Wenn wir alle unseren KI-Bots eine Frage stellen, bekommen wir alle (fast) dieselbe oder zumindest ähnliche Antworten. Die Physik hat ein Wort dafür: Entropie. Damit ist gemeint, dass ein System von allein in seinen wahrscheinlichsten Zustand fällt – und der ist maximale Gleichförmigkeit. Ja, alle reden gerade vom Wetter, ich nicht ;-)

Ich muss und werde das erklären. Aber zuvor muss ich zwei Beobachtungen und die Aussage eines Zeugen mit dir teilen, die der Auslöser dieses Gedankens waren:
Von einigen Berater:innen und anderen Absender:innen erhalte ich immer wieder eher längliche Texte mit viel Inhalt, der sich aber zwischen recht allgemeinen Plätzen hin- und herbewegt.
Ich werfe diese offensichtlichen KI-Texte dann manchmal selbst in mein Claude und lasse mir das zusammenfassen. Auffällig ist auch, dass immer häufiger mein Name "Eric" falsch als "Erik" geschrieben wird. Also so, wie man ihn in deutscher Literatur häufiger liest.
Wie auch immer: Wenn ich dann versuche, mich nach einer Woche an den Inhalt eines solchen "Mensch>KI>KI>Mensch"-Vorgangs zu erinnern, ist da nichts mehr. Gar nichts. Und deshalb dachte ich an Entropie.
Und nun noch kurz zum Zeugen: Das ist Max Spero, der ein KI-Detection-Tool gebaut hat. Hier zwei Zitate aus einem Interview (Si apre in una nuova finestra):
“Menschen … streuen beim Schreiben gerne Unerwartetes ein. Unsere Texte sind daher viel abwechslungsreicher: Viele Teile sind vorhersehbar, andere etwas weniger, und gelegentlich gibt es Passagen, die wirklich überraschen.”
“Allerdings sind LLMs auch deutlich weniger vielfältig: Wenn man sie bittet, 100 Argumente zu einem Thema zu verfassen, konzentrieren sie sich auf einen Bereich (Si apre in una nuova finestra) , während menschliche Argumente sehr breit gefächert sind. Das kann KI nicht nachbilden.”
Kurz erklärt: Was Entropie hier meint
Zurück zur Entropie. Ich beziehe mich hier auf die Definition von Entropie in der Thermodynamik, es gibt auch andere. Hier jedenfalls hat ein System eine hohe Entropie, wenn alle Unterschiede ausgeglichen sind; wenn überall dieselbe Temperatur herrscht und es kein Gefälle mehr gibt, an dem Arbeit verrichtet werden könnte.
Das führt zum "Wärmetod" des Universums: Irgendwann ist alles gleich warm, selbst Materie ist zu Schwingung geworden. Maximale Entropie ist dann nicht maximales Chaos oder maximale Anpassbarkeit sondern maximale Langeweile. Wir merken uns:
Der Unterschied, die Kante ist, wo etwas passiert. Entropie löscht Unterschiede.
Hier können wir zwei unterschiedliche Ebenen einnehmen:
Ebene 1: Der einzelne Kopf
Also du und ich: Unser Verständnis von einer Sache ist wie ein aufgeräumter Raum. Doch wie durch Magie bleibt dieser Raum nur aufgeräumt, wenn wir uns Mühe geben, Energie reinstecken. Ich kann das täglich auf meinem Schreibtisch beobachten. Arbeite ich einfach nur, zerfällt die Ordnung – nicht aus Bosheit, sondern weil Zerfall der wahrscheinlichere Zustand ist. Jedenfalls fühlt sich das für mich so an. Ein Raum wird von allein unordentlich, nie von allein ordentlich. Oder?
Was es also benötigt ist: Anstrengung.
Bezogen auf KI bedeutet das, dass jeder Versuch, mir mit ihr etwas zu vereinfachen, mir diese Energie spart und damit Anstrengung. Das fühlt sich effizient an und ist für einige Bereiche auch völlig in Ordnung. Ich selbst werde in diesen Bereichen aber zunehmend willenlos und gebe mich dem Weg hin zu maximaler Gleichförmigkeit hin.
