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“Sämtliche Freuden eines Tages, eines Lebens waren gezählt. Freude war zugleich unermesslich, sie reichte über sich hinaus.”

Im Backend dieses Newsletters, also in jenem für Leser*innen unsichtbaren Zwischenraum, in dem die Texte entstehen, sammeln sich mit der Zeit immer wieder angefangene Ausgaben an. Texte, die ich irgendwann begonnen und dann liegen gelassen habe. Manchmal arbeite ich später daran weiter. Meistens verschwinden sie jedoch irgendwann im Papierkorb.

Wie im echten Leben ist der Vorteil eines Papierkorbs, dass sich Vorhaben und Ziele erledigt anfühlen, sobald sie einmal darin gelandet sind. Das Unfertige und Unabgeschlossene hingegen beschäftigt uns immer weiter.

Dafür gibt es sogar einen eigenen Begriff, den Zeigarnik-Effekt. Dieser beschreibt das psychologische Phänomen, dass unerledigte oder unterbrochene Aufgaben besser im Gedächtnis bleiben als abgeschlossene. Unser Gehirn speichert unfertige Dinge also aktiver, da sie eine Art kognitive Spannung erzeugen, die erst durch Abschluss abgebaut werden kann.

In einer aktuellen Studie (Si apre in una nuova finestra) untersuchten Arbeitspsycholog*innen nun genauer, wie stark unfertige Aufgaben außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit nachwirken. Das Ergebnis: Wer viele unerledigte Aufgaben mit sich herumträgt, denkt auch in freien Momenten häufiger an die Arbeit, grübelt mehr und erholt sich schlechter.

Das Unabgeschlossene verschwindet nicht einfach im Hintergrund. Es bleibt innerlich aktiv. Vielleicht könnte man sogar sagen: Das Nachsinnen und Grübeln wird zur eigentlichen Anstrengung, die weitaus mehr Aufmerksamkeit und Zeit bindet als die ursprüngliche Aufgabe.

Ohne jemals zuvor vom Zeigarnik-Effekt gehört zu haben, war mir dieses Phänomen sehr vertraut. Zwar bin ich jemand, der angefangene Aufgaben meistens auch abschließt und unangenehme Situationen bis zum bitteren Ende durchleidet, statt vor ihnen davonzulaufen. Aber darum geht es vielleicht gar nicht.

Das, was unerledigt ist, sind die Möglichkeiten, die mir offen stehen. Die Ideen, die ungefragt auftauchen. Die vielfältigen Interessen, die miteinander um begrenzte Zeit konkurrieren.

Wie wir endlich tun, was uns wirklich wichtig ist lautete der Untertitel meines ersten Buchs aus dem Jahr 2021. Ich habe in Zeitwohlstand für alle (Si apre in una nuova finestra) versucht, die zeitlichen Freiräume zu erkunden und freizulegen, die Menschen benötigen, um das Leben führen zu können, das sie führen möchten.

Ich spreche in dem Buch auch von den Inseln in der Zeit, die uns Auszeiten verschaffen und uns, zumindest vorübergehend, von den Zwängen der Uhrzeit befreien.

Freie, selbstbestimmte Zeit ist ein eigener Wert an sich. Nichts zu tun, sich treiben zu lassen und darüber die Zeit zu vergessen, gehört wohl zu den sinnvollsten und nützlichsten Dingen, die wir überhaupt mit Zeit anfangen können.

Das ändert jedoch wenig an den unerledigten Dingen, die uns beschäftigen, und an der Frage, was es ist, das wir wirklich tun wollen. Zeit allein beantwortet diese Frage nicht.

Deshalb sind die Zeitkonflikte, die viele von uns beschäftigen, oft keine reinen Zeitkonflikte. Sie fordern auch unsere Aufmerksamkeit heraus, unsere Präsenz, unsere Entscheidungsfähigkeit, unsere Fähigkeit, uns zu fokussieren. Letztlich geht es auch um unsere Identität. Darum, wer wir sein wollen und welche unbewussten inneren Konflikte wir austragen, die uns daran hindern zu werden, wer wir sind.

Nicht nur Zeitknappheit hält uns davon ab, das zu tun, was wir wirklich tun wollen. Wir sehen uns auch mit der Herausforderung konfrontiert, aus scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten das auszuwählen, was wir als unser eigenes Leben begreifen möchten.

Und wir tun das zudem nicht als vollkommen freie Wesen, sondern als Menschen mit biografischen Prägungen, gelernten Mustern, bestehenden Bedürfnissen und Verletzungen. Das versuchte ich schon damals in meinem Buch zu reflektieren.

Warum gerate ich auch dann mit der Zeit in Konflikt, wenn ich frei darüber verfügen kann?

