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Ich muss nicht alles machen, was ich will

Wie mein “schnelles” Gehirn mich manchmal in den Wahnsinn treibt und was dagegen hilft

Vor einigen Jahren habe ich mich mal von einigen Fachärzten durchchecken lassen, weil ich ständig Kopfschmerzen hatte. Auch ein Neurologe hat mich damals unter die Lupe genommen, mir aber schon beim Reinkommen attestiert, dass mit mir alles in Ordnung sei, dann aber gesagt, dass er mir aber gerne drei Fragen stellen würde.

 Ich saß etwas unsicher auf seinem Sprechstunden-Stuhl und wartete, was da wohl kommt. Er lehnte sich zurück und fragte:

  1. Ob mir vieles leicht fiele und ob mir diese Dinge oft auch Spaß machen würden. (Meine Antwort: “Ja”)

  2. Ob sich mein Pensum in den letzten Jahren eher verringert oder eher erhöht hätte (meine Antwort: “Eher erhöht.”)

  3. Ob ich mich glücklicher fühlen würde als noch vor ein paar Jahren ( meine Antwort: “Eher unglücklicher”)

Seine Antwort: “Sehen Sie?”

Das “schnelle Gehirn” und “die Couch-Potato”

Vielleicht geht Dir das sogar ähnlich: Ich habe Tage, da habe ich ein “schnelles Gehirn”. Manchmal ist es so schnell, dass es sich kurz selbst blockiert und ich dann erstmal gar nichts von dem machen, was es mir so alles vordiktiert, was JETZT gerade alles erledigt werden muss. Es priorisiert auch nicht. Alles ist JETZT GLEICH WICHTIG.

Stress macht unser Gehirn besonders aufmerksam. Es erkennt dann alles, was zu tun ist, damit wir uns sicher fühlen. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb Dich die Unordnung in Deiner Bude viel mehr stresst, wenn Du eh schon 12546 Dinge zu erledigen hast, während Dich Deine ungeputzten Fenster überhaupt nicht stören, wenn Du völlig entspannt auf der Couch liegst und eine Serie schaust. Ist schon verrückt, wie unser Nervensystem so drauf ist.

Ich habe Phasen, in denen ich gar nicht hinterher komme, meine ganzen Gedanken, Ideen und daraus resultierenden ToDos aufzuschreiben. Da ist jeder Zettel recht, der irgendwo herumliegt, um “schnell mal eben” zu notieren, was mir grad brandwichtig erscheint. Das Ende ist dann ein Zettelchaos, bei dem ich nicht so richtig mehr weiß, wo ich eigentlich was aufgeschrieben habe.

Das Resultat: Ein ganz ungutes Gefühl, irgendwo etwas ganz WICHTIGES zu vergessen (wie ich das löse, zeige ich einem anderen Beitrag - ich habe dafür nämlich eine prima Methode gefunden)

Aber zurück zu unserem Neurologen. Das war nämlich ein ziemlich kluger Mensch, denn diese Fragen begleiten mich seit dem immer wieder. Unabhängig davon, dass er auf genau der richtigen Spur war, war es auch ziemlich klug, diese Fragen überhaupt zu stellen, denn da liegt ja der Hase im Pfeffer:

Wir versuchen zu häufig “vor die Welle” zu kommen. In einer immer digitaleren Welt ist das aber faktisch kaum bis gar nicht möglich. Je schneller ich auf eine E-Mail (oder noch schlimmer Whats App) antworte, desto sicherer kann ich sein, dass ich das nächste ToDo noch schneller auf dem Tisch habe. Es sind ja nicht immer die ganz großen Projekte, es sind die kleinen Dinge, die insbesondere Frauen eine menge Mental Load bescheren. An der Stelle haben es Menschen, die besonders gut darin sind, vernetzt zu denken, besonders schwer. Wir SEHEN ja, was zutun ist, was man tun KÖNNTE und SOLLTE und weil wir sehen, wie lange das alles dauert, fangen wir schonmal direkt an, weil die Arbeit ja nicht weniger wird.

Vorsicht Falle!

