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Wie Angst die Demokratie belebt

Lesezeit: 5 Minuten

Von Dr. Christopher Gohl, MdB a. D. und Geschäftsführer des Weltethos-Instituts, habe ich kürzlich folgenden Satz über die Aufgabe der Demokratie gelesen (Si apre in una nuova finestra), der mich begeistert hat:

„Demokratie nimmt Gefühle ernst und verwandelt sie in Lösungen.“

Der Satz hat mich die letzten Tage begleitet. Meine These dazu ist, dass es der Demokratie aktuell nicht besonders gut gelingt, Gefühle ernst zu nehmen. Im Gegenteil, ich sehe viel Raum für Verbesserung, wenn es um die Umwandlung von Gefühlen in Lösungen geht. Um diese These zu entwickeln, gehe ich zunächst auf mein Verständnis von Gefühlen ein, beschreibe, warum es so schwierig sein kann, sie zu fühlen und skizziere, wie die Politik und Gesellschaft besser darin werden kann, Gefühle zu verarbeiten.

Unechte Gefühle

Gefühle entstehen meist als Reaktion auf Ereignisse. Wir freuen uns, wenn wir einen liebgewonnenen Menschen nach langer Zeit wiedersehen. Wir bekommen Angst bei Bedrohung, werden wütend bei Grenzüberschreitungen und traurig, wenn wir etwas verlieren, das uns wichtig war. Jedes Gefühl hat eine Funktion und wer gut darin ist, Gefühle wahrzunehmen und zu erkennen, besitzt hohe emotionale Intelligenz.

Ich bin sicher, fast jeder Mensch kommt mit der Anlage für einen hohen emotionalen Intelligenzquotienten zur Welt. Leider wachsen wir in Umgebungen auf, die uns abtrainieren, bestimmte Gefühle zu fühlen. In jeder Kultur, in Familien, Organisationen oder auch Nationen, gibt es bevorzugte und unerwünschte Gefühle. In manchen Familienkulturen darf man beispielsweise nicht wütend sein, in anderen nicht traurig oder ängstlich.

Beispiel: Ein Junge hat Angst vor einem bellenden Hund. Sagen die Eltern dann: „Du brauchst dich nicht fürchten. Der tut dir nichts. Sei ein großer Junge!“, dann lernt der Junge, dass seine Gefühlsreaktion falsch ist. Die Angst verschwindet aber nicht, sie wird nur überschrieben. Der Junge ist auf seine Eltern angewiesen und passt sich deshalb an. Er lächelt leicht gequält und will zeigen, dass er es „richtig“ macht. Gleichzeitig entsteht dabei ein Glaubenssatz, z. B. „Ich muss stark sein“, oder: „Wenn ich dazugehören will, darf ich keine Angst zeigen.“

Doch Angst wäre eigentlich die angemessene Reaktion. Sie signalisiert Gefahr und das Bedürfnis, sich zu schützen. Der Junge bräuchte, dass sein Gefühl bestätigt und er beruhigt wird. Dann kann er vielleicht lernen, dass es schön sein kann, einen Hund zu streicheln.

Das Zeigen von Stärke ist an dieser Stelle ein „Ersatzgefühl“. Es passt nicht zum auslösenden Ereignis, aber sichert die Zugehörigkeit zur Familie. Dieses Muster bleibt dann bis ins Erwachsenenalter bestehen und als Erwachsener wird es für diesen Jungen schwierig, Angst zu fühlen. Neuronal sind bei ihm ängstigende Ereignisse mit „selbstbewussten“ Reaktionen verknüpft und die authentischen Angstreaktionen verdrängt.

Politik im Modus der Verdrängung

Solche Muster verdrängter und bevorzugter Gefühle sind auch Teil unserer politischen Kultur. In einer in weiten Teilen patriarchal geprägten Gesellschaft wie in Deutschland, gehören zu den erlaubten Gefühlen Wut, Stärke und Triumph. Unerwünscht sind vor allem Angst und Freude. Das hat Auswirkungen auf die Politik, was ich im Folgenden etwas überspitzt darstelle:

Wer eine Wahl gewinnt, darf sich freuen, schmeißt eine Wahlparty und jubelt. Wer die Wahl verliert, bleibt stoisch, geht vielleicht in Klausur, um dann stärker wiederzukommen und bei der nächsten Wahl zu triumphieren. Während der Wahlperiode wird von Politikern erwartet, dass sie Lösung kennen und Kontrolle haben, sie müssen Stärke und Souveränität ausstrahlen. An der Wahlurne wird belohnt, wer im Wahlkampf Dominanz zeigt und die Deutungshoheit hat. Wähler:innen projizieren vermutlich ihr eigenes Bedürfnis nach Stärke und Kontrolle auf souveräne Führungspersönlichkeiten, um so die eigenen Unsicherheiten nicht fühlen zu müssen.