Das ist messbar (MIT Media Lab „Your Brain on ChatGPT (Si apre in una nuova finestra)", 2025): Wer gewohnheitsmäßig KI-gestützt schreibt, erinnert sich schlechter an das eigene Ergebnis und empfindet weniger Ownership.
Ich sage hier nicht, dass es gut ist, in alles Anstrengung zu stecken. Dann wäre der Umgang mit KI vergebens. Doch wir können Arbeitsbereiche unterscheiden, die hohe Entropie haben und welche, bei denen ich das nicht will.
Ebene 2: Die Crowd
Skalieren wir das hoch, tendieren die Ideen und gedanklichen Leistungen stärker zum Median, dem statistischen Mittelwert.
Und zwar unbemerkt: Denn während bisher alle Ideen "im Schnitt" genau diesen Median getroffen haben, wird nun der Abstand jeder einzelnen Idee zum Mittelwert viel kleiner. Große Gedankenleistungen bleiben aus. Also die, die die Menschheit bisher vorangebracht und unterhalten haben.
Die Crowd ist keine Crowd mehr sondern eine Stimme mit hundert Masken.
Wenn wir also eine Stimme zwischen vielen sein möchten, die gehört wird, ist ein KI keine umfassende Hilfe.
Faustregel: Die Zeit, die du woanders durch KI sparst, kannst du ja in besondere und eigene Ideen stecken.
Entropie gibt es nur im geschlossenen System
Es gibt eine Einschränkung in diesem berühmten zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ("Entropie nimmt immer zu"): Das gilt nur für geschlossene Systeme, also Systeme ohne Energiezufuhr von außen.
Stelle dir deinen Kühlschrank vor (was derzeit so oder so eine gute Imagination ist): dieser kühlt – er wird also nicht wärmer und das Eis im Eisfach schmilzt nicht. Warum? Weil er offen ist (also nicht die Tür, sondern als System) und Energie importiert.
Das machen lebende, denkende Systeme wie unser Gehirn (hoffentlich) auch: Der Physiker Erwin Schrödinger – ja, der mit der berühmten Katze – prägte dafür den Begriff "Negentropie": die Fähigkeit, sich gegen den Strom des Zerfalls zu stemmen.
Prompten als Energiepumpe
Während wir uns in Bereichen mit erlaubt hoher Entropie, der wohligen Gleichförmigkeit beim Nutzen von KI hingeben, pumpen wir Negentropie-Bereiche möglichst viel Energie aka Anstrengung rein.
Hier einige Strategien und in den folgenden Ausgaben noch mehr dazu. Oder schau nochmal auf den Newsletter von vor zwei Wochen…
1. Paradox-Prompting – gegen die naheliegende Antwort
Du zwingst die KI aus der ersten, glatten Antwort heraus, indem du einen Widerspruch einbaust.
Statt: „Wie verbessere ich diesen Text?"
Sondern: „Nenne mir drei Gründe, warum dieser Text schlechter würde, wenn ich ihn glätte."
Du pumpst Energie rein, indem du ein Gefälle erzeugst, das die KI von allein nie aufgebaut hätte.
2. Competitive-Prompting – Quellen gegeneinander laufen lassen
Der Median entsteht, weil die KI gerne ausgleicht. Also lass sie nicht ausgleichen.
Statt: „Was ist die beste Strategie?"
Sondern: „Argumentiere als jemand, der Position A für gefährlich hält – und dann als deren schärfster Verteidiger."
Du hältst ein Temperaturgefälle zwischen zwei Sichten aufrecht, statt es auf lauwarm einzuebnen.
3. Semantischer Kompass – in die freien Ecken
Statt die Mitte des Ideenraums abzufragen, schickst du die KI in die Nachbarschaft, die niemand betritt.
Statt: „Gib mir Metaphern für Vernetzung."
Sondern: „Gib mir Metaphern für Vernetzung aus der Pilzbiologie, aus dem Mittelalter und aus der Hafenlogistik."
Du verbreiterst die Verteilung aktiv, statt ihr Zentrum abzugreifen.
4. Der eigene Entwurf zuerst
Die wirksamste Pumpe ist die unbequemste: Schreib oder denk zuerst selbst, und nutze die KI erst danach – als Spiegel, nicht als Stift.
Nicht: „Schreib mir die Einleitung."
Sondern: „Hier ist meine Einleitung. Wo drücke ich mich? Was behaupte ich, ohne es zu zeigen?"
So baust du die Ordnung selbst – und die KI hilft dir, sie zu schärfen, statt sie für dich zu erzeugen.
Die Faustregel…
… ist natürlich und naturgegeben ziemlich unbequem:
Dein Denken ist kein geschlossenes System – es sei denn, du behandelst es wie eines. Halt es offen. Pump Energie rein. Das ist die Kunst.
Strebt trotzdem alles zum Mittelmaß?
Sind wir und die Kreativität trotzdem dank KI verloren? Wer kann das schon sagen? Die Prompt-Regeln und anderen Strategien, mit denen wir die Negentropie anstreben, helfen jedenfalls nur uns und ggf. unseren Leser:innen.
Ob uns Web, Social Media und Künstliche Intelligenz zu Sofa-Entropiopikern machen, werden zukünftige Generationen beurteilen. Wenn sie das dann noch können. Wir können aber für uns entscheiden, nicht zu Denkamöben zu werden.
Das Ende der Geschichte
Dazu passt die Story, die ich in der vergangenen Woche mit Claude geschrieben habe. Ich habe sie euch gegeben, mit der Frage, ob jemand ein gutes Ende findet.
Markus Veyhle, Mitbetreiber von Vampster (Si apre in una nuova finestra), Gitarrist von Schubkarre (Si apre in una nuova finestra) und Tausendsassa bei Bio Gourmet (Si apre in una nuova finestra) hat sie mit ChatGPT und Gemini schließlich zu einem großartigen Ende gebracht. Sein Ende hänge ich hier ganz an den Schluß, diesmal die gesamte Geschichte.
Vorher möchte ich euch noch eine interessante Beobachtung von Markus zusammenfassen, die er mir in einer 3-minütigen Sprachnachricht erzählt hat. ;-)
Markus arbeitet viel mit KI, für seine Musik und den Job. Deshalb hat er sein ChatGPT “auf den Punkt” eingestellt. Das heißt, es soll klar und kurz antworten. Wie das geht, wisst ihr ja.
Sein Versuch, für eine Kurzgeschichte dagegen anzuprompten, hat nicht funktioniert. Es “kam nur Käse raus”. Bei Gemini waren die Antworten deutlich besser.
“Ich musste trotzdem bei allen Antworten eingreifen und schärfen. Und habe deshalb nur Fragmente und veränderte Texte für das Endergebnis verwendet,” sprach er mir in die WhatsApp-Nachricht. Das (tolle) Ende war von Gemini inspiriert aber es war definitiv eine gemeinssame Arbeitsleistung.
Was soll ich dazu sagen? Ich nenne das mal “Negentropie-Prompting” vom Feinsten.
Und nun zu dir
In den vergangenen Tagen habe ich meine beiden Apps (“Stille 1” und “StilleFokus”) aktualisiert. Und StilleFokus (Si apre in una nuova finestra) habe ich gleich mal preislich auf 6,99 € hochgesetzt. Stille 1 (Si apre in una nuova finestra) bleibt kostenlos.
Warum so teuer? Weil ich euch ein Geschenk machen möchte, das sich lohnt: Wer mir eine Mail schreibt, bekommt einen Code für den kostenlosen Download. Also: eric@contentman.de (Si apre in una nuova finestra).
Und ich freue mich natürlich über (hoffentlich gute) Kommentare und Bewertungen ;-)
Das war es für diese Woche. Aber denk dran, dass nun noch der Schluss der Story kommt…
bis nächste Woche
Eric
Hier alle bisherigen Ausgaben: KI, aber gut (Si apre in una nuova finestra)
Hier meine sonstigen Aufschriebe: contentman.de (Si apre in una nuova finestra)
Anruf läuft
Der Briefkasten klemmte, wie jeden Morgen. Marlene rüttelte am verbogenen Deckel, fluchte leise, und als er endlich aufsprang, lag darin ein einziger Umschlag. Kein Absender. Nur ihr Name auf der Vorderseite, in einer Handschrift, die sie augenblicklich erkannte.
Ihre eigene.
Sie drehte den Umschlag um. Das Papier war alt, an den Kanten weich geworden, als hätte es lange irgendwo gelegen. Aber die Tinte war frisch. Das ergab keinen Sinn.
Drinnen klingelte das Telefon. Sie hörte es durch die offene Haustür, beharrlich, sieben, acht Mal. Marlene rührte sich nicht. Sie starrte auf die geschwungenen Buchstaben ihres Vornamens und versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas mit der Hand geschrieben hatte. Es musste Jahre her sein.
Das Telefon verstummte. Dann, nach einer Sekunde Stille, begann es erneut.
Sie riss den Umschlag auf.
„Geh endlich ans Telefon”, stand da.
Marlene sog die Luft ein, als wäre es ihr letzter Atemzug. Hier stimmte irgendwas überhaupt nicht. Schnell zerknüllte sie den Brief und warf ihn in den Papierkorb. Das Telefon klingelte noch eine Weile. Aber da saß Marlene schon auf ihrem Bett, ihre Finger scrollten durch Instagram, während ihre Augen einen Fussel auf dem Handydisplay fixierten.
Die Zeit verlor ihre Struktur, ihr war, als wenn sie den Fussel über das Handy wandern sah.
Dann klingelte es an der Tür.
Sie ging nicht. Natürlich ging sie nicht. Es klingelte ein zweites Mal, länger jetzt, und Marlene zog die Knie an, als könnte sie kleiner werden, unsichtbar. Der Fussel wanderte weiter. Oder das Display wanderte unter dem Fussel. Sie war sich nicht mehr sicher, was sich bewegte.
Es klingelte ein drittes Mal. Dann nichts.
Marlene atmete aus. Sie sah wieder auf das Handy — und das Bild war weg. Kein Instagram, kein Feed. Nur eine schwarze Fläche mit zwei Wörtern in der Mitte, weiß, schmucklos:
Anruf läuft.
Darunter eine Zeitanzeige, die als Countdown lief. 00:11. 00:10. Sie hatte das Telefon nicht ans Ohr gehalten. Sie hatte überhaupt nichts getan. Und trotzdem hörte sie, ganz leise, als käme es aus großer Tiefe, eine Stimme aus dem Lautsprecher.
Es war ihre eigene.
„Marlene”, sagte die Stimme. „Du musst jetzt sehr genau zuhören.“
Marlene ließ das Smartphone fallen. Schnell griff sie danach. Der Bildschirm schien zu pulsieren, in ihrem Herzschlag, der deutlich zu schnell war.
„Hast du es wieder am Ohr? Gut. Ich, also du, also wir haben keine Zeit“.
Marlene sog scharf die Luft ein.
„Ich weiß, du bist verwirrt. Aber das wird sich legen. Hast du meinen Brief? Den mit deinem Namen auf dem Umschlag? Hol ihn, schnell!“
„Den habe ich weggeworfen“, sagte Marlene.
„Ja“, sagte die Stimme. „Ich auch.“
Marlene sagte nichts.
„Marlene. Hör mir zu. Wir haben dafür später Zeit. Hol ihn einfach.“
Marlene stand auf, den fallenden Stuhl nahm sie überhaupt nicht wahr.
„Ich habe ihn. Also Brief und den Umschlag.“
„Gut“, sagte die Stimme. Sie wirkte gehetzt. „Dreh den Umschlag um. Was steht darauf? Sieh genau hin, rechts oben im Eck!“
„Ein Kreis. Mit Kuli. Vielleicht drei Millimeter, vielleicht vier. Aber der war vorhin noch nicht da!“ Sie hörte sich an wie eine hysterische Version ihrer selbst.
„Beruhige dich. Und halte dich nicht mit solchen Dingen auf. Konzentriere dich. Du musst jetzt genau tun, was ich dir sage.“
Sie nickte.
„Gut“, sagte die Stimme.
Marlene schnappte nach Luft.
„Kannst du mich sehen?“
Die Stimme am anderen Ende antwortete nicht sofort. Ein statisches Rauschen war zu hören, dann ein tiefes Einatmen. „Nein“, sagte die Stimme schließlich, und sie klang jetzt merklich leiser, fast wie ein Flüstern. „Ich kann dich nicht sehen. Aber ich weiß, was du tust, weil ich es schon getan habe. Du stehst in der Küche, den Brief in der linken Hand, das Telefon in der rechten, und du starrst auf das Küchenfenster.“ Marlene blickte unwillkürlich auf das Fenster vor sich. Draußen war es vollkommen grau.
Marlene erschauderte. „Erinnerst du dich an Bologna?“ fuhr ihre Stimme fort. „Du hast dort jemanden kennengelernt“. Bologna. Das war eine Ewigkeit her — der letzte gemeinsame Urlaub mit ihren Eltern. Sie war gerade 19 geworden. Und es war ihr letzter. Sie ist dort gestorben.
Ein Knacken in der Leitung unterbrach den Gedanken. „Ich bin dort nicht gestorben“, sagte die Stimme, als hätte sie Marlenes Erinnerung gehört. „Aber fast. Du weißt genau, wer dort war. Geh ins Wohnzimmer. An den Schrank mit den alten Fotoalben. Das blaue Album, das ganz rechts steht.“ Marlene bewegte sich nicht. Das Telefon lag schwer in ihrer Hand, während das Display im Rhythmus ihres Atems weiter schwach leuchtete.
In der Ferne nahm sie das erneute Klingeln an der Tür wahr.
„Geh nicht an die Tür“, sagte die Stimme sofort, schärfer jetzt. „Das blaue Album, Marlene. Jetzt.“ Marlene drehte sich langsam um und ging auf den Flur. Das Klingeln an der Haustür verstummte nicht, es wurde stattdessen zu einem gleichmäßigen, langen Dauerton, als würde jemand den Knopf permanent gedrückt halten. Sie erreichte die Wohnzimmertür und sah den dunklen Holzschrank in der Ecke stehen.
Sie wollte dort nicht hin. Niemals. Nie wieder. Sie drehte sich um, blickte den langen Flur entlang, Bilder. Überall Bilder. Und die große schwere Eingangstüre. Sie erinnerte sich nicht, losgelaufen zu sein. Doch nun lag ihre Hand auf der Klinke. Das Metall, so vertraut und kühl. Sie konnte das nicht mehr. Keine Bilder mehr, keine Stimmen. Und öffnete die Tür.
Vor ihr stand niemand. Die Treppenhauslampe war aus, nur das schwache Licht durch das Dachfenster erhellte den leeren Flur. Der Dauerton des Klingelns war im selben Moment abgebrochen, in dem die Klinke nach unten nachgab. Auf der Fußmatte lag nichts außer einem winzigen, zusammengefalteten Zettel. Aus dem Lautsprecher des Telefons in ihrer Hand war nur noch ein gleichmäßiges Besetztzeichen zu hören.
Marlene bückte sich und nahm die beiden Papiere vom Boden. Das vergilbte Foto zeigte sie mit 19 auf den Stufen der Piazza Maggiore in Bologna. Im Hintergrund stand eine ältere Frau in genau der Strickjacke, die Marlene jetzt trug, und sah zu ihr rüber. Das zweite Blatt war ein frisches Zugticket nach Bologna. Abfahrt heute Nachmittag.
Marlene legte das Telefon auf den Esstisch. Sie steckte das Foto und das Ticket in die Tasche ihrer Strickjacke, zog die Wohnungstür hinter sich ins Schloss und nahm den Weg durch die Stadt zum Bahnhof.