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Schubladendenken

Eigentlich hatte ich die Wahl zwischen einer Doomsday-Ausgabe oder keiner. Denn während bei OpenAI ein KI-Modell aus seiner Sandbox krabbelt (Si apre in una nuova finestra), erreicht die Oligopolisierung von KI innerhalb antidemokratischer Strukturen ein neues Niveau (Si apre in una nuova finestra). Kurz hatte ich den Gedanken, dass eine Welt ohne KI besser sei als eine mit.

Schubladendenken

Dann fand ich aber, dass das zu düster klingt und ich euch so nicht ins Wochenende schicken kann. Also habe ich eine schöne Bastelarbeit mitgebracht.

Der Impuls dazu kam von einer Artikel-Anfrage eines Digital-Verlags an mich. Ob ich denn über das Multichannelpublishing via KI im Büchermarkt schreiben könne. Meine Antwort auf solche Anfragen ist grundsätzlich immer: Ja, klar! Denn ich habe noch nie erlebt, dass ich bei der Recherche und dem Schreiben eines speziellen Themas nicht auch selbst etwas gelernt hätte.

Und, ja: Falls der Artikel ankommt und veröffentlicht wird, werde ich ihn euch zeigen.

Keine Sorge, ich will hier nun nicht über Multichannelpublishing im Büchermarkt referieren. Ich will hier aber die Schritte zeigen, wie ich mit so einer Anfrage umgehe:

  • Zuerst schreibe ich alle Gedanken dazu auf, die mir in den Kopf kommen. Und zwar nicht sofort und schnell; sondern stückweise und mindestens so, dass eine Nacht dazwischen liegt. In diesem Fall habe ich einen Teil auch in meinem Gedanken-Transkriptions-Training via Whisper gesprochen. (siehe Ausgabe Nummer 5 (Si apre in una nuova finestra))

  • Diese Notizen füttere ich Claude und frage ihn nach Denkfehlern, überflüssigem Quatsch und was zu ergänzen wäre. Nach einigen Diskussionen kam dadurch eine ordentliche Skizze heraus, die ich als Re-Briefing an den Verlag schicken konnte. Und in die ich die Reaktion des Redakteurs einarbeiten kann.

  • Nun – und deshalb der Begriff „Schublade" im Titel dieser Ausgabe – stöbere ich in allen meinen Schubladen, in denen weitere Gedanken und Recherchen zum Thema herumliegen könnten. Solche Schubladen stecken mittlerweile in meinem kleinen RAG (Retrieval Augmented Generation), also so etwas wie eine semantische Datenbank. Hier sortiere ich nach und nach meine alten Artikel (die noch Realitätsbezug haben) und neue Gedanken ein. Mit einem Chat und einem Konnektor in Claude kann ich dieses RAG unter anderem für neue Artikel und auch für diesen Newsletter befragen.

  • All das liegt dann schon ein einer eigenen Schublade in meinem RAG und wartet auf Vervollständigung u nd redaktionelle Bearbeitung von mir.

  • Natürlich schreibe ich den Artikel „von Hand". Das hat auch damit zu tun, dass ich nachher weniger Arbeit beim Umschreiben und Redigieren habe. Denn zwar kennt Claude meinen Schreibstil – aber nicht, wie mein Gehirn genau dieses Thema für genau diesen Verlag schreiben will.

  • Aber Claude ist mein erster Leser und erster Kritiker. Wir gehen das geschriebene Wort und die Anmerkungen der KI dazu durch und ich überarbeite meist jeden Absatz.

  • Danach geht es dann gemeinsam an Headline, Vorspann und weitere Versionen (etwa für Social Media) bevor ich das verschicke.

  • Am Ende speichere ich den Artikel natürlich wieder in meinem RAG bzw. überschreibe damit die Schublade mit den Notizen. Denn nun ist der Artikel das Kondensat zum Thema, und wenn ich das nächste Mal dazu etwas zu sagen oder zu schreiben habe, kann ich semantisch und zuverlässig darauf zugreifen.

Soweit mein Vorgehen. Eine Sache habe ich darin bewusst offen gelassen: die Schubladen selbst. Also das kleine RAG, aus dem ich alte Gedanken und Recherchen wieder hervorhole. Wie du dir so einen Gedankenspeicher baust – und warum du ihn nicht vibecoden musst –, nehme ich mir für die nächste Woche vor.

Für heute soll das aber genug Praxis sein, um die Doomsday-Gedanken zu vertreiben.

