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Heute nicht

“Es ist leicht, den Anfang der Dinge zu erkennen, schwieriger ihr Ende.” Joan Didion, “Das Spiel ist aus”, in Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben, übers. v. Antje Rávik Strubel.

Im Essay Das Spiel ist aus erzählt die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion, warum sie nicht mehr in New York City lebt. Die Stadt sei, so Didion, zumindest für die Zugezogenen, „eine Stadt ausschließlich für die ganz Jungen“. Irgendwann müsse man sie verlassen, eine dauerhafte Einnistung sei nie Teil des Lebensentwurfs.

Straße in Köln bei Nacht, verschwommen

Köln, Februar 2008 © Kristina Klecko

Auch ich bin in der Stadt, in der ich lebe, eine Zugezogene. Das sind die meisten, die ich kenne. Bis heute. In den ersten Jahren, unsicher über unsere eigene Glaubwürdigkeit als “Neue in Köln”, amüsierten wir uns auf Partys verlegen über die Tatsache, dass niemand von uns eine*n gebürtige*n Kölner*in kannte. Ob es sie wirklich gab?

Doch anders als New York für Didion, war Köln für mich eine Stadt, in der ich für immer bleiben wollte. Ich würde als alte Frau in einem adretten Kostüm durch das Belgische Viertel spazieren. Ich würde links und rechts grüßen. Man würde mich kennen, mir, kaum hätte ich an einem runden Metalltischchen vor einem netten Café Platz genommen, meinen Kaffee so servieren, wie ich ihn seit Jahren bestellte. Ich würde Sätze sagen wie: Ach ja, da, wo früher der Blumenladen war. Oder: Ach ja, es wurde doch längst abgerissen, da sind jetzt Wohnhäuser. Ich weiß, ich weiß …

Meinen ersten Job in Köln vermittelte mir eine Zugezogene. Das Schadenregulierungsbüro hätte eine gute Kulisse für eine Kafka-Erzählung abgegeben: lange dunkle Flure, bodentiefe Regale voll bunter Papiermappen und ein gruseliges Archiv im Keller. Zu meinen Aufgaben gehörte es, Post, die zwei Mal am Tag angeliefert wurde, und einige ausgedruckte E-Mails, in die bunten Mappen mit den Schadensfällen einzusortieren. Nach Feierabend setzte ich mich in die Gürtelbahn, die einen sanften Bogen um das zieht, was wir in Köln Grüngürtel nennen, ein innerstädtisches Erholungsgebiet. Alle anderen würden mit Blick auf die Karte vermutlich fragen, was die grünen Linien zwischen den beigen Flächen darstellen sollen.

Irgendwo auf der Höhe des Stadtwaldes hielt ich nach dem Haus Ausschau. Eine weiße Stadtvilla mit Säulen am Eingang, direkt an der Straße gelegen, sodass man durch ein riesiges Fenster ins Wohnzimmer schauen konnte. Besonders im Winter, wenn es draußen dunkel war und im Inneren warmes Licht brannte, sah es sehr gemütlich aus. Kinder machten Hausaufgaben, Frauen beugten sich über den Tisch im Versuch zu helfen. Wenn ich als alte Frau nicht im Belgischen Viertel wohnen könnte, wäre die Gegend um den Stadtwald eine angenehme Alternative gewesen…

“(…) war jemals jemand so jung?” Joan Didion, “Das Spiel ist aus”, in Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben, übers. v. Antje Rávik Strubel.

