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Wie schön, dass ich hier bin.

In deiner Mailbox — und nicht mehr auf Instagram. Die Entscheidung, Instagram zu löschen und stattdessen einen Newsletter zu schreiben finde ich genauso gut wie jedes Mal, wenn ich im Wald bin. Heute schicke ich dir also zum ersten Mal, was ich im letzten Monat richtig gut fand. Und weil meine Tochter das Thema mit nach Hause gebracht hat, habe ich noch einen Text über Arschlochigkeit im (Schul-)Sport geschrieben.

Hoffentlich geht’s dir richtig gut und hoffentlich hast du Spaß beim Lesen.

Deine Rike

A propos….

Gelesen: Shmutz von Felicia Berliner

(Si apre in una nuova finestra)

In New York lebt eine chassidische Familie, schwer orthodoxe Jüd*innen, deren Tochter Raizl aufs College gehen (Ausnahme!) und einen Laptop (SUPERAUSNAHME!) haben darf. Was sie aber eigentlich soll ist heiraten. Weil sie das aber auf keinen Fall will, schickt die Mutter sie zu einer Therapeutin. Und der erzählt Raizl, dass sie nächtelang unter ihrer Decke Pornos guckt. WHAT? habe ich auch gedacht, aber gleich danach dachte ich unter anderem auch SÜÜÜÜSSS!!!, weshalb du jetzt bestimmt WHAT? denkst, aber Raizl findet für die Sexbegriffe jiddische Wörter findet und dann liest sich klischierteste Ficksituation wie ein Federballturnier der Bärchenbande. Darüber hinaus gesellt sich Raizl auf dem College zu eher unangepassten Gestalten, die sie nehmen, wie sie ist und sie gleichzeitig ermuntern, sich, äh, mal ein bisschen locker zu machen. Kurz: Raizls Wunsch nach Freiheit vs. Sicherheit in der Familie ist ein Konflikt, der aus diesem Buch eine unterhaltsame, schräge und liebevolle Reise macht.

Shmutz von Felicia Berliner. Übersetzt von Hanna Hesse. Gebundene Ausgabe erschienen im Atlantik Verlag. 24 Euro

Gelesen: Ariol. Die superkuhle Klassenfahrt

(Si apre in una nuova finestra)

Dies hier ist Band 17 und noch immer warte ich (nicht) darauf, dass die Qualität auch mal nachlässt, weil das einfach menschlich wäre. Aber naja, Ariol ist ja auch ein Esel, in diesem Band sogar ein Esel auf Klassenfahrt. In 12 Abenteuern passiert alles, was auf Klassenfahrten so passiert, nur eben Ariol-typisch so topstens erzählt und gezeichnet, dass ich lese und lache und mitfühle und denke “Genau so war es!” (nur viel weniger lustig) und meine Tochter sitzt aufgeregt mit im Bus und denkt “Genau so ist es!”. Es geht um Busfahren, Ausflüge, Nächte und natürlich um Party. Es gibt Schwärmereien, Heimweh, Streit, Liebesbotschaften, alles dokumentiert im klassischen Comic und ausnahmsweise durch zusätzliche Tagebucheinträge von Ariol, Petula, Surrsula, Ramono und Co.

Unglaublich, wie Marc Boutavant und Emmanuel Guibert das hohe Niveau halten. Und unverzeihlich, einem Kinderbuchregal Ariol vorzuenthalten, weil dieser Serie im Bus seit fast 20 Ausgaben immer da sitzt, wo die Coolen sitzen, nämlich hinten.

Ariol. Die superkuhle Klassenfahrt von Marc Boutavant und Emmanuel Guibert. Übersetzt von Annette von der Weppen. Erschienen bei Reprodukt. 15 Euro

Gelesen: Demon Copperhead

(Si apre in una nuova finestra)

Wäre ich jedes Mal hingefallen, als dieses Buch zum Niederknien war, bräuchte ich für jede Seite mindestens einen Flicken. Und dieser Pulitzer-Preis-Gewinner hat über 800. Es geht um den zu Beginn zehnjährigen Damon, für den am Ende des Regenbogens kein Topf mit Gold steht, sondern das personifizierte Schicksal, das Stöcke nach ihm wirft. Seine suchtkranke Mutter heiratet einen gewalttätigen Vollarsch, verliert das Sorgerecht, Demon landet in Pflegefamilien, die ihn als Arbeitskraft missbrauchen und abartig schlecht behandeln. Kurz macht das Schicksal eine Stockwerfpause, als seine Großmutter auftaucht und ihn bei einem Highschool-Footballtrainer unterbringt, aber dann fliegt auch schon der nächste Knüppel. Demons Leben in der amerikanischen Provinz ist geprägt von Elend, Armut, Knochenjobs, Vorurteile, Drogen. Es ist so hart.

