Moin! In der letzten Woche habe ich euch von meinem Besuch beim Ostseetag in Stralsund erzählt. Ein Thema hat mich dort an verschiedenen Stellen besonders in den Bann gezogen: der Schweinswal. Ich habe noch nie einen in echt gesehen, ihn aber bereits für das Buch “Ein Leben für den Ozean” von Florian Sturm und Christian Weigand illustriert. Einige wenige Fakten über sein Leben in unserer Ostsee und die Gefahren darin waren mir bekannt aber der Tag am Ozeaneum hat dem Ganzen nochmal eine ganz neue Tiefe gegeben.

Es fing mit dem ersten Fachvortrag des Tages an. Die Referentinnen Anja Gallus, Koordinatorin der Arbeitsgruppe „Meeressäugetiere“, und Lisa Klemens, wissenschaftliche Mitarbeiterin, forschen an Schweinswalen und gaben den Zuhörenden einen guten ersten Überblick über die Besonderheiten dieser Tiere.
In deutschen Gewässern gibt es drei verschiedene Populationen von Schweinswalen, die sich in Genetik und Aussehen voneinander unterscheiden:
1. Die Nordsee-Skagerrak-Population wird vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) in Büsum im September 2023 auf 13.250 bis 27.000 Schweinswale geschätzt, Tendenz sinkend.
2. Die Population in der Beltsee lebt vom Gebiet rund um die Dänischen Insel bis zur Spitze Rügens. Hier gab es einen massiven Einbruch von 2016 (40.000 Tiere) bis 2022 (14.000 Tiere).
3. Die Population der zentralen Ostsee (alles östlich von Rügen bis in den hohen Norden hinauf) umfasst nur noch ca. 500 Tiere und ist daher vom Aussterben bedroht.
Die Zählung der Tiere ist enorm schwierig, da sie nicht einmal 2 m lang werden und nur zum Atmen an die Wasseroberfläche kommen. Dabei kann man für einen kurzen Moment ihre kleine Rückenflosse erkennen, mehr können wir von außen nicht beobachten. Früher wurden Meere mit Flugzeuge überflogen. Hierbei konnten die Tiere gezählt werden, die zufällig zum richtigen Zeitpunkt an der Oberfläche zu sehen waren, was keine genauen Ergebnisse lieferte, dafür aber viel Zeit und Energie verbrauchte. Deshalb wird mittlerweile mit akustischen System Unterwasser gearbeitet.
Falls ihr schon in der Ostsee den Kopf Unterwasser gehalten habt, wisst ihr vielleicht: man sieht nix. Unser Binnenmeer ist oft dunkel und trüb, weshalb es schwer ist, Nahrung auf Sicht zu jagen. Schweinswale orten ihre Nahrung per Echo. In ihrem Kopf befinden sich zwei Nasengänge, in denen der Schweinswal Luft von einem zum anderen bewegen kann. Hierbei passiert die Luft die phonischen Lippen, in denen hochfrequente Klickgeräusche (also sehr schnell hintereinander) erzeugt werden. Diese werden über ein Organ im Stirnbereich der Tiere - Melone genannt - als Schallwellen abgegeben. Treffen sie im Wasser auf ein Hindernis oder Beute, werden die Schallwellen zurückgeworfen und vom Wal empfangen. Hierfür dient ihnen ihr Unterkiefer, der die Information an die sensorischen Rezeptoren im Innenohr weiterleitet. Es ist schwer, diesen Vorgang vereinfacht zu erklären aber vielleicht hilft es, sich Schweinswale als die Fledermäuse des Meeres vorzustellen.

Diese Klicks sind für uns Menschen nicht hörbar, können aber technisch aufgezeichnet und gespeichert werden, um die Zählung der Tiere zu ermöglichen und mehr über ihr Leben herauszufinden. Hierzu habe ich nach dem Vortrag am Stand des Meeresmuseum von den wissenschaftlichen Mitarbeitenden noch jede Menge Informationen bekommen und hätte ihnen am liebsten stundenlang zugehört. So wurde bisher davon ausgegangen, dass Schweinswale allein oder in Mutter-Kind-Paaren unterwegs sind. Per Drohnenaufnahmen während des wissenschaftlichen Monitorings wurden allerdings mehrere (!) Mütter mit ihren Kindern als Gruppe beobachtet. Während zwei Mütter nach Nahrung tauchten, blieb die Dritte mit allen Jungtieren an der Oberfläche. Nach dem Auftauchen der anderen beiden erwachsenen Tiere fanden sich alle drei Paar wieder passend zueinander zusammen. Das wird als Hinweis gedeutet, dass sich die Tiere nicht nur in sozialen Gruppen bewegen könnten, sondern auch einander an der Stimme erkennen.
Ich sehe es ja mittlerweile so: warum denn auch nicht? Ich würde Tieren - egal, welchen - nicht von Anfang an absprechen, intelligent oder sozial zu sein, eine eigene Sprache und Kultur zu haben bis wir Menschen etwas Konkretes dazu erforscht haben. Natürlich empfinden sie Schmerzen, pflegen Freundschaften und kommunizieren miteinander. Dass wir z.B. immer noch krampfhaft nach durch grausame Experimente herbei geführte Erkenntnissen suchen, ob Fische Schmerz empfinden, halte ich für die falsche Herangehensweise. Ich bin dafür, dass wir die Natur um uns herum nicht unter uns stellen und es als selbstverständlich ansehen, dass wir nicht die einzigen Lebewesen sind, denen bestimmte Eigenschaften wie Intelligenz oder Empathie zugewiesen werden. Aber das System, in dem wir leben, ist ein anderes und deshalb sind solche Beobachtungen wie von den Schweinswalen von besonderer Bedeutung. Wenn bewiesen werden kann, dass es bestimmte Orte gibt, an denen die Tiere ihre Jungen großziehen, ist das ein großer Baustein in der Argumentation für weitere Meeresschutzgebiete und entsprechende Maßnahmen.
