
Wann Stress nicht das Problem ist – sondern die Lösung
Versuche nicht, auf Nummer sicher zu gehen. Das ist das Gefährlichste, was es gibt.
– Hugh Walpole, britischer Schriftsteller
Dein Gehirn braucht Stress. Nicht weniger davon – genug davon. Allerdings nicht den Stress, der dich zermürbt, sondern den, der dich fordert. Langeweile ist nicht weniger schädlich als Überforderung.
Vielleicht kennst du das aus dem Urlaub: Wenn du anfängst, unleidlich zu werden, weil nichts mehr zu tun ist. Weil jeder Ausflug gemacht und alle Bücher gelesen sind. Auch Menschen, die in Rente gegangen sind, berichten von dieser inneren Leere, die entsteht, wenn keine Probleme mehr zu lösen und keine Kämpfe mehr auszufechten sind. Dahinter steckt kein Paradox, sondern ein psychologischer Mechanismus.
Neuroplastizität – unser Gehirn in Bewegung
Wenn wir gefordert werden, entstehen im Gehirn neue neuronale Verbindungen und bestehende festigen sich. Diese Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und anzupassen, nennt man Neuroplastizität. Sie hat nicht nur den Vorteil, dass wir uns lebenslang neue Gewohnheiten zulegen, eine neue Sprache oder ein Instrument lernen können. Neuroplastizität schafft es auch, dass nach einer Verletzung gesunde Hirnareale die Aufgaben der betroffenen Regionen übernehmen können.
Neuroplastizität ist bemerkenswert. Aber um von ihr zu profitieren, muss sie gefördert werden. Stell sie dir wie einen Muskel vor, der auch nur unter Widerstand wächst. Bekommt der Muskel keine Reize, wird er schlaff – wird er zu stark belastet, reißt er. Und so geht es uns auch: Chronischer Stress zerstört uns, aber moderater Stress tut uns gut. Er trainiert die Neuroplastizität, die wiederum unsere Fähigkeit aktiviert, Neues zu lernen und uns emotional besser zu regulieren.
Stress als Motor für Wachstum
Neuroplastizität ist also kein passiver Vorgang. Wachstum im Gehirn braucht einen Auslöser – und der heißt Stress. Moderater Stress, um genau zu sein. Die Forschung ist hier eindeutig, wir sind es leider nicht. Wir haben Stress nämlich zu unserem Feind erklärt. Wer ihn hat, macht etwas falsch. Das Ziel heißt Entspannung und Rückzug. Der Weg dorthin geht über viele Urlaube im Jahr oder den frühen, mindestens planmäßigen Eintritt in das Rentenalter. Aber auch unsere Tendenz, nur in unseren Kreisen zu bleiben, wo andere denken, wie wir denken und tun, was wir tun.
Endlich Ruhe, endlich angekommen. Nur dass viele, die ankommen, sich dort nicht so fühlen, wie sie es erwartet haben. Klienten in meiner Praxis beschreiben das oft als innere Leere oder Ziellosigkeit. Worauf sollen sie noch hoffen, wenn nichts mehr zu tun ist? Andere haben noch gar keinen Namen für das, was sie vermissen. Sie haben sich den Stress, die Auseinandersetzungen, die Nöte erfolgreich vom Leib gehalten – und spüren kaum noch etwas. Unser Gehirn braucht keinen Gegner, aber es braucht einen Grund, aktiv zu bleiben.
Moderaten Stress zu erleben, zeigt dir, dass du lebendig bist. In meiner Arbeit als Psychologin erlebe ich einen Moment immer wieder: Wenn jemand aufhört, gegen das innere Unbehagen anzukämpfen, und anfängt, dieses Unbehagen zu befragen:
Was fehlt mir eigentlich? – Eine Aufgabe.
Was macht mich müde? – Die Ereignislosigkeit.
Wie fühlt sich das an? – Wie gestorben.
Dabei geht es nicht darum, Stress zu suchen, sondern darum, ihm nicht reflexartig auszuweichen. Nicht jeder Stress ist gleich. Ob er gut für dich ist oder schlecht, hat weniger etwas mit der Intensität zu tun, sondern mit seiner Bedeutung. Und wer lernt, Stress einzuordnen und zu unterscheiden, gewinnt etwas: Wachstum.