Gelegentlich gibt es Momente der Andacht oder Fürsorge, zum Beispiel bei einer Katastrophe oder einem Terroranschlag. Aber auch dann müssen Politiker stark sein, sich kümmern und für die Menschen da sein. Ein Politiker darf öffentlich kaum Gefühle zeigen, denn das wird schnell als Schwäche ausgelegt. Angela Merkel hat in der ARD-Doku Schicksalsjahre einer Kanzlerin (Si apre in una nuova finestra) gesagt, dass ihr einerseits vorgeworfen wurde, sie sei nüchtern und berechnend. Doch das eine Mal, als sie sich aber emotional zeigte, zu Beginn der Corona-Pandemie ihre Angst verbalisierte, wurde sie dafür kritisiert und ihr dieser emotionale Ausdruck als Schwäche interpretiert.

Räume der Gefühlsumwandlung

Gefühle zu fühlen, ist nicht nur in der Öffentlichkeit schwierig, sondern allgemein nicht einfach. Deshalb nehmen immer mehr Menschen Therapie und Coaching in Anspruch. Das halte ich für sehr sinnvoll und würde selbst nicht mehr darauf verzichten wollen, in geschützten Räumen mit professioneller Unterstützung zu verstehen, was ich fühle. Denn aus dem Erkennen der eigenen Gefühle entstehen immer neue Handlungsmöglichkeiten, die mir mehr entsprechen und mich authentisch und sinnhaft handeln lassen. Doch ich bin der Meinung: Psychologische Arbeit sollte keine rein individuelle Verantwortung sein, sondern auch in demokratischen Räumen stattfinden.

Wie könnte das aussehen? Nehmen wir den Ukraine-Krieg als Beispiel. Der produziert Angst. Ich stelle mir einen Raum vor, in dem eine Gruppe von Menschen zusammensitzt und mit professioneller Facilitation über diese Ängste spricht. Die Angst, dass Russland die Ukraine einnimmt und dann nicht an der polnischen und deutschen Grenze Halt macht. Die Angst, dass Atombomben geworfen werden. Die Angst vor Kriegsverbrechen und davor, dass Menschen ermordet werden.

Das sind reale Ängste. Aber es gibt wenige Räume, in denen sie in Gemeinschaft gefühlt und verarbeitet werden können. Verarbeiten heißt: Die Gefühle werden ausgesprochen, gehört und bezeugt. Dann können sie sich verwandeln und neue Lösungsideen aufkommen, die tiefgehender und nachhaltiger sind, als wenn die Gefühle unterdrückt werden. Wer Gefühle ins Unterbewusstsein verdrängt hat, kann meist nur in einem Kampf- oder Verteidungsmodus reagieren. Durch das Fühlen erweitert sich der Lösungsraum.

Doch Gefühle kollektiv zu fühlen, ist eine hohe Kunst. Es braucht dafür bewertungsfreies Zuhören und Empathie. Wenn sie gefühlt werden, dann werden die Informationen, die in diesen Gefühlen enthalten sind, frei. Ich habe das beim Thema Angst vor Krieg schon erlebt: Durch das Bezeugen der Ängste entstand Lebendigkeit und Freude an der Verbindung mit anderen Menschen. Das war das Ergebnis. Auf dem Weg dorthin kamen andere Gefühle auf: Wut auf Putin und die Welt insgesamt. Verzweiflung, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit ob der Aggressivität, die die Weltpolitik manchmal beherrscht. Eigentlich alles Gefühle, die „negativ“ sind, die man nicht fühlen möchte, sagt die Kultur. Doch es ist erfüllend und bereichernd, wenn sie gefühlt werden.

Ich stelle mir vor, dass Politiker:innen verschiedener Parteien das machen. Was würde passieren? Ich glaube, die Parteizugehörigkeiten würden in den Hintergrund treten. Und die Entscheidung von Aufrüstung oder Diplomatie würde nicht mehr aus einem reaktiven Fight-or-Flight-Reflex fallen. Wer seine eigene Angst fühlt und integriert, muss sie nicht durch vermeintliche Stärke kompensieren. Aufrüstung wäre dann keine Folge verdrängter Panik, sondern eine bewusste Entscheidung. Und gleichzeitig wäre es nur mehr eine von verschiedenen Möglichkeiten der Reaktion auf die Aggression. Ich habe es schon mehrfach auf Panels und in Diskussionen beobachtet: Wer fordert, die Rüstungsausgaben zu erhöhen, hat im gleichen Statement nie über Angst gesprochen. Wer Angst zulässt, dem erscheinen auch andere Politikmaßnahmen möglich. Vielleicht gibt es doch einen diplomatischen Weg. Und ich habe erlebt, wie Menschen durch das Fühlen von Angst mehr damit in Kontakt kommen, was ihnen wirklich wichtig ist. Das Fühlen der Angst verschiebt den Fokus: weg von der Gefahr, hin zur Lebendigkeit.

