Weißt du noch, dass ich die Ökosystemreihe gestartet und direkt nach der Ausgabe mit dem Fluss wieder VERGESSEN habe? Tja. Jedenfalls ist es mir siedend heiß eingefallen, und deshalb nehme ich dich heute mit in den Wald. Schauen wir uns mal an, wie dieses Ökosystem funktioniert!

Zum ersten Teil der Reihe kommst du hier» (Si apre in una nuova finestra)
Forst, Wald, Urwald: Worüber reden wir eigentlich?
Wenn von „dem Wald“ die Rede ist, meinen Menschen ganz unterschiedliche Dinge, und die Unterschiede sind ökologisch echt relevant. Fangen wir deshalb mit einer Klärung der Begrifflichkeiten an.
Einen Forst legen Menschen gezielt an und bewirtschaften ihn, weil die Bäume dort in erster Linie als Rohstoff dienen. Typischerweise pflanzen Forstwirte dort gleichaltrige Bäume einer einzigen Art wie Fichte oder Kiefer streng in Reih und Glied und ernten sie nach einigen Jahrzehnten. Dadurch fehlen alte Bäume, Totholz und eine vielschichtige Struktur, weshalb viele Arten dort keine Nische finden. Wenn viele Leute an einen Wald denken, haben sie eigentlich genau so einen Forst vor ihrem inneren Auge oder kennen sogar gar nichts anderes.
Ein naturnaher Wald entspricht dagegen fast genau dem, was an einem Ort ganz von allein wachsen würde. Hier mischen sich verschiedene Baumarten und Altersstufen: Es gibt junge und alte Bäume, stehendes und liegendes Totholz, Lücken im Kronendach und eine reiche Krautschicht. Menschen nutzen solche Wälder zwar teilweise noch wirtschaftlich, gehen dabei aber schonend vor und nehmen Rücksicht auf die natürliche Dynamik.

Ein Urwald schließlich ist ein Wald, den wir Menschen nie oder zumindest seit sehr langer Zeit nicht mehr angerührt haben. Fachleute beschreiben ihn noch etwas genauer als Primärwald, wenn dort noch nie jemand gerodet hat, und als Sekundärwald, wenn die Natur nach einer früheren Nutzung über Jahrhunderte oder Jahrtausende wieder von selbst einen naturnahen Zustand erreicht hat. Das Besondere am Urwald: Er durchläuft alle natürlichen Phasen, inklusive der Zerfallsphase. Mächtige alte Bäume sterben ab, brechen zusammen und vermodern über Jahrzehnte in aller Ruhe. Im Wirtschaftswald fehlt genau diese Phase fast komplett, obwohl ein gewaltiger Teil der Artenvielfalt genau davon abhängt.
Echte Urwälder haben wir in Deutschland praktisch verloren. Uns bleiben nur noch winzige „urwaldartige“ Reliktflächen und einige alte Buchenwälder, in die wir Menschen lange kaum eingegriffen haben. Seit 2011 gehören fünf dieser Gebiete zum UNESCO-Weltnaturerbe. Dazu zählen der Nationalpark Hainich in Thüringen, der über vierzig Jahre als militärisches Sperrgebiet diente, und der Grumsiner Forst in Brandenburg, ein alter Buchenwald und ehemaliges Staatsjagdgebiet der DDR. Wegen des damaligen Betretungsverbots hatte die Natur dort abseits der Jagd weitgehend ihre Ruhe. Beide Gebiete blieben durch ihre Abgeschiedenheit fast völlig unberührt.
Wie ein Wald entsteht
In unseren Breiten bleibt eine freie Fläche selten lange kahl. Setz dich an einen verlassenen Acker oder eine Brandfläche, warte ein paar Jahrzehnte (ja, ok, vielleicht solltest du zwischendrin mal nach Hause gehen und duschen), und du beobachtest eine Entwicklung, die Fachleute Sukzession nennen. Sie verläuft in Etappen, fast wie ein Menü mit mehreren Gängen.
Zuerst tauchen die Pioniere auf. Bäume wie Birke, Salweide, Espe und Kiefer haben viele und sehr leichte Samen, die der Wind weit tragen kann. Außerdem wachsen diese Pflanze schnell, vertragen die pralle Sonne problemlos und erobern auf diese Art offene Böden in Windeseile. Allerdings leben sie nicht sehr lange und werfen nur wenig Schatten. Unter diesem lichten Blätterdach keimen dann die Bäume der nächsten Runde. Arten wie die Rotbuche kommen gut mit dem leichten Schatten der Pionierarten zurecht und schieben sich langsam, aber unaufhaltsam nach oben. Eine junge Buche kann jahrelang im Halbdunkel ausharren, bis sie genau in dem Moment durchstartet, in dem ein alter Pionierbaum stirbt und eine rettende Lücke ins Kronendach reißt. Am Ende bildet sich in weiten Teilen Mitteleuropas eine sogenannte Schlusswaldgesellschaft, und die Buche beherrscht diesen Wald. Sie verdrängt ihre Konkurrenz, weil ihr dichtes Laubdach so wenig Licht durchlässt, dass am Boden kaum noch eine andere Pflanze hochkommt.

