Eine deutsch-ungarische Geschichte/One Battle after another/Collin Barmann/ Vorfreuden

Ein Mann hat Besuch von einem Kollegen, mit dem er seit langer Zeit zu tun hat. Darüber ist eine Freundschaft entstanden. Einmal im Jahr treffen sie sich, um über das Leben und die Kinder zu sprechen. So auch in diesem Oktober. Sie fahren an einem Donnerstagvormittag gemeinsam einkaufen, parken vor dem Haus des Mannes im hessischen Friedrichsdorf, als das Smartphone des Freundes klingelt. Der Anrufer ist ein höflicher Mann aus Stockholm namens Mats Malm. Während sein Gastgeber die Körbe und Tüten ins Haus trägt, wird der Freund gefragt, ob er den Nobelpreis für Literatur 2025 annimmt.
Die Uhr im Wagen zeigt 12:33.
Der Freund, der den Einkauf getragen und mir diese Geschichte erzählt hat, ist Hans Balmes, der bei Montaignes Katze auch mein Lektor im S Fischer Verlag war, außerdem Autor eines Standardwerks über den Rhein. Seit vielen Jahrzehnten kümmert er sich um das Werk von László Krasznahorkai, ohne dass je mit solch einer Auszeichnung zu rechnen gewesen wäre.
Der große V.S. Naipaul, ein wundervoller Schriftsteller und fieser Typ, träumte seit seiner Jugend vom Nobelpreis. Er unterschied zwischen den ernsthaften, großen, Literaten und dem ganzen Rest. In die erste Kategorie ordnete er im Wesentlichen sich selbst ein. Als der Anruf aus Stockholm am 11. Oktober 2001 endlich kam, nahm seine Frau Pat ihn entgegen. Naipaul war noch beim Zähneputzen: Sag, ich ruf zurück.
Krasznahorkai sagt höflich zu, aber die beiden Freunde möchten doch noch einmal im Netz checken, ob sie da nicht einem Prankster mit Stockholmer Vorwahl aufgesessen sind. Wie man früher sagte: Einem Telefonstreich. Dann kommt die offizielle Verkündung um 13 Uhr, aber der Preisträger ist im Nebenzimmer, denn erneut wurde er aus Schweden angerufen. Dieses Mal, um Datum und Modalitäten der Preisverleihung zu besprechen. Den großen Livemoment hat er verpasst. Aber das Beste kommt ja noch.
Wegen solcher Geschichten ist mir die Frankfurter Buchmesse so wichtig. Man liest solche Stories nicht im Netz und die beiden Freunde werden in keiner Talkshow sitzen.
Derzeit geht medial alles unter, was nicht Krise und Katastrophe ist. Der Westen versinkt in Krisen, der Osten erst recht, auch im hohen Norden ist Krise und im tiefen Süden schon immer. Die Gefahr ist groß, vor lauter Panik das klare Denken und den kühlen Kopf zu verlieren und zu vernachlässigen oder gering zu schätzen, was es noch gibt, was sich bewährt hat und weiter gut entwickelt. Es liegt eine Widerstandskraft darin, die Pläne und Prophezeiungen der Feinde der offenen Gesellschaft nicht mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Es stimmt, die Tech-bros spinnen, die künstliche Intelligenz und der digitale Zirkus könnten dringend Regulierung vertragen – aber diese Notstandsgebiete des guten Benehmens sind nicht die ganze Welt.
Auf Geschichten vom Gelingen gibt es nur geringen medialen Kredit. Die Freiheit und die Sicherheit im europäischen Alltag erscheinen uns selbstverständlich. 99,9% der Menschen mögen einen netten, normalen Tag verlebt haben – sollten sie den Fernseher anschalten oder im Netz etwas lesen, werden sie davon nichts wiederfinden.
In diesen Wochen beginnen über 400.000 junge Leute ihr Studium, andere schreiben Examen oder gehen jeden Tag in ihre Ausbildungsbetriebe – ihr Mut, ihre Zuversicht und gute Laune kommen in der medialen Abbildung der Gegenwart gar nicht vor.
Schade, dass auch der Bundeskanzler da mitmacht. Mit Freude und Genugtuung könnte der Kanzler von Deutschland erzählen: Wir sind ein alterndes Land mit ungewisser ökonomischer Prognose und einer belasteten Vergangenheit – trotzdem möchten junge Menschen aus der ganzen Welt hier her kommen und eine Zukunft aufbauen. Eine tolle Sache. Aber ihn stört das migrantische Stadtbild, er empfiehlt Rückführungen – während die von ihm geführte Bundesregierung auf der ganzen Welt Menschen anwirbt, um hierher zu ziehen und zu arbeiten.
