Über Leihmutterschaft, Arbeitnehmerrechte und die Entmystifizierung von Schwangerschaft und Kernfamilie. Der extralange Newsletter im Juli.
Ich gebe zu, ich habe es lange vor mir hergeschoben, mich fundiert mit dem Thema Leihmutterschaft auseinanderzusetzen, auch deshalb, weil viele Akteur*innen, die sich in dem Zusammenhang öffentlich äußern, so unfassbar nervig sind. Spoiler: Wenn es um Leihmutterschaft geht, kann sich keine Seite auf mich verlassen.
Ich hätte nicht gedacht, dass es Jens Spahn sein würde, der mir (im übertragenen Sinne natürlich) den letzten Schubs geben würde, einen Text über Leihmutterschaft zu schreiben. Ich muss euch nicht erzählen, dass er ein zutiefst rassistischer, antifeministischer und korrupter Politiker ist, dessen Rückzug schon öfter fällig war, als „Maskenaffäre“ Buchstaben hat. Doch es waren eben nicht seine Aussagen über Muslime (die er 2017 als „oft geprägt durch eine verklemmte Sexualmoral, durch die Nicht-Gleichberechtigung von Frauen, die Ablehnung von Juden oder Schwulen“ bezeichnete (Si apre in una nuova finestra)), seine dubiosen Immobiliengeschäfte (über die er die Berichterstattung (Si apre in una nuova finestra) zu verhindern versuchte), seine zahlreichen Nebentätigkeiten (Si apre in una nuova finestra) (die überwiegend als „Interessenkonflikt“ verharmlost wurden), seine Nähe zur AfD oder seine Treffen mit dem rechtsextremen Antidemokraten Peter Thiel (Si apre in una nuova finestra) die ihn (als Fraktionsvorsitzender, mehr nicht!) zu Fall brachten, sondern sein Privatleben.
Jens Spahn sagte 2015 noch: „Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden. Zu akzeptieren, dass ich nicht auf natürlichem Weg Vater werde, verlangt ein großes Maß an Demut. Ob ich das aufbringen kann, weiß ich nicht.“ Über ein Jahrzehnt später, am vergangenen Donnerstag, berichtete die BILD, dass Spahn und sein Ehemann mithilfe einer US-amerikanischen Leihmutter Eltern geworden sind. Die Empörung war sofort riesengroß, Parteikolleg*innen forderten seinen Rücktritt. Während einige der öffentlich Erregten vor allem die Diskrepanz zwischen Spahns politischer Position und seinem privaten Handeln kritisierten, ging es für andere um die Sache an sich. Alice Schwarzer (Si apre in una nuova finestra) bezeichnete Leihmutterschaft als „inhuman und unchristlich“, Beatrix von Storch nannte (Si apre in una nuova finestra) Spahn einen Mann, „der sein persönliches Wollen über das Wohlergehen von Frauen und Babies stellt“ und Sahra Wagenknecht sprach (Si apre in una nuova finestra) von einer „Baby-Shoppingtour“. Die rechtsextreme Publizistin und prominente Antifeministin Birgit Kelle ging noch einen Schritt weiter und verglich Spahn mit einem Vergewaltiger (Si apre in una nuova finestra) und der ultrarechte Autor Markus Krall erzählte seinen über 300.000 Follower*innen auf X (Si apre in una nuova finestra), Jens Spahn sei „ein Teilnehmer am Sklavenhandel. Ein Subjekt auf niedrigster moralischer Stufe“.
Ich frage mich, ob ein heterosexuelles Paar von der gleichen Flut aus Hass überrollt worden wäre (ich bezweifle das) und komme nicht umhin, die zutiefst queerfeindlichen Töne der generellen Debatte um Leihmutterschaft wahrzunehmen. Die Queerfeindlichkeit zeigt sich mitunter auch darin, dass sehr viele der kritischen Beiträge über Leihmutterschaft mit zwei Vätern bebildert werden, wenn in Wahrheit der Großteil (Si apre in una nuova finestra) der Kinder, die von einer Leihmutter geboren werden, in heteronormativen Familien aufwachsen.