Welcher Wald am Ende genau entsteht, entscheiden Standortfaktoren wie Klima, Bodenart, Wasserangebot und Lichtverhältnisse. Auf trockenen Sandböden setzt sich eher die Kiefer durch, in Mooren und Auen übernehmen andere Arten wie Birken, Erlen oder Eichen, und im Hochgebirge dominiert die Fichte, weil sie dort von Natur aus hingehört. Das erklärt übrigens auch, warum so viele Fichtenforste im Flachland heute solche Probleme haben: Dort wächst ein Gebirgsbaum einfach am falschen Platz, wovon ich ja schon im letzten Artikel über Borkenkäfer erzählt habe.
Das hier ist die kostenlose Ausgabe von SCHREIBERS NATURARIUM, die alle 2 Wochen erscheint. Sie wechselt sich mit der kostenpflichtigen Ausgabe für Unterstützerinnen und Unterstützer ab. Wenn ihr die Kolumne wöchentlich haben und mich und meine Umtriebe in der Natur unterstützen könnt und Lust auf Goodies wie eBooks oder Post habt, könnt ihr das hier machen:
Die Stockwerke des Waldes
Beim Fluss haben wir den Aufbau von der Quelle bis zur Mündung und im Querschnitt betrachtet. Beim Wald lohnt sich vor allem eine eher vertikale Perspektive, denn ein Wald ordnet sich in Etagen, fast wie ein Haus, und jedes Stockwerk hat eigene Lichtverhältnisse, ein eigenes Klima und eigene Bewohner.

Ganz unten liegt die Wurzel- und Bodenschicht, das dunkle, feuchte Reich der Zersetzer, das wir uns gleich noch genauer anschauen. Hier verlaufen die Wurzeln der Bäume, verflochten mit ihren Pilzpartnern, und hier werden das herabgefallene Laub, tote Tiere und sonstiges organisches Material in Nährstoffe zurückverwandelt, die anschließend wieder nach oben in die Kronen wandern. Im Boden und in der Streu jagen Laufkäfer und Spinnen, Spitzmäuse durchwühlen die Streu, Regenwürmer ziehen welke Blätter in die Tiefe und durchmischen die Erde, während Mikroorganismen die Nährstoffe pflanzenverfügbar machen.
Darüber folgt dann die Krautschicht mit Farnen, Gräsern, Moosen und Blühpflanzen wie Buschwindröschen oder Waldmeister. Diese Frühblüher haben ihre große Stunde im zeitigen Frühjahr, solange die Bäume noch kahl sind und Licht bis zum Boden fällt. Sobald sich das Laubdach über ihnen schließt, ist ihre Saison vorbei, und sie ziehen sich in Zwiebeln, Knollen und Wurzelstöcke zurück, um im nächsten Jahr erneut vorzupreschen. Diese Schicht ernährt eine Menge Tiere: Schnecken und Insekten knabbern an den Blättern, Wildbienen und Schmetterlinge sammeln Nektar und Pollen, und am Boden finden Amphibien wie der Feuersalamander und Reptilien wie die Waldeidechse Deckung und Nahrung.
Die Strauchschicht aus Haselnuss, Heidelbeeren, Holunder und anderen Gehölzen bietet Deckung und Nahrung in mittlerer Höhe. Sie ist auch so eine Art Kinderstube des Waldes, denn hier wachsen die Jungbäume heran, die später einmal eine Lücke im Kronendach füllen werden. Ihre Beeren und Nüsse sind im Herbst eine wichtige Nahrungsquelle, an der sich Vögel, Mäuse, Siebenschläfer und Eichhörnchen bedienen, die dadurch Samen aber auch zu anderen Orten verschleppen und damit beim Verjüngen und bei der Ausbreitung des Waldes helfen. Im dichten Geäst brüten Vögel wie die Mönchsgrasmücke oder das Rotkehlchen geschützt vor Fressfeinden und neugierigen Blicken.
Den Abschluss bildet die Baumschicht, das Kronendach, das wie ein grünes Zelt über allem liegt. Hier findet der Großteil der Fotosynthese statt, und von hier hängt fast alles andere ab, denn dort wird quasi entschieden, wie viel Licht in die unteren Etagen fällt. Je dichter das Dach, desto schattiger und kühler ist es darunter, und desto stärker müssen sich die Pflanzen am Boden auf die wenigen hellen Wochen im Frühjahr verlassen. Oben in den Wipfeln spielt sich ein eigenes Leben ab: Vögel brüten und jagen Insekten in der Luft, Eichhörnchen springen von Ast zu Ast, und der Mäusebussard wacht in den höchsten Gabeln, so wie bei mir ums Eck. Stirbt einer dieser Riesen schließlich und stürzt um, reißt er eine Lücke ins Dach, Licht flutet herein, und der Kreislauf aus Verjüngung und Wettbewerb um den frei gewordenen Platz beginnt von vorn.
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Am Rand
Spannend wird es auch an den Rändern. Der Waldrand ist ein Übergangsbereich zwischen Wald und Offenland, ein sogenanntes Ökoton, und solche Säume sind oft sogar artenreicher als das Innere des Waldes. Dass an der Grenze zweier Lebensräume mehr Arten leben als in jedem der beiden für sich, hat einen eigenen Namen: Ökologinnen und Ökologen sprechen vom Randeffekt oder Kanteneffekt. Diese höhere Biodiversität liegt daran, dass sich hier die Bewohner beider Welten begegnen. Am Waldrand findest du sowohl Arten aus dem geschlossenen Waldinneren als auch vom offenen Grasland, und obendrein auch noch die Spezialisten, die genau diesen Übergang brauchen und sonst nirgendwo vorkommen. Dazu kommt, dass sich auf engstem Raum unglaublich viele verschiedene Strukturen und kleine Klimazonen drängen.

