Liebe Leser:innen,
Vor ein paar Tagen nahm ich ein Taxi vom Flughafen nach Hause. Direkt nach dem Losfahren begann mir der Fahrer Fragen zu stellen: Von wo ich angekommen bin, ob ich allein gereist bin, wie alt ich bin. Die Art und Weise, wie er mich fragte, war mir von der ersten Sekunde an unangenehm. Ich versuchte freundlich und knapp zu antworten, ohne Dinge über mich preiszugeben, die einen fremden Mann nichts angehen. Ich starrte in mein Handy, um die Unterhaltung im Keim zu ersticken. Der Fahrer starrte in den Rückspiegel und beobachtete mich. Dann ging es weiter: Er kommentierte mein Aussehen, bohrte nach, was ich denn machen würde und wollte offensichtlich herausfinden, ob ich in einer Beziehung lebe. Ich blieb kurz angebunden, wich so gut es ging aus. Irgendwann, kurz vor dem Ziel, hörten die Nachfragen dann auf.
Die Situation war nicht so, dass ich Angst hatte. Die Fahrt fand am helllichten Tag statt, die Fragerei war grenzverletzend, aber nicht bedrohend. Insgesamt fühlte ich mich aber extrem unwohl und verbrachte 30 Minuten damit, mir zu überlegen, wie ich diesen Mann auf Distanz halten kann. Und damit sind wir beim Kern der Sache: Solche Grenzüberschreitungen passieren Frauen am laufenden Band. Es ist egal, ob im Taxi, im Job, beim Ausgehen oder auf dem Nachhauseweg. Männer nehmen Raum ein, der ihnen nicht zusteht, es kümmert sie nicht, dass ihr Verhalten als übergriffig wahrgenommen wird. Wahrscheinlich denken die meisten, die sich so verhalten, dass so etwas gut ankommt. Aber das tut es nicht: Es ist unangemessen und unangenehm. Es ermöglicht uns Frauen häufig keinerlei “Entkommen”, das nicht in eine Eskalation münden würde.
Hätte ich dem Taxifahrer direkt sagen sollen, ich möchte nicht mehr angesprochen werden, anstatt nur wortkarg auszuweichen? Hätte ich (wonach ich mich eigentlich fühlte) ihn anschnauzen sollen, dass ihn all diese Dinge nichts angehen? Und was wäre dann passiert, während wir auf der Autobahn unterwegs waren? Aussteigen war jedenfalls keine Option. Gleichzeitig ärgert es mich, dass ich überhaupt darüber nachdenke, ob ich mich hätte anders verhalten sollen. Die Grenzverletzung hat schließlich der Mann begangen. Aber ich bin sicher, dass er keine Sekunde mehr über diese Fahrt nachgedacht hat, während ich hier sitze und eine Kolumne darüber schreibe.
Unsicherheitsgefühl
Auch wenn die meiste Gewalt gegen Frauen (sexuelle Übergriffe inklusive) im persönlichen Umfeld geschieht, erzeugt das Verhalten von Männern im öffentlichen Raum ein generelles Unsicherheitsgefühl. Ganz abgesehen davon, dass es unzumutbar und lästig ist, ständig in Situationen gebracht zu werden, die die persönlichen Grenzen verletzen.
59 Prozent der Frauen fühlen sich laut einer deutschen Studie (Si apre in una nuova finestra) nachts zu Fuß unsicher, in den Öffis sind es 48 Prozent. Diese Unsicherheit schränkt das Leben ein. Das führt so weit, dass sich Frauen bewusst überlegen (müssen), was sie anziehen, ob sie überhaupt auf eine bestimmte Veranstaltung gehen oder wie sie eine Begleitung für den Heimweg finden könnten. Alles Dinge, über die sich (Cis-)Männer so gut wie keine Gedanken machen müssen.
Das hat den einfachen Grund, dass sie umgekehrt nicht in solche Situationen gebracht werden: Wie viele Männer stehen an einem heißen Sommertag vor dem Kleiderschrank und überlegen, welches Outfit sie wählen, damit sie auf der Straße keine Pfiffe und blöden Anmachsprüche verfolgen? Wie viele Männer wechseln nachts die Straßenseite, weil eine Frau hinter ihnen her geht? Wie viele Männer halten auf dem Nachhauseweg ihren Schlüssel zwischen den Fingern, um im Ernstfall gewappnet zu sein?
All das ist Alltag für Frauen. Und zwar nur, weil sich Männer nicht an Grenzen halten, weil sie gewohnt sind, sich Dinge zu nehmen, die ihnen überhaupt nicht zustehen. Männer bedrängen, sie weichen auf der Straße nicht aus, sie manspreaden auf dem Ubahn-Sitz, sie hupen aus dem Auto oder stellen sich in der Schlange diesen kleinen Tick zu nahe. Nicht alle Männer, nein, das halten wir hier gleich wieder fest. Aber es sind sehr viele, die das tun, und es sind jedenfalls genug, um Frauen das Gefühl zu vermitteln, dass sie nirgendwo wirklich sicher sind.
Bewusstsein schaffen
In großen Städten gibt es mittlerweile Fahrtdienst-Angebote, die sich speziell an FLINTA-Personen richten (Si apre in una nuova finestra), weil viele nicht mehr in ein “normales” Taxi steigen wollen. Das ist einerseits erfreulich, weil es Druck rausnimmt. Gleichzeitig muss man sich fragen, in welcher Welt wir leben, wo es eine Gefahr darstellt, eine simple Dienstleistung seitens eines Mannes in Anspruch zu nehmen. Das Erlebnis, das ich eingangs beschrieben habe, ist kein Einzelfall. Vielen Frauen widerfährt sogar noch deutlich Schlimmeres. In den vergangenen Jahren kam es vereinzelt sogar zu Vergewaltigungen durch Taxilenker in Wien und Graz.
Die Art und Weise, wie männliches Verhalten das alltägliche Leben von Frauen einschränkt und mitunter auch bedroht, entsteht aber nicht nur auf der Ebene der direkten Täter. Auch jene Männer, die nicht übergriffig sind, stehen in der Verantwortung. Sie können nämlich in der Regel nicht nachvollziehen, wie sich der öffentliche Raum für Frauen anfühlt. Sie denken einfach gar nicht darüber nach. Und sie sind sich oftmals nicht bewusst, dass sie selbst mit harmlosem Verhalten - etwa dem nahen Hinterhergehen auf der Straße - ein Angst-Trigger sein können.
Ein wenig mehr Einfühlungsvermögen in die Lebensrealität von Frauen und Queers wäre also durchaus wünschenswert. Ein wenig mehr Reflexion darüber, welche Auswirkungen das eigene Verhalten haben kann - und auch darüber, wie Mann aktiv dazu beitragen kann, die Situation zu verbessern.
In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir sehen uns auf der Straße!