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Das Naturbad, das schon nach Wellness riecht

Ausgabe vom Mittwoch 27. August 2025 - Erna Schippel, nicht mein Amt

Anbaden im Rathaus

Altentreptow wollte einen Teich. Bekommen haben wir erst mal: Vorfreude in Aktenform. Ich sitze auf der Zuschauerbank, habe die Badehaube schon im Kopfkino auf und warte auf das Wort „Wasser“. Stattdessen plätschern Tagesordnungspunkte. Und dann hebt Frau Sonnenberg (so nenne ich unsere Chefin im Saal) den Blick und sagt das Zauberwort: Kleingewässer am Klosterberg. 48 000 Euro für die Planung, 1,93 Millionen für den Traum vom Bad – und irgendwo zwischen Papier und Pfütze winkt meine gelbe Quietscheente höflich: „Meldet euch, wenn ich rein darf.“

Plan mit Sprungbrett

Pastellfarbene Illustration: Ältere Frau mit rundem Brillengestell hält weiße Handtücher am kleinen Teich; im Hintergrund baden zwei Personen; daneben Café- und Imbissstände sowie eine dampfende Badewanne; rechts oben ein QR-Code. (Si apre in una nuova finestra)
Sommer am Kleingewässer: Erna lächelt, die Stadt badet

Man war sogar auf amtlicher Klassenfahrt in Tessin. Dort gibt’s das alles schon: Wasser, das nass ist, Bänke, die wirklich stehen. Ich stelle mir den Tross vor: Klemmbretter im Gänsemarsch, ein leises „Ooooh“ am Beckenrand, und alle nicken fachkundig in die Tiefe. Wieder daheim, sagt Herr Platen (so nenne ich den Einfallspiloten): Man brauche eine Schlechtwettervariante.

Ich kippe fast vom Stuhl. Schlechtwettervariante? Dann aber richtig: Klosterberg-Therme! Mit Sprudelbecken „Fördertopf“, Ruheraum „Sanierungsgebiet“, Lichtregen „Haushaltsjahr“ – und an der Bar Cocktails mit Schirmchen. Auf die Handtücher drucken wir: „Altentreptow - wir baden das aus.“ Für Familien die Tageskarte „Bürgerbeteiligung Plus“: Eintritt heute frei, Rechnung morgen im Briefkasten. Kinder unter zwölf baden umsonst.

Schirmchen-Deluxe (weil’s ja regnen könnte)

Wenn schon Schlechtwetter, dann deluxe:

  • eine Sauna „Finanzausschuss“ – wird immer heiß, wenn Zahlen aufgossen werden,

  • ein Whirlpool „Vorwegabzug“ – viel Blubbern, keiner weiß genau warum,

  • und ein Außenbecken „Vielleicht“ – geöffnet, sobald die Sonne lacht und ein Bescheid kommt. Dazu das Premium-Handtuch „Wir trocknen später“ (100 % Hoffnung, 0 % Baumwolle). Und am Ausgang ein Schild: „Nass ist man erst, wenn’s beschlossen ist.“

Vergeben ohne Gedrängel

Die Planung soll als Verhandlungsvergabe ohne Teilnahmewettbewerb raus – man spricht also in Ruhe, damit niemand am Beckenrand schubst. Klingt vernünftig. Schließlich will man ein Büro, das weiß, wie man Natur baut. Ich stelle mir den Architekten vor, wie er mit dem Klemmbrett ans Ufer tritt, in die Wolken zeigt und sagt: „Hier kommt der Himmel hin.“

Und wir? Wir bringen die Handtücher mit

Wir Einwohner rechnen derweil im Kopf: Butter teurer, Strom teurer, Sprit teurer – aber wenn am Ende tatsächlich Wasser kommt, das nicht nur im Protokoll plätschert, dann bringen wir gern die Handtücher mit.

Bis dahin bleibt unser Naturbad ein Badezimmer: zwei Quadratmeter Kachelsee, Eintritt frei, Schirmchen selbst mitbringen. Der Duschvorhang heißt jetzt „Sonnenberg“ – der weht zuverlässig, wenn’s politisch zieht. Und wenn der Dampf steigt, nicke ich ernst: Schlechtwetter? Können wir. Ganz ohne Ausschuss.

Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.

Du willst den ganzen Wahnsinn zuerst lesen – ohne Prospektnebel und mit Extras?Mittwochs frei. Sonntags exklusiv für Mitglieder.

Altentreptow, Sonntag, 27. August 2025 © Erna Schippel 2025 – Alle Texte/ Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.


Argomento Satire aus Altentreptow

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