
Natürlich bin ich, wie jeder Venezianer, der auf sich hält, zur Madonna della Salute gepilgert, über die schwimmende Brücke, und habe Kerzen angezündet. Habe mich auch nicht lumpen lassen und sogar die zu fünf Euro gekauft: Viel hilft viel, habe ich mir gedacht, angesichts der Weltlage.
Und heute werde ich, als gute italienische Bürgerin, mein Wahlrecht ausüben, bei den Regionalwahlen im Veneto. Gewählt wird heute und morgen - im Veneto, in Kampanien und in Apulien. Wobei ich es ehrlich gesagt, bizarr finde, dass die Parteien gar nicht ernsthaft am Ausgang der Wahlen interessiert sind. Sie glauben schon lange vorher zu wissen, welche Region was wählen wird, also wie sich das sogenannte “Stimmvieh” verhalten wird. Im Veneto gilt als sicher, dass die Rechten gewinnen, wobei nur noch relevant ist, ob die Lega mehr oder weniger Stimmen als Melonis Brüder Italiens einnehmen wird. Apulien und Kampanien gelten als Lehensgut der Linken, wobei man “Linke” hier in Anführungsstrichen schreiben muss, weil Vincenzo De Luca (Si apre in una nuova finestra), der bisherige Regionalpräsident von Kampanien, mit bloßem Auge nicht von den Rechten zu unterscheiden ist. Er kann nicht wiedergewählt werden, weshalb sein vermutlicher Nachfolger Roberto Fico (Si apre in una nuova finestra) nun von De Lucas Vertrauten umsorgt wird, damit, goldene Worte in Italien: “sich alles ändert, damit sich nichts ändert”.
Ähnliches gilt für die “Linke” in Apulien, auch hier sind Anführungsstriche nötig, da der scheidende Regionalpräsident Michele Emiliano (Si apre in una nuova finestra) genau wie sein Vorgänger Nichi Vendola (Si apre in una nuova finestra)in Apulien beileibe keine “linke” Politik betrieben hat (wie ich es unter anderem hinlänglich in dem Kapitel über die Xylella (Si apre in una nuova finestra) in All’italiana (Si apre in una nuova finestra)zu erklären versucht habe), weshalb der jetzige Kandidat für die Regionalpräsidentschaft, der ehemalige Bürgermeister von Bari, Antonio Decaro (Si apre in una nuova finestra) forderte, dass beide auf eine Kandidatur verzichteten. Was aber nur - nach langem Zögern - bei Emiliano gelang: Wer in Italien einmal in der Politik einen Stuhl ergattert hat, bleibt darauf sitzen. Und die AVS (Italienische Linke/Grünes Europa), zu der Nichi Vendola gehört, ist so etwas ist wie eine grün angestrichene Sarah Wagenknecht/die Linke/AfD.
Aber der bedeutendste Beitrag im Regionalwahlkampf kam von Giorgia Meloni herself, verstärkt von ihrem Außenminister Antonio Tajani, die zum Chor von “Wer nicht springt, ist ein Kommunist” hochspringen.
https://www.youtube.com/watch?v=7jHGZbsa8yA (Si apre in una nuova finestra)Tja, der Kommunismus lebte nicht nur im Kopf von Berlusconi weiter, sondern auch in seinen Erben, die wissen, dass es nichts gibt, was ihre Wählern als peinlich empfinden, schließlich haben diese nach Berlusconis Bunga-Bunga ja erklärtermaßen einen starken Magen.
Aber auch ich muss einen starken Magen haben, wenn ich sehe, wie dieses Italien der EU-Kritiker, Putinversteher und Trump-Freunde den russischen Plan für die Ukraine bejubelt. Dass der vermeintliche “US-Plan” praktisch aus dem Russischen übersetzt (Si apre in una nuova finestra) scheint, spielt hier keine Rolle. Hauptsache: “Frieden”. Wie ich schon schrieb (Si apre in una nuova finestra): Sowohl die rechte Lega als auch die sogenannten progressiven Linken bejubeln Trump als Friedensfürsten und Putin als Pragmatiker. Dem ja wegen der Bedrohung durch die NATO gar nichts anderes übrig blieb, als die Ukraine anzugreifen.