Eine Antwort fand ich in der Systemtheorie von Niklas Luhmann und dem von ihm verwendeten Begriff der Kontingenz.

Kontingenz bedeutet vereinfacht: Alles könnte auch anders sein. Es gibt immer verschiedene Möglichkeiten, zwischen denen wir auswählen müssen – obwohl wir wissen, dass wir uns ebenso gut auch anders hätten entscheiden können: für einen anderen Beruf, einen anderen Wohnort, eine andere Beziehung, ein anderes Leben.

Wenn Kontingenz dazu führt, dass wir uns dauerhaft mit Optionen beschäftigen, dann entsteht daraus vielleicht eine Art biografischer Zeigarnik-Effekt: All die ungelebten Möglichkeiten und ungetanen Dinge binden mehr Aufmerksamkeit und Sehnsucht als das, was wir bereits leben.

Die Arbeitspsycholog*innen hinter der aktuellen Studie zum Zeigarnik-Effekt beschreiben, wie unfertige Aufgaben Menschen selbst in ihrer freien Zeit weiter beschäftigen und ihre Erholung beeinträchtigen können.

Vielleicht gilt etwas ganz Ähnliches für unsere Lebensentwürfe. Was wir nicht tun, aber tun könnten, was wir aufschieben, zur Seite legen oder mit großem Aufwand vermeiden, hinauszögern und verdrängen, erzeugt einen leisen, oft kaum bemerkten, aber stetigen Verlust von Energie und Zeit. Das Unabgeschlossene läuft weiter im Hintergrund, wie in einem Backend unseres Lebens.

Vor wenigen Tagen entdeckte ich den letzten verbliebenen ungeschriebenen Newsletter-Entwurf. Alle anderen waren längst gelöscht, nur diese Ausgabe war noch da, Titel: Ich habe die grüne Kiste geöffnet. Ich begann zu lesen.

Aha, ich hatte darüber geschrieben, wie ich einmal ein deutschsprachiges Lied mit griechischem Titel komponierte, Oxi, in dem ich Yanis Varoufakis und Wolfgang Schäuble den politischen Ruhestand nahelegte, und wie ich darüber lachen musste, als ich mir die Aufnahme nach langer Zeit wieder anhörte. Nicht nur wegen des nicht ganz ernst gemeinten Songtexts”, schrieb ich in dem Entwurf, “sondern weil Musik für mich immer”. Damit endete der Text.

Was wollte ich damals sagen? Dass Musik für mich immer ein Grund zum Lachen war? Dass ich mich darüber freute, meiner Vergangenheit als Musiker auch in der Gegenwart etwas Raum zuzugestehen?

Ja, ja, genau darum ging es.

Mit 14 Jahren begann ich, Lieder zu schreiben. Bis dahin hatte ich geglaubt, unmusikalisch zu sein. In den folgenden Jahren brachte ich mir verschiedene Instrumente bei. Mit 17 stand ich regelmäßig in wechselnden Konstellationen auf der Bühne. Gegen Ende meines Studiums, mit Mitte 20, nahm ich erstmals Gesangs- und Schlagzeugunterricht und begann mich zu fragen, ob ich das Ganze hauptberuflich machen wollte.

Ich entschied mich schließlich dagegen, weil ich mit meinem Plan A, dem Journalismus, nicht unzufrieden war, und beließ die Musik in einer Nebenbahn meines Lebens.

Im Journalismus angekommen, rieb ich mich dermaßen für den Beruf auf, dass für kaum etwas anderes Raum blieb. Nachdem ich in den Jahren zuvor mehrere Hundert Songs geschrieben hatte, versiegte diese kreative Ader zunehmend, ich brachte kaum noch etwas zustande. Ich nahm die Gitarre häufiger in die Hand, um Staub abzuwischen, als um darauf zu spielen.

Ich gab einen Traum auf, so fühlte es sich an. Vor drei Jahren schrieb ich einen Newsletter darüber, wie ich beim Aufräumen des Gästezimmers nach dem Besuch eines Freundes auf eine grüne Kiste stieß.

Songs zu schreiben, Alben aufzunehmen und auf großen Bühnen zu spielen war mein größter Traum, und blieb es über Jahre. Daran musste ich jetzt wieder denken, als ich nicht nur die Matratze wegräumte, sondern auch die grüne Pappkiste sah, die direkt daneben stand und in der ich all die Dinge vermutete, die an die technischen Aspekte meines musikalischen Schaffens erinnerten.

Die Kiste selbst trug nichts zur Unordnung in meinem Arbeitszimmer bei. Aber ich merkte jetzt, dass sie eine innere Unruhe erzeugte. Da waren die Kabel, die ich für Studioaufnahmen gebraucht hatte, Plektrumhalter, die auf der Bühne unentbehrlich waren und ein Metronom, das dabei helfen sollte, mein Schlagzeugspiel zu professionalisieren. Alles Jahre nicht benutzt.

https://steady.page/de/inseln-der-zeit/posts/8183c3a9-024b-4876-ab13-52182275e04e (Si apre in una nuova finestra)

Die Kiste hatte eine Wirkung erzeugt und etwas am Leben gehalten, das verstand ich damals. Und diese Wirkung wollte ich jetzt abschwächen. Die Kiste sollte weg oder sich irgendwie… verwandeln.

Ich entschied spontan, dass ich meine Verstärker, Effektgeräte sowie einige Becken verkaufen würde. Wer in den kommenden Tagen mein Kleinanzeigen-Profil besucht, wird dort keine Gegenstände finden, sondern einen geplatzten Traum. Es ist nichts geworden. Und es wird auch nichts mehr werden.

Der Traum kehrte nicht zurück. Aber das, was ich mit der Musik verband, das, was wirklich wichtig war, kam irgendwann zurück und verlangte nach einem Platz.

Weil Musik für mich immer…, hatte ich mich unterbrochen. War die Antwort einfach zu groß für einen Satz, für einen Newsletter?

Ich begann zu verstehen, dass der Traum verschwunden sein mag, nicht aber das Bedürfnis, das sich dahinter verbarg.

Weil Musik für mich immer…

Identität bedeutete.

Rückzugsort war.

Sicherheit gab.

Sprache gab.

Mich Zeit vergessen ließ.

Ordnung brachte, wo sonst nur innere Unruhe war.

Regulierte, was sich anders nur schwer beruhigen ließ.

Als ich durch Zufall an den Song Oxi denken musste, nachdem mir meine Frau von einem griechischen Patienten in der Klinik berichtete, mit dem sie irgendwie versucht hatte zu kommunizieren, rannte ich nach oben ins Arbeitszimmer und suchte die Aufnahme auf meiner externen Festplatte. Zu meiner Überraschung fand ich sie. Ich musste lachen. Allen Ernstes sang ich:

Was ich weiß, ist dass Schäuble langsam aufhören muss
Und Varoufakis kein Politiker mehr wird

Der Song war gar nicht schlecht.

Nach und nach begann ich in den kommenden Tagen und Wochen, all die Lieder aus meinem Gedächtnis zurückzuholen, die ich jahrelang nicht gespielt hatte.

Ich erinnerte mich dabei nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Körper. Ich versuchte, die Bewegungsabläufe wiederzufinden. Denn in den seltensten Fällen hatte ich mir Akkorde notiert. Und von vielen Liedern gab es keine Aufnahmen. Es funktionierte. Ich kehrte zurück an einen Ort, an dem die Zeit stehengeblieben war. Einen Ort, den ich schon abgeschrieben hatte. Der auf die Größe einer kleinen grünen Pappkiste geschrumpft war.

Nun kehrte die Wucht ihres Inhalts zurück, auch darüber schrieb ich in einem Newsletter mit dem Titel Was sind deine Glimmer?

https://steady.page/de/inseln-der-zeit/posts/7a23847c-8a32-416f-9f3c-24ed642903f3 (Si apre in una nuova finestra)

[…] Freude und Hoffnung schienen weit weg, eine bleierne Schwere lag auf mir.

Dann passierte etwas, was ich nicht erwartet hatte. Durch Zufall an ein altes Lied erinnert, das ich vor Jahren geschrieben hatte, nahm ich die Gitarre in die Hand, erinnerte mich an die Akkorde und den Text, und spielte meiner Familie das Lied vor. Meine eigene Freude darüber, dass mir das Lied wieder einfiel, und die sichtbare Freude meiner Kinder darüber, dass ich seit Langem mal wieder die Gitarre zur Hand nahm, lösten eine unmittelbare Veränderung aus.

Als ich die Gitarre weglegte, war es, als hätte sich etwas in mir verschoben. Ich konnte auf einmal wieder lachen, schien aus meiner Gefühlsmauer auszubrechen und spürte eine Leichtigkeit zurückkehren. Die Gitarre und der Gesang wirkten wie ein Glimmer. Ich war in einen Zustand der Sicherheit zurückgekehrt. Ich erlebte diesen Moment fast so, als wäre ich innerhalb weniger Minuten zu einem anderen Menschen geworden. Das mag übertrieben klingen, doch die Veränderung war real. Es handelt sich auch nicht um eine spirituelle Bewusstseinserfahrung oder dergleichen, sondern um den Wechsel eines körperlichen Zustands.

Musik war ein Glimmer für mich. Um ihre Wirkung zu spüren, musste ich keinen Traum verwirklichen, sondern einfach nur eine Gitarre in die Hand nehmen, ein Lied spielen und singen. So einfach war das.

Wie wir endlich tun, was uns wirklich wichtig ist, würde demnach vielleicht bedeuten: nicht zwangsläufig unsere größten Träume zu verwirklichen, sondern den Dingen wieder einen Raum zu geben, die uns lebendig machen. Den Bedürfnissen hinter unseren Träumen näherzukommen und sie zu bewahren, auch wenn die Träume selbst längst vergangen sind.

Und vielleicht auch weniger gegen die Zeit zu kämpfen und häufiger zuzulassen, was uns das Gefühl gibt, in einem Augenblick geborgen zu sein.

Vor Kurzem bin ich umgezogen. Die grüne Kiste hat den Umzug nicht überlebt. Die Kabel, das Metronom, das Stimmgerät und die Saitenkurbel befinden sich jetzt in einer stabileren Kunststoffkiste. Und dort werden sie bleiben.

In der Sprache der Psychotherapie würde man hier vielleicht von Integration sprechen. Ich muss den früheren Musiker in mir, der mit Freund*innen auf großen Bühnen stehen wollte, weder wieder zum Leben erwecken noch ihn in einer Kiste sterben lassen.

Ich muss nicht wieder der Mensch von damals werden, um echt zu sein. Aber ich darf einen Platz für das finden, was diesem Menschen damals wichtig war.

Die Vergangenheit ist als Gegenwart erfahrbar, schreibt Anne Michaels in ihrem Buch Zeitpfade, das ich zu der Zeit las, als ich Oxi wiederentdeckte und wieder mit der Musik anfing. Sie schreibt, dass das Leben, das man verschmäht, das man aus Feigheit oder Scham hinter sich lässt, keineswegs dahinwelkt. Sondern im Gegenteil immer weiterwächst und den Weg überwuchert, der vor einem liegt.

Übrigens: Oxi ist das griechische Wort für Nein. Bekanntlich gilt nein zu sagen heute als wichtige Selbstführungskompetenz. Aber vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung moderner Lebensführung nicht darin, Grenzen zu ziehen und Nein zu sagen, sondern woanders: darin, den Dingen mehr Raum zu geben, die uns lebendig machen, und auf die richtige Weise Ja zu dem zu sagen, was uns wirklich wichtig ist.

In ihrem sehr lesenswerten neuen Buch beschreibt die Unternehmerin Birgit Amelung diese Fähigkeit als Multifokus. Sie bricht damit nicht nur mit der Idee, dass man alles gleichzeitig und auf einmal schaffen muss, sondern auch mit dem verbreiteten Dogma, dass man sich möglichst immer nur auf eine Sache fokussieren solle. Amelung spricht sich vielmehr für ein vielfältiges Leben aus, das es uns ermöglicht, ganz verschiedene Interessen nebeneinander, aber fokussiert auszuleben. Sie widerspricht der Vorstellung, ein erfülltes Leben müsse sich zwangsläufig um eine einzige zentrale Berufung drehen.

Was, wenn das für mich nicht funktioniert? Ich möchte mich nicht einschränken, nicht nur auf eine Sache fokussieren. Ich möchte all das, was mir wichtig ist, in mein Leben integrieren!

Dabei dachte ich auch an die vielen Menschen in meinem Umfeld, Frauen und Männer, die oft das Gefühl haben, dies oder jenes käme in ihrem Leben zu kurz. Die sich gern auch anderen Dingen widmen würden, aber nicht wissen, wie und wo sie damit anfangen sollen, und es dann frustriert sein lassen.

Ja, die Kontingenz des Lebens zwingt uns, unsere Optionen zu begrenzen und Chancen liegenzulassen. Aber die Vielfalt des menschlichen Lebens ermutigt uns förmlich dazu, offen zu bleiben und immer wieder neue Richtungen einzuschlagen. Es geht nicht darum, die begrenzte Lebenszeit perfekt auszuschöpfen, indem wir möglichst viele Möglichkeiten gleichzeitig realisieren.

Das Gefühl, die Zeit wirklich auszuschöpfen, erleben wir vermutlich nur dann, wenn wir uns entscheiden, etwas zu tun, und in diesem Moment ganz darin aufgehen, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Anne Michaels schreibt:

Sämtliche Freuden eines Tages, eines Lebens waren gezählt. Freude war zugleich unermesslich, sie reichte über sich hinaus – weil sie einem blieb, und sei es nur in der Erinnerung; und im Körper, selbst wenn sie vergessen wurde.

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