Ich werde nun auf die gängigen Argumente eingehen, die ein Verbot von Leihmutterschaft rechtfertigen sollen, denn daran entlang habe ich meine Position gefunden. Es erscheint mir logisch, den Aufbau des Textes analog meiner eigenen Meinungsbildung zu gestalten. Ich hoffe, es ist am Ende schlüssig oder wenigstens nachvollziehbar.
Argument 1: „Niemand hat ein Recht auf ein Kind“
Ein beliebtes Argument der Gegner*innen von Leihmutterschaft: Niemand hat ein Recht auf ein Kind. Das kann man natürlich so sagen, es ist faktisch nicht falsch. Es stellt gleichzeitig aber die Kämpfe um Reproduktive Gerechtigkeit generell in Frage. Denn die Realität zeigt vor allem, wie ungleich reproduktive Rechte in unserer Gesellschaft verteilt sind. Sie werden vor allem cis-hetero Ehepaaren gewährt. Während die Krankenkassen verheiratete cis-hetero Paare finanziell bei der „Kinderwunsch-Behandlung“ unterstützen, werden Menschen mit Behinderung in Deutschland bis heute teilweise zwangssterilisiert (Si apre in una nuova finestra). Ein queeres Paar, das sich nicht ohne weiteres miteinander fortpflanzen kann, wird bei alternativen Methoden (Samen-/Eizellenspende) nicht unterstützt, cis schwule Paare haben überhaupt nur eine Möglichkeit zur legalen Elternschaft: Adoption, seit 2017 dürfen auch zwei Männer ein gemeinsames Kind adoptieren. Jedoch: in der Praxis passiert das (Stiefkindadoptionen mal ausgenommen) so gut wie nie. Die Hürden sind sehr hoch und es werden überhaupt nur selten Kinder in Deutschland zur Adoption freigegeben. Die Option Pflegekind steht schwulen Paaren zwar grundsätzlich auch offen, jedoch ist das Übernehmen der Pflegschaft für ein Kind, das vom Jugendamt von seiner Herkunftsfamilie getrennt wurde, eine ganz andere Art von Herausforderung. Dass sich schwule Paare für eine Leihmutterschaft im Ausland entscheiden, ist in Anbetracht der fehlenden Alternativen individuell nachvollziehbar, unabhängig davon, wie man es moralisch bewertet, denn die Alternative wäre kinderlos bleiben. (Das wäre vielen rechten, konservativen Kräften ohnehin am liebsten, nach deren Auffassung Kinder nur das Produkt cis-heterosexueller Ehebeziehung sein dürfen.)
Argument 2: „Ein Kind braucht seine Mutter“
Die bereits erwähnte Birgit Kelle, die 2024 ein Anti-Leihmutterschafts-Buch veröffentlichte, teilte (Si apre in una nuova finestra) gestern auf X ein Video, das offenbar in einem Krankenhaus nach einer Bauchgeburt aufgenommen wurde. Zu sehen ist ein schreiendes Neugeborenes, das durch den Raum zu einer, auf dem Rücken liegenden, Person getragen wird, vermutlich die Mutter. Das Kind wird der Mutter ans Gesicht gelegt und hört daraufhin auf zu weinen. Es scheint, dass der Körperkontakt und die leise Stimme das Baby beruhigen. Kelle twitterte dazu: „Es ist ein Verbrechen, Kinder von ihren Müttern zu trennen. Nach vier eigenen Geburten kann ich einfach nur persönlich sagen, es bricht mir das Herz, daran zu denken, was diesen Kindern unmittelbar nach der Geburt angetan wird, indem man ihnen die Nähe und Ruhe nimmt, die sie in diesem Moment nur bei ihrer Mutter finden, übrigens auch nicht bei ihrem Vater.“ Die Annahme, ein Neugeborenes brauche unbedingt Kontakt zu dem Menschen, der es ausgetragen hat, hält sich hartnäckig, ohne dass es dafür wissenschaftliche Nachweise gibt. Was wir wissen: Babys brauchen Nähe, Zuwendung, Körperkontakt von einer Bezugsperson. Die Aussage, dass nur die leibliche Mutter dem Kind geben kann, was es braucht, invalidiert nicht nur die Fürsorge anderer Elternschaft, sondern baut zusätzlichen Druck auf: Was ist, wenn die Mutter bei der Geburt verstirbt, was ist, wenn sie sich aus gesundheitlichen Gründen nicht um das Kind kümmern kann? Natürlich ist auch dieses „Argument“ ein zutiefst queerfeindliches, das alle Familienkonstellationen jenseits von Vater-Mutter-Kind abwertet und als „kindeswohlgefährdend“ diffamiert.
