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Nein, danke, ich denke noch selbst

Eigentlich wollte ich eine andere Kolumne schreiben, ich hatte mir ein anderes Thema überlegt. Und wie immer zu Beginn eines Themas mache ich eins: Ich recherchiere. Nach sechs oder sieben Minuten fragte mich die vierte KI auf irgendeiner Webseite, ob ich einfach direkt eine Zusammenfassung wolle, da hatte ich dann keine Lust mehr, und dachte mir: Stattdessen schreibe ich jetzt diesen Außer-der-Reihe-Text.

Ich komme mir im Internet mittlerweile so vor, als würde man mir dauernd den sich gerade erst formenden Satz aus dem Mund nehmen. Noch bevor ich etwas fertig in eine Suchmaschine getippt habe, wird schon vervollständig und eine KI-Antwort erscheint. Hast du nicht das gemeint? Hier ist sicherheitshalber die Antwort. Nein, habe ich nicht.

Es macht mich fertig, dieser dauernde Griff nach meinem Kopf, meinem Gehirn, meinen Gedanken, nach etwas, das mir gehört, mir aber abgenommen werden soll – angeblich, um mir mein Leben und meinen Arbeitsalltag “leichter” zu machen. Als sei ich nicht kompetent genug, einzuschätzen, was ich gerade brauche, als sei ich nicht in der Lage, den Text selber zu erschließen. Die Gesellschaft im Optimierungswahn greift nach meiner Langsamkeit und meinen Umwegen. Nach meinem Recht, in der Recherche eine Abzweigung zu nehmen und dabei auf etwas zu stoßen, das ich gar nicht gesucht habe, darauf, ein wenig abzuschweifen und umherzustreunen und ein wenig zu suchen. So ist es ja auch, wenn ich im Wald bin: Ich gehe raus, um einen bestimmten Vogel zu sehen, und komme mit einer Frage über Flechten zurück. Niemand geht im Wald spazieren, um möglichst schnell ans Ziel zu kommen.

Es gibt eine Parallele in der Ökologie zu all dem. Wer einen Wald „optimiert", also Totholz entfernt, den Boden begradigt, alles schön stutzt und schnellwachsende, effiziente Pflanzen setzt, bekommt einen aufgeräumten Forst. Der scheint erstmal total effizient, klar, aber das Ökosystem verarmt, und eine Monokultur ist nicht mehr selbsterhaltend sondern in absoluter Abhängigkeit von außen. Das war es dann mit der Effizienz. Totholz ist Lebensraum für Hunderte von Arten, von Käferlarven bis zu Pilzen, die wiederum Tiere und Pflanzen ernähren. Das Unaufgeräumte hält den Wald am Laufen. Ob das für menschliche Köpfe ähnlich gilt, ist eine Frage, die mich gerade umtreibt. Ich denke: Ja. Ohne Abschweifung keine Idee, keine Kreativität. Wenn ich nur noch effiziente Gedanken pflanze, eine uninspirierte Monokultur aus Worten, um Informationen einfach schnell zu verarbeiten und auch euch zu übermitteln, brauche ich irgendwann immer Hilfe von außen, da meine Kreativität absterben würde. Nachdenken braucht Übung und Zeit, das ist der Kern dieser ganzen Kür, das geht nicht von jetzt auf gleich. Nachdenken, überlegen, ein bisschen herumträumen und grübeln ist wichtig, das ist das, was uns Menschen ausmacht.

Es gibt diesen Moment beim Schreiben, den wahrscheinlich alle kennen, die regelmäßig Texte verfassen müssen: Man sitzt vor einem leeren Dokument und es passiert erst mal gar nichts. Die Gedanken kreisen, man trinkt Kaffee, starrt aus dem Fenster, schreibt einen Satz und löscht ihn wieder. Das fühlt sich an wie Zeitverschwendung, und rein technisch betrachtet ist es das vielleicht auch. Aber in dieser Leere formt sich etwas, in diesen Wörtern, die man eintippt und bei denen man sich dann denkt: Wow, was für ein Schrott. Der gute Gedanke, der am Ende hoffentlich auf dem Papier steht, hat diese Phase gebraucht, hat die Unordnung gebraucht, das Chaos, diese etwas verkrachten Umwege über eine oder zwei wirklich schlechte Ideen. Ich musste Marianengraben einmal in sehr schlecht schreiben, um zu sehen, wie ich es nicht machen will. Und wieder. Und wieder. Wenn mir ein Programm anbietet, diesen Prozess zu überspringen, wenn es mir direkt drei Varianten eines Gedankengangs für meinen Text liefern will, bevor ich überhaupt weiß, was ich sagen will, was das für ein Text werden soll, dann ist das eine perfekte Technik, um zu scheitern.

Mich macht das alles so müde.