Nach der Lektüre der Zeitungen und Socials standen mir gestern die Haare zu Berge: Dass der russische Plan kein Friedens- sondern Unterwerfungsplan sein, sollte eigentlich jedem klar sein, der lesen kann, dachte ich. Wobei: Heute liest ja keiner mehr - außer Maschinen (Si apre in una nuova finestra): Also Maschinen im Dienst von Tech-Konzernen, die lesen, um zu prüfen, ob pornografische, terroristische oder urheberrechtlich problematische Inhalte vorliegen. Tech-Konzerne, die wir gratis beliefern. Vielleicht wäre es notwendig, mal einen Gedanken darüber zu verschwenden, was mit uns passiert, wenn wir uns weiter freiwillig und jubelnd ("Ach, endlich der Friedensplan!") in die Hände von Putin, Trump, Xi Jinping und ihren Dienern, den Tech-Bros begeben? Wäre es nicht vielleicht besser, sich endlich für ein stärkeres, demokratischeres Europa zu engagieren, anstatt jede Niederlage Europas zu bejubeln, als wäre es ein Fußballspiel? Diese Frage stellte ich auf Facebook (dem Social für die Alten) - und wurde von Putin-Trollen überrollt.
Im Sommer berichtete (Si apre in una nuova finestra) ich darüber, dass der oberste Datenschützer Italiens die Stadt Venedig endlich wegen Verletzung des Datenschutzgesetzes im Zusammenhang mit dem ominösen Eintrittsgeld (Si apre in una nuova finestra) zu einer Zahlung von 10 000 Euro verurteilt hat. Uns wunderte das etwas, weil die 10 000 Euro natürlich Peanuts waren, zumal wir ewig auf eine Reaktion warten mussten. Ganz anders war es, als die obersten Datenschützer praktisch über Nacht ihre Geschütze gegen die Investigativsendung Report auffuhren und die RAI zu einer Zahlung von 150 000 Euro verurteilten, weil Report mit einem Bericht über den (nach einer Affäre mit einer blonden Walküre zurückgetretenen (Si apre in una nuova finestra)) Kulturminister dessen Privatsphäre verletzt habe. Dagegen protestierte Report, zumal die Redaktion einen der obersten Datenschützer dabei erwischte, wie er sich kurz vor Verhängung der Strafe mit Melonis Schwester Arianna traf, der Parteivorsitzenden der Brüder Italiens.
Dass die obersten Datenschützer Italiens vor allem die Daten der Brüder Italiens schützen, sorgte für einigen Wirbel. Weshalb sich die obersten Datenschützer, unfassbar aber wahr, umgehend auf die Suche nach dem Informanten in ihren eigenen Reihen machten: Alle E-Mails der Mitarbeiter, die VPN-Zugriffe, die freigegebenen Ordner, die Netzwerkbereiche, die Dokumentensysteme bis hin zu den Sicherheitssystemen der letzten 24 Jahre sollten kopiert werden, was allein am Umfang scheiterte.
Der oberste Datenschutzwächter spioniert die Daten der eigenen Angestellten aus, so etwas kann sich eigentlich nur ein drittklassiger Krimiautor einfallen lassen.
In diesen Tagen trauert Italien um zwei Mythen: um die Kessler-Zwillinge (Si apre in una nuova finestra) und um die Sängerin Ornella Vanoni (Si apre in una nuova finestra): Die Kessler-Zwillinge wurden hier ungleich mehr geliebt als in Deutschland. Als ich sie in den 1990er Jahren mal im Fernsehen sah, dachte ich erst, in eine Zeitfalle geraten zu sein - bis ich dann entdeckte, dass diese “Ikonen mit den kilometerlangen Beinen”, die dafür gerühmt wurden, deutsche Disziplin mit italienischer Ironie gepaart zu haben, in Italien mehr geliebt wurden als in Deutschland.
https://www.youtube.com/watch?v=hDnIw1_JCVw (Si apre in una nuova finestra)In den Augen der Italiener waren es die Zwillinge, die in den 1960er Jahren eine gewisse Modernität in das stark vom Vatikan beeinflusste Italien brachten: Nicht nur wegen der kilometerlangen Beine, die sie bei dem ersten Auftritt in der RAI noch schwarz verhüllen mussten, sondern auch, weil sie ein Selbstbewusstsein verkörperten, das im damaligen Italien selten war: Zwei Frauen, denen weder um die Ehe noch um Kinder ging, sondern allein um ihren Beruf. Ihre Direktheit, mit der sie auch verkündeten, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden, wurde von den Italienern teils bewundert, teils verurteilt: “Wir sind immer noch ein katholisches Land” las ich in den Kommentaren zu ihrem Freitod. Direktheit löst in diesem Land der Arabesken auch heute noch Befremden aus. Der Arzt und ehemalige Mediziner Giorgio Trizzino (Si apre in una nuova finestra) schrieb dazu einen interessanten Kommentar (Si apre in una nuova finestra) auf Facebook:
Der Tod von Alice und Ellen Kessler ist nicht nur das Ende von zwei Ikonen. Es ist ein Schlag in die Magengrube für ein Land, das seit Jahrzehnten davor zurückschreckt, sich der Realität des Lebensendes zu stellen. Zwei fast neunzigjährige Frauen, klar im Kopf, unabhängig und ihr ganzes Leben lang unzertrennlich, haben sich dafür entschieden, gemeinsam durch Sterbehilfe in Deutschland zu sterben. Sie haben das im Einklang mit dem Gesetz, mit sich selbst und vor allem mit ihrer Würde getan.In Italien hätten sie diese Möglichkeit nicht gehabt.