Ich habe lange bei einem Buch nicht mehr so geweint, gelacht, mitgelitten und den ganzen Tag kaum etwas anderes hoffen können, als dass Demon die Kurve kriegt. Die Handlung ist über die alle Seiten durchgehend spannend, durchgehend grandios konzipiert - und die Sprache ist zum Ausrasten toll. Sie wächst mit Demons Alter, steckt voller Sätze, die wahr und am Ende zum Heulen überraschend gut sind. Und bei allem Niederknien war ich dankbar, dass die Übersetzung von Dirk van Gunsteren so großartig ist, dass sie an dieser Stelle Standing Ovations verdient hat.

Demon Copperhead ist kein Buch für am Meer oder so, es ist harter Tobak, und wer es gelesen hat, entdeckt an dieser Stelle gleich zwei Referenzen. Wer es noch nicht gelesen hat, sollte es bitte schleunigst tun. David Copperfield von Dickens zu kennen, der die Blaupause für dieses Meisterwerk war, kann helfen, weil man den Ausgang der Geschichte ahnen kann, aber es macht auch nichts, wenn man wie ich bei David Copperfield zuerst an diesen speckigen Zaubererexfreund von Claudia Schiffer denkt. Dieses Buch ist so oder so ein unfassbares Meisterinnenwerk!

Demon Copperhead von Barbara Kingsolver. Übersetzt von Dirk van Gunsteren. Erschienen bei dtv. 26 Euro

Gestrickt: Socken mit Herzchen

Der Mann wünschte sich Socken, die farblich gut zu Fussboden und Wand passen (und nicht etwas seine Liebe zum FC St. Pauli ausdrücken).

Sie sind die Fauliversion dieser Anleitung (Si apre in una nuova finestra) und oben so locker geworden, weil ich sie mit Müsligläsern und nicht mit einer dafür vorgesehenen Sockenschablone geblockt habe.

Memo an mich: Sockenschablone kaufen.

Habe ich Instagram vermisst?

Ja. Aus Gewohnheit und z.B. als ich diesen Hund gesehen habe. Er war auf dem Weg in die 80er zu einer Jane Fonda-Aerobic-Party und hatte die Trainingsklamotten schon Zuhause angezogen. Statt ihn zu posten, habe ich ihm bei Canva ausgeführt.

Dieses Bild ist eine gute Überleitung zum abschließenden Text - und dann ist der erste Newsletter auch schon vorbei. Wenn er dir gefallen hat, habe ich eine gute Nachricht. Mir auch (also das Schreiben). Ich mache das wieder.

Wenn du mich unterstützen kannst und magst, kannst du mir einen Ko-Fi spendieren. Den trinke ich dann auf dein Wohl, wenn ich den nächsten Newsletter schreibe. Oder ich kaufe eine Sockenschablone in Größe 45.

(Si apre in una nuova finestra)

Ich danke dir und wünsche dir den schönsten aller Tage

Deine Rike

Arschlöcher machen Sport richtig schlecht.

Gestern beim Joggen habe ich einen Läufer überholt. Er war alt, dick und so unfassbar lahm. “Geh doch lieber zu Fuß, du alter, lahmer Sack", habe ich ihm zugebrüllt, als ich an ihm vorbeigelaufen bin. Außerdem habe ich ihm meinen Bizeps gezeigt und ihn ausgelacht.

Hab ich natürlich nicht. Erstens bin eigentlich immer ich diejenige, die überholt wird - und zweitens bin ich ja kein Arschloch. Aber ich kenne welche. Die aufstöhnen, wenn sie die unsportlichen Menschenreste in ihr Team aufnehmen müssen. Die hämisch grinsen, wenn die anderen weinen, weil jemand den Ball zu hart geworfen hat. Die pauschal alle auslachen, die zu dick, zu dünn, zu klein, zu gross, zu lahm, zu ungeschickt (also ganz normale Menschen) sind.