Ein intakter Waldrand funktioniert ein wenig wie eine Treppe: Er beginnt mit niedrigen Kräutern, geht über in einen Saum aus Stauden und eine dichte “Stufe” aus Sträuchern, bis schließlich die ersten großen Bäume aufragen. Jede dieser Zonen bietet ganz eigene Nischen. Auf nur wenigen Metern wechseln sich sonnige und schattige, warme und kühle, trockene und feuchte Stellen ab, und durch diese große Abwechslung auf kleinstem Raum können viele Arten mit völlig unterschiedlichen Ansprüchen dicht an dicht zusammenleben. Das siehst du besonders gut an den Blüten und Insekten. Der sonnige, windgeschützte Saum wärmt sich schnell auf und blüht die ganze Saison über in voller Pracht. Das zieht massenhaft Wildbienen, Schmetterlinge, Käfer und Schwebfliegen an, und diese Insekten locken dann wiederum Vögel, Spinnen und Fledermäuse an. Reptilien wie die Zauneidechse tanken in den warmen Säumen ausgiebig Sonne, während Vögel in den dichten Sträuchern sichere Nistplätze bauen und direkt davor freie Flugbahnen für ihre Jagd vorfinden. So zieht sich diese Vielfalt durch das komplette Nahrungsnetz nach oben.
Auf Lichtungen beobachtest du denselben Mechanismus im Kleinen. Sobald ein alter Baum umstürzt und eine Lücke ins Kronendach reißt, flutet Sonnenlicht auf den Boden und startet das Leben dort quasi neu: Samen, die viel Licht brauchen (also Lichtkeimer sind) und Pionierpflanzen schießen sofort in die Höhe. Den frischen Blüten folgen rasch die Insekten, und so entsteht mitten im schattigen Wald für ein paar Jahre eine helle, blütenreiche Oase. Genau dieses ständige Wechselspiel aus plötzlicher Störung und schneller Wiederbesiedlung hält einen naturnahen Wald so lebendig und vielfältig. Ein monotoner Forst mit seinem dichten, geschlossenen Blätterdach und den harten, abrupten Rändern lässt solche fließenden Übergänge dagegen kaum zu.

Eine Einschränkung gehört dazu: Der Randeffekt steigert die Artenzahl und die Biodiversität jetzt auch nicht grenzenlos. Wo Wälder durch Straßen, Felder und Siedlungen immer stärker zerschnitten werden, wächst zwar die Anzahl von Randbereichen, doch das geht zulasten der Arten, die eben auch ein ungestörtes Waldinneres brauchen, etwa scheue Vögel oder Tiere, die viel Ruhe und große zusammenhängende Flächen benötigen. Viel Rand ist also nicht pauschal gut. Wertvoll ist der breite, gestufte, naturnahe Übergang, problematisch die harte Schnittkante einer durch uns zerstückelten Landschaft.
Der Waldboden
Jedes Jahr fällt eine gewaltige Menge Laub, Nadeln, Zweige und abgestorbenes Wurzelmaterial zu Boden. Würde das einfach liegen bleiben, läge der Wald binnen weniger Jahrzehnte unter einer meterdicken Streuschicht begraben. Stattdessen arbeitet dort ein Heer aus winzigen Lebewesen, das diese Streu zerlegt und in fruchtbaren Humus verwandelt. Regenwürmer ziehen Blätter in ihre Gänge und durchmischen die Erde, Asseln und Tausendfüßer zerkleinern grobes Material, Springschwänze und Hornmilben verarbeiten die feineren Reste, und Pilze sowie Bakterien erledigen den chemischen Feinabbau bis zu den Mineralstoffen, die die Bäume erneut aufnehmen können. In einer Handvoll gesundem Waldboden leben mehr Organismen, als Menschen auf der Erde wohnen.

Mykorrhiza: die Partnerschaft zwischen Pilz und Baum
Wenn wir über den Waldboden reden, kommen wir an einer der schönsten Symbiosen der Natur nicht vorbei. Fast alle Bäume gehen eine enge Lebensgemeinschaft mit Pilzen ein, die Mykorrhiza heißt, übersetzt etwa „Pilzwurzel“. Die feinen Pilzfäden, die Hyphen, legen sich um die Baumwurzeln oder dringen sogar in sie ein und vergrößern die aufnehmende Oberfläche enorm. Über das Pilzgeflecht erreicht ein Baum Wasser und Nährstoffe weit jenseits seiner eigenen Wurzeln. Die hauchdünnen Hyphen wachsen in feinste Bodenporen hinein, die für die vergleichsweise dicken Wurzeln unerreichbar bleiben, und erschließen so ein Bodenvolumen, an das der Baum allein nie herankäme. Natürlich “bezahlt” der Baum auch für diesen Service: Der Pilz liefert dem Baum Wasser und schwer erreichbare Nährstoffe, vor allem Phosphor und Stickstoff, die im Boden oft gebunden vorliegen und ohne Hilfe kaum aufzunehmen wären. Der Baum gibt im Gegenzug Zucker und andere Kohlenhydrate aus seiner Fotosynthese ab, denn der Pilz kann selbst keine Energie aus Licht gewinnen und ist auf diese Lieferung angewiesen. So ist das eine Win-Win-Situation für beide Parteien.
Diese Lebensgemeinschaft tritt in verschiedenen Formen auf. Bei vielen heimischen Waldbäumen wie Buche, Eiche, Fichte und Kiefer findet sich die sogenannte Ektomykorrhiza, bei der der Pilz die Wurzelspitzen wie ein Mantel umhüllt und sich zwischen die äußeren Wurzelzellen schiebt, ohne in sie einzudringen. Zu dieser Gruppe gehört der Fliegenpilz, aber auch viele der Pilze, die du als Speisepilze kennst, etwa Steinpilz oder Pfifferling, deren Hut über der Erde nur der Fruchtkörper eines weit größeren unterirdischen Geflechts ist. Bei der zweiten großen Form, der arbuskulären Mykorrhiza, dringen die Hyphen in die Wurzelzellen ein und bilden dort fein verästelte Strukturen für den Stoffaustausch; diese Variante ist bei krautigen Pflanzen verbreitet und kommt auch bei einigen Bäumen wie dem Ahorn oder der Esche vor. Die Heidelbeere geht noch einmal eine andere Art der Mykorrhiza ein, die ericoide Mykorrhiza.

