Heute mal ein reaktion-blogpost auf eine spannende Studie.
Es war einmal, da war Spiritualität ein ziemlich klarer Weg: Sonntags Kirche, mittwochs Bibelkreis, und der Rest war irgendwie geregelt. Doch laut der Studie von Detlef Pollack und Gergely Rosta (2024) sieht das bei den 18- bis 29-Jährigen heute ganz anders aus. Die Gründe für die Abkehr von traditionellen Institutionen sind vielfältig:
Skandale und Vertrauensverlust: Die Kirche hat in den letzten Jahren ordentlich Federn gelassen – Missbrauchsskandale, Machtmissbrauch, verstaubte Strukturen. Das Vertrauen ist weg, und die Kirchenbänke bleiben leer.
Mangelnde Relevanz: Junge Erwachsene fragen sich: Was hat das alles noch mit meinem Leben zu tun? Die Antworten der Institutionen wirken oft wie aus einer anderen Zeit. Natürlich gibt es hier und da hippe Ausnahmen - im Kleid der Popkultur. Aber inhaltlich bleiben sie meist eher konservativ.
Hierarchie und Dogmatismus: „Sag mir nicht, was ich zu glauben habe!“ – Starre Strukturen und autoritäre Ansagen sind so 1995. Heute ist Selbstbestimmung angesagt.
Fazit:
Die spirituelle Sinnsuche findet nicht mehr im Kirchenraum statt, sondern irgendwo zwischen Meditations-App, Achtsamkeits-Workshop und dem nächsten veganen Brunch.
Willst du nun das locker-lustige Audio mit Emotionen in der Stimme :-) Oder den folgenden Text?
Willst du diese Hintergründe genauer studieren, dann lies dich rein hier bei midi-News:
https://arc.net/l/quote/kaeqocmy (Si apre in una nuova finestra)
Patchwork-Spiritualität: Glauben im Baukastensystem
Die Studie spricht von einer (schon seit Thomas Luckmann altbekannten) „Patchwork-Spiritualität“ – und das ist kein Zufall. Junge Erwachsene mixen sich ihren Glauben wie einen hippen Smoothie:
Meditation, Yoga, Achtsamkeit: Alles, was irgendwie nach innerer Ruhe klingt, ist willkommen. Hauptsache, es hilft beim Runterkommen nach dem dritten Zoom-Call.
Naturspiritualität: Ein Spaziergang im Wald, ein bisschen Waldbaden, vielleicht ein Dankeschön an Mutter Erde – fertig ist das Ritual.
Astrologie, Tarot, Schamanismus: Sterne checken, Karten legen, schamanisch trommeln – alles erlaubt, solange es nicht dogmatisch wird.
Kaleidoskop-Spiritualität: Das nuPerspective Institut (also wir :-) nennt diese Beobachtung so – ein bunter Mix aus allem, was inspiriert. Die „Anders”-Gläubigkeit ist heute das neue Normal. Früher gab es nur das Orthodoxe (der einzig wahre Glaube…). Heute:Finde und begründe deinen eigenen Anders-Glauben.
Das Motto:
Warum sich festlegen, wenn man alles ausprobieren kann? Wer weiß, vielleicht ist die nächste große Erkenntnis ja nur eine App-Installation entfernt. Und das ist nicht unverantwortlich gemeint, sondern zeugt vom rasanten Veränderungstempo von allem. Da muss man mitkommen. Und auch spirituell für Neues offen bleiben. Wichtig ist: Es muss helfen. Es soll authentisch wirken.
Gemeinschaft 2.0: Vom Kirchenchor zu Sharing Circles & Retreats
Die Forscher haben in ihrer Studie festgestellt. Trotz aller Individualisierung bleibt erstaunlich konstant aber das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Doch die sieht heute anders aus:
Retreats & Festivals: Temporäre Auszeiten, bei denen man gemeinsam meditiert, tanzt, schweigt oder einfach nur zusammen ist – und das alles ohne Kirchensteuer.
Sharing Circles & Online-Communities: Hier wird geteilt, was bewegt – von der letzten spirituellen Erfahrung bis zum besten veganen Brownie-Rezept. Die klassische Gemeinde ist tot, es lebe die temporäre Gruppe!
Digitale Spiritualität: Instagram, Discord, Telegram – die neuen Tempel sind digital. Hier wird diskutiert, inspiriert, und manchmal auch ein bisschen gestritten.
Fazit:
Gemeinschaft ist wichtig – aber bitte flexibel, offen und ohne Verpflichtung. Wer will schon jeden Sonntag um 10 Uhr irgendwo sein müssen?
Kommerz, Wellness und die Suche nach Tiefe
Der Markt hat längst erkannt: Spiritualität verkauft sich gut. Von Räucherstäbchen über Achtsamkeits-Apps bis hin zu Retreats auf Bali – alles ist käuflich.
Wellness & Lifestyle: Spiritualität ist das neue Superfood. Wer spirituell ist, lebt gesünder, glücklicher und sieht auf Instagram besser aus.
Kritische Distanz: Junge Erwachsene sind nicht naiv. Sie wissen, dass vieles zur Ware geworden ist – und begegnen dem mit einer Mischung aus Neugier und ironischer Skepsis.
Tiefe oder Oberfläche? Die große Frage bleibt: Führt der ganze Hype zu echter Sinnstiftung oder nur zu schöneren Selfies? Die Antwort: Kommt drauf an – und wird ständig neu verhandelt.
Metakrise, Metamoderne und das große „Vielleicht“
So. Jetzt mal meine Einordnung dieser Forschungsergebnisse.
Wir leben – wie du weißt – in der Metakrise (Si apre in una nuova finestra): Klimawandel, Demokratiekrise, soziale Spaltung, plus Sinnkrise, technologische Überforderung, Klima, Politik, Überforderung usw. – und alles gleichzeitig, alles irgendwie zu viel. Junge Erwachsene wachsen also in einer Welt auf, in der Unsicherheit und Komplexität zum Alltag gehören. Das führt sie (notgedrungen) zu kreativen Überlebens- und Anpassungsmustern (oder sie geben auf):
Metamoderne Haltung: Zwischen Hoffnung und Ironie, zwischen Ernst und Spiel – Spiritualität wird ernst genommen, aber nie ohne ein Augenzwinkern.
Ambivalenz als Ressource: Es gibt keine einfachen Antworten mehr. Die Gleichzeitigkeit von Tiefe und Leichtigkeit, Individualität und Gemeinschaft wird als kreative Chance verstanden.
Experimentierfreude: Alles kann, nichts muss. Heute Yoga, morgen Tarot, übermorgen politisches Engagement – und alles gehört irgendwie zusammen.
Synthese: Erdbeerfeld-Philosophie für die Metakrise
Die spirituelle Landschaft junger Erwachsener ist deshalb so bunt wie ein Erdbeerfeld nach dem Sommerregen:
Vielfalt statt Einfalt: Alles ist erlaubt, solange es authentisch ist.
Reflexion statt Dogma: Nichts wird einfach übernommen, alles wird hinterfragt.
Gemeinschaft als Experiment: Neue Formen des Miteinanders entstehen – temporär, offen, kreativ.
Spiritualität als Ressource: Ob individuelle Resilienz oder kollektive Transformation – Spiritualität wird als Werkzeug für den Umgang mit der Metakrise entdeckt.
Die große Frage bleibt: Wird aus dem individuellen höchst angepassten Patchwork (und das ist eine biografische Leistung!) irgendwann ein Teppich, auf dem wir gemeinsam in die Zukunft tanzen? Da war die alte Kirche gewissermaßen im Vorteil, weil sie Menschen zu eher homogenen Gruppen versammelte.
Oder bleibt es eher doch beim lustvollen Pflücken der spirituellen Erdbeeren? Kann eine an diese komplexe soziale Welt anknüpfende Transchristentümliche Spiritualität hier einen Mehrwert bringen, quasi das beste aus beiden Welten?
Ein Jahrtausende Jahre altes, Menschen fest verbindendes Narrativ, das aber die aktuellen Fragen des 21. Jahrhunderts aufgreift und wirklich hilfreiche und neue (passgenaue) Antworten erschafft.
Bei gleichzeitiger Zuversicht für eine wirre, finstere Metakrisen-Zukunft. Aber diesmal ohne billige spirituelle Exitstrategie (im Himmel wird es besser werden!). Also eine wirkmächtig starke Diesseits-Zuversicht.
Und eine Mission „versöhnte Vielfalt” – diesmal ohne das Einschwören auf ein imperiales Glaubensbekenntnis (das das „Reich” zusammen halten muss wie bei Kaiser Konstantin). Post-Konstantinisch, post-konfessionell, post-dogmatisch.
Die für mich offenen theologischen Fragen sind:
Welche Rolle spielt der zweitausend Jahre alte Jesus? Ist er die Ikone einer (selbst-)kritischen Achsenzeit? Oder die Stimme der 200.000jährigen Urmenschheit? (wie hier schon ausführlich versucht wurde) (Si apre in una nuova finestra).
Welche Rolle spielt die Zukunft und Weiterentwicklung des Glaubens? (Es kann doch nicht sein, alles als Entfaltung eines Urmythos an einem zufälligen Kreuz in Jerusalem zu verstehen).
Wie verstehen wir Evangelium? Ein plurales, also schillerndes, je nach Kontext unterschiedliches Gutwort statt eines einzigen immer gültigen erratischen Satzes von der „Rechtfertigung des Sünders”? Weil ich anders als bislang von der Güte des Menschen ausgehend (Si apre in una nuova finestra)theologisch und anthropologisch argumentiere?
Alle 3 Fragen (und deren Versuchsantworten) sind ketzerisch genug, um aus der christentümlichen Logik herauszufallen. Noch habe ich kein abgerundetes in sich zusammenhängenden Glaubensgebäudes anzubieten (ob es das je wieder geben wird?). Die Weltformel wird sehnlich erwünscht und verzweifelt erhofft, aber ich ahne, dass wir einen co-kreativen Finde-Prozess brauchen, der vielleicht nie abgeschlossen ist? Da schließe ich mich der Findemethoden der heutigen Jugend an, die eben eins hat:
ein sicheres Gespür für die neue komplexe Lage.
Und den Mut hat, mit ihrer Spiritualität revolutionäre Suchbewegungen zu wagen.
Handlungsempfehlungen & Call to Action
Was lässt sich dennoch relativ sicher schon mal tun?
Integrative Erdbeerfelder anlegen: Schaffe Räume (digital und analog), in denen junge Erwachsene gemeinsam experimentieren, lachen und Sinn finden können – ohne Zwang, aber mit echter Begegnung. Es könnte co-kreativ werden. Eben schöpferisch.
Kritische Reflexion düngen: Fördere Formate, in denen Spiritualität nicht nur konsumiert (also passiv erlebt), sondern auch kritisch hinterfragt wird – Humor und Selbstironie ausdrücklich erwünscht!
Gemeinschaften der Praxis gießen: Initiere offene, temporäre Gruppen, in denen gemeinsam an innerer und äußerer Entwicklung gearbeitet werden kann – WLAN, Snacks und Offenheit inklusive. z.B. Übe die IDGs ein… (Si apre in una nuova finestra) statt Neo-Reaktionismus zu huldigen. Z.B. in meinem Buch: Tugenden neu als komplexe Spannungsfelder (Si apre in una nuova finestra)denken.
Brücken bauen: Und ganz wichtig! Verbinde Spiritualität mit gesellschaftlichem Engagement – vielleicht ist die nächste große Transformation ja schon am Rande des Erdbeerfelds in Miniformat zu finden. Wo sonst fängt Resilienz 3.0 an? (Si apre in una nuova finestra)
Metamodern denken und handeln: Ermutige zu einer Haltung, die Widersprüche aushält und sogar als weitend liebt, Zwiespältigkeit und Uneindeutiges als wichtige Ressource nutzt und Spiritualität als Labor für gesellschaftlichen Wandel begreift. Gutes Leben findet Stadt.
In diesem Sinne: Lasst uns gemeinsam lachen, suchen, experimentieren und gelegentlich auch mal eine Erdbeere naschen – für mehr Metafit in der Metakrise!
Lust auf mehr? Dann sende dieses Newsletter an Freund:innen und ermutige diese zum Abo oder abonniere diesen Newsletter, „Lachen am Rande des Erdbeerfelds“…
Und bleib metamodern inspiriert – mit einer Extraportion Humor und einer Handvoll frischer Ideen für die Sinnsuche im 21. Jahrhundert!