„Effizienz" ist inzwischen Maßstab für Dinge geworden, die gar keine Effizienz brauchen. Wir denken: Ein Spaziergang wird effizienter, wenn ich ihn tracke, Essen wird effizienter, wenn es möglichst schnell möglichst wenig nervig zuzubereiten ist, Recherche wird effizienter, wenn eine KI mir das Suchen abnimmt. Das Paradoxe daran: Je mehr mir abgenommen wird, desto erschöpfter bin ich. Vielleicht, weil die Entlastung sofort neue Räume für neue Optimierungen schafft. Die freigesparte Zeit füllt sich mit den nächsten Mails, der nächsten Aufgabe, es gibt immer was zu erledigen, nie gibt es Pause, kennt man ja. Außerdem wird mir der Spaß an der Sache genommen, ich verzettel mich nämlich recht gerne. Ich liebe es, bei Wikipedia zum Thema Symbiose einzusteigen und nach zwei Stunden auf der Wiki-Seite über Beechey Island wieder rauszukommen.

Und vielleicht ist das alles auch der Grund, warum ich in letzter Zeit wieder öfter rausgehe. Länger draußen bleibe. Dinge anfasse. Baumrinde, Moos, die rissige Oberfläche eines Feldsteins, die kleinen Knubbel eines alten Astes. Meine Finger suchen etwas, das Widerstand hat, vielleicht ein bisschen kratzt, das eine Geschichte in seiner Textur trägt und die ich nachspüren kann. Ich merke, wie sehr mir das fehlt: Oberflächen, die eine Struktur haben. Fast alles, was wir im Alltag berühren, ist glatt. Die Geräte, die Küchenschubladen, das Waschbecken, die Autos, Tastaturen, die Maus, das Trackpad, ein Thermosbecher, der Kugelschreiber, der Tablet-Pencil. Das fällt mir immer auf, wenn ich über die geschuppte Rinde eines Nadelbaums streiche, wenn ich barfuß im Garten stehe und wie so ein Hippie die Grashalme an meinen Füßen kitzeln spüre. Es fällt mir auf, wenn ich all die glatten Sachen ansehe, den Bildschirm anstarre wie jetzt gerade und mich eigentlich nach dem Anblick von Rinde, Kruste, von Nadeln und vielen kleinen Blättern regelrecht verzehre, wenn ich mich danach sehne, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen und Bienen zu hören, fließendes Wasser, Vogelrufe und das leise Gemurmel von Menschen, die sich beim Spaziergang unterhalten. Und immer denke ich dabei: Uns wurde etwas genommen.

Mir fehlen auch die Farben. Ich bin Biologin, ich weiß, was Farbe in der Natur bedeutet: Lockruf, Warnung, Tarnung, Temperaturregulation. Farbe ist Information, Kommunikation, sie hat eine Funktion, sie ist Ergebnis von Millionen Jahren Selektion. Und dann schaue ich mich um in der Stadt. Die Autos sind grau, schwarz, weiß. Die Gebäude beige oder anthrazit. Die Jacken der Passantinnen und Passanten dunkelblau oder schwarz. Es ist, als hätten wir uns alle darauf geeinigt, dass Farbe etwas Unseriöses hat, ein bisschen peinlich und altmodisch ist. Dass visuelle Zurückhaltung (=Langeweile) gleichbedeutend mit Geschmack ist, dass nichts unser Auge mal so richtig interessieren und neugierig machen darf. Bloß nicht innehalten, bloß nicht stehenbleiben und etwas länger betrachten, es ist nicht effizient, hast du nichts zu erledigen, hast du es nicht eilig? Unser Kanzler sagt, wir seien alle faul, also lauf, lauf, schneller, schneller, s c h n e l l e r!

Ich kann das alles nicht mehr.

Es macht mich fertig. Ich sehne mich nach mehr Einfachheit, allerdings nicht nach Trad-Wife-Ästhetik mit Kittelschürze und weniger Rechten und Freiheiten. Das ist auch so eine Spielart der Überforderung vieler Menschen: Man sehnt sich nach etwas weniger Komplexität, nimmt die falsche Abzweigung und lässt sich auf TikTok oder Instagram erzählen, wieso man sich dem richtigen Mann, der es gut mit einem meint, durchaus unterordnen könne. Das meine ich nicht mit Einfachheit. Ich will meine eigenen Entscheidungen treffen, mein eigenes Leben führen, aber ich will nicht, dass mir die ganze Zeit jemand dabei in meinen Kopf bohrt und da reinbrüllt, und ja, es brüllt von allen Seiten. Ich hab das Gefühl, ich brauch mal ne Pause, muss mal richtig nachdenken, muss aufhören zu rennen und Mails zu beantworten und mir Sachen zusammenfassen zu lassen und Artikel zu lesen und zu hören und Bluesky zu scrollen und Instagram zu posten und Whatsapp zu antworten und alles zu tun, außer mir selbst mal zuzuhören.

Ich hab auch keine Lösung dafür parat, für … <gestikuliert unsicher in die Ferne> … all das. Diese gnadenlose (Post-)Moderne, die ihre Klauen in uns schlägt und uns verrückt macht. Ich kann nichts anderes tun als rausgehen, mich hinhocken und wie in Rebellion gegen diese ganze Optimierung eine Flechte betrachten, sie anstupsen und ihre Struktur an meinen Fingerspitzen fühlen, kann mich einfach nur drei Stunden draußen an den Fluss stellen und den Eisvogel beobachten, obwohl ich eigentlich anderes zu tun hätte, und gerade ist das okay für mich. Da kann ich keine KI sehen oder hören, die mich fragt: Soll ich das für dich zusammenfassen?

Nein danke, ich denke noch selbst.

Bis zum nächsten Mal

Jasmin

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