Die Frage ist also nicht: Wie werde ich Stress los? Sondern: Welchem Stress weiche ich aus, der mich eigentlich weiterbringen würde?
Was wir vermeiden, ist selten zufällig. Die Einladung, die du ablehnst, weil du niemanden kennst. Der Kurs, den du nicht buchst, weil du vielleicht scheitern könntest. Das Thema, das du nicht ansprichst, weil es unbequem wird. Dein Gehirn wächst nicht im vertrauten Gebiet. Es wächst an der Grenze – zwischen dem, was du kannst, und dem, was du noch nicht kannst.
Eine in gutem Sinne stressige Woche wünscht dir
– Britta
Jetzt bist du dran: Der Schreibimpuls der Woche
An dieser Stelle erhältst du jede Woche einen Schreibimpuls, der dich ins Spüren, Wahrnehmen, Reflektieren bringt. Du brauchst dafür gar nicht lang Zeit, etwa 15 Minuten genügen.
Diese Woche wollen wir uns auf die Suche nach dem Stress machen, der uns voranbringt.
Wir machen das heute mit einer Freewriting-Übung. Im Freewriting geht es darum, zu einem vorgegebenen Thema alles aufzuschreiben, was dir in den Sinn kommt.
Du nimmst dir also einen Block, einen Stift und schreibst los – zu einem vorgegebenen Thema. Versuche dabei, bewusst nicht nachzudenken. Freewriting ist loses Assoziieren, nicht rationales Analysieren. Dein Kopf hat beim Lesen des Textes oben sicher schon tausend interessante Gedanken gesponnen. Freewriting will uns allerdings tiefer führen: in die darunterliegenden Schichten, in denen nicht Rationalität, sondern Gefühle und Ahnungen den Ton angeben.
Setz dich also hin, zücke den Stift, stelle den Timer auf 15 Minuten und schreibe auf, was dir zu diesen Fragen hochkommt:
Wenn ich keine Angst zu haben bräuchte, welchen Stress würde ich dann wählen, den ich jetzt vermeide?
und/oder
Welcher Stress, den ich bislang vermeide, könnte mich tatsächlich voranbringen?
und/oder
Was könnte Gutes, Neues, Schönes in mein Leben kommen, wenn ich anfinge, diesem Stress nicht länger auszuweichen?
Schreib deinen letzten Satz zu Ende, wenn der Timer klingelt – und lass deine Erkenntnisse noch kurz in dir nachhallen, bevor du dich zurück in den Alltag begibst.
Es gilt, wie bei allen Inner Writing Schreibübungen: Es geht hier nicht darum, einen schönen, eleganten, klugen Text zu produzieren. Sondern darum, zu sehen, was in dir aufsteigt, wenn du aufmerksam ich dich hineinhorchst.
Gutes Schreiben! ✍️❤️
– Miriam
Unsere Schreibübungen kommen in unterschiedlicher Intensität daher. Manche sind locker-leicht, andere gehen tiefer.
Wie auch immer es gerade für dich ist:
Wenn du merkst, dass beim Schreiben mehr hochkommt als du im Moment bewältigen kannst, dann sorge bitte gut für dich.
Brich Übungen ab, die dir zu intensiv sind, tu dir etwas Gutes und suche das Gespräch mit Freunden, deiner Familie, deinem Partner – oder hole dir professionelle Hilfe, wenn du sie brauchst. Du musst da nicht alleine durchgehen.
Das erwartet dich in der nächsten Ausgabe
Die nächste Ausgabe von Inner Writing erscheint am Ostersonntag – und dabei geht es um: Narrative. Wie häufig wiedergegebene Erzählungen über uns selbst über die Jahre zu festgefahrenen Gewohnheiten werden, die unser Selbstbild prägen. Und wie wir aus diesen eingefahrenen Mustern ausbrechen können – um uns ganz als Akteure der eigenen Geschichte zu erfahren.

Hi, wir sind
Britta Bettendorf – Psychologin mit eigener Praxis – und Miriam Schaan – Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Schreibpädagogin.
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