von Heide Oeding
https://www.youtube.com/watch?v=kNT87WiK1dg (Si apre in una nuova finestra)
Vor dem Hintergrund der weltweiten Lage, welche sich seit dem Erscheinen des Liedes Zukunft Pink von Peter Fox feat. Inéz im Jahr 2023 in vielen Bereichen eher weiter zugespitzt hat, sollte das Lied schon vor drei Jahren ein Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zukunft liefern. Die Lyrics greifen aktuelle Krisen wie Klima, Krieg, Digitalisierung und eine „Übernahme“ von künstlichen Intelligenzen auf. Trotz dieser thematisierten Problemlagen verfolgt der Song jedoch keinen rein pessimistischen Blick auf die Gegenwart, sondern stellt eine optimistischere Perspektive in den Vordergrund, was sich gerade in der aktuellen Zeit besonders relevant anfühlt und auch der ausschlaggebende Grund für die Auswahl dieses Liedes bzw. dieses Musikvideos war.
Inwieweit das Musikvideo und die Lyrics in Bezug zueinander stehen und auf welche Weise das Musikvideo die übergeordnete Botschaft „Pink statt Schwarzmalerei“ aufgreift und umsetzt, soll im Folgenden analysiert werden.
Zunächst wird ein Fokus auf die visuelle Ebene des Musikvideos gelegt, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Einstellungsgrößen und -perspektiven sowie die Kamerabewegung und die Licht-, Farb- und Raumgestaltung gelegt werden soll. Anschließend wird auch die auditive Ebene einbezogen. Dabei steht jedoch weniger eine detaillierte inhaltliche Interpretation der Lyrics im Vordergrund, sondern vielmehr das Zusammenspiel von Musik, Rhythmus und Bild.
Das Musikvideo Zukunft Pink beginnt mit einer Nahaufnahme von Peter Fox, in welcher er, aus der Froschperspektive gefilmt, brutal auf etwas einschlägt. In der Einstellung ist nur sein Kopf sowie sein Oberkörper zu sehen und man schaut ihm beim Schlagen als Zuschauer:in direkt ins Gesicht. Die Sänger:innen Peter Fox und Inéz werden häufig in Nahaufnahmen gezeigt, insbesondere wenn sie singen, wodurch die Zuschauer:innen sich ihnen und dem Geschehen näher fühlen. Durch die Bauchsicht werden Peter Fox und Inéz eine Art „natürliche Autorität“ verliehen, welche den gesungenen Lyrics mehr Glaubwürdigkeit und Stärke gibt, ohne die beiden Sänger:innen jedoch unnahbar erscheinen zu lassen. Auch von Tänzer:innen werden einige Nahaufnahmen gemacht, wenn einzelne Choreographien in Szene gesetzt werden. Die Handlungs- und Wahrnehmungsachse sind im gesamten Musikvideo fast immer parallel, wenn es sich um Nahaufnahmen handelt. Die Personen im Video schauen die Zuschauer:innen meist direkt an. Nach Faulstich seien Achsenverhältnisse extrem wichtig für Identifikation der Zuschauer:innen, da durch sie „eine größtmögliche emotionale Betroffenheit hervorgerufen wird“ (Faulstich 2013, S. 127). Auch in diesem Fall wird man als Zuschauer:in durch die parallelen Achsenverhältnisse sehr stark ins Geschehen mit eingebunden und fühlt sich angesprochen oder als Teil des Geschehens und der Gruppe.
Aufnahmen von mehreren Tänzer:innen oder größeren Personengruppen werden meist in der Halbaufnahme oder der Totale in der Normalsicht gefilmt. Bei diesen Tanzszenen oder Szenen, in welchen Peter Fox als Protagonist zwar im Vordergrund steht, jedoch trotzdem von einigen weiteren Personen umgeben ist, geht es nicht mehr um das Individuum, welches die Zuschauer:innen anspricht sondern um die Gemeinschaft und das Kollektiv, das zusammenhält und in den Zuschauer:innen noch vielmehr ein Zugehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl erzeugt, da immer mit genügend Nähe zur Kamera gearbeitet wird, jedoch gleichzeitig auch größere Gruppen an Menschen der Kamera zugewandt sind und Zustimmung sowie Optimismus ausstrahlen. Hervorzuheben ist hierbei die Diversität der gezeigten Personengruppe, die sich in verschiedenen ethnischen Hintergründen, Körperformen, Kleidungsstilen und Geschlechteridentitäten widerspiegelt. Durch diese vielfältige Darstellung wird das Bild einer offenen und inklusiven Gemeinschaft erschaffen, die von Zusammenhalt und Akzeptanz geprägt ist und in welcher Unterschiede als selbstverständlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Miteinanders stehen.
