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Fakes, Fakten und die Frage nach der Wahrheit (Internationaler Tag des Faktenchecks)

Am 2. April ist Internationaler Faktencheck-Tag (Si apre in una nuova finestra) (International Fact-Checking Day). Einen Tag nach dem 1. April, ganz nach dem Motto: "April 1 is a day for fools. April 2 is a day for facts."

Den heutigen Artikel zum Thema Faktencheck habe ich gemeinsam mit Jenny Winkler von der Beratungsstelle veritas (Si apre in una nuova finestra) verfasst.

Debatten von Naidoo bis Epstein, bundesweite Diskussion über Deepfakes und Digitale Gewalt (Fernandes-Ulmen (Si apre in una nuova finestra)), Desinformationen von der AfD bis Donald Trump, dazu noch iranische Propaganda, die im Chatfenster auf russische Propaganda trifft – dieser Tage hat es die Wahrheit mal wieder schwer. Gefühlt überall Falschinformationen, Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien. Was viele nicht wissen: Am 2. April ist der Internationale Tag des Faktenchecks. Ein idealer Zeitpunkt also, um gemeinsam mit Jenny Winkler – Projektleitung der Beratungsstelle veritas (Si apre in una nuova finestra) – in diesem gemeinsamen Artikel ein paar grundsätzliche Fragen zu adressieren. Zum Beispiel folgende:       

Sollte man im eigenen Umfeld die Rolle des Factcheckings übernehmen? Und falls ja, auf welche Weise, ohne dass die familiäre Zuneigung zerfasert oder man selbst in einen geistigen Marathon gerät? Wie wirkt faktenbasierte Intervention, wenn sie auf ein bereits ideologisch gesättigtes, emotional hoch aufgeladenes Weltbild trifft? 

Fangen wir grundlegend an. Was ist die Funktion eines Faktenchecks?

Der Zweck des Faktenchecks ist profan und zugleich eminent politisch: Behauptungen, die sich im öffentlichen Raum verbreiten, auf Herkunft, Inhalt und Kontext zu prüfen und so der Verbreitung von Desinformation und Verschwörungstheorien entgegenzuwirken. In einer Medienumgebung, die Erregung belohnt und Tempo über Evidenz stellt, wirkt der Faktencheck als Bremse gegen die menschliche Lust am schnellen Urteil. Faktenchecks stärken zudem die Rechenschaftspflicht von Medienschaffenden, sind aber kein Wundermittel: Wer misstraut, hört nicht hin und integriert die Faktenchecker oft nur als weiteres Element ins festgefügte Weltbild. Nichtsdestoweniger stellen das Überprüfen, Kontextualisieren und Recherchieren von Aussagen, Behauptungen und Hypothesen wichtige Schritte menschlicher Erkenntnis dar. In wenigen Worten: Es geht um Wahrheit.

 

Ein faktischer Drahtseilakt

Man stelle sich folgendes Menü einer konspirativ geprägten Familie vor: Morgens Schrippen und Narrative zur Neuen Weltordnung, zum Nachmittagskaffee alternativ-medizinische Heilsversprechen, am Abendbrottisch Deutschland-GmbH (Si apre in una nuova finestra), Peter Fitzek (Si apre in una nuova finestra) und Bargeldabschaffung. Wer beispielsweise fürs Studium ausgezogen ist, sich etwas aufgeklärt und emanzipiert hat und nun, wissenschaftlich fortgebildet, beim monatlichen Familienbesuch in bester Absicht mit Faktenchecks reagiert, begibt sich auf eine Gratwanderung. Das Tischgespräch wird zum Drahtseilakt zwischen mühsamer Evidenzrecherche, Verweis auf die erhellende Dokumentation und auf lohnende Lektüre, Verweise auf glaubwürdige Quellen. Selbst wer sich behutsam in das Minenfeld faktischer Korrekturen begibt, landet nicht selten im unüberwindlich scheinenden Widerstand der geliebten Elternfigur. 