Und das sollte uns alle zum Nachdenken bringen.
Es sollte uns sogar empören.
Die Kesslers haben die Hälfte ihres künstlerischen Lebens in unserem Land verbracht. Sie haben uns zum Tanzen gebracht, zum Lächeln, dazu, uns ein Italien vorzustellen, das moderner war als das, was wir wirklich waren. Und heute zeigen sie uns mit ihrer letzten Entscheidung, wie wenig modern wir noch geworden sind.
Denn hier, im Jahr 2025, löst das Thema Sterbehilfe immer noch Misstrauen, Moralismus und Vorwürfe aus. Hier wird Selbstbestimmung akzeptiert, solange sie alles betrifft, außer dem, was wirklich zählt: das Recht, nicht zu einem Dasein verdammt zu sein, das uns nicht mehr gehört.
Ihre Entscheidung, wenn sie bestätigt wird, ist kein Akt der Verzweiflung. Es ist eine Geste der Klarheit. Es ist die extreme Konsequenz zweier Frauen, die immer in Symmetrie gelebt haben und die ein aufgezwungenes Ende abgelehnt haben, das langsame Abgleiten in einen Niedergang, den sie nicht als ihren empfanden. Sie haben bis zuletzt gesagt, dass Würde kein abstraktes Konzept ist: Es ist die Möglichkeit, über das eigene Leben und damit auch über den eigenen Tod zu entscheiden.
In Deutschland konnten sie das tun. In Italien nicht.
Und das nicht, weil es an Fällen, Leiden und ausdrücklichen Willensbekundungen mangelt. Es fehlt der politische Mut und ein Gesetz, das die grundlegende Freiheit eines jeden von uns anerkennt. Ich sage das als Palliativmediziner und als jemand, der einen Gesetzentwurf zur ärztlichen Sterbehilfe in die Kammer eingebracht hat: Wer die Sterbehilfe fürchtet, stellt sie sich oft als Abkürzung vor. Das ist sie nicht. Es ist ein strenger, schwieriger Weg mit vielen Garantien. Aber es ist ein Weg, der nur möglich ist, wenn der Staat sich für Vertrauen und nicht für Angst entscheidet.
Auf moralistische Einwände antworte ich ganz einfach: Die Freiheit zu sterben zwingt niemanden dazu. Palliativmedizin muss verbessert werden, das sage ich schon mein ganzes Leben lang, aber sie ist keine universelle Antwort. Leiden ist nicht nur körperlicher Schmerz. Es ist der Verlust des Selbst, des Sinns, der Identität. Und es gibt Menschen, die nicht zu Zuschauern ihres eigenen Verfalls werden wollen.
Die Kessler-Zwillinge hinterlassen uns damit ein letztes, starkes Vermächtnis: Sie erinnern uns daran, dass Freiheit ein unteilbares Gut ist. Entweder gilt sie immer oder sie gilt nie wirklich.
Es liegt an uns zu entscheiden, ob wir ein Land bleiben wollen, das die Augen verschließt, oder ein Land werden wollen, das seine Bürger endlich bis zum letzten Atemzug respektiert. Ich weiß, auf welcher Seite ich stehe. Und ich glaube, dass es jetzt an der Zeit ist, dass auch Italien den Mut findet, dies zu sagen.
Die zweite italienische Ikone, die in diesen Tagen 91jährig von uns ging, ist die Sängerin Ornella Vanoni (Si apre in una nuova finestra), die noch im hohen Alter im italienischen Fernsehen praktisch omnipräsent (Si apre in una nuova finestra) war und die, nachdem sie nach einem Eis und una cannetta (dünne Haschischzigarette) verlangt habe, friedlich eingeschlafen sei. Ihr schönstes Lied ist für mich Senza Fine.
https://www.youtube.com/watch?v=H7DQQpJW11w (Si apre in una nuova finestra)Zum Schluss noch eine Einladung: Nächsten Donnerstag stelle ich in Venedig die italienische Übersetzung meines letzten Buches im Hotel Gabrielli vor.

Und jetzt kann ich nur hoffen, dass die Sache mit den Opferkerzen wirklich funktioniert. In diesem Sinne grüßt Sie aus Venedig, Ihre Petra Reski
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