Weitaufnahmen werden in dem Musikvideo ausschließlich genutzt, um Einblicke in den Raum und die Kulisse zu geben, in welchen sich die gezeigte Gruppe an Menschen befindet. Mit Weitaufnahmen wird das Bild einer eintönigen und verkommenen Stadt gezeichnet, welche von oben als Aufsicht gezeigt wird. Durch diese weite Sicht von oben auf die Menschen- bzw. Tanzgruppe in der Stadt wird der deutliche Kontrast der öden, düsteren und verkommenen Umgebung sichtbar, in welcher die Gruppe von Menschen tanzt, durch die Straßen zieht und dabei Positivität sowie Zuversicht ausstrahlt. Diese Weitaufnahmen in der Aufsicht machen zudem die Choreografie als oft synchrones und fast geometrisches Muster sichtbar, was nochmals eine Art Einigkeit im Kollektiv vermittelt. Die zweite Szene sowie die allerletzte Szene des Musikvideos sind beides Weitaufnahmen und bilden somit einen Rahmen für das gesamte Musikvideo. In der ersten Weitaufnahme sieht man in einer Aufsicht eine graue, düstere und heruntergekommene Großstadt mit vielen Plattenbauten. Auf einer großen Betonfläche wird Sperrmüll in einem großen Feuer verbrannt, während eine Gruppe an Menschen positiv gestimmt um das Feuer herum singt und tanzt. In der letzten Szene des Musikvideos wird hingegen in einem low shot und trotzdem als Weitaufnahme einer dieser Plattenbauten gezeigt, die mit einer noch viel größeren Masse an feiernden Menschen in den Himmel fliegt, was den Kreis schließt und die Botschaft der Veränderung hin zu einer besseren Zukunft und die damit einhergehende Zuversicht, welche der Song vermitteln soll, auch visuell unterstützt.
Die Kamera ist während des gesamten Musikvideos fast ständig in Bewegung. Personen kommen auf Kamera zu, die Kamera fährt rückwärts oder kreist um Personen oder Personengruppen herum. Es kommt häufig zu einem zoom zurück und auch manchmal zu einem zoom nach vorn, sodass Stillstand visuell zu keinem Zeitpunkt stattfindet. Dies erzeugt eine Dynamik, die den „Aufbruch“ spürbar macht und genau diesen Wunsch nach Veränderung und eben keinem Stillstand weiterhin untermalt. Die einzige Ausnahme, bei welcher die Kamera nicht einmal ein bisschen in Bewegung ist, ist die soeben schon aufgegriffene allerletzte Szene, in welcher der Plattenbau mit den feiernden Menschen in den Himmel fliegt. Dieser Stillstand der Kamera kann hier als eine Art des „Ankommens“ auf dem Weg in eine neue und bessere Zukunft gedeutet werden, da sich der Plattenau mit den Menschen vom Bisherigen entfernt und die Kamera das Geschehen aus einem low shot einfängt.
Die Gestaltung des Raums im Musikvideo vermittelt insgesamt eine Weltuntergangs-stimmung. Die Stadt besteht aus vielen Plattenbauten, ist grau und an vielen Stellen heruntergekommen oder verrostet. Das trübe Wetter und ein dunkler Filter lassen das Video in der farblichen Grundstimmung an vielen Stellen sehr düster wirken, was jedoch an anderen Stellen durch eine positive Farbgebung und sonniges Tageslicht kontrastiert wird. Das Feuer zu Beginn des Videos untermalt die Weltuntergangsstimmung, welche jedoch im Kontrast zu den Menschen steht, die glücklich und hoffnungsbringend inmitten der zerfallenden Stadt um den brennenden Haufen von Sperrmüll tanzen und lachen. Es wird gefeiert, durch die Straßen gezogen und getanzt, sodass es so wirkt, als würde die heruntergekommene Stadt, welche als Symbol für die aktuelle Lage in Bedarf einer Veränderung und einer neuen Zukunft, von den Menschen von allen Seiten und Schichten, sowohl von oben als auch von unten, eingenommen werden und diese düstere Grundstimmung durch Positivität und Optimismus überdeckt werden. Insbesondere in dem harten, durch die Wolken grauen Tageslicht, werden Licht und Farbe genutzt, um einen Hoffnungsschimmer zu visualisieren. Die „Zukunft“ erscheint dabei im Himmel heller erleuchtet, während das „Alte“ düster im Schatten bleibt. Bei dem Vers „Der Himmel ist immer noch blau, Meine Süßen: Future is now!“ fällt auf, dass der Himmel genau in dem Frame tatsächlich nicht blau, sondern, wegen Sonnenstrahlen, die durch die Wolken scheinen, eher orange ist. Im gesamten Video ist der Himmel nie richtig blau, sondern besteht eher aus grauem Himmel mit blaugrauen Wolken, welche in manchen Momenten durch orangene Sonnenstrahlen durchbrochen werden. Diese durch die Wolken brechenden Sonnenstrahlen könnten alsvisuelles Symbol für Hoffnung, Wandel und Aufbruch stehen, die verdeutlichen, dass positive Veränderungen möglich sind und selbst in einer von Krisen gezeichneten Umgebung Zukunftsperspektiven bestehen.