Wer versucht, mit geliebten Menschen umzugehen, die gegenüber Fakten nicht mehr satisfaktionsfähig sind, erlebt dabei auch oft ein seltsames Ritual der Selbstverwandlung. Zuerst akribisch argumentieren, jedes Detail sezieren, alles auf seine Stichhaltigkeit prüfen. Wie wirken FFP-Masken? Was lässt sich im Fall Epstein belegen, was ist Spekulation? Was sagt das Völkerrecht zum russischen Angriffskrieg, zum US-Angriff auf den Iran? Nach unzähligen Streits dann doch lieber schweigen, innerlich kochen, das Gesagte mit sich selbst ausfechten und doch irgendwie Ruhe bewahren. Irgendwann braucht es kleine mentale Bollwerke, die verhindern, dass jede Diskussion zum persönlichen Erschöpfungskrieg wird, während man den schmalen Spalt offenhält, in dem gelegentlich ein „Vielleicht hast du recht“ oder „Ich habe überreagiert“ durchpasst. Diese Momente sind rar, aber sie verraten oft viel über das Funktionieren menschlicher Überzeugungskraft. Ebenso verraten sie viel über uns. Geht es doch im Streit über Sachthemen nicht nur allein um die Sachthemen – es geht auch um uns! Wer andere von etwas überzeugen will, will sie gleichzeitig von sich überzeugen.

 

Ordnung in einer chaotischen Welt

Es ist ein psychologisches Paradox: Je mehr man argumentativ investiert, desto fester scheint sich die Überzeugung beim Gegenüber zu zementieren. Fakten werden als persönlicher Affront interpretiert, Überzeugungen verschmelzen mit der Identität, die kognitive Dissonanz (Si apre in una nuova finestra) wird zum täglichen Begleiter. In einer sozialen Umgebung, in der Irrtum schnell als Schwäche gilt, hat dieses Verhalten eine beinahe logische Seite: Recht zu behalten fühlt sich gut an, widerlegt zu werden dagegen hat etwas Beschämendes. Vor allem dort, wo Zweifel nicht als Lernmoment, sondern als Gesichtsverlust gelesen werden. „Wie kann man bloß so einen Quatsch glauben?“. „Tut mir leid, das ist leider Bullshit!“ „Wer den Systemmedien traut, ist selbst schuld!“ „Informier‘ dich doch nächstes mal besser!“

Menschen, die im Alltag ein starkes psychologisches Bedürfnis nach Mustern, klaren Regeln und verlässlicher Ordnung verspüren, neigen eher dazu, beispielsweise an Verschwörungstheorien zu glauben. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie, die in der Fachzeitschrift Cognitive Processing (Si apre in una nuova finestra) veröffentlicht wurde. Selbst Personen mit ausgeprägten wissenschaftlichen Denkfähigkeiten sind nicht automatisch immun. Die Vorliebe für starre Strukturen kann so stark sein, dass sie dazu führt, verschwörungstheoretische Deutungen zu akzeptieren, selbst dann, wenn die eigenen analytischen Fähigkeiten eigentlich dagegen sprechen.

Die Befunde legen nahe, dass das bloße Überprüfen von Fakten als Gegenmittel womöglich zu kurz greift. Denn Verschwörungstheorien (Si apre in una nuova finestra) liefern nicht nur Behauptungen, sondern auch etwas äußerst Verführerisches: ein Gefühl von Ordnung in einer chaotischen Welt. Wo die Wirklichkeit widersprüchlich, komplex und unerquicklich offenbleibt, verspricht die Verschwörung eine elegante Dramaturgie mit klaren Rollen, verborgenen Plänen und einer Welt, die, bei aller Dunkelheit, wenigstens erklärbar scheint. Mit anderen Worten: Der Reiz der Verschwörungstheorie liegt weniger im Beweis als im Trost der Struktur. Und gegen diesen Trost kommt selbst das beste Faktenblatt manchmal erstaunlich schwer an. Wer beispielsweise in München nachts Angst hat auf dem Heimweg, wird sich kaum davon beruhigen lassen, dass die Gewaltkriminalität im Bundesland Bayern im Jahr 2025 mit einem Rückgang von 4,5 Prozent gesunken ist und, laut CSU-Innenminister Joachim Herrmann, die seit 1978 beste Sicherheitslage (Si apre in una nuova finestra) zu vermelden ist (abgesehen vom Pandemiejahr 2021).