Genau das ist nämlich der Trick, der uns in einer ewigen Schleife aus “Schnell mal eben” und “Ach Gott, das schaffe ich ja nie im Leben alles!” und dem ständigen Gefühl einer diffusen Überforderung hält.

An meiner Wand hängt ein Zettel, den ich einmal in der FLOW gefunden habe: “You did enough today”. Du hast heute schon genug gemacht. Ein kleiner Reminder, der mich versucht zurückzuhalten, wenn ich mal wieder Phasen von “ach komm, das geht jetzt auch noch mal eben schnell” habe und dann wieder mit Nackenverspannungen und Kopfschmerzen ende, weil ich den Absprung nicht geschafft habe.

Eine Illustratin des Satzes "You did enough today"
Dieser Satz war in einer Ausgabe der Flow zu finden und hängt seit dem an meiner Wand

In einer digitalen Welt leben wir zudem in einer ständigen Aufmerksamkeitsökonomie, die uns in einer dauerhaften “FOMO-Schleife” hält. Fear Of Missing Out, die Angst, etwas zu verpassen. Mit Recht, denn wir verpassen ja auch ständig was. Entscheide ich mich FÜR eine Sache, entscheide ich mich automatisch GEGEN 53686 andere Möglichkeiten, die auch großartig sein könnten. Und diese Angst, etwas zu verpassen ist ein Stressfaktor, der uns komplett blockieren kann. Wir fangen dann nämlich mit gar nichts an, weil wir das Gefühl haben, immer eine schlechte Entscheidung zu treffen.

Der freie Wille und das wohlige Gefühl der Selbstbeschränkung

Während in den 60er/70er Jahren in der anti-autoritären Erziehung die Frage der Kinder “Müssen wir heute wieder die ganze Zeit das machen, was wir wollen?” zum selbstironischen Slogan des freien Willens wurde, können wir uns nun einen anderen Slogan setzen: “Ich muss nicht alles machen, was ich will”.

ShortContent-Formate wie TikTok und Co haben unsere Gehirne darauf trainiert innerhalb von kürzester Zeit neue Inhalte und damit neue Anregungen zu bekommen. Da diese Inhalte häufig damit verbunden sind uns zu vermitteln, eine bessere Person zu sein, wenn wir eine Morgenroutine, einen bestimmten Ernährungsstil befolgen oder uns zum Minimalismusexperten ausbilden lassen, ist es ja nur verständlich, dass wir genau das sein wollen: Eine bessere Person. Wer möchte das nicht?! Aber eh Du Dich´s versiehst, hast Du auch schon wieder einen ganzen Haufen neuer Aufgaben auf dem Zettel, die Dich davon abhalten Dir mal etwas Ruhe zu gönnen. In erster Linie passiert nur eins: Du bist beschäftigt.

Das ewige Ungenügend

Ich arbeite meistens von zuhause aus. Gehe ich zwischendurch in die Küche, um einen Tee zu holen, fällt mein Blick auf gefühlte 60 unerledigte Projekte. Wenn dann wieder “Schnelles-Gehirn-Tage” sind, setzt mich das sehr unter Druck. Nicht, weil die unerledigten Projekte da sind. Sondern, weil meine Interpretation des Unerledigtseins mich stresst. Auf jedem der unerledigten Projekte steht nämlich nicht sachlich “unerledigt”, sondern “Tja, das hast Du auch schon wieder nicht geschafft, Du blöde Nuss, so wird das nie was mit Dir, und überhaupt, wie sieht es denn hier schon wieder aus!”

Dass das natürlich Quatsch ist, versteht sich von selbst. Doch Leistungsgesellschaft, FOMO-Kultur und Aufmerksamkeitsökonomie greifen hier Hand in Hand und kriechen dabei in unsere Homeoffices, Wohn- und Schlafzimmer.

Weil ich aber keine Lust mehr auf Kopfschmerzen habe, akzeptiere ich nun einfach, dass ein einziges Leben wohl nicht reicht, um alles zutun, was machen machen KÖNNTE und dass man niemals VOR die Welle kommen kann. Man kann sie aber surfen lernen. Und auch Surfer legen sich an den Strand, wenn sie müde sind und sagen sich zufrieden “You did enough today”

Argomento Persönliche Einblicke

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