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#10 Empathie als Falle

Inner Writing Newsletter – Header mit dem Slogan "Schreiben. Reflektieren. Verstehen. Und verändern."

Hinweis in eigener Sache: Der Inner Writing Newsletter wechselt zum 1. Juni die Plattform. Alle Infos dazu und was das für dich bedeutet, erfährst du weiter unten in der Mail.

Manche Menschen spüren jeden – nur sich selbst nicht

Empathie kann auch eine Abwehr sein

Ich kann Ihnen keine Erfolgsformel geben, 

aber ich kann Ihnen die Formel für das Scheitern geben: 

Versuchen Sie, es allen recht zu machen.

– Herbert Swope, amerikanischer Journalist & erster Pulitzer-Preisträger

Es gibt Menschen, die sind unglaublich gut darin, andere zu lesen. Sie spüren sofort, wenn jemand schlecht gelaunt ist, wenn die Stimmung im Raum kippt, wenn jemand Trost braucht. Sie reagieren schnell, sind verlässlich und immer da. Man nennt das empathisch. Aber woher kommt diese Fähigkeit eigentlich? Was passiert eigentlich bei jemandem, der so gut darin ist, andere zu lesen?

Ein erfahrener Therapeut, der mich in meiner Ausbildung begleitet hat, beschrieb mir einen seiner Klienten – nennen wir ihn Moritz. Moritz ist ein erfolgreicher Drehbuchautor und kam in die Therapie, weil er depressiv und erschöpft war. Sein Leben war ein ununterbrochenes Bemühen, anderen zu gefallen: der Freundin, dem Chef, jedem, der in seinen Radius eintrat. Moritz beschrieb sich und seine innere Welt als Haus auf einem Filmset: eine perfekte Fassade, kein fertiger Innenraum. Es gab nicht wirklich einen Platz zum Leben. Aber ein Regisseur weiß, wie er die Kamera platzieren muss, damit die Illusion hält. 

Antennen nach außen – wenn die Selbstwahrnehmung nicht funktioniert

Was hinter Moritz’ Geschichte steckt, ist kein Charakterfehler, sondern eine Anpassungsleistung des Gehirns: Das soziale Gehirn eines Kindes formt sich in der frühen Bindung zu seinen Eltern. Normalerweise lernt ein Kind in dieser Zeit, die eigenen Gefühle zu erleben und zu regulieren. Wenn Eltern aber überfordert sind, passiert etwas anderes: Das Kind lernt, die Gefühle der Eltern zu lesen und zu regulieren – nicht die eigenen. Um sich in einer schwierigen und wenig fürsorglichen Umgebung zu schützen, musste Moritz lernen, auf kleinste Veränderungen zu achten: wann der Vater explodiert, wann die Mutter weint. Die neuronalen Systeme des sozialen Gehirns, die eigentlich für die Selbstwahrnehmung zuständig wären, werden umgeleitet. Sie überwachen jetzt die Stimmung anderer. Das ist kein Versagen, das ist Überleben. 

Sind sie erwachsen geworden, werden diese Menschen bewundert. Sie gelten als besonders empathisch, als Kümmerer, als verlässliche Stützen. Viele von ihnen arbeiten in sozialen Berufen und haben aus ihrer frühen Überlebensstrategie einen Beruf gemacht: als Therapeutinnen, Ärzte, Pflegerinnen. Was von außen wie außergewöhnliche Fürsorge aussieht, ist innen oft etwas anderes – nämlich die einzige Art, die sie kennen, um Kontakt herzustellen und um sich selbst nicht spüren zu müssen. Sobald seine Freundin Charlotte vom Baulärm vor dem Haus erst wach und dann wütend wurde, war Moritz damit beschäftigt, sie zu beruhigen und ihr Frühstück zu machen. Obwohl er selbst kurz zuvor vom Lärm aufgewühlt und erschöpft war, fühlte er sich durch seine Fürsorge für Charlotte sofort lebendig und voller Energie. Er spürte sich wieder – aber nur durch sie.

Die innere Welt füllen –mit eigenen Gefühlen

Das Problem ist nicht, dass diese Menschen zu viel geben. Das Problem ist, dass sie nie gelernt haben, bei sich zu sein. Moritz verstand das in einer Sitzung: Er sagte, er fühle sich wie ein Geist in einer Welt voller echter Menschen. Als wäre innen nichts, das wirklich bewohnt wird. Irgendwann formulierte er es so: Seine Gefühle waren nie wichtig gewesen. Aber es sind genau diese Gefühle, mit denen er die leeren Räume in seinem inneren Haus einrichten muss. Sonst bleibt das Haus, was es immer war: eine Fassade. Und keine Frau, kein Job, keine Anerkennung konnte diesen Raum je füllen. Nicht weil all das ihm nichts gegeben hätte – sondern weil Moritz nicht wusste, wie man nimmt. Ein Echo aus der Kindheit.