Denn wie bereits erwähnt: der Schweinswal ist gefährdet. Direkt vor unserer Haustür. Zu den Gefahren zählen ungeklärte Abwässer, Müll, Lärm und die Fischerei, in deren Stellnetzen Schweinswale als Beifang (Tiere, die nicht das Ziel der Fischerei sind und trotzdem im Netz sterben) ertrinken. Die Netze sind so fein, dass der Schweinswal sie mit seiner Echo-Ortung nicht erkennt und direkt hineinschwimmt. Zurzeit wird daran geforscht, wie man diese Netze sozusagen akustisch sichtbarer machen könnte. Kleine Acrylperlen, die am Netz befestigt werden scheinen erste Erfolge zu bringen, da die Perlen das Echo zum Schweinswal zurück werfen und ihm signalisieren “Vorsicht, hier ist ein Hindernis"!” Doch wenn wir ganz konkret sein wollen: die besten Stellnetze sind die, die an Land bleiben. Fischerei muss endlich umgedacht werden und so sehr ich mir persönlich wünsche, dass wir das Fischen den Menschen auf der Welt überlassen, die wirklich darauf angewiesen sind, so sehr weiß ich auch, dass wir in der Praxis die Fischer*innen in Nord- und Ostsee bei diesem Prozess mitnehmen müssen anstatt über ihre Köpfe hinweg Dinge zu diktieren. Ich bin grad noch am Anfang, mich in dieses Konfliktfeld einzulesen und einzuarbeiten aber sehe bereits, dass diese Herausforderung groß ist.
Doch nicht nur Fischer bewegen sich entlang der Küsten unserer Meere. Auf dem Wasser und auch unter der Oberfläche ist jede Menge los. Frachtschiffe, Windkraftanlagen, Neubauten von Plattformen und so viele menschliche Aktivitäten mehr machen jede Menge Lärm. So viel Lärm, dass Schweinswale es immer schwieriger haben, ihr eigenes ausgesandtes Echo zu hören.
Wenn sie einen Fisch gefangen haben, können sie ihn nicht in kleinere Stücke zerteilen, sondern müssen ihn im Ganzen herunterschlucken. Deshalb befinden sich nur kleinere Fische in ihrem Beuteschema. Kleinerer Fisch bedeutet, dass er weniger der benötigten Energie enthält, weshalb Schweinswale sehr viel Zeit mit der Nahrungssuche verbringen: sie müssen sehr viele kleine Fische fangen anstatt nur wenige Große zu erbeuten.
Werden sie nun bei dieser Jagd durch Unterwasserlärm gestört, müssen den menschengemachten Schallquellen ausweichen oder finden zu wenig Nahrung bedeutet das großen Stress für die Tiere. Im schlimmsten Fall kommt es durch laute Geräusche zu Verletzungen des Innenohrs und somit zu gefährlichen Störungen bei der Suche nach Nahrung. Ein möglicher Schutz z.B. beim Bau von neuen Windkraftanlagen wird bereits erprobt. Die Basis für solche Anlagen wird in den Meeresboden gestampft. Ihr könnt es euch vorstellen wie das Hämmern eins Nagels in die Wand. Immer und immer wieder laute Schläge. Legt man nun einen Schlauch auf dem Meeresgrund rund um die Baustelle und bläst mit hohem Druck Luft in diesen Schlauch, in dem sich in regelmäßigen Abständen Löcher befinden, steigt die Luft aus den Löchern zurück an die Oberfläche. So entsteht ein runder Vorhang aus Blasen, durch den die Schwallwellen des Bauens gedämpft werden können.
Auch Schiffe könnten ihren Beitrag zur Reduzierung des Lärms leisten. Hierzu habe ich am Ostseetag auf dem Forschungsschiff des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie einiges gelernt. Eine geringe Drosselung der Geschwindigkeit würde einen großen Unterschied machen. Segel könnten sogar den Zeitverlust wieder ausgleichen. Doch wie so oft, sind Lobby und wirtschaftliches Interesse noch größer als die Bereitschaft zu Veränderung. Umso wichtiger sind Forschung und Monitoring rund um den Schweinswal in Nord- und Ostsee, um den Druck auf Politik und Wirtschaft zu erhöhen und dem Schutz der Meereswelt mit Fakten, Ergebnissen und Argumenten eine Stimme zu geben.
Weil es eben noch nicht selbstverständlich ist, für die Natur um uns herum Verantwortung zu übernehmen.
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Funfact über Schweinswale: Ihr Magensystem bestehen aus vier Mägen, wie bei Kühen oder Nilpferden. Das zeigt ihre nahe Verwandtschaft zu diesen Tieren.
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Mehr Informationen zum Schweinswal findet ihr auf der Seite der Deutschen Stiftung Meeresschutz (Si apre in una nuova finestra)
Hier findet ihr auch ein kurzes Video vom NABU zum Thema Schweinswal