Natürlich gab es in Köln schon immer einiges, das störte. Mit vielem bin ich auch nach bald zwanzig Jahren in der Stadt nicht warm geworden. Karneval bleibt eine Unannehmlichkeit. (Ja, ich habe es geschrieben und es tut mir nicht leid.) Der sprichwörtliche Kölner Klüngel, den man für alles verantwortlich machen kann, was in der Stadt nicht läuft. Die Tatsache, dass man Urkölner*innen nicht zuletzt daran erkennt, dass sie Häuser in Vierteln besitzen, die Zugezogene gar nicht mehr als Köln erkennen. Und trotzdem: Lange Jahre war Köln meine Stadt. Ich verteidigte sie, wenn Menschen sagten, die Stadt sei hässlich, rieche komisch, die Düsseldorfer Rheinpromenade wäre schöner… Und während ich mich sehr genau daran erinnere, wie ich die Entscheidung getroffen habe, nach Köln zu ziehen, weiß ich nicht, wann ich meine Ambition, in Köln eine alte Frau zu werden, verloren habe.

Vielleicht bin ich nur älter geworden, weniger begeistert? Ich sperre mich gegen den Gedanken, früher sei alles besser gewesen. Kann es sein, dass ich mich bloß nicht mehr an diesen matten Belag erinnere, der schon immer die Zülpicher Straße überzogen hat? Eine Mischung aus Bier und menschlichen Hinterlassenschaften … Und Seifenlauge, mit der die Anwohner*innen und Gastronomiebesitzer*innen das Wochenende wegzuspülen versuchen? War ich nur zu lange nicht mehr an Orten, an denen viele Menschen zusammenkommen, um zu feiern und ausgelassen zu sein?

New York City sei nachts sehr schön, sang die britische Rockband The Libertines in den Nullerjahren. Gilt das auch für Köln, gar für alle Großstädte? Sind sie schöner, wenn man nicht allzu viel sehen kann? Wenn Straßenlaternen Kerzenscheinromantik vortäuschen, wenn man schon die Sterne wegen der Lichtverschmutzung nicht sehen kann?

Ihren Text über New York schrieb Joan Didion 1967. Drei Jahre zuvor war sie mit Anfang Dreißig nach Los Angeles gezogen. Der Text liest sich, als wäre es das Ende von Didion und New York gewesen. Doch Abschiede sind wiederkehrend. In Wahrheit wissen wir nie, ob etwas für immer vorbei ist. Ein abgeschlossenes Thema kann Jahre nach Verarbeitung oder Verdrängung aktuell werden. Ein Ort, den wir glaubten, für immer verlassen zu haben, öffnet sich erneut für uns. Ein Mensch, der gegangen ist, weil es Zeit war, taucht wieder auf und wird wichtig. Mit Anfang Dreißig, und gibt es dafür überhaupt das richtige Alter, weiß man nicht, ob ein Abschied wirklich für immer ist. Ende der 1980er zog Didion zurück nach New York – und blieb.

“Rückblickend scheint es mir, als seien die Tage, bevor ich die Namen all der Brücken kannte, glücklicher gewesen als die, die danach kamen (…).” Joan Didion, “Das Spiel ist aus”, in Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben, übers. v. Antje Rávik Strubel.

Neulich fühlte ich mich sehr kölsch, als ich glaubte, ich könne endlich alle Ringe benennen.

“Die Kölner Ringe sind eine Folge von zusammenhängenden Straßen mit Boulevardcharakter, die halbkreisförmig rund um die Altstadt im linksrheinischen Köln liegen. Sie orientieren sich am Verlauf der mittelalterlichen Kölner Stadtmauer und sind 7½ Kilometer lang.” (Wikipedia)

Ich begann beim Konrad-Adenauer-Ring, musste allerdings beim Hohenstaufenring aufgeben. Ich war trotzdem zufrieden mit mir … Doch es gibt keinen Konrad-Adenauer-Ring in Köln und bei meiner Aufzählung hatte ich den Habsburgerring und den Hohenzollernring vergessen. Möglich, dass ich mir mehr Mühe geben muss. Möglich, dass die glücklichen Tage noch nicht vorbei sind.

Vielen Dank, dass du mitliest.

Frühlingshafte Grüße und bis in zwei Wochen!

Kristina

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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Argomento Alltag & Politik

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