Ein zentrales Element und gleichzeitig die titelgebende Farbe, welches sich durch das gesamte Video zieht, ist wenig überraschend die Farbe Pink. Diese fungiert als Symbol für Hoffnung, Positivität und Veränderung. Pink beleuchtete Plattenbauten, pinke Neonlichter und pinke Klamotten brechen die graue, triste Realität auf. Insbesondere die Szenen, in denen Inéz singt, kennzeichnet ein schroffer Kontrast zu der sonst düsteren Stimmung. Zwischen dem harten Tageslicht heben sich genau diese Szenen durch künstliches, farbenfrohes beziehungsweise pinkes Neonlicht hervor. Inéz und ihre Background-Tänzerinnen stechen im pinken Neonlicht auch durch ihre pinke Kleidung heraus. Alle anderen Tänzer:innen tragen zwar auch normale bunte Alltagskleidung, welche jedoch durch den insgesamt düsteren Schleier des Videos nur unterschwellig zur Geltung kommen und der klare Fokus auf der Farbe pink und den Personen, die diese Farbe tragen, liegt. Peter Fox hingegen trägt als einziger die Farbe blau, welche vermutlich auch im Bezug auf den Vers „Der Himmel ist immer noch blau, Meine Süßen: Future is now!“ als Symbol für eine bessere Zukunft steht und ihn auch farblich von der Menge abhebt. Blau kann, besonders in Verbindung mit dem Motiv des „blauen Himmels“, symbolisch für bessere Zeiten und eine optimistische Zukunftsperspektive stehen. In diesem Zusammenhang könnte Blau auch als Farbe der Ruhe und Stabilität verstanden werden, die Sicherheit und damit eine gewisse Klarheit in der Bildsprache erzeugt. Pink hingegen verkörpert Lebensfreude, Optimismus sowie eine aktiv positive Grundstimmung. Die Farbe wirkt energiegeladen und unterstreicht die Idee einer lebendigen, gemeinschaftlich gestalteten Zukunft.
Das Musikvideo lässt sich dramaturgisch so beschreiben, dass eine Geschichte erzählt wird, die grob einem Handlungsstrang flogt. Peter Fox bringt zu Beginn seinen „Avatar“ um, dieser wird aufgebahrt und durch die Stadt gefahren, wobei eine große Personengruppe wie bei einer Beerdigung hinterher läuft. Da die Menschen alle tanzen, singen und fröhlich sind, wirkt dieser Straßenzug jedoch wie eine Party, gegensätzlich zum Bild der Beerdigung. Die feiernden Menschen ziehen auf einen Plattenbau, welcher am Ende des Videos in den Himmel fliegt, wo der tote Avatar von Peter Fox vom Dach fallen gelassen wird. Das Video ist mit unsichtbarem Schnitt geschnitten worden und die einzigen Szenen, in denen etwas digital animiert ist, sind die des fliegenden Plattenbaus. Die Animation hebt sich dabei visuell deutlich ab, da sie als einzige Szene die reale Darstellungswelt verlässt und den Plattenbau symbolisch als Zeichen eines möglichen Aufbruchs in eine bessere Zukunft in den Himmel aufsteigen lässt.
Die Schnittfrequenz in dem Musikvideo ist recht hoch und oft an den Amapiano-Rhythmus des Liedesangepasst. Es wird viel zum Beat getanzt und Choreographien werden sowohl von einzelnen Tänzer:innen als auch von ganzen Gruppen im Rhythmus ausgeführt. Dazu wird fast immer im Takt geklatscht oder genickt. Ein starker und etwas grotesker Gegensatz wird direkt zu Beginn gesetzt, als die positiven und ausgelassenen Ampiano-Beats einsetzen und Peter Fox zunächst genau im Takt und dann in synkopischer Rhythmik aufgelöst brutal auf den Avatar einschlägt. Insgesamt verbindet das Video sowohl Musik im On als auch im Off, da Inéz und Peter Fox oft singend im Bild gezeigt werden werden, was bei sehr aussagekräftigen Lyrics häufig der Fall ist. Oftmals handelt es sich jedoch sich um Off-Musik, die insbesondere bei Tanzszenen eher als untermalende Ebene im Hintergrund wirkt.