Argument 3: „Eine Mutter braucht ihr Kind“
Wer daran glaubt, dass einzig die Mutter ein Kind wahrhaftig lieben und umsorgen kann, glaubt auch daran, dass es einen natürlichen Mutterinstinkt gibt, den alle Gebärenden unmittelbar nach, bzw. schon lange vor der Geburt in sich tragen. Die Forschung zeigt (Si apre in una nuova finestra), dass es sowas wie ein „weibliches Gehirn“ nicht gibt, entsprechend auch keinen typisch weiblichen Mutterinstinkt. Genauso wenig ist „Mutterliebe“ universell. Die Unterstellung, eine Leihmutter müsse zwangsläufig darunter leiden, das Neugeborene an seine Eltern zu übergeben, spricht allen Gebärenden die Fähigkeit zu rationalen, selbstbestimmten Entscheidungen ab.
Die sakrale Überhöhung der Mutterschaft ist ein ultrarechtes Konzept, das weit in die selbsternannte gesellschaftliche Mitte reicht und auch unter sich als links verstehenden Menschen Anklang findet. Ich kann an dieser Stelle nicht so weit ausholen, aber zusammenfassend stelle ich fest, dass der Muttermythos ein patriarchaler Grundpfeiler ist, der unsere Gesellschaft ordnet. Er weist Frauen ihren angeblich „natürlichen“ Platz zu: Als Hüterin der Familie, des Heims, als Garantin für den Nachwuchs, der je nach Klassenzugehörigkeit im Kapitalismus profitieren oder Profit für andere erwirtschaften soll.
Die heteronormative Kleinfamilie bildet nach wie vor ein Ideal ab, nachdem wir alle streben (sollen) und stellt gleichzeitig die kleinste Zelle der bürgerlichen Ordnung dar, die für den Fortbestand des Kapitalismus unabdingbar ist. Unsere gesamte Kultur, Religion, Tradition usw., bereitet uns darauf vor, selbst so eine Familie zu gründen, sie gilt als Krone allen Strebens, als „Sinn des Lebens“.
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Menschen, die auf biologischem Wege nicht gemeinsam ein Kind zeugen können, Alternativen für sich in Anspruch nehmen. Insbesondere wohlhabende bis reiche Paare leiten mitunter aus den theoretischen Möglichkeiten zur Reproduktion einen tatsächlichen Anspruch darauf ab, denn sie können es sich ja leisten. (Es ist Teil des Problems, dass Alternativen in der Lebens- und Familiengestaltung jenseits vom Modell der nuklearen Familie bis heute mindestens belächelt, meist sogar aktiv bekämpft werden. Hier könnte ich weiter in die Tiefe gehen und darüber schreiben, wie z.B. auch die Organisation von Arbeits- und Wohnungsmarkt zur Vereinzelung der Menschen beiträgt und das Bilden kollektiver Verantwortungssysteme aktiv verhindert. Aber dazu ein anderes Mal mehr.)
Das führt zum nächsten Argument der Leihmutterschafts-Gegner*innen:
Argument 4: „Kinder dürfen keine Ware sein“
Leihmutterschaft sei Menschenhandel, ist sich die EMMA (Si apre in una nuova finestra) sicher und auch in progressiveren Kreisen heißt es mitunter Jens Spahn und sein Ehemann hätten sich „ein Kind gekauft“. Zu diesem Schluss kann nur kommen, wer ein Kind als Eigentum ansieht. Denn nur Eigentum kann man verkaufen, durch die Leihmutterschaft wechsle das Kind den Besitzer. In dieser Logik „gehören“ Kinder ihren Eltern. Nicht sich selbst, erst recht nicht einem gesellschaftlichen Kollektiv. Sie sind im klassischen Sinne Privateigentum. Diese zutiefst adultistische, letztlich menschenfeindliche Haltung ist weit verbreitet und schadet nicht zuletzt den Kindern, die mittels Leihmutter zur Welt kamen. Das Narrativ des „gekauften Kindes“ hat direkte Auswirkungen auf die Kinder selbst, die damit konfrontiert werden. Das gesellschaftliche Stigma, das bis heute Familienformen anhaftet, die von der hetero-bürgerlichen Norm abweichen, sorgt dafür, dass Kinder in ihrer Identität verunsichert werden können, sich „anders“ fühlen oder Ausgrenzung erfahren. Unabhängig davon, dass sie in einem fürsorglichen Elternhaus aufwachsen, geliebt werden und lieben. Die fehlende Akzeptanz ist dabei das Problem, nicht die alternativen Wege der Familiengründung.
Aber um es ganz klar zu stellen: Natürlich dürfen Kinder keine Ware sein, Menschen- bzw. Kinderhandel ist ein grausames Verbrechen und durchaus ein globales Problem, genauso die Versklavung von Menschen. Jedoch nützt es niemandem, Leihmutterschaft damit gleichzusetzen, im Gegenteil. Ähnlich wie bei der Debatte um Sexarbeit muss unbedingt differenziert werden, damit eine sachliche Auseinandersetzung möglich ist. Denn auch wenn bei der Leihmutterschaft keine „Kinder gekauft“ werden, handelt es sich unbestreitbar um ein Geschäft (wenn wir von der altruistischen Leihmutterschaft absehen, dazu später mehr). Das Geschäft besteht darin, dass eine gebärfähige Person, die gewisse Kriterien erfüllt, für das Austragen und zur Welt bringen eines Kindes bezahlt wird. „Gekauft“ wird also eine Dienstleistung, die – im legalen Falle – vertraglich geregelt ist. Darüber, ob das legal sein darf, wird gestritten.
Argument 5: „Leihmutterschaft ist Ausbeutung“
Darauf würde ich als erstes „Schwangerschaft ist Reproduktionsarbeit“ antworten. Für Leihmütter kommt zur körperlichen Belastung der Schwangerschaft noch weiterer Aufwand hinzu: Medizinische Voruntersuchungen, Aufbau des Endometriums mit Östrogenpräparaten, Einsetzen der befruchteten Eizellen, mitunter Kontakt zu den zukünftigen Eltern des Kindes usw. Das ist Arbeit und schwanger ist man 24/7, keine Pausen, Urlaub oder Möglichkeit zur Kündigung. Insofern ist Leihmutterschaft sicherlich kein ganz normaler Job. Im Kapitalismus ist grundsätzlich jede Form der Lohnarbeit ein Ausbeutungsverhältnis und bei kommerzieller Leihmutterschaft verkauft die schwangere Person zeitweise ihre reproduktive Arbeitskraft bzw. ihre körperliche Reproduktionsfähigkeit gegen Entgelt. Unter anderem profitieren Vermittlungsagenturen und Kliniken wirtschaftlich davon und beuten, dem marxistischen Verständnis nach, aus.
Wir können die Leihmutterschaft nicht isoliert betrachten. Sie findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern im Kapitalismus. In einer Welt der globalen (und kolonialen!) Ausbeutung. Eine Welt, in der Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Insbesondere im Hinblick auf vergeschlechtlichte Arbeit, körperliche Arbeit und das, was unter Haus- und Care-Arbeit gefasst wird, sehen wir ein enormes Gefälle. Häufig gilt: Je ärmer ein Mensch, desto härter der Job, desto weniger Arbeitnehmerrechte. Seien es ausländische Bauarbeiter*innen, die in Katar Stadien bauen, sogenannte Saisonkräfte, die unter menschenunwürdigen Bedingungen monatelang Spargel stechen und Erdbeeren pflücken, Hausangestellte, die im Ausland fremde Häuser putzen oder alte Menschen pflegen – sie alle eint, dass sie die Arbeit nur machen, weil die Alternativen noch schlimmer erscheinen. Ähnlich wie bei der Debatte um Sexarbeit stellt sich also auch bei Leihmutterschaft die Frage: Wie „freiwillig“ ist eine Entscheidung, wenn der ökonomische Druck uns nur aus unattraktiven Möglichkeiten wählen lässt? Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es für eine Frau das geringe Übel ist, als Leihmutter Geld zu verdienen, als das ganze Jahr von ihren Kindern getrennt im Ausland Care-Arbeit für andere zu leisten. (Diese Form der globalen Ausbeutung überwiegend weiblicher Arbeiter*innen hat die US-amerikanische Sozilogin Arlie Russell Hochschild als „Global Care Chain“ bezeichnet und beschrieben.) Letztlich ist die Frage nach Freiwilligkeit in diesem Zusammenhang hinfällig, denn im marxistischen Sinne sind Arbeiter*innen doppelt frei: Sie sind frei zu arbeiten, aber sie sind auch frei zu verhungern, wenn sie nicht arbeiten. Klasse! Danke, freier Markt.
Befreiung wird durch Arbeitskampf erreicht, nicht durch „Errettung“
Und ja, die Folgen einer Schwangerschaft für den Körper können mitunter gravierend sein, aber auch das gilt für viele körperliche Arbeiten. Das Ziel muss also meiner Meinung nach immer sein, die materiellen Bedingungen zu verbessern, dazu gehören u.a. höhere Arbeitslöhne, aber auch: mehr Mitbestimmung, Arbeitsschutz, Absicherung bei Krankheit (und im Falle von Unfällen, Tod oder dauerhafter Arbeitsunfähigkeit Absicherung der finanziell abhängigen Angehörigen) und Altersvorsorge. In der Realität arbeiten viele Leihmütter weltweit ohne Arbeitnehmerrechte, bekommen von den hohen Summen, die ausländische Paare bezahlen, lediglich einen Bruchteil. Das ist so, weil es im Kapitalismus möglich, die Profitmaximierung auf dem Rücken der Arbeitskräfte genau so vorgesehen ist. Doch das adressieren Gegner*innen der Leihmutterschaft in der Regel gar nicht. Statt die Arbeiter*innen zu organisieren, ihre Forderungen in den Mittelpunkt zu stellen und mit ihnen für bessere Bedingungen zu kämpfen, wird das Totalverbote gefordert und als „Befreiung der Frauen“ verkauft. Das ist paternalistisch und folgt einem bekannten Muster: White Saviorism, bei dem die „Anderen“ (meist aus dem Globalen Süden) als hilfsbedürftig und passiv dargestellt werden, die die „Rettung“ durch privilegierte Nicht-Betroffene (meist aus dem Globalen Norden) bedürfen.
Hier zeigen sich so viele Parallelen zur Debatte um Sexarbeit: die Arbeiter*innen werden als anonyme, unterdrückte Masse imaginiert, sie selbst kommen so gut wie nie zu Wort, wenn überhaupt dann nur einzelne, die den Punkt der Gegner*innen (oder Befürworter*innen) bestätigen sollen. Die selbsternannten „Retter*innen“ stellen in ihrem Namen Forderungen, die nicht zuletzt dazu führen können, dass eine Einkommensquelle verloren geht, ohne alternative Ideen zu haben, wie die materielle, d.h. ökonomische Situation der Arbeiter*innen verbessert werden soll. Auch die moralische Aufladung der Debatte erinnert an die um Sexarbeit: Schwangerschaft wird als etwas sakrales angesehen, ähnlich wie sexuelle Intimität, es wird eine Art von „Reinheit“ imaginiert, etwas, das nur „mit Liebe“ verbunden sein darf, keinesfalls mit Geld. Und wie die SWERFs finden auch die Gegner*innen der Leihmutterschaft ihre ähnlich unerträglichen Antagonist*innen im Liberalfeminismus, die alles auf die „Freiheit der Wahl“ reduzieren und dabei materielle Realitäten, globale Machtgefälle und Unterdrückung einfach ignorieren.
Das meinte ich eingangs, als ich schrieb, dass sich keine Seite auf mich verlassen kann. Ich will darauf hinaus, dass es keine Frage von Leihmutterschaft ja oder nein ist. Wie so vieles im Leben ist auch diese Debatte nicht binär.
Schwangerschaft ist immer Arbeit, auch in der Ehe
Die britische Autorin und marxistisch-feministische Denkerin Sophie Lewis hat ein ganzes Buch über Leihmutterschaft geschrieben („Full Surrogacy Now (Si apre in una nuova finestra)“) und geht darin sowohl auf die brutale Ausbeutung von Arbeitskraft ein, die im kolonialrassistischen kapitalistischen Herrschaftssystem stattfindet, als auch auf die dringend notwendige Entmystifizierung des bürgerlichen Ideals der „perfekten Schwangerschaft“, die von kapitalistischen Marktbeziehungen unberührt bleibt. (Letztlich ist es auch genau dieses Ideal, das den kommerziellen Leihmutterschaftsmarkt so profitabel macht!) Für Lewis ist Schwangerschaft eine Form der Arbeit, die im Kapitalismus ausgebeutet wird, auch innerhalb der Ehe. Für Sophie Lewis stellt sich daher gar nicht die Frage, ob man „für oder gegen Leihmutterschaft“ ist, sondern ob man an im Kapitalismus an der Seite der Arbeiter*innen steht oder nicht. Entsprechend fordert Lewis eine ehrliche Analyse davon, wie der Kapitalismus unser Leben bis in die kleinsten Einheiten hinein dominiert und sie macht deutlich, dass die Unterscheidung zwischen Lohnarbeit und Reproduktions- bzw. Carearbeit kein Naturgesetz ist, sondern der kapitalistischen Ordnung entspringt. Zugegeben, Sophie Lewis Texte zu lesen und ihnen inhaltlich folgen zu können, ist ganz schön herausfordernd, vor allem, wenn man einfache Antworten auf gesellschaftliche Streitfragen sucht. Aber es lohnt sich, die Differenzierungen zu betrachten, die in der binären „Dafür oder Dagegen“-Debatte keinen Raum haben.
Aber ich weiß schon, ihr wollt eine finale Antwort:
Leihmutterschaft – Dafür oder Dagegen?
Um die Frage zu klären, ob Leihmutterschaft (altruistische, kommerzielle oder beide) in Deutschland legalisiert oder – wie es zum Beispiel die rechte, transfeindliche Gruppe „Frauenheldinnen“ fordert (Si apre in una nuova finestra) – das Verbot auf die Inanspruchnahme der Leihmutterschaft im Ausland ausgeweitet werden sollte, müssen wir zunächst auf die aktuelle Rechtslage gucken. In Deutschland regelt das (damals übrigens massiv von der Kirche lobbyierte) Embryonenschutzgesetz das Verbot von Leihmutterschaft. Auch die Eizellenspende ist (im Unterschied zur Samenspende) in Deutschland verboten. Aber auch das deutsche Abstammungsrecht steht einer Leihmutterschaft entgegen. Es regelt, die rechtliche Eltern-Kind-Zuordnung, also die Frage, wer im rechtlichen Sinne Elternteil eines Kindes ist. „Mutter eines Kindes ist die Frau, die es geboren hat“, heißt es darin. Eine rechtliche Elternschaft gleichgeschlechtlicher Paare ist nicht vorgesehen. Während bei einem heterosexuellen Ehepaar der Mann automatisch als Vater eingetragen wird, haben queere Paare nur die Möglichkeit der (Stiefkind-)Adoption. Nach deutschem Recht wäre die Leihmutter, auch wenn sie aufgrund einer Eizellenspende mit dem Kind überhaupt nicht genetisch verwandt ist, die Kindsmutter, mit allen Rechten und Pflichten. Damit ist auch die sogenannte „altruistische Leihmutterschaft“ ausgeschlossen, wie sie bspw. in Großbritannien erlaubt ist. Nach diesem Konzept können zum Beispiel Geschwister oder Freund*innen Leihmutter für ein kinderloses Paar sein. Die Voraussetzung ist, dass kein Geld bezahlt wird und allenfalls mit der Schwangerschaft verbundene Kosten erstattet werden.
Für mich ist die Antwort auf die Frage nach der Legalisierung relativ klar, auch wenn ich die realpolitische Auseinandersetzung viel weniger spannend finde als das Nachdenken über feministische Fragen, marxistische Analysen und globale, historische Zusammenhänge. Die körperliche Selbstbestimmung steht für mich an erster Stelle: Wenn sich eine Person dafür entscheidet, ein Kind für andere auszutragen, darf man ihr das nicht verbieten. Die Autonomie muss aber auch während der gesamten Leihschwangerschaft gelten, das bedeutet, dass die Schwangeren grundsätzlich die Entscheidungshoheit haben müssen. Es darf keine vertraglichen Regelungen geben, die die körperliche Selbstbestimmung außer Kraft setzen. Zum Beispiel dürfen die werdenden Eltern nicht die Abtreibