Ausgabe vom Mittwoch, 8. Oktober 2025
Wenn das Licht Pause macht
Altentreptow, du kleine Versuchsanordnung im Maßstab 1 : 1. Wer hier nachts über die Südkreuzung will, lernt das Beten neu – auch wenn er gar nicht glaubt. Die Ampeln schlafen, die Verwaltung prüft, und wir Bürger spielen Versuchskaninchen auf Asphalt. Seit dem 15. Oktober 1987 liegt unser Antrag, fein getippt und brav unterschrieben, im Rathaus. Darin steht nichts Revolutionäres: „Die Ampeln sollen auch nach 20 Uhr leuchten, damit niemand stirbt.“
Das Ordnungsamt versprach zu prüfen, die Technik versprach Rückmeldung, die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel versprach, „das Thema ganzheitlich“ zu betrachten. Und so betrachten sie es bis heute – von allen Seiten, nur nicht von vorn.
Wer nachts dort steht, versteht sofort, warum Darwin recht hatte. Autos kommen lautlos, Schatten bewegen sich schneller als Vernunft. Einmal sah ich Nusseltrud an der Kreuzung, bewaffnet mit Taschenlampe und Todesverachtung. Sie winkte wie ein Flughafenlotse. „Wenn die mich überfahren, sehen sie wenigstens, wer ich war“, sagte sie. Balduin fluchte, Alwin schrieb eine Eingabe, Meister Munter versprach, „morgen wird’s bestimmt hell“.
Wenn Zuständigkeit Kreise zieht
Im Rathaus kennt man das Problem natürlich. Es zieht nur seine Bahnen wie eine Bürokratie-Schildkröte: langsam, behördlich, mit Stempelpanzer. Jeden Morgen zischt die Kaffeemaschine und klingt, als würde sie „nicht schon wieder“ seufzen.
Montagmorgen, neun Uhr. Krisensitzung „Ampelmanagement“. Pusemuckel faltet die Hände, Fips Federkiel klimpert nervös mit seinem Schlüsselbund, und ganz hinten sitzt Liane Glanzreich, die neue Leiterin für visuelle Bürgernähe und digitale Strahlkraft. Drei Telefone, Pastellblazer, Lippenstift mit Farbnamen „Korallenkompetenz“. Sie tippt Hashtags, bevor jemand das Wort „Sicherheit“ sagen kann: #NachhaltigDunkel – #SparenMitStil.
„Wir brauchen eine positive Story!“, ruft sie. „Dunkelheit ist das neue Licht. Wir erzählen: Wir sparen Energie – also Leben!“ „Wir riskieren es eher“, murmelt Fuchs und zieht an seiner Pfeife.
„Fuchs, bitte konstruktiv bleiben“, zischelt Pusemuckel. „Konstruktiv wär: Schalter umlegen.“
Doch im Rathaus liebt man das Konzept des Kreises. Jeder verweist an den: Bauausschuss, Technik, Öffentlichkeitsarbeit, Finanzen – ein wunderschöner Tanz der Verantwortungslosigkeit. Am Ende weiß keiner mehr, wer das Licht überhaupt ausgeschaltet hat, aber alle haben ordentlich geprüft.
Der Mann mit der Brille und dem Mut
Dann kam Herr Lamprecht. Zehnter Bearbeiter, blass, korrekt, leicht schüchtern. Er öffnete die Akten, las, runzelte die Stirn und sprach den gefährlichsten Satz der Verwaltungsgeschichte: „Ich glaube, ich habe das verstanden.“
Zum ersten Mal seit Jahren war Bewegung im Dunkel. Lamprecht wollte modern auftreten. „Wir brauchen was Sichtbares, was – wie sagt man – prägnantes!“ Und er meldete eine Präsentation an. Eine echte PowerPoint! Im Rathaus. Mit Folien und allem.
Der Termin wurde groß angekündigt. Pusemuckel bestellte Kekse, Liane Glanzreich die Filmcrew („Wir brauchen Footage fürs Image!“), die Kaffeemaschine bekam frisches Wasser. Baron Tollensius, mein Hund und moralische Instanz, lag bereits vor dem Tisch, als hätte er die Katastrophe gerochen.
Die PowerPoint-Erleuchtung
Der Beamer flackerte, piepte, stotterte. Ein Rauchwölkchen. „Kabelproblem!“, rief jemand. „Visuell nicht stark“, flüsterte Liane. Dann fiel das Licht aus. Perfekte Symbolik. In der Dunkelheit hörte man nur ihre Stimme: „Ich filme das – echtes Storytelling!“
Ein Knall, ein Stuhl kippt, jemand schreit. Baron Tollensius springt auf, packt das glühende Kabel zwischen die Zähne, zieht es aus der Steckdose und bellt heroisch. Stille, dann Applaus.
„Das war kommunikativ nicht optimal“, keucht Liane, „aber emotional stark!“
Lamprecht wischte Ruß von der Stirn. „Ich glaub, wir brauchen keine PowerPoint mehr.“
Sie beschlossen, die Idee einfach zu erzählen. „Narratives Arbeiten ist im Trend“, sagte Liane. Und Lamprecht sprach von Bürgernähe, Verantwortung und einer neuen Idee: Ampelpatenschaft. Zehn Euro im Jahr, dafür darf man seine Ampel adoptieren. Bei Vollmond einschalten. Bürgerbeteiligung mit Energiespargarantie.
Pusemuckel war begeistert. „Das ist Partizipation!“
Fips notierte: „Formular A-117b entwerfen.“
Liane flüsterte: „Dafür mache ich ein Reel.“
Die Ampelpatenschaft war geboren – das Glanzlicht einer Stadt, die lieber Formulare druckt, als Knöpfe zu drücken. Fortsetzung folgt.
Danke fürs Lesen – teilen Sie gern, wenn Sie nachts auch lieber leuchten würden. Clubmitglieder lesen mittwochs und sonntags früher (Si apre in una nuova finestra) und kriegen Butterbrot + Bonus-Kolumne.
Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.
Am nächsten Mittwoch: Teil 2 – Wie eine Stadt zur eigenen Beleuchtungspatin wird.
Altentreptow, Mittwoch, 8. Oktober 2025 © Erna Schippel 2025 – Alle Texte und Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.