Die visuelle und auditive Ebene gehen im Musikvideo Hand in Hand, um die zentrale Botschaft des Liedes Zukunft Pink zu untermalen, und zwar, dass trotz der vielen, oftmals hoffnungslos erscheinenden, gegenwärtigen Krisen eine bessere Zukunft möglich ist, wenn Menschen sich zusammenschließen und gemeinsam eine Veränderung anstoßen. Der dynamische Ampiano-Beat erzeugt eine positive, zum Tanzen einladende Atmosphäre, während die Lyrics und das Bild Optimismus, Hoffnung und eine Art der Aufbruchsstimmung in einer grauen düsteren Gegenwart schaffen. Gerade diese Kontraste spielen in dem Musikvideo eine große Rolle. Eine düstere, verfallende Stadt gegenüber darin tanzenden glücklichen Menschen. Graue Plattenbauten und hartes blaugraues Tageslicht gegenüber pinkem Neonlicht. Positive dynamische Beats gegenüber brutaler Schläge und Beerdigungskulisse. Aus einer dystopischen Ausgangssituation und Zukunftsangst wird durch menschliche Gemeinschaft Hoffnung und Mut zur Veränderung geschaffen. In diesem Kontext spielt auch der Avatar Peter Foxs eine tragende symbolische Rolle. Sein Tod bzw. seine Ermordung zu Beginn des Videos und der Umstand, dass er am Ende des Videos vom Plattenbau, der in den Himmel in eine bessere Zukunft fliegt, hinuntergeworfen wird, untermalt die Kritik einer übertechnologisierten entmenschlichten Zukunft. Diese Botschaft des Menschens und Mensch-Seins im Mittelpunkt wird auch durch die Darstellung von Gemeinschaft im Video verstärkt, da die tanzenden Menschen in der tristen Plattenbaulandschaft verdeutlichen, dass Veränderung „von unten“ entstehen muss. Gerade der urbane Raum mit Plattenbauten, die mit sozialer Ungerechtigkeit und Marginalisierung in Verbindung zu setzen sind, wird hier zum Ausgangspunkt von Gemeinschaft, Bewegung und Optimismus.
Angemerkt werden muss jedoch, dass die sehr diverse Personengruppe, die im Video in den Plattenbauten gezeigt wird, zwar für Vielfalt steht, jedoch nicht denjenigen entspricht, die dort üblicherweise wohnen, da solche Wohngegenden gesellschaftlich eher mit sozialer Benachteiligung und der Unterschicht verbunden werden und die gezeigten Personen in ihrer Darstellung das genaue Gegenteil dieser sozialen Gruppe abbilden. Es handelt sich vielmehr um eine junge, urbane und viel wohlhabendere Szene, die selbst Teil und Treiber von Gentrifizierungsprozessen ist. In der Gesellschaftskritik des Liedes schwingt somit durch die Inszenierung der Personen im Video ein bitterer Geschmack bei, da genau diese Gruppen, die zur sozialen Ungleichheit und Verdrängung beitragen, gleichzeitig eine bessere und gerechtere Zukunft einfordern, die für sie aufgrund ihrer privilegierten Position ohnehin leichter zugänglich ist. Sie nehmen damit den Raum tatsächlich marginalisierter Gruppen ein, wodurch eine Diskrepanz zwischen der eigentlich positiv gemeinten Botschaft des Liedes und der kritischen Deutung in der visuellen Umsetzung entsteht.
Trotz dieser Kritik schafft das Musikvideo es, der „Schwarzmalerei“, welcher man aufgrund der aktuellen Weltlage häufig gedanklich gar nicht entkommen kann, einen pinkfarbenen Hoffnungsschimmer für eine bessere Zukunft zu verleihen und zu verdeutlichen, was die Lyrics des Liedes auch vermitteln: dass man nicht auf Veränderung warten soll, sondern diese im solidarischen Hier und Jetzt der Gemeinschaft beginnt.
Quellen
Peter Fox: Zukunft Pink (feat. Inéz). Offizielles Musikvideo. YouTube, veröffentlicht auf dem Kanal „Peter Fox“, 2023. URL: https://www.youtube.com/watch?v=kNT87WiK1dg (Si apre in una nuova finestra) (letzter Zugriff: 10.04.2026).
Faulstich, W. (2013). Grundkurs Filmanalyse (3. Aufl.). Paderborn: Wilhelm Fink.