacherin™ – gerade nicht gut fand, klangen die Textkorrekturen und Ideen aus der KI plötzlich wundervoll. Verknappt und auf den Punkt! Relevant, skalierbar und klar! Nicht dieses, sondern jenes. So deutlich abgegrenzt hatte ich mich nie! Früher hatte man mir gesagt: Ich kann dir oft nicht ganz folgen, aber ich mag deine Texte. Jetzt war ich endlich klar. Verständlich und massenkompatibel. Genau, wie ich sein wollte.

Ich, geteilt durch alle.

Du kennst die Pointe.

Das war nicht mehr mein Text und das war nicht mehr meine Idee, das war ich, geteilt durch alle, und ich wurde

stumm
stumm
stumm

Das Ruder riss ich erst rum, als ich aufgeflogen war. Drei Menschen* fragten mich unabhängig voneinander: Wo bist du hin in deinem Tun? Ich dachte, ich wäre unterm Radar geflogen, inkognito. Es war unangenehm.

Als ich vorgestern mit zwei Autorinnen beim Lunch saß und gestand, dass ich seit geraumer Zeit mit der KI-Nutzung falsch abgebogen war, schauten sie mich an, als wäre ich verrückt geworden. Du benutzt KI für mehr als Lektorat und Recherche?! Das macht man doch niemals nicht, wenn man gerne schreibt. Vermutlich mache ich das niemals nicht, dachte ich, wenn ich gerade recht zufrieden mit mir-nicht-geteilt-durch-alle bin.

Aber jetzt ist ja nun auch langsam wieder gut.

Zum Abschied zeige ich dir die Peacetole: 🔫✌️

Ist sie nicht wunderbar? Ich habe sie erfunden.
Deine Katrin

Heute nicht, danke.

Hier singen mein ehemaliger Mitbewohner und ich den im Text erwähnten Song Massenkompatibel von Rainald Grebe. Das hier war die 51. Ausgabe von HEISE SCHEISE. Ich nehme mir eine Pause und reise jetzt erstmal nach Mexiko. Für mich ist Mexiko das, was für andere Island ist: ein hübsch gezeichnetes Lieblingsland, obwohl man noch nie da war. Ich bin sicher, es wird mir gefallen. Wir sehen uns wieder, wenn die Kroken blühen.

Mehr von mir
❄️ Lies alte Ausgaben (Si apre in una nuova finestra)
❄️ Folge mir bei Insta (Si apre in una nuova finestra)
❄️ Probier’s mit Coaching (Si apre in una nuova finestra)

* Die drei Menschen waren Franzi (Si apre in una nuova finestra), Bastian (Si apre in una nuova finestra) und Dana (Si apre in una nuova finestra). Danke.