Dieser Deal zwischen Pflanze und Pilz ist sehr alt. Schon die ersten Landpflanzen vor mehreren hundert Millionen Jahren besaßen vermutlich noch keine richtigen Wurzeln und waren auf Pilzpartner angewiesen, um an Nährstoffe im Boden zu gelangen. Manche Forschende vermuten deshalb, dass die Eroberung des Festlands durch die Pflanzen ohne diese Partnerschaft kaum möglich gewesen wäre. Bis heute zählt die Mykorrhiza zu den am weitesten verbreiteten Symbiosen der Erde, und ein Großteil aller Landpflanzen lebt in irgendeiner Form mit Pilzen zusammen.
Die Sache mit dem „Wood Wide Web“
Jetzt wird es interessant, und hier musst du aufpassen, denn an dieser Stelle vermischen sich richtige Forschung und hübsche Geschichtchen.
Du hast bestimmt schon vom „Wood Wide Web“ gehört, dem Bild vom Wald als großem Netzwerk, in dem Bäume über Pilzfäden miteinander reden, einander warnen und füreinander sorgen. Besonders populär gemacht hat diese Erzählung der Förster Peter Wohlleben mit dem Bild vom „Mutterbaum“, der seine Kinder über die Pilzverbindungen mit Zucker … nun, er benutzt das Wort „stillt“. Hüstel. Das ist eine nette Vorstellung. Die Frage ist nur, was davon wirklich belegt ist.
Eine vielbeachtete Übersichtsarbeit von Jason Karst und Kolleginnen, 2023 in Nature Ecology & Evolution erschienen, hat genau das geprüft und drei verbreitete Behauptungen unter die Lupe genommen. Die erste lautet, dass solche gemeinsamen Pilznetzwerke in Wäldern weit verbreitet seien. Die zweite, dass über sie Ressourcen flössen, die das Wachstum von Keimlingen verbesserten. Und die dritte, dass alte Bäume bevorzugt ihren eigenen Nachwuchs mit Nährstoffen und Warnsignalen versorgten. Das Ergebnis war dann doch eher etwas ernüchternd. Die Forschenden argumentieren, dass die ersten beiden Behauptungen unzureichend belegt seien, weil die Feldstudien zu stark schwankten, die Ergebnisse sich auch durch andere, etablierte Prozesse erklären ließen oder zu begrenzt für allgemeine Aussagen seien. Noch deutlicher fällt das Urteil zur dritten aus, dem Herzstück der Mutterbaum-Erzählung: Für die Idee, dass alte Bäume gezielt Ressourcen und Abwehrsignale an ihre Sämlinge schickten, gebe es keine einzige peer-reviewte, veröffentlichte Studie und auch keinerlei Hinweise dazu. Die Forschenden zeigen außerdem etwas, das mich besonders aufhorchen lässt: In der Fachliteratur selbst habe sich eine Schlagseite entwickelt, positive Effekte solcher Netzwerke häufiger zu zitieren als kritische Befunde. Die schöne Geschichte hat sich also sogar in die Wissenschaft eingeschlichen.

Gesichert ist zweierlei: Pilze können die Wurzeln mehrerer Bäume miteinander verbinden, das passiert tatsächlich. Und unterirdisch wandert Kohlenstoff von einem Baum zum anderen, das ist mehrfach gemessen worden, etwa mit aufwändigen Isotopenmarkierungen unter echten Waldbedingungen. Offen ist die Frage, auf welchem Weg der Kohlenstoff wandert. Fließt er wirklich gezielt durch das verbindende Pilznetz von Wurzel zu Wurzel? Oder gibt der eine Baum den Stoff einfach an den Boden ab, von wo ihn der andere unabhängig wieder aufnimmt, ganz ohne durchgehende Pilzverbindung? Beide Wege führen zum selben Messergebnis, nämlich Kohlenstoff hier wie dort, und genau das macht den Nachweis so schwierig. Eine Arbeitsgruppe hat 2024 vorgeschlagen, genauer zwischen verschiedenen Stufen solcher Netzwerke zu unterscheiden, vor allem zwischen einer wirklich durchgehenden Pilzverbindung von Wurzel zu Wurzel und einem bloßen Nebeneinander von Pilzfäden, das nur wie ein Netz aussieht. Denn um ein echtes gemeinsames Netzwerk zu belegen, müsste man im Experiment ausschließen, dass der Stoff den Umweg über den Boden nimmt, und dieser strenge Nachweis gelingt im Wald kaum je. Viele Studien, die auf den ersten Blick ein Netzwerk zu zeigen scheinen, könnten den beobachteten Transfer deshalb genauso gut über den Boden oder über getrennte Pilzgeflechte erklären. Heißt: Wir wissen das alles gar nicht so genau und haben uns vielleicht einfach eine Erklärung zusammengeschustert, die so schön und vertraut klingt, weil wir selber Säugetiere sind und uns um unseren Nachwuchs kümmern.
Aber auch hier gibt es natürlich Widerspruch. Suzanne Simard, die kanadische Forstwissenschaftlerin, deren Arbeiten Wohlleben und andere inspiriert haben, hat 2025 gemeinsam mit Kolleginnen eine ausführliche Erwiderung veröffentlicht und verteidigt darin ihre Befunde zum Kohlenstofftransfer. Diese Antwort erschien allerdings bei Frontiers, einem Verlag, den ich aus verschiedenen Gründen nicht besonders schätze und dessen Begutachtungspraxis immer wieder in der Kritik steht. Das heißt nicht, dass Frontiers-Paper prinzipiell Humbug sind, aber ich frage mich dann doch, wieso es so eine eigentlich bahnbrechende Entdeckung nicht in Nature oder Science geschafft hat. Außerdem ist es nur ein Opinion-Artikel, also generell mit Vorsicht zu genießen.