Was dieses Muster so hartnäckig macht: Es wiederholt sich überall. Im Job, in der Freundschaft, sogar in der Therapie. Moritz erkannte das irgendwann selbst: Eigentlich war er in Therapie, um versorgt zu werden. Stattdessen sorgte er dafür, dass sein Therapeut sich wohlfühlte – was ihn von dem fernhielt, weshalb er eigentlich gekommen war. Moritz schützte ihn vor seinen eigenen Bedürfnissen. Wie er jeden schützte.

Wenn dich jemand fragt, wie es dir geht – was ist das Erste, was dir in den Sinn kommt? Deine eigene Antwort oder der Blick auf die, die um dich herum sind? Wer anfängt, sich diese Frage ehrlich zu stellen, merkt schnell: Die Antwort sitzt nicht im Kopf. Sie sitzt tiefer. Miriam hat eine Übung entwickelt, die genau dorthin führt.

– Britta

SCHREIBIMPULS

Jetzt bist du dran: Schreibimpuls der Woche

An dieser Stelle erhältst du jede Woche einen Schreibimpuls, der dich ins Spüren, Wahrnehmen, Reflektieren bringt. Du brauchst dafür gar nicht lang Zeit, etwa 15 Minuten genügen.

Heute zeige ich dir eine Technik, bei der wir das Bewusstsein ein wenig austricksen. Beim seriellen Schreiben geht es darum, möglichst schnell automatisierte Antworten hervorzubringen – so schnell und automatisiert, dass unser Bewusstsein gar keine Zeit hat, sich dazwischen zu schalten.

Nimm dir ein Blatt Papier und einen Stift. Schreibe in die erste Zeile die Worte: Ich bin heute…

Vervollständige den Satz, ohne darüber nachzudenken. Sobald du den ersten Satz vervollständigt hast, beginnst du in der nächsten Zeile den nächsten Satz, der genauso beginnt. Ich bin heute…

Wiederhole das, bis du 10 Sätze geschrieben hast.

Ganz wichtig hierbei ist, dass du schreibst, ohne abzusetzen. Satz für Satz. Schreib einfach auf, was dir kommt. Das kann vollkommener Nonsense sein. Erwarte keine bahnbrechenden Erkenntnisse von dir. Sondern übe dich darin, einfach einmal aufkommen zu lassen, was in dir aufsteigt.

Ich bin heute wütend.

Ich bin heute ein Schuster.

Ich bin heute überparfümiert.

Ich bin heute mit dem falschen Fuß aufgestanden.

Ich bin heute…

Es geht bei dieser Übung nicht darum, große Erkenntnisse zu provozieren. Sondern einfach mal zuzulassen, was da ist.

Wenn du fertig bist, lies dir deine Sätze noch einmal durch. Überrascht dich, was da steht? Wenn du magst: Stell dir einen Timer auf 5 Minuten und schreib darüber.

Gutes Schreiben! ✍️❤️

– Miriam

HINWEIS

Unsere Schreibübungen kommen in unterschiedlicher Intensität daher. Manche sind locker-leicht, andere gehen tiefer.

Wie auch immer es gerade für dich ist: Wenn du merkst, dass beim Schreiben mehr hochkommt als du im Moment bewältigen kannst, dann sorge bitte gut für dich.

Brich Übungen ab, die dir zu intensiv sind, tu dir etwas Gutes und suche das Gespräch mit Freunden, deiner Familie, deinem Partner – oder hole dir professionelle Hilfe, wenn du sie brauchst. Du musst da nicht alleine durchgehen.

🚨 Hinweis in eigener Sache: Wir ziehen um!

Inner Writing wechselt den Newsletter-Anbieter: Zum 1. Juni werden wir mit allen Abonnenten auf die Plattform Substack (Si apre in una nuova finestra) wechseln. Das tun wir in der Hoffnung, dir mit den erweiterten Funktionen von Substack in Zukunft ein besseres Erlebnis bieten zu können. Alles zum Datenschutz auf Substack findest du hier (Si apre in una nuova finestra).

Wenn du nicht möchtest, dass wir deine E-Mail-Adresse auf die neue Plattform übertragen, kannst du dich bis Ende Mai aus unserem Verteiler austragen. Den Link dazu findest du am Ende unserer Mail. Du wirst dann keine Inner Writing Mails mehr bekommen.

Wenn du dabei bleiben möchtest, musst du nichts weiter tun. Du wirst unseren Newsletter wie gewohnt erhalten.

Und falls du jetzt neugierig geworden bist: Hier findest du unsere neue Substack-Seite (Si apre in una nuova finestra), die wir gerade Stück für Stück mit den vergangenen Inner-Writing-Ausgaben befüllen. Stöbere gern hinein!

Wir freuen uns auf diesen Schritt – und auf alles, was dadurch möglich wird!

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Britta Bettendorf – Psychologin mit eigener Praxis – und Miriam Schaan – Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Schreibpädagogin.

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