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Die große Entschuldigung

Der Preisträger der Académie de Berlin (Si apre in una nuova finestra) wird am Vorabend der Preisverleihung zum Abendessen in die französische Botschaft eingeladen, das ist die Tradition. Am Montagabend war also Daniel Cohn-Bendit der Ehrengast am Tisch von François Delattre. Gleich zu Beginn erklärte Dany, er sei ja 1968 von Charles de Gaulle aus Frankreich ausgewiesen worden, und nun sehe er in dieser Essenseinladung die offizielle Entschuldigung der Republik. Die nahm er gerne an, das Diner war wie immer hervorragend.

Die politischen Gespräche eher ernst. In der Momentaufnahme dieses Winters tun sich Europa und die offene Gesellschaft schwer. Dany suchte und fand Gründe, nicht zu verzagen: Trump werde die Midterms verlieren. Europa schafft es immer wieder, die Pläne Putins zu durchkreuzen. Und selbst ein Sieg von Rassemblement National-Kandidat Jordan Bardella in Frankreich sei kein Weltuntergang. Der Euro, aus dem auch Bardella nicht aussteigen möchte, bilde einen stabilen politischen Rahmen, der vor den schlimmsten Auswüchsen schützt.

Gesine Schwan improvisierte eine Rede auf den Mann, den sie seit 1969 kennt, und entwickelte einen spannenden Gedanken. Sie fragte, warum sie sich bei den politischen Urteilen und Äußerungen Cohn-Bendits immer sicher fühlt. Nie befürchtet, dass er abdriftet, extrem wird oder sonstwie durchdreht. Diese, ihre Sicherheit, basiere auf seiner immensen Freiheit. Meine Sicherheit gründet auf der Freiheit des anderen. Faszinierendes Konzept.

Cohn-Bendits Humor und Charisma entfalten sich auch nach der Preisverleihung. Während die meisten der letzten französischen Premierminister völlig unbehelligt durch Berlin laufen könnten, wurde Dany gleich von Autogrammjägern, alten Weggenossen und französischen Touristen angesprochen, posierte geduldig und fröhlich.

In meiner Laudatio hatte ich die Episode erzählt, als er 1968, nach der Ausweisung, in Saarbrücken über die grüne Grenze wieder zurück nach Frankreich wollte und viele Studierende, darunter meine Eltern, ihm zurückhalfen. Beziehung>sweise mein Vater, meine Mutter musste zu ihrem Bedauern irgendwann retour, um mich abzuholen.

Bigger picture: Unweit vom Ort der Preisverleihung standen einmal die Schreibtische der mächtigsten Männer Europas, die alle Juden, auch Cohn-Bendits Eltern, zum Tode verurteilt haben. Heute sitzt der zweite Sohn von Herta und Erich Cohn-Bendit hochgeehrt in der Akademie der Künste, flaniert durch Berlin, während „Nazi“ auf der ganzen Welt als Beleidigung gilt.

Am vergangenen Donnerstag hätte er seinen hundertsten Geburtstag gefeiert, viel fehlte nicht. Er war bis zuletzt sehr fit und fest entschlossen, nicht zu früh zu sterben. Der Sohn, den er im fortgeschrittenen Alter bekommen hatte, starb schon vor ihm an Krebs. Lanzmann hatte ein intimes, wenn auch feindseliges Verhältnis zum Tod. Er war beim Einmarsch der Deutschen und in der Zeit Pétains ein jüdischer Junge, übte schon in früher Kindheit, in Windeseile aus dem Tiefschlaf von seinem Bett in das Versteck zu gelangen, das sein Vater am Ende des Gartens ausgehoben hatte – wenn sie kommen, um die Familie zu ermorden. Ein Leben lang kämpfte er gegen die Todesstrafe, bedrängte zusammen mit Simone de Beauvoir jeden französischen Präsidenten, im entscheidenden Augenblick eine Begnadigung zu erlassen – oft genug vergeblich.

Seine Autobiografie Der patagonische Hase ist unbedingt zu empfehlen, ein unglaubliches Buch. Ich habe es rezensieren dürfen, hymnisch besprochen und als zentrales Buch über das zwanzigste Jahrhundert bezeichnet. Lanzmann verdrehte mein Zitat nur ein wenig und erklärte: „Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hält mein Buch für das wichtigste Buch des zwanzigsten Jahrhunderts.“

Im Jüdischen Museum Berlin eröffnet dieser Tage eine wichtige Ausstellung:

https://www.jmberlin.de/ausstellung-claude-lanzmann-die-aufzeichnungen (Si apre in una nuova finestra)

Die Treffen mit ihm waren beides: Höhepunkte und Tiefpunkte in der Geschichte meiner Arbeit. Manchmal reiste man mit ihm durch die Zeiten, dann wieder saß man auf der Bühne neben ihm und nichts ging. Jede Frage und sogar den Whisky – nur schottischen, keinen amerikanischen oder umgekehrt – ließ er dann zurückgehen wie ein Kind im Wutanfall die Pfannkuchen. Später, als der Saal sich schon leerte, schaute er zu Boden und entschuldigte sich leise: „Ich weiß wieder nicht, was in mich gefahren ist.“

Irgendwann hatte er sich in den Kopf gesetzt, dass ich Jude sei. Ausreden ließ er sich das nicht: „Ich spüre so etwas ganz genau und irre mich nie!“ Je ne me trompe jamais!

Sein Freund Bernard-Henri Lévy verdrehte nach solchen Sprüchen spöttisch die Augen. Er sponserte Lanzmann eine Weile lang, half ihm auch immer wieder mit gutem Rat aus heiklen Situationen. Einmal war Claude Lanzmann, schon betagt, am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv in Schwierigkeiten geraten, hatte sich dem weiblichen Personal gegenüber respektlos verhalten. BHL rief ihn an und beschwor ihn, ja keinen Aufstand zu machen, sich nicht aufzuregen, sondern zu entschuldigen und seine dumme Lage nicht durch Sprüche zu verschärfen.

BHL zuckte mit den Schultern: „Il se prend pour le roi.“ Er hält sich für den König.

War er auch.

https://www.arte.tv/de/videos/117204-000-A/ich-hatte-nur-das-nichts/ (Si apre in una nuova finestra)

Die Äußerungen der Präsidentin des Lobbyvereins Die Familienunternehmer, Marie-Christine Ostermann, zum Ende der Brandmauer gegen die AfD machen ein Buch wieder aktuell, das sich mit den Verstrickungen deutscher Unternehmerdynastien in der NS-Zeit beschäftigt. Allein die schräge Geschichte von Magda Quandt und Joseph Goebbels lohnt immer wieder die Lektüre, aber es steckt ohnehin voller staunenswerter Einblicke. Bemerkenswert ist auch, wie lange die Familie Quandt es erfolgreich vermieden hat, sich der Geschichte zu stellen und eine wissenschaftliche Aufarbeitung zuzulassen.

Denn es ist ja so, dass der Erfolg der deutschen Wirtschaft nach 1945 auch auf dem demokratischen Versprechen Nie wieder! beruhte. Deutschland wurde Exportweltmeister, ist weltweit gut angesehen – aber eben unter dem Vorbehalt, dass Faschismus und Nationalsozialismus hier keine Chance mehr haben. Die AfD relativiert und verharmlost diese Episode und plant Remigrationen. Darum ist eine Distanz zu dieser rechtsextremen Partei gerade für deutsche Wirtschaft essentiell.

Wer die britischen Medien verfolgt, hat die große Erschütterung und Trauer nach der Nachricht vom viel zu frühen Tod der visionären Slow-Food-Köchin Skye Gyngell mitbekommen. Ein besonderes Anliegen war es ihr, Küchenkompetenz bei normalen Menschen zu stärken, den Nachwuchs zu fördern und zu einer gesunden und nachhaltigen Ernährung beizutragen. Ziele, die nichts von ihrer Relevanz eingebüßt haben. Als kleine Hommage hier ein geniales, saisonales Rezept, das ich heute auch zuzubereiten plane.

https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2016/sep/16/pot-roasted-chicken-with-butternut-squash-and-sage-skye-gyngell-a-taste-of-home (Si apre in una nuova finestra)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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