 

Es geht (auch) um Gefühle

Wer sich schon lange auf der ideologischen Brücke zwischen gesunder Skepsis und Umsturzfantasien bewegt, hat durchaus sinnvolle und gut funktionierende Denkmuster entwickelt. Man erkennt sie an jenen rhetorischen Routinen, die jede Irritation elegant neutralisieren: Wird etwa Birgit Kelles Duktus vom angeblichem „Gender-Gaga“ empirisch eingeordnet (etwa mit Verweis darauf, dass geschlechtergerechte Sprache weder staatlich verordnet noch flächendeckend verpflichtend ist), verschiebt sich die Debatte rasch von der Sach- zur Gefühlsebene. Dann geht es plötzlich nicht mehr um Linguistik oder Statistik, sondern um ein vermeintliches Gefühl von Kulturkampf. Unangenehme Zweifel werden dabei entweder wegrationalisiert oder als notwendige Erstverschlimmerung gedeutet. In solchen dichotomen Denkmustern erscheint das eigene Weltbild naturgemäß als makelloses Weiß, aufgeklärt moralisch und unangreifbar. Und wer gibt schon freiwillig die weiße Weste ab, um sich in das diffuse Grau zwischen den Positionen zu wagen? Dort, wo Verschwörungstheorien oder Desinformationen weltanschaulichen und moralischen Halt bieten, tut Differenzierung weh.

Wer das Gegenüber deradikalisieren, retten oder aus diesem Weltbild herauslösen möchte, steht zudem vor einer heiklen Versuchung: dem paternalistischen Impuls. Der Wunsch zu helfen kann schnell in eine Haltung kippen, in der man sich selbst als rationalen Rettungsanker und das Gegenüber als zu korrigierendes Projekt begreift. Wer ernsthaft einen Dialog offenhalten will, muss deshalb eine unangenehme Tugend kultivieren: das eigene Bedürfnis, Recht zu behalten, zumindest zeitweise zurückzustellen. 

Faktenchecks wirken nämlich vor allem dort, wo das Weltbild noch porös ist. Wo noch differenziert wird. Wo Denkmuster Reflexion zulassen, und wo ein Rest an epistemischer Beweglichkeit vorhanden ist, vielleicht auch jene altmodische Tugend der Achtsamkeit. Entscheidend ist dabei weniger der einzelne Fakt als die Bereitschaft, ihn überhaupt in die eigene Deutung der Welt einzulassen. Dort, wo die psychologische Investition in eine Erzählung die Zukunft noch nicht vollständig determiniert hat, können Fakten tatsächlich noch etwas bewegen. Fest Überzeugte und Extremisten hingegen leben häufig in einer eigentümlichen Mischung aus Selbstaffirmation und Selbstaufopferung. Das eigene Weltbild wird nicht nur verteidigt, sondern als moralische Standhaftigkeit inszeniert. In dieser Logik entsteht ein Anti-Mindset: Offenheit wird zwar rhetorisch beschworen, praktisch aber nur gegenüber Informationen gewährt, die das bestehende Narrativ bestätigen. 

 

Kein Moralisieren, kein Entlarven, keine Demütigung – besser: Augenhöhe!

Wie also factcheckt man im Umfeld, ohne den Dialog sofort zu zerstören? Vielleicht so: nicht als Tribunal, sondern als Angebot. Ein gemeinsames Nachschlagen, ein zweiter Blick auf eine Quelle, die Einladung, eine Studie oder einen Artikel zusammen zu lesen. Keine Moralisierung, kein Entlarven, kein öffentliches Bloßstellen. Menschenfeindliche Aussagen müssen und sollten dabei nicht unwidersprochen bleiben, aber sie brauchen auch keine Bühne. Hilfreicher ist oft eine andere Frage: Warum ist diese Überzeugung gerade jetzt so wichtig? Welche Sorge steckt dahinter? Was macht das mit dir? Manchmal hilft es auch, einen eigenen Bezugspunkt zu nennen, also eine Begegnung, eine Erfahrung oder Beobachtung. So entsteht ein kleiner, aber feiner Empathieraum, in dem nicht sofort Positionen gegeneinanderstehen, sondern zunächst Menschen miteinander sprechen. Sorgen ernstzunehmen bedeutet dabei nicht, jede Schlussfolgerung zu teilen. Aber es hält den Gesprächskanal offen. Faktenchecks sind deshalb keine Zensur. Sie sind eher eine Form der Einordnung; ein Versuch, Kontext herzustellen in einer Welt, in der Informationen schneller zirkulieren als ihre Überprüfung. Sie nehmen dem Gegenüber nicht die Verantwortung für die eigenen Überzeugungen. Aber sie entlasten zumindest ein wenig jene, die versuchen, im Gespräch dagegenzuhalten. 

