Die Schachblume ist die erste Pflanze des Monats! Wusstest du, dass sie ursprünglich gar nicht hier heimisch ist? Das, was eine Stinsenpflanze ist und wieso du nicht von ihr naschen solltest, erfährst du hier.

Diese Rubrik ist für Mitglieder, aber ich dachte mir, ich kann ja mal die erste Ausgabe der Pflanze des Monats für alle schicken, einfach so als kleines Goodie. Die Pflanze und das Tier kommen immer in unterschiedlichen Wochen im Laufe des Monats.
Name:
Schachblume (Fritillaria meleagris)
Lebensraum:
Mag nasse Füße
Braucht Licht, Licht, Licht
Mag es mager und nährstoffarm, reagiert quasi allergisch auf Dünger
Findet frühe Mahd ziemlich uncool
Verbreitung:
Ursprünglich aus Südosteuropa
Seit dem 16. Jahrhundert als Gartenpflanze nach Mitteleuropa gekommen und hier eingebürgert und als sogenannte Stinsenpflanze verwildert
Lebensweise und besondere Skills:
Überdauert die meiste Zeit undercover als Zwiebel und startet dann im Frühjahr durch
Spätzünder: braucht sechs Jahre bis zur ersten Blüte
Zwiebel enthält das Herzgift Imperialin

Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren Steinhäuser in Norddeutschland Luxus. Die meisten Menschen konnten sie sich schlicht nicht leisten, wer doch in Stein wohnte, gehörte zur Oberschicht: Adlige, Klöster, Pastorate, wohlhabende Kaufleute. Im Friesischen nannte man diese Häuser Stins. Zu einem Stins gehörte selbstverständlich ein Garten, und in diesen Gärten pflanzten die Besitzer:innen alles, was Rang und Weltgewandtheit zeigte: exotische Gewächse, importiert von so weit weg wie es nur geht. Einige dieser Pflanzen hielten nicht viel von Sesshaftigkeit und begaben sich auf “Wanderschaft”, aka: Sie verwilderten, breiteten sich auf den umliegenden Wiesen aus und blieben auch noch dann dort, lange nachdem die Steinhäuser selbst verschwunden waren. Die Botanik kennt sie heute als Stinsenpflanzen: lebende Kulturrelikte, die verraten, wo einst jemand mit Geld und Geschmack wohnte.
Die Schachblume ist eine von ihnen. Ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet liegt in Südosteuropa, vom Balkan über Ungarn bis nach Rumänien. Dort wächst sie in lichten Auwäldern oberhalb der Grundwasserlinie. Nach Mitteleuropa kam sie in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und tauchte 1572 erstmals in der botanischen Literatur auf. Im 17. Jahrhundert wurde sie zum Star der Barockgärten. Ein Stillleben des holländischen Malers Jakob de Gheyn II. aus den Jahren 1600 bis 1603 zeigt sie selbstbewusst neben Rosen, Akelei und Maiglöckchen. Im 19. Jahrhundert war der Ruhm vorbei. Die Mode wechselte, die Gärten auch. Zurück blieben verwilderte Populationen auf feuchten Wiesen, die niemand mehr pflegte.

Ein ganzes Blumenmeer
Wer die Schachblume in der Nähe von Hamburg sehen will, fährt Ende April nach Hetlingen in die Haseldorfer Marsch. Auf den Elbwiesen stehen dort rund 80.000 Exemplare, eines der größten Vorkommen Deutschlands. Das jährliche Schachblumenfest zieht Tausende Besucher:innen an, die am Rand der freigegebenen Wiesen stehen und den Anblick genießen. Früher wuchsen die Schachblumen hier so dicht, dass man sie körbeweise pflückte und als Schnittblumen auf Hamburger Wochenmärkten verkaufte. Das ist lange vorbei. Heute steht die Art auf der Roten Liste und unter Schutz der Bundesartenschutzverordnung.

Ihr Überleben auf nassen, nährstoffarmen Wiesen verdankt die Schachblume einer recht effektiven Strategie, die viele Frühblüher machen. Ihre Zwiebel speichert Energie, mit der sie im zeitigen Frühjahr schneller austreibt als die Gräser um sie herum. Schon im April blüht sie und lässt sich von Hummeln und Bienen bestäuben. Wenn im Juni die Gräser endgültig die Oberhand gewinnen, ist sie längst fertig: Wachstum abgeschlossen, Vorräte eingelagert, Saison beendet, ciao Kakao; sie ist also schon wieder im Boden. Auf gedüngten oder entwässerten Flächen geht dieser Plan nicht mehr auf. Dort wachsen die Gräser so schnell, dass die Schachblume schlicht untergeht, weshalb man sie dort nicht antrifft. Dass unser Grünland durch Überdüngung immer nährstoffreicher wird, ist da natürlich ein Problem.

Auch ihre Fortpflanzung ist nichts für Ungeduldige. Anders als viele andere Zwiebelgewächse bildet sie kaum Tochterzwiebeln. Sie setzt fast ausschließlich auf Samen, kleine Leichtgewichte mit Hohlräumen, die im Hochwasser treiben können. An der Elbe ist das ein Vorteil, denn die Tide transportiert das Wasser nicht nur seewärts, sondern bei Flut auch stromaufwärts. Aus einem Samen wächst im ersten Jahr kaum mehr als ein grünes Zipfelchen. Bis zur ersten Blüte vergehen sechs (!) Jahre. Und selbst danach legt die Pflanze gelegentlich eine Pause ein und man denkt, sie ist weg. War das Jahr hart oder wurde sie abgefressen, reichen die Reserven nicht, und im Folgejahr erscheint vielleicht nur ein Blatt, wenn überhaupt. Warum die Bestände von Jahr zu Jahr so stark schwanken, ist bis heute nicht vollständig geklärt.
Die Wiesen bei Hetlingen wurden 1999 als Ausgleichsfläche für die Elbvertiefung gesichert. Landwirte bewirtschaften sie seitdem unter Naturschutzauflagen: keine Düngung, keine Pferdebeweidung, erste Mahd frühestens Ende Juni, damit die Samen ausreifen können. Der frühere Pächter einer der Hauptwiesen hatte nie auf Silage umgestellt und immer spät gemäht, ohne zu wissen, dass er damit ein botanisches Erbe bewahrte. Seit die Flächen geschützt sind, haben sich die Bestände erholt. Die Schachblume hat sogar begonnen, auf benachbarte Wiesen überzuspringen.
Auch bei uns in Hamburg selbst gibt es noch kleine Vorkommen, im Naturschutzgebiet Heuckenlock an der Süderelbe, im Duvenstedter Brook und in Wittenbergen. Sie sind Reste einer Zeit, in der die Elbwiesen unterhalb der Stadt ein durchgehendes Band aus Schachblumen bildeten. Und in meinem Garten, ja, da gibt es sie auch viel, da ich sie dort angesiedelt habe. Finde sie einfach wunderschön!
Die Zwiebel der Schachblume ist übrigens nichts zum Essen. Sie enthält Alkaloide, darunter Fritillin und das Herzgift Imperialin. In hohen Dosen kann es zu Kreislaufbeschwerden, Erbrechen und Krämpfen führen, bei Kindern schon recht schnell zum Herzstillstand. Deshalb: Lieber nur bewundern, ansonsten in Ruhe lassen.
Bis zum nächsten Mal
Jasmin
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