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#9 Langeweile

Inner Writing Newsletter – Header mit dem Slogan "Schreiben. Reflektieren. Verstehen. Und verändern."

Hinweis in eigener Sache: Der Inner Writing Newsletter wechselt zum 1. Juni die Plattform. Alle Infos dazu und was das für dich bedeutet, erfährst du weiter unten in der Mail.

Wir haben die Langeweile abgeschafft

Das war ein Fehler

Eine Generation, die keine Langeweile aushält, wird eine Generation kleiner Menschen sein.

– Bertrand Russell, britischer Philosoph und Mathematiker

Es gab eine Zeit, in der sich die Besten langweilten. Darwin. Kierkegaard. Churchill. Langeweile galt als Zeichen eines Geistes, der groß genug war, um die Welt unbefriedigend zu finden. Heute haben wir Spotify, Instagram und 47 Serienempfehlungen. Wir langweilen uns kaum noch. Das halten wir für einen Fortschritt.

Langeweile gilt als Zeichen dafür, dass etwas fehlt: die richtige Arbeit, die erfüllende Beziehung, der passende Kurs. Der Markt hat geantwortet: Apps, Playlists, Kalender voller Termine, Podcasts für jeden Weg. Das Versprechen lautet: Du musst dich nicht langweilen. Und wer sich dennoch langweilt, fragt sich, was mit ihm nicht stimmt.

Viele meiner Klienten haben einen vollen Kalender und nutzen Podcasts in jeder freien Minute. Die eine Stunde, die sie mit mir sprechen, ist oft die einzige in der Woche, in der sie sich ruhig mit sich selbst beschäftigen. Wer keine Stille aushält, kommt nicht zu sich. Und wer nicht zu sich kommt, kann sich nicht wirklich kennenlernen – und damit auch nicht wirklich verändern. Das ist nicht nur klinische Beobachtung. Forscher haben Menschen in einen leeren Raum gesperrt, mit der Bitte, die Stille zu genießen. Viele wählten stattdessen einen Elektroschock. Das ist keine Metapher. Das ist Messung. Bertrand Russell nannte die Langeweile trotzdem “eine der großen Triebkräfte der Geschichte”. Er schrieb das 1930. Es war nie wahrer als heute.

Zwei Arten von Langeweile

Russell beschrieb zwei Arten von Langeweile. Da ist die Langeweile der Leere: ein dumpfer Zustand nach zu viel Stimulation, nach zu vielen Eindrücken, nach einem Leben, das nie zur Ruhe kommt. Sie fühlt sich schal an. Man dreht sich im Kreis. Smartphone-Scrollen produziert genau diesen Zustand - und Rauschgifte tun es noch gründlicher. Sie unterdrücken das Gefühl, ohne die Ursache zu berühren. Die Leere bleibt.

Und dann gibt es die Langeweile der Schwelle: der Moment vor etwas. Sie ist unbehaglich, ja. Aber in ihr entsteht etwas – Fantasie, Neugier, innere Bewegung. Kinder kennen diesen Zustand gut, bis man ihnen beibringt, ihn sofort zu füllen. Russell war überzeugt: Wer als junger Mensch nie gelernt hat, Langeweile auszuhalten, entwickelt kein wirklich eigenes Interesse. Er bleibt auf äußere Reize angewiesen. Das ist die eigentliche Falle.

Wohin uns die Stille führt

Wer der Schwelle konsequent ausweicht, bleibt an der Oberfläche. Nicht aus Faulheit. Nicht aus Feigheit. Sondern weil er nie gelernt hat, in einem Zustand zu bleiben, in dem etwas Eigenes entsteht. Wachstum braucht Reibung. Veränderung braucht Stille. Beides kommt nicht auf Bestellung – und beides gibt es nicht ohne das Aushalten. Eine Kultur, die Stimulation als Normalzustand definiert, produziert Menschen, die sich selbst nicht mehr zumutbar sind.

Darwin hatte keine Playlists. Churchill keine 47 Serienempfehlungen. Sie hatten Stille – und die Zumutung, in ihr zu bleiben. Das war kein Nachteil. Das nächste Mal, wenn Stille auftaucht: bleib. Nicht weil es angenehm ist. Sondern um zu sehen, was darunter liegt.

– Britta

SCHREIBIMPULS

Jetzt bist du dran: Schreibimpuls der Woche

An dieser Stelle erhältst du jede Woche einen Schreibimpuls, der dich ins Spüren, Wahrnehmen, Reflektieren bringt. Du brauchst dafür gar nicht lang Zeit, etwa 15 Minuten genügen. (Okay, heute etwas länger…)

In der vorletzten Inner-Writing-Ausgabe #7 Scroll weiter, Mama habe ich dir die Übung “Leseverbot” bzw. “Medienverbot” vorgestellt. Wenn du diese nicht gemacht hast oder die Ausgabe verpasst hast, lege ich dir diese Übung hiermit sehr ans Herz. Sie ist ein ideales Instrument, um die eigene Langeweile kennenzulernen.