Drei Tipps zum Lesen / Hören / Testen

  1. Liquid Content: Hier ein Artikel, den ich für den dpr (digital publishing report) geschrieben habe. Das ist sogar Liquid Content, wie er lebt. Denn dieser Artikel fußt auf einem Artikel in meinem Contentman (Si apre in una nuova finestra), der auf einem Vortrag fußt, den ich im Mai bei einer Konferenz gehalten habe. (https://digital-publishing-technologien.de/de/2026-1/liquid-content-in-der-verlagspraxis (Si apre in una nuova finestra))

  2. Die Sokrates KI: Noch etwas aus meinem Universum ist der Sokrates auf dem Contentman (Si apre in una nuova finestra). Der war ein kleines Experiment nach einer Health-Tech-Konferenz in Basel und wurde von Neurowissenschaftlerin Vivienne Ming (Si apre in una nuova finestra) inspiriert. Die Idee: Eine KI, die keine Antworten gibt, sondern nur Fragen.

  3. NotebookLM: Der einfachste Einstieg, wenn du anfangen willst, deine eigenen Gedanken-Schubladen anzulegen. Mit Googles Tool (Si apre in una nuova finestra) legst du mehrere thematische Sammlungen an und befragst sie wie einen Chat. Wie daraus ein richtiger Gedankenspeicher wird (und welche Stolperfallen es gibt), zeige ich dir nächste Woche.

Und nun zu dir

Was tust du eigentlich, während deine KI arbeitet?

Claude benötigt für seine Antworten manchmal viel Zeit, vor allem wenn er tief nachdenkt (die Frage also wichtig ist).

Jedenfalls sitze ich ziemlich oft vor einem Bildschirm, auf dem ungefähr nichts passiert. Ich bin darauf gespannt, was kommt, und die Spannung steigt dadurch, dass ich keine Ahnung habe, wie lange die Antwort dauert.

Offen gesagt, ist das ein ziemlich mieser Zustand, den Linda Stone (Si apre in una nuova finestra), die mal bei Apple und mal bei Microsoft war, schon im Jahr 1998 mit dem Begriff „Continuous Partial Attention" benannt hat. Das ist anders als das Multitasking, wenn wir während des Kochens noch einen Podcast hören. Beim Continuous Partial Attention bist du auf Dauerscan, in einem künstlichen Gefühl der Dauerkrise.

Das klingt ganz schön heftig. Aber ich bin sicher, dass wir auch dazu irgendwann Studien lesen, in denen beschrieben wird, dass es auch diese Wartezeit ist, die uns an den KI-Tools hängen lässt. Denn wie wir wissen, ist die Vorfreude auf etwas ein mindestens ebenso großes Hochgefühl wie das erwartete Ergebnis. So lange wir auf eine spannende Antwort der KI warten, erscheint diese vielleicht viel genialer, als sie dann im Ergebnis wirklich ist.

Jedenfalls halte ich es für wichtig, mit dieser Wartezeit umzugehen. Du könntest in der Wartezeit einfach aufstehen, dir einen Tee holen oder aus dem Fenster schauen – ehrlich gesagt oft eine gesunde Wahl. Aber wenn du schon sitzen bleibst, dann mach wenigstens etwas daraus.

Einfach „entspannen" oder „Achtsamkeit üben" würde allerdings nur funktionieren, wenn wir genau wüssten, wie lange die Pause ist. Aber die Erwartung einer guten Antwort und die Ungewissheit, wann sie kommt, machen es viel schwerer als „einfach mal entspannen".

Und genau deshalb ist bzw. kann diese Übung so wertvoll sein: Wir üben damit nicht nur die Zeit gut zu nutzen sondern auch mit diesen Impulsen umzugehen. Versuche mal dies:

  • Hände weg. In dem Moment, in dem du Enter drückst, nimm die Hand von der Maus. Lass den Blick weich werden oder schließ kurz die Augen und öffne sie mit einem verschwommenen Fokus.

  • Ein Atemzug. Nur einer. Das Einströmen spüren, das Ausströmen spüren. Ist noch Zeit, ein zweiter.

  • Den Zupfer bemerken. Ziemlich schnell kommt der Impuls, doch auf den Screen zu schielen. Er kommt bestimmt. Bemerke ihn – und folge ihm nicht. Das Bemerken dieses Zupfens ist die eigentliche Übung. Halte diesen Zustand so lange es geht oder bis die Antwort kommt.

  • Zurückkommen lassen. Die Antwort holt dich nämlich von selbst zurück. Wenn die KI fertig ist, siehst du das – auch mit dem verschwommenen Blick. Komm dann bewusst zurück, einen Wimpernschlag später als sonst. Nicht reflexhaft.

Das war es dann schon. Es ist, das gebe ich zu, eine gewisse Quälerei und am Anfang ziemlich viel, was einem dabei durch den Kopf geht. Aber das ändert sich.

Wie gehe ich damit um? Weil es einige Energie benötigt, schaffe ich es nicht, das bei jeder KI-Anfrage so zu machen. Aber es wird leichter, und ich komme immer mehr in einen ruhigen Zustand zurück, der mich mit der Antwort viel besser arbeiten lässt, als wenn ich in der Zwischenzeit eben mal kurz Instagram gecheckt hätte.

Und jetzt: Augen zu, einmal atmen, Hände weg vom Rechner und ab ins Wochenende.

Grüße

Eric

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