Diese Arschlöcher gab es schon immer. Zu meiner Zeit auch in anderen Fächern. Als ich in der 11. Klasse eine Arbeit nachschreiben musste, hat ein Typ aus meinem Kurs gefragt, ob er für mich schreiben soll, weil im Gegensatz zu mir könne er Physik. Die Frage hat sich ähnlich unangenehm in mein Hirn gebrannt wie unzählige Völkerball-Teamwahlen oder der musternde Blick und das überraschte “Du hast ja gar keine Cellulitis!?!” der Jahrgangsbeauty in der Sammelumkleide.

Heutzutage, so habe ich zumindest den Eindruck, kommt diese Arschlöchigkeit eher nur noch in Fächern vor, in denen Non-Marking-Sohlen erforderlich sind. Das ist gut, aber auch schlecht, weil etwas über Newton zu wissen nicht so gut vor Herzleiden oder Depressionen schützen kann wie Sport, und die Begeisterung dafür in der Schule geweckt werden sollte, wie die gemeinsame Erklärung der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, des Präsidenten des Deutschen Sportbundes und des Vorsitzenden der Sportministerkonferenz über die Bedeutung des Schulsports für lebenslanges Sporttreiben (Si apre in una nuova finestra) erklärt:

“Der Schulsport (…) soll bei allen Kindern und Jugendlichen die Freude an der Bewegung und am gemeinschaftlichen Sporttreiben wecken und die Einsicht vermitteln, dass kontinuierliches Sporttreiben, verbunden mit einer gesunden Lebensführung, sich positiv auf ihre körperliche, soziale, emotionale und geistige Entwicklung auswirkt. Gleichzeitig soll Sport in der Schule Fähigkeiten wie Fairness, Toleranz, Teamgeist, Mitverantwortung und Leistungsbereitschaft fördern und festigen.”

Sportunterricht ist also dafür da, alle Kinder mit Sport anzufixen, damit sie merken, wie super er ist. Weil Auspowern stark und fröhlich macht, weil im Team etwas schaffen ein gutes Gefühl ist, weil Gewinnen und Verlieren lernen fürs Leben eine gute Idee ist und es dazu beitragen kann, mit Mitte 50 keinen Treppenlift oder eingebauten Defibrillator zu brauchen. In der Erklärung steht nichts von Arschlochverhalten, Arroganz und Gehässigkeit, da steht Fairness, Toleranz und Teamgeist. Da steht übrigens auch, dass besonders gute Kinder gefordert werden sollen, diese sei aber aber überwiegend die Aufgabe der Vereine (über deren finanzielle Unterstützung meiner Meinung nach politisch mehr gesprochen werden sollte als über Siegerurkunden bei den Bundesjugendspielen).

Bei mir ist es wie im vorherigen Absatz. Ich möchte stark und fit altern. Ich mag Sport und Spielen und ich liebe es zu gewinnen. Aber ich habe gelernt, die Verlier*innen dabei nicht wie solche zu behandeln. Weil ich Fairness einen Top-Wert finde, der alle glücklich macht. Nicht ohne Grund lieben alle Sportvideos mit fairen Gesten (Si apre in una nuova finestra). Niemand will hingegen ein Video sehen, wie arschlochige Sportler*innen andere wegschubsen oder auslachen, es sei denn, sie stolpern gleich danach über einen halben Döner oder werde aggressiv und unvorteilhaft von einem Vogel angeflogen. Das ist ein ziemlich guter Arschlochtest btw: Wenn Leute nur darauf warten, dass du einen Fehler machst, ist sehr wahrscheinlich, dass du eins bist.

Mein Fazit, meine Regeln:

  1. Sport ist super! Dabei ist völlig egal, ob du turmspringst, spazierengehst, Käselaibe rollst oder Volleyball spielst.

  2. Trage zu einer Atmosphäre bei, in der alle sich wohl und supported fühlen und entspannt ausprobieren können, was ihnen Spaß macht.

  3. Wenn du gewinnst, lass die Verlierer*innen nicht wie solche aussehen. Es wird niemals runtergemacht oder ausgelacht.

  4. Teile Arschlöchern mit, dass sie sich wie welche verhalten und gib ihnen die Chance, sich zu ändern.

  5. Wenn du nicht von Sky oder so bezahlt wirst oder etwas Nettes zu sagen hast, solltest du den Sport anderer Leute nicht kommentieren.