Eine andere Antwort kommt von einer Gruppe um Tamir Klein, erschienen 2023 auf der EU-Plattform Open Research Europe. Bemerkenswert ist, dass an dieser Arbeit unter anderem Jason Hoeksema mitschrieb, einer der Autoren des kritischen Nature-Papers, was zeigt, dass hier über die Lager hinweg argumentiert wird, was ich immer erst einmal gut finde. Die Gruppe räumt ein, dass es angesichts vieler Störfaktoren in Feldexperimenten weit mehr Forschung braucht, hält aber fest, dass die Belege für den Kohlenstofftransfer durch die Pilzverbindungen solide sind und sich mehren, etwa durch eine Isotopenstudie, die den markierten Kohlenstoff direkt im verbindenden Pilz nachwies. Mit der fürsorglichen Mutterbaum-Erzählung hat dieser eng umrissene Befund allerdings nichts zu tun.
Du merkst, das ist eine offene wissenschaftliche Debatte, und genau so möchte ich sie dir auch präsentieren. Ich persönlich stehe eeeeeher auf der Seite der vorsichtigen Lesart aus dem Nature-Paper: Pilz und Baum sind Partner, Pilze verbinden Wurzeln, und Stoffe wandern unter der Erde. Ob daraus ein fürsorgliches Kommunikationssystem wird, in dem Mutterbäume ihre Kinder umsorgen, halte ich für deutlich überzogen. Ich meine: In einem Sachbuch kann man das durchaus als scherzhaftes Stilmittel verwenden, sowas mache ich ja auch. Das sollte dann aber auch deutlich werden und nicht als Fakt präsentiert werden.
Das ist meine Einschätzung nach der aktuellen Quellenlage, und du darfst dir gern deine eigene bilden, denn ich habe nicht “Recht” oder sowas, will ich auch gar nicht haben, und du siehst ja, dass das alles noch gar nicht abschließend geklärt ist. Vielleicht kommt ja bald der Beweis, dass Bäume ihre Kinder “stillen”, dann ist ja alles fein. Schauen wir mal.

Das Totholz
Stehende tote Stämme und liegende, vermodernde Stämme gehören zu den artenreichsten Strukturen im Wald überhaupt. Wie wichtig sie sind, zeigt eine einzige Zahl: Schätzungsweise ein Drittel aller Arten, die in mitteleuropäischen Wäldern leben, ist in irgendeiner Phase seines Lebens auf Totholz angewiesen. Solche Arten bezeichnet man als xylobiont, von den griechischen Wörtern für Holz (xylo-) und Leben (-biont). Bei den Käfern ist der Anteil sogar noch höher, mehr als die Hälfte von ihnen lebt zeitweise im oder am toten Holz.

Ein toter Baumstamm verschwindet nicht einfach, sondern durchläuft über Jahrzehnte mehrere Phasen mit jeweils anderen Bewohnern. Zuerst besiedeln sozusagen Totholz-Pionierinsekten Rinde und frisches Holz. Dann weichen Pilze und Bakterien das harte Material auf, woraufhin weitere Tiere das mürbe Holz zerkleinern. Am Ende entsteht fruchtbarer Humus, der den Boden anreichert und die nächste Baumgeneration nährt. Dieser langsame Abbau gibt Nährstoffe frei und bindet langfristig Kohlenstoff – ein perfektes System!
Ebenso wichtig sind alte, noch lebende Bäume mit Totholzanteil. In absterbende Äste zimmern Spechte Höhlen, die später Fledermäuse, Käuze oder Kleinsäuger beziehen. Im Inneren mancher Methusalembäume bilden sich über Jahrzehnte Mulmhöhlen voll zersetztem Holzmehl. Darin leben Spezialisten wie der Eremitenkäfer. Weil hier totes und lebendes Holz ineinandergreifen, nennen Fachleute solche wertvollen Exemplare Habitatbäume oder Biotopbäume.
Wie viele Arten ein Baum beherbergt, hängt stark von seiner Art ab, und zwar unabhängig davon, ob er noch lebt oder schon abgestorben ist. Ausschlaggebend ist das Holz selbst. Die Eiche ist dabei die unangefochtene Königin der Artenvielfalt, denn an ihrem Holz leben rund 650 holzbewohnende Käferarten. Buchenholz bringt es auf etwa 240, Fichtenholz auf gerade einmal 60. Schon daran siehst du, warum ein vielfältiger Laubwald mit alten Eichen ungleich mehr Leben trägt als ein gleichförmiger Nadelforst. Ein wichtiger Punkt kommt hinzu: Holz allein genügt nicht, es braucht auch Licht. Sonnenbeschienene Stämme an warmen Waldrändern oder auf Lichtungen beherbergen weit mehr Arten als solche im tiefen Schatten, weil viele Käfer die Wärme zur Entwicklung brauchen. Manche Käfer sind bei all dem so anspruchsvoll, dass sie heute nur noch in den letzten ursprünglichen Wäldern überleben. Ihr Vorkommen gilt deshalb als Anzeiger für besonders alte, naturnahe Bestände, und Fachleute nennen sie Urwaldreliktarten. In Deutschland zählen rund 115 Arten dazu.
Trotz all dieser Argumente räumen Forstbetriebe Totholz oft weg – aus Angst vor “Schädlingen” oder weil es “unordentlich” wirkt. Diese Sorge ist meist unbegründet, da typische Totholzbewohner keine gesunden Bäume befallen. Etwas detaillierter bin ich ja hier drauf eingegangen:
https://steady.page/de/jasminschreiber/posts/91486ba3-4bad-494c-b1be-8f50cf1c6b0f (Si apre in una nuova finestra)Der ständige Aufräumdrang schadet der Artenvielfalt enorm. Belassen Försterinnen und Förster alte Bäume und liegende Stämme hingegen gezielt im Wald, retten sie damit den Lebensraum zahlloser Tiere. Und deshalb schauen wir uns jetzt an, wer da eigentlich wohnt.
Wer lebt alles im Wald?
Klar, im Wald leben Reh, Fuchs und Wildschwein, das weiß jedes Kind. Spannender wird es, wenn man danach fragt, wer hier mit wem verbandelt ist.

Den blau-braun gefiederten Eichelhäher hörst du definitiv schon, bevor du ihn überhaupt siehst. Als einer der wichtigsten „Förster des Waldes“ sammelt dieser Rabenvogel im Herbst unzählige Eicheln und Bucheckern, die er einzeln als Wintervorrat im Boden vergräbt. Weil er einen erheblichen Teil dieser Verstecke dann letztlich vergisst oder nicht braucht, wachsen oft hunderte Meter vom Mutterbaum entfernt neue Eichen heran. Sein Verwandter im Gebirge, der Tannenhäher, treibt dieses Zusammenspiel sogar noch auf die Spitze: Er versteckt im Lauf seines Lebens weit über hunderttausend Samen der Zirbelkiefer und spürt rund 80 Prozent davon selbst unter einer dicken Schneedecke wieder auf. Bis heute verstehen Forscher nicht völlig, wie sein außergewöhnliches räumliches Gedächtnis dabei funktioniert. Da die Zirbe ebenfalls schwere, flugunfähige Samen bildet, verlässt sie sich für ihre Ausbreitung fast vollständig auf diesen einen Vogel – verschwindet der Häher aus einer Region, stirbt über kurz oder lang auch der Baum.
Direkt unter deinen Füßen arbeitet derweil eine gewaltige Recyclinganlage. Hier spielen Pilze die heimlichen Hauptrollen, wobei manche weit mehr leisten, als nur herabgefallenes Laub zu zersetzen. Die mit den Baumwurzeln verflochtenen Mykorrhizapilze, über die ich gerade geschrieben habe, helfen nicht nur den Bäumen, sondern wirken auch wie ein Filter. Sie fangen giftige Schwermetalle wie Blei oder Cadmium in ihrem eigenen Geflecht ab und verhindern so, dass die Schadstoffe überhaupt in den Baum eindringen.
Und auch im toten und kranken Holz knüpfen die Waldbewohner spannende Allianzen. Manche Borkenkäfer transportieren gezielt Pilzsporen und impfen das Holz regelrecht damit, weil der Pilz die pflanzliche Abwehr bricht und den eigenen Larven später als Nahrung dient. Als eingespielte Komplizen bringen Käfer und Pilz gemeinsam selbst stattliche, aber geschwächte Bäume zu Fall. Diese Holzfresser rufen wiederum sofort spezialisierte Jäger auf den Plan: Während der Ameisenbuntkäfer unter der Rinde direkt Jagd auf die Borkenkäfer macht, bohren die Weibchen der auf die Borkenkäfer spezialisierten Schlupfwespen ihren haarfeinen Legestachel zielsicher durch das feste Holz. Sie spüren die verborgenen Käferlarven auf und funktionieren diese gnadenlos zur lebenden Kinderstube für den eigenen Nachwuchs um.

Ein paar Etagen höher betätigt sich der Specht als fleißiger Architekt. Wenn er eine mühsam gemeißelte Baumhöhle nach nur einer Saison wieder räumt, hinterlässt er eine begehrte Wohnung für all jene, die selbst keine entsprechenden Bau-Skills haben. Ohne sein handwerkliches Geschick säßen Meisen, Hohltauben, Fledermäuse, Siebenschläfer und Käuze sprichwörtlich auf der Straße. Fehlt der Specht, verliert eine ganze tierische Wohngemeinschaft ihr Dach über dem Kopf, weshalb wir Ökolog:innen ihn als Schlüsselart bezeichnen, von der sehr viele andere Waldbewohner direkt abhängen.
Obwohl dir die großen Säugetiere vermutlich als Erstes in den Sinn kommen, wenn du an Waldbewohner denkst, halte ich mich bei ihnen kurz, auch wenn sie keineswegs nur eine Nebenrolle spielen. Insbesondere Wolf und Luchs prägen als Schlüsselfiguren und oberste Jäger das gesamte Ökosystem, indem sie die Bestände von Reh und Hirsch regulieren und so verhindern, dass die Pflanzenfresser den empfindlichen Jungwuchs des Waldes kahlfressen. Fehlen diese Räuber, vermehren sich die Rehe und Hirsche ungebremst und schädigen den Waldnachwuchs massiv – was nicht dadurch besser gemacht wird, dass Jäger sie im Winter durchfüttern, um sie dann im Sommer abschießen zu können … während sie sich parallel beschweren, dass man viel mehr abschießen müsste, weil die Rehe den Wald bedrohen. Kann sich keiner ausdenken, die kognitive Dissonanz ist hier echt auf dem Peak. Jedenfalls: Beide Raubtiere kehren nach langer Abwesenheit allmählich wieder zurück, wobei speziell der Luchs genau jene dichten, strukturreichen und deckungsbietenden Wälder braucht, um die es hier die ganze Zeit geht. Und über die nächtlichen Jäger unter den Waldtieren – die Eulen und ihre erstaunlichen Anpassungen – habe ich dir an anderer Stelle ja bereits ausführlicher erzählt:
https://steady.page/de/db21f24b-40e6-4c6e-befe-eaa5884eed34/posts/90ad9d70-ed88-4d2a-a5fb-ebf94b1ddab3 (Si apre in una nuova finestra)Was der Wald für uns tut
Wie schon beim Fluss lohnt sich der Blick auf die Ökosystemleistungen, also auf das, was die Natur für uns Menschen erbringt, ohne dass wir dafür bezahlen. Beim Wald ist diese Liste besonders lang.
Kohlenstoffspeicher und Klimaregulierung. Bäume binden beim Wachsen Kohlenstoff aus der Luft und legen ihn in Holz und Boden ab. Ein intakter Wald speichert über lange Zeit gewaltige Mengen CO₂ und wirkt damit der Erderwärmung entgegen. Gleichzeitig kühlt er seine Umgebung, weil die Bäume Wasser verdunsten und Schatten werfen, was in heißen Sommern spürbar angenehmer ist als in der ausgeräumten Landschaft drumherum.
Wasserhaushalt. Der Waldboden arbeitet im Grunde wie ein riesiger Schwamm, der den herabfallenden Regen tief in sich aufsaugt. Indem er das gespeicherte Wasser anschließend nur ganz langsam wieder freigibt, füllt er stetig unsere Grundwasservorräte auf und fängt so gefährliches Hochwasser gut ab. Genau hier schließt sich auch der Bogen zum ersten Teil dieser Reihe, denn solche bewaldeten Einzugsgebiete bestimmen ganz maßgeblich, wie sich das Wasser in riesigen Flusssystemen verhält und am Ende abfließt.
Bodenschutz. Wurzeln halten den Boden fest und schützen vor Erosion durch Wind und Wasser. An steilen Hängen verhindern Wälder Rutschungen und Lawinen.

Luftreinigung. Blätter und Nadeln filtern Staub und Schadstoffe aus der Luft und fangen Feinstaub ab. Mhhhh, die gute Waldluft!
Rohstoff Holz. Holz ist ein nachwachsender Baustoff und Brennstoff, und nachhaltige Forstwirtschaft kann ihn liefern, ohne den Wald zu zerstören, sofern sie die ökologischen Grenzen achtet. Das fällt vielen noch schwer, sach ich mal.
Erholung und Kultur. Der Wald ist ein Ort zum Wandern, Durchatmen und Auftanken. Studien deuten darauf hin, dass schon ein kurzer Aufenthalt unter Bäumen den Stress deutlich (!) senkt. Dazu kommt die kulturelle Bedeutung, von Märchen über Lieder bis zur Malerei der Romantik, die den deutschen Wald geradezu zum Sehnsuchtsort verklärt hat. Hier habe ich ausführlicher darüber geschrieben:
https://steady.page/de/jasminschreiber/posts/fafa583d-7239-472e-bdd2-632e9ecac72d (Si apre in una nuova finestra)Was den Wald bedroht
Seufz, jetzt der schwierige Teil, aber er gehört dazu. Dem deutschen Wald geht es schlecht, und die Zahlen lassen daran keinen Zweifel.
Laut der Waldzustandserhebung 2024 zeigen vier von fünf Bäumen Schäden, nur etwa 21 Prozent sind ohne sichtbare Kronenverlichtung. Über einen vierzigjährigen Beobachtungszeitraum hat sich das Bild deutlich verdüstert. Besonders hart trifft es ausgerechnet die Fichte, die in den vergangenen Jahren die höchste Absterberate aller Hauptbaumarten aufwies. Das hat einen einfachen Grund: Die Fichte ist ein Gebirgsbaum, der über Jahrzehnte in tiefen, warmen Lagen als schnell wachsender Holzlieferant gepflanzt wurde, wo er bei Hitze und Trockenheit unter Stress gerät. Geschwächte Bäume werden zur leichten Beute für den Borkenkäfer, und etwa die Hälfte der geschädigten Bäume war 2024 von ihm befallen.

Die Ursachen greifen ineinander. Der Klimawandel bringt heißere, trockenere Sommer, die den Bäumen Wasser entziehen und sie anfällig machen. Die trockenen, heißen Sommer der vergangenen Jahre wirken nach, bei vielen Bäumen sind Teile der Kronen abgestorben, und die geschwächten Bäume sind anfällig für “Probleme” wie Borkenkäfer, Pilze und Misteln. Dazu kommen Stürme, die ganze Bestände umwerfen können, vermehrte Waldbrände in trockenen Jahren und hohe Stickstoffeinträge aus Landwirtschaft und Verkehr, die das Nährstoffgleichgewicht der Böden stören. Und schließlich verschärfen die strukturarmen Nadelholz-Reinbestände das Problem, weil eine Monokultur aus einer einzigen Art einem Fraßinsekt oder einer Dürre kaum etwas entgegenzusetzen hat. Yay!
Damit sind wir wieder bei der Eingangsfrage nach Forst, Wald und Urwald. Ein artenreicher, mehrschichtiger Mischwald steckt Störungen weit besser weg als ein gleichförmiger Forst, und genau hier liegt der Dauerkonflikt zwischen kurzfristiger Holzproduktion und langfristiger Widerstandskraft des Ökosystems. Es tut sich mittlerweile was, aber meiner Meinung nach kann sich das alles etwas schneller tun, sach ich mal.

Wie kann man Wälder schützen?
Der letzte Abschnitt klang ein bisschen deprimierend, aber es gibt viel zu tun und zum Glück auch viele, die es anpacken. Hier ein paar Ansätze und Projekte.
Waldumbau zu Mischwäldern. Der wichtigste Hebel ist der Umbau der anfälligen Nadelholz-Reinbestände in vielfältige, klimaresiliente Mischwälder mit standortgerechten, teils wärmetoleranten Arten. Das ist mühsam und dauert Jahrzehnte, I know, gilt aber als Schlüssel für die Zukunft.
Prozessschutz in Nationalparks. In Nationalparks wie dem Bayerischen Wald oder dem Nationalpark Hainich darf sich der Wald ohne großes menschliches Eingreifen entwickeln. Hier lässt sich beobachten, wie aus Wirtschaftswald über die Jahrzehnte wieder echte Wildnis wird.
Mehr Wildnis wagen. Naturschutzstrategien sehen vor, einen kleinen Teil der Waldfläche ganz der natürlichen Entwicklung zu überlassen. Diese Flächen sind Rückzugsräume für all jene Arten, die auf alte Bäume, Totholz und ungestörte Abläufe angewiesen sind.
UNESCO-Weltnaturerbe Buchenwälder. Fünf deutsche Buchenwälder tragen seit 2011 diesen Titel: der Grumsiner Forst in Brandenburg, der Nationalpark Kellerwald-Edersee in Hessen, der Nationalpark Jasmund auf Rügen, der Serrahner Buchenwald im Müritz-Nationalpark und der Nationalpark Hainich in Thüringen. Zusammen mit ihren europäischen Partnergebieten in anderen Ländern bewahren sie die letzten naturnahen Reste eines Lebensraums, der einst weite Teile unseres Kontinents bedeckte. Der Titel ist also Schutz und Verpflichtung zugleich.
Totholz und Habitatbäume erhalten. Immer mehr Forstbetriebe lassen gezielt alte Bäume und Totholz stehen, um die Artenvielfalt zu fördern. Schon einzelne erhaltene Habitatbäume machen für viele Tiere einen riiiiiiiiesigen Unterschied!
Aufforstung mit Augenmaß. Bäume zu pflanzen klingt immer gut, ist aber kein Selbstläufer. Werden die falschen Arten am falschen Standort gepflanzt oder dient die Aktion vor allem dem grünen Image eines Unternehmens, wobei danach niemand mehr guckt, ob die Bäume überhaupt anwachsen, bringt sie wenig. Sinnvoll ist Aufforstung dort, wo standortgerechte, vielfältige Wälder entstehen und langfristig gepflegt werden.
Verhaltensregeln im Wald
Mit meiner Kindergruppe bin ich oft in waldähnlichen Gebieten unterwegs, und jedes Mal frage ich nach den Regeln, die für diese Besuche gelten. Die Kids kennen die mittlerweile echt gut, und vielleicht kannst du sie auch bald auswendig aufsagen:
Bleib auf den Wegen. Abseits der Pfade trittst du Jungpflanzen nieder, verdichtest den Boden und scheuchst Tiere aus ihren Verstecken. Besonders in der Brut- und Setzzeit im Frühjahr und Frühsommer reagieren Rehkitze, Bodenbrüter und Co. empfindlich auf Störung.
Nimm deinen Müll wieder mit. Was du hineinträgst, trägst du auch wieder hinaus, und zwar restlos. Auch vermeintlich “Harmloses” wie Obstschalen oder Taschentücher gehört nicht in den Wald, weil es sich langsam zersetzt und Wildtiere anlockt oder fehlleitet. Außerdem braucht der Wald sicherlich nicht die Pestizide, die auf so einer Bananenschale drauf sind.
Lass Totholz, Laub und Pflanzen liegen. Der morsche Stamm und das alte Laub sind Lebensraum und Kinderstube für unzählige Arten. Pflück keine geschützten Pflanzen, und nimm keine Tiere mit, auch keine scheinbar verlassenen Jungtiere, deren Eltern meist in der Nähe warten. Abgesehen davon gilt die Handstraußregel, alles darüber hinaus ist verboten, auch, weil das alles Eigentum der Waldbesitzer:innen ist.
Führe deinen Hund an der Leine. Das regt mich jedes Mal auf. Frei laufende Hunde jagen Wild, oft ohne dass du es bemerkst, und auch ein verspielter Hund kann ein trächtiges Reh in Panik versetzen. In vielen Wäldern gilt im Frühjahr ohnehin Leinenpflicht. Ich empfehle dringend, deine Hunde das ganze Jahr über im Wald an der Leine zu führen, so mache ich das auch. Bisschen Respekt, bitte.
Sei leise. Lautes Rufen, Musik aus der Box oder stundenlange Drohnengeräusche vertreiben Tiere weiträumig. Wer still unterwegs ist, sieht und hört obendrein selbst viel mehr. Es sei denn, du weißt, dass da gerade Wildschweine mit ihren Kids unterwegs sind, dann gerne mal ein Liedchen anstimmen (heißt aber dennoch weder brüllen noch gröhlen), damit die Mutter nicht denkt, du schleichst dich an.
Sammle Pilze und Beeren nur mit Maß und Kenntnis. Für den Eigenbedarf ist das vielerorts erlaubt, in Schutzgebieten aber oft untersagt. Ja, ich spreche die Leute drauf an, wenn ich die im Moor Pilze sammeln sehe. Nimm nur, was du sicher bestimmen kannst, und lass genug für die Tiere stehen, die darauf angewiesen sind.
Verzichte auf offenes Feuer und das Rauchen. Gerade in trockenen Sommern genügt ein Funke. Feuer ist im Wald grundsätzlich nur an ausgewiesenen Stellen erlaubt. Wer sowas macht, dem ist eh nicht mehr zu helfen.
Respektiere Sperrungen und Schutzzonen. Abgesperrte Bereiche dienen meist der Sicherheit oder dem Schutz besonders empfindlicher Lebensräume. Halte sie ein, auch wenn der Grund nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Wenn ich zB Leute erwische, wie sie an den Betreten-Verboten-Schildern während der Brut- und Setzzeit vorbeigehen und die Bereiche betreten, werde ich sehr unangenehm.
Parke nur auf ausgewiesenen Flächen. Zugewachsene Waldwege müssen für Forst- und Rettungsfahrzeuge frei bleiben. Ja, das sage ich den Kindern natürlich nicht, zwischen 7 und 12 bist du eher weniger mit dem Auto auf eigene Faust unterwegs. Aber gilt ja auch für die Eltern.
So, das war es erst einmal. Ich hoffe, du bist jetzt motiviert und planst schon deinen nächsten Waldspaziergang!
Bis zum nächsten Mal
Jasmin
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