Frankreich 2027/Hilary Mantel Brüder/ Serie Save Me/Osterküche

Seit seiner Eröffnung 1968 ist das Kayoc in seiner Existenz bedroht. Es steht auf einer erodierenden Düne, keine Versicherung der Welt macht da mit. Hinzu kommt eine weitere, schier unglaubliche Eigenschaft: der Laden schließt nie. Küche ist durchgehend, 365 Tage im Jahr von 9 Uhr morgens bis spät in die Nacht. Es handelt sich wohlgemerkt nicht um gastronomische Ausnahmeleistungen, eher um solide Bistroküche für alle Geldbeutel.
Aber wenn man im ersten Stock sitzt und den Strand entlang bis fast nach Spanien zur einen, bis hoch in die Bretagne zur anderen Seite betrachtet oder den Horizont des Atlantiks studiert, ist das Essen auch fast schon wieder egal. Hinzu kommt ein legendärer Ethos, nämlich auch hier mit den Füßen im Atlantik die gleiche Professionalität und désinvolture an den Tag zu legen wie man sie in den Brasserien auf den Grands Boulevards in Paris erleben kann. Nichts Menschliches fremd.
Manchmal kommen Dutzende Biker in Lederkluft hereingewatschelt, dann wieder eine Busladung schwerkranker und mobilitätseingeschränkter Pilger auf dem Weg nach Lourdes, dann wird eben rasch Platz für 25 Rollis geschaffen. Keine Wimper zuckt.
Vor zwei Tagen habe ich dort etwas Seltsames beobachtet, eine Art Machtkampf zwischen Küche und Service. Unsere Vorspeise war aufgegessen, fertig zum Abräumen, aber niemand kam. Viel los war nicht. Nun brachte eine junge Kollegin schon die Teller mit den Hauptspeisen und dem Salat. Die für uns zuständige, ältere Kellnerin erhob rasch, aber energisch Einspruch und alles ging retour in die Küche. Um dann, eine Viertelstunde später erneut serviert zu werden.
Eine Erklärung habe ich dafür nicht bekommen. Mir fiel aber auf, dass die Speisen generell sehr rasch ankamen, kaum dass bestellt worden war. Vielleicht handelte es sich um einen geheimen Wettbewerb zwischen Küche und Service, um ein Trolling aus der Küche – wie bei der Geschichte vom Hasen und dem Igel?
Wenn man branchenfremd ist, nur als Gast zuschaut, sieht man Pannen deutlicher und man erkennt Muster: Dinge auf, die auch in anderen Systemen schieflaufen. Hier war offenbar die Durchsetzung korrekter interner Abläufe wichtiger als der real existierende Gast. Rivalitäten unterminieren das Ziel der Sache. In Redaktionen ist das nicht unbekannt. Chefs lassen Artikel nicht ins Blatt, weil ihnen die Autorin oder der Autor nicht passt – ganz egal, wie die Leserschaft dazu steht. Und in der Politik?
In der nächsten französischen Präsidentschaftswahl kann es im entscheidenden, zweiten Wahlgang nur einen Gegenkandidaten zu dem Menschen geben, den die starke extreme Rechte ins Rennen schickt. Das ist entweder Jordan Bardella oder Marine Le Pen. Die gemäßigte konservative Mitte wird den ehemaligen Premierminister Édouard Philippe aufstellen, das zeichnet sich ab. Und die andere politische Seite? Was macht die französische Linke?
Die Chefin der Grünen, Marine Tondelier, ist selbst Kandidatin und lässt sich keine Gelegenheit entgehen, in ihren nahezu täglichen Interviews in die internen Streitigkeiten der Sozialisten einzumischen. Dieser alten Regierungspartei ist es irgendwie gelungen, gleich drei Flügel auszubilden – einer mehr als der durchschnittliche Erzengel. Mit je einem potenziellen Präsidentschaftsanwärter versteht sich. Mit der Grünen sind es schon mal vier, außerdem die freien Sozialdemokraten von Raphaël Glucksmann. Die Kommunisten gibt es auch noch und natürlich die radikale Linke von Mélenchon. Und noch einige andere freie Radikale. Insgesamt laufen sich um die 25 Leutchen war, um im Mai 2027 in den Élyséepalast einzuziehen, reicht für eine Einzelgewerkschaft.
Sie bilden keine Banden, keine Teams, sondern machen den dummen Eindruck, am Streit untereinander mehr zu hängen als an der Zukunft Frankreichs und Europas. Noch ist Zeit: Ein Jahr vor der Wahl gab es die letzten Male ganz andere Stimmungsbilder als am Wahlabend: Strauss-Kahn lag vorn, nicht Hollande. Fillon lag vorne, nicht Macron. Und gerade verändert sich was im Land: Die Kassen sind so leer dass ein Tankrabatt oder sonstige Hilfen für Vielfahrer kaum zu finanzieren sind. Der Frust über die hohen Benzinpreise macht das Thema erneuerbare Energien und Elektromobilität wieder interessant. Die fördert übrigens der derzeit geschickt und skandalfrei regierende Premierminister Sébastien Lecornu. Lecornu gibt nie Interviews, geht nie in Talkshows. 2027 hat er auch noch nichts vor. Er ist Koch und Kellner in Personalunion und könnte im Mai 2o27 der lachende 28. sein.

Zuhause stapeln sich die Neuerscheinungen, hier in Frankreich greife ich gern zu älteren Titeln. Vor der Trilogie über Thomas Cromwell widmete sich die große Hilary Mantel der französischen Revolution. Sie schrieb lange daran, aber ein großer Erfolg wurde es nicht. Dabei sind hier schon alle Elemente vereinigt, die später ihren Weltruhm begründen sollten. Wir folgen Camille Desmouslins, Georges Danton und Robespierre von Anbeginn an, seit ihrer Kindheit als Halbwaisen in bedrückenden Zeiten und geplagten, dysfunktionalen Provinzfamilien. Dann gibt es urplötzlich die Ahnung eines kommenden Wandels und aus den drei versehrten Gestalten werden Namen der Geschichte. Man kann nicht umhin, Parallelen – Medienrevolution in einer nervösen Öffentlichkeit, größenwahnsinnige Tyrannen, Ungleichheit in der Reichtumsverteilung, plötzliche Knappheit wichtiger Ressourcen und eine Krise der Ideologien – zu unserer Gegenwart zu erkennen.
Heute erst sind die Brüder in ihrer perfekten Lesezeit angekommen.
In den besten Serien geht es um Ambivalenz: Ist dieser nette Mann vielleicht ein Täter oder geht die Fantasie der Zuschauerinnen und Zuschauer mit ihnen durch? Das hat ein fernes Echo in aktuellen Kriminalfällen, in denen ganz normale Männer ein finsteres Doppelleben führen. Und es wurzelt in der Tradition des englischen Kriminal- und Schauerromans seit Jekyll und Hyde und den Fällen von Jack the Ripper. Ein Gentleman kann bestialische Taten vollbringen – aber so ein grundsympathischer Tagedieb?
In dieser spannenden und sozialkritischen britischen Serie geht es um einen sympathischen, aber auch undurchsichtigen und manipulativen Vater, der der Kindesentführung verdächtig ist. Seine Tochter, ein dreizehnjähriges Mädchen, zu dem er seit zehn Jahren keinen Kontakt hat, ist von zuhause ausgerissen, aber nirgends angekommen. Die großartige Suranne Jones in der Rolle der Mutter - eine atemberaubende, gut gemachte Sache, die geschickt mit den Erwartungen eines serienaffinen Publikums spielt.
https://www.arte.tv/de/videos/125634-002-A/save-me-staffel-1-2-6/ (Si apre in una nuova finestra)An Ostern gibt es traditionell Lamm, hier beispielsweise ein neues Rezept von Yotam Ottolenghi
https://ottolenghi.co.uk/pages/recipes/roasted-lamb-tamarind-coriander-radish-salsa (Si apre in una nuova finestra)In diesem Jahr gibt es leider kein vegetarisches Ostermenü vom Herrn Grün, aber man kann ja einen Vorschlag aus dem Archiv realisieren, da kommt nicht die Küchenpolizei:
https://www.herrgruenkocht.de/das-herr-gruen-ostermenue-2024/ (Si apre in una nuova finestra)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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