Falls du bereits mit dem “Leseverbot” experimentiert hast oder dir ein ganzer Tag Leseverbot zu heftig ist, biete ich dir hier eine etwas abgespeckte Alternative an, die sich hervorragend in den Alltag einbauen lässt.

Titel: 2-Hour-Reset

Nimm dir an einem beliebigen Tag diese Woche zwei Stunden Zeit, an denen du keinen medialen Input konsumierst. Du kannst diese zwei Stunden spontan auswählen oder du planst sie fest ein.

In dieser Zeit konsumierst du nichts. Also keine Zeitung, kein Buch. Keine Mails. Kein Instagram. Keine News. Kein Fernsehen, keine Podcasts, kein Radio, keine Musik.

Ich empfehle dir, in diesen zwei Stunden auch nicht zu telefonieren und dich nicht zu unterhalten. Sei einfach mal mit dir allein.

Für zwei Stunden.

(Wenn du mit anderen zusammenwohnst, sag ihnen Bescheid, dass du nicht angesprochen werden möchtest.)

Das können zwei Stunden am Nachmittag sein, wenn du den Großteil deiner Arbeit bereits geschafft hast. Oder abends nach dem Essen, wenn es in die ruhigeren Stunden des Tages geht. Oder – wenn das in deinen Tagesplan passt – zwei Stunden am Morgen, bevor der Trubel so richtig anfängt.

Du musst in diesen Stunden nicht nichts tun. Es geht nur darum, nichts an Inhalten zu konsumieren. Lass dir ein Bad ein und genieße die Stille dabei. Nimm dir ein leeres Blatt Papier und ein paar Buntstifte und fang an zu malen, irgendetwas. Mach einen Spaziergang und genieße es, deine Umgebung zu beobachten. Was kannst du alles sehen, hören, riechen, wenn du einmal ganz da bist? Verkneife es dir, Fotos davon zu machen.

Wenn du merkst, dass sich die Gedanken in deinem Kopf überschlagen, greife zum Stift. Bewerte und beurteile nicht. Schreib einfach auf, was du an dir beobachtest. Welche Gedanken steigen auf? Welche Gefühle?

Es kann sein, dass du diese Auszeit sehr genießt – endlich Ruhe. Es kann aber auch sein, dass in deinem Kopf das blanke Chaos ausbricht – weil der gewohnte Strom an Ablenkung ausbleibt. Beides ist okay. Betrachte diesen Reset als Experiment. Deine Rolle ist es, zu beobachten und zu notieren, was dir auffällt.

Dies ist eine besondere Übung – und es würde mich sehr interessieren, wie es dir damit ergeht bzw. ergangen ist. Schreib mir an hello@innerwriting.de (Si apre in una nuova finestra) und erzähle mir davon!

Alles Liebe ✍️❤️

– Miriam

HINWEIS

Unsere Schreibübungen kommen in unterschiedlicher Intensität daher. Manche sind locker-leicht, andere gehen tiefer.

Wie auch immer es gerade für dich ist:

Wenn du merkst, dass beim Schreiben mehr hochkommt als du im Moment bewältigen kannst, dann sorge bitte gut für dich.

Brich Übungen ab, die dir zu intensiv sind, tu dir etwas Gutes und suche das Gespräch mit Freunden, deiner Familie, deinem Partner – oder hole dir professionelle Hilfe, wenn du sie brauchst. Du musst da nicht alleine durchgehen.

🚨 Hinweis in eigener Sache: Wir ziehen um!

Inner Writing wechselt den Newsletter-Anbieter: Zum 1. Juni werden wir mit allen Abonnenten auf die Plattform Substack (Si apre in una nuova finestra) wechseln. Das tun wir in der Hoffnung, dir mit den erweiterten Funktionen von Substack in Zukunft ein besseres Erlebnis bieten zu können. Alles zum Datenschutz auf Substack findest du hier (Si apre in una nuova finestra).

Wenn du nicht möchtest, dass wir deine E-Mail-Adresse auf die neue Plattform übertragen, kannst du dich bis Ende Mai aus unserem Verteiler austragen. Den Link dazu findest du am Ende unserer Mail. Du wirst dann keine Inner Writing Mails mehr bekommen.

Wenn du dabei bleiben möchtest, musst du nichts weiter tun. Du wirst unseren Newsletter wie gewohnt erhalten.

Wir freuen uns auf diesen Schritt – und auf alles, was dadurch möglich wird!

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