Es gibt keine Stadt, die nicht durch Migration groß wurde. Diversität ist das Merkmal von Städten, an den damit verbundenen Problemen muss man eben politisch arbeiten. Vielleicht, wer weiß, hat der Kanzler von offenen Drogenszenen sprechen wollen, wie sie in Berlin im Görlitzer Park oder rund um den Frankfurter Hauptbahnhof existieren. Eine ernste Sache: Viele europäische Städte leiden unter der organisierten Kriminalität des globalisierten Drogenhandels – in Frankreich oder den Benelux-Staaten gibt es regelrechte Bandenkriege mit Todesfällen . Aber mit Rückführungen ist dieses komplexe Problem nicht zu lösen, denn die Kundschaft, das Geld, bleiben ja in Europa.
Was uns wieder, nur einmal vom Hauptbahnhof die Straße runter, zum Frankfurter Messegelände und zur Buchmesse führt. Niemand wohnt dort, auf der Messe sind alle Migranten für einen Tag. Es ist eine ganz und gar künstliche und flüchtige Veranstaltung, nicht natürlicher oder authentischer als Venedig. Ab heute Nachmittag werden die Hallen schon wieder umgewidmet, dann kommt die Hochzeitsmesse oder die für Kochtöpfe, auch gut. Aber in den zufälligen und analogen Begegnungen der Frankfurter Buchmesse entstehen Momente der Wahrheit und flüstern: Keine Angst
Erst dachte ich, ich gehe jetzt. Ich war mit Sohn in One battle after another von Paul Thomas Anderson. In den ersten Minuten geht es um eine Art Prolog, dessen Protagonistin und semipornographische Memes mich genervt haben, aber bald verzieht sich der Spuk und die Reise kann beginnen. Als 1990 der Roman Vineland von Thomas Pynchon erschien, waren seine Themen noch apokryphe Zukunftsvisionen: Die amerikanische Armee, die willkürlich Zivilisten und Teenager in eigenen Städten jagt und einfängt, Migranten auf der Flucht vor Soldaten, eine rassistische Verschwörung reicher Christen – ziemlich crazy.
https://www.youtube.com/watch?v=LvoA5yEsUu8 (Si apre in una nuova finestra)Heute schaut man sich diesen Film an wie eine Verlängerung des heute-journals. Besonders gut gefiel mir Leonardo diCaprio in der Rolle des Revolutionärs außer Diensten, der in dieser verrückten Gegenwart nochmal zum subversiven Dienst eintreten muss. In einer präzisen Satire unserer Verhältnisse ist er im Wesentlichen damit beschäftigt, vergessene Passwörter wieder herzustellen und Ladegeräte zu suchen. Genau das haben wir auch alle gemacht in den letzen Jahren, ohne mitzubekommen, was sich zusammenbraut oder ohne ein Rezept dagegen zu entwickeln.
Hoffnung macht der Film dann aber auch, man muss lachen.
In Frankreich ist Philippe Collin vor allem als Produzent historischer Podcasts für France Inter bekannt, zuletzt kam von ihm eine Miniserie über das Exil des Maréchal Pétain in Sigmaringen – jedes mal feiert er damit Publikumserfolge.
Auch in seinem ersten Roman geht es um einen historischen Stoff, die Geschichte des Barmanns im Pariser Hotel Ritz, Frank Meier. Obwohl ein Großteil der Handlung nur an einem Ort spielt, entwickelt sich eine dramatische, globale und spannende Geschichte.

Meier ist Jude, hält es geheim und kommt immer wieder in Gefahr. Er lernt die ganzen berühmten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts kennen, denn die Bar des Ritz ist so etwas wie der Salon der ganzen Welt. Er gerät in Liebeswirren, Drogen spielen eine Rolle und dann hat sich auch noch Hermann Göring angekündigt. Die Geschichte der Getränke spielt auch eine Rolle – kurz, der Barmann des Ritz ist die perfekte Herbstlektüre und auch im Winter das ideale Buchgeschenk.
Ich bin in diesen Wochen viel unterwegs, sogar das Sonntagshuhn fällt aus wegen Abwesenheit. Aber man darf sich ja vorfreuen:
https://www.youtube.com/watch?v=ULEn7rTN4pY (Si apre in una nuova finestra)Vorfreude kommt auch ohne Fleisch auf bei dieser nostalgischen Kreation des Herrn Grün, eine Hommage an seine saarländische Großmutter:
https://www.herrgruenkocht.de/kartoffel-moehren-stampf-mit-ackerbohnen-buschbohnen-und-geschmorten-pilzen-und-einer-portweinsauce/ (Si apre in una nuova finestra)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
PS: Der aufmerksame und gewitzte Ulrich Wickert schrieb mir zur vorigen Ausgabe dieses Newsletters einen korrigierenden Hinweis: Die Sozialisten haben beim Treffen im Élysée nicht nichts erreicht, sondern immerhin den Verzicht auf das Verordnungsverfahren nach 49.3 und eine Aussetzung der Rentenreform. Stimmt! Und nun, am Donnerstag, folgte ein parlamentarischer Moment und ein Kompromiss. Es bewegt sich etwas in Frankreich.
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