Kann Empathie institutionalisiert werden?

Wie könnte dieses Fühlen von Gefühlen institutionalisiert werden? Eine Plenarsitzung dazu zu verwenden, mutet utopisch an, weil der Respekt zwischen machen Fraktionen so gering scheint und die häufigen Zwischenrufe den Raum unsicher machen. In Ausschusssitzungen vielleicht schon eher, sie sind geschützter. Aber ich fürchte, dass die formalen Vorgaben, die Geschäftsordnungen, noch sehr stark wirken und es viel Überzeugungsarbeit braucht, um dem Fühlen mehr Bedeutung beizumessen.

Meine Hoffnung ist: Wenn immer mehr Menschen individuell, privat und in kleinen Gruppen die Erfahrung machen, wie wertvoll es ist, gemeinschaftlich zu fühlen, findet das irgendwann auch Eingang in die Politik und die Demokratie schafft institutionelle Räume dafür. In Bürgerräten habe ich es teilweise schon erlebt und in Dialogveranstaltungen auf jeden Fall. Immer wenn Politiker:innen an solchen Formaten teilgenommen haben, dann kam es vor, dass manche den Kampf- und Stärke-Modus verlassen haben und in einen empathischen, kooperativen und demokraticheren Modus gewechselt sind. Sie waren beeindruckt vom Engagement der Bürger:innen und schienen mir mehr mit dem großen Ganzen verbunden.

Als Möglichkeit, die eigenen politische Gefühle besser zu verstehen, habe ich die folgende Inner Work entwickelt. Sie hilft dir dabei, politische Sorgen nicht wegzudrücken, sondern sie so zu integrieren, dass daraus neue Souveränität erwächst.

Inner Work: Politische Gefühle integrieren

Diese Übung hilft dir dabei, gelernte Reaktionsmuster auf schwierige Ereignisse zu umgehen und aus einer klaren Haltung heraus darauf zu reagieren.

  1. Wähle ein politisches Ereignis, das dir Sorgen bereitet. Was ist passiert, und falls du dich erinnerst: Was hast du gemacht, als du davon erfahren hast?

  2. Schreibe auf, wie du dich gefühlt hast oder was du darüber denkst. Welches Gefühl oder welcher Gedanke ist im Vordergrund, also am stärksten? Diesen Gedanken oder dieses Gefühl nennen wir einen „Teil“ von dir. Schreib das auf einen Zettel und gib diesem Teil nun intuitiv einen Platz in dem Raum, in dem du dich befindest. Stell den Gedanken oder das Gefühl quasi irgendwo hin und leg den Zettel dort als Markierung auf den Boden.

  3. Wenn du jetzt diesen Teil „anschaust“ (vielleicht bekommst du ein Bild, wie er aussieht), was empfindest du dabei oder was denkst du darüber? Das, was dir jetzt kommt, ist ein zweiter Teil. Schreib das auf einen Zettel und gib auch diesem zweiten Teil einen Platz irgendwo in dem Raum.

  4. Wiederhole den vorherigen Schritt so oft, bis du ruhiger, entspannter oder gelassener geworden bist und mit einer relativen Offenheit, Neugierde, mit Mitgefühl oder mit irgendeiner anderen angenehmen Empfindung auf die Anteile im Raum schauen kannst. Dann erst gehe zu Schritt 5.

  5. Nimm wahr, wie sich dein Körper anfühlt, wie deine Gedanken gerade sind und vielleicht, wie du die Atmosphäre im Raum wahrnimmst. Mach dir bewusst, wie es sich anfühlt, wenn du dich von akuten Gedanken frei gemacht hast und mehr in deiner Mitte bist.

  6. Nun bleibe nahe an diesem Zustand und frage dich: Was ist dir wichtig angesichts der Sorge, die du am Anfang der Inner Work formuliert hast. Wie möchtest du dich diesbezüglich verhalten? Mach dir eine Notiz dazu.

Was denkst du, wie der Wert des Fühlens mehr Anerkennung in der Demokratie finden kann?