Und schließlich bleibt noch etwas, das in solchen Debatten erstaunlich selten geworden ist: das eigene Beispiel. Zu sagen: Ich handle heute mit dem Wissen, das mir heute zur Verfügung steht. Erkenntnisse können sich ändern, Meinungen ebenfalls. Und ich bleibe offen dafür, mich selbst zu korrigieren, so wie ich auch bereit bin, die Entschuldigungen anderer anzunehmen. 

Was sind eure Erfahrungen mit Faktenchecks? Recherchiert ihr den Aussagen anderer hinterher? Korrigiert ihr energisch, behutsam, oder lieber gar nicht? Wie fühlt ihr euch, wenn jemand euch korrigiert? Wie macht man es gut? Wie lieber nicht?

Schreibt es gern in die Kommentare oder teilt eure Sicht in den Sozialen Medien!

Weiterführende Links:

Tipps im Umgang mit Verschwö­rungs­gläubigen (Beratungsstelle veritas):

https://www.veritas-berlin.de/de/umgang-mit-verschwoerungserzaehlungen.html (Si apre in una nuova finestra)

Faktencheck-Tipps (Correctiv):

https://correctiv.org/faktencheck/faktencheck-tipps/ (Si apre in una nuova finestra)

Wie erkenne ich Falschmeldungen? (Correctiv):

https://correctiv.org/faktencheck/faktencheck-tipps/2023/05/01/wie-erkenne-ich-falschmeldungen-2/ (Si apre in una nuova finestra)

Beratungsstelle veritas 

Wer selbst Probleme mit Verschwörungstheorien hat oder erlebt, dass Verschwörungsdenken persönliche Beziehungen mit Freunden oder Familie belastet, kann sich gerne bei veritas melden. Veritas (Si apre in una nuova finestra) ist eine Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungserzählungen und bietet – solltet ihr es wollen: auch gern anonym – eine kompetente Beratung, um soziale Beziehungen zu stabilisieren und Leidensdruck, wenn möglich, zu mindern. Veritas ist auch auf Instagram (Si apre in una nuova finestra).

https://www.instagram.com/veritas.beratung/ (Si apre in una nuova finestra)

 

Transparenzhinweis: Ich (Jan Skudlarek) und Jenny Winkler haben bereits oft zusammengearbeitet, darüber hinaus bin ich seit 5 Jahren im wiss. Beirat der Beratungsstelle veritas, die Jenny mittlerweile leitet.

 

Jenny Winkler

Jenny Winkler (M.A. Soziale Arbeit) berät bei veritas zu Verschwörungserzählungen und destruktiven Formen der Esoterik. Seit Januar 2025 leitet sie die Beratungsstelle veritas (Si apre in una nuova finestra). Sie hat zum Ausstieg aus religiösen Bewegungen und weltanschaulichen Gruppen geforscht und absolvierte Weiterbildungen in Online-Beratung (DGOB) sowie in der Beratung zu Religions- und Weltanschauungsfragen (EZW). Derzeit bildet sie sich in systemischer Beratung und Therapie weiter. Neben ihrer Tätigkeit bei veritas ist sie freiberuflich als Lehrbeauftragte an der EH Berlin tätig und vermittelt dort Wissen zum Umgang mit Krisen, Suizidalität und digital gestützten Hilfesettings.

 

Jan Skudlarek

Dr. Jan Skudlarek – Autor, Publizist und Sozialphilosoph. Mich interessiert das große Ganze und das kleine Komplizierte. Alles Wichtige zu mir findest du unter www.janskudlarek.de (Si apre in una nuova finestra).

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https://steady.page/de/janskudlarek/posts/10a71265-b42a-4954-a3ec-869c0c7ca7ff (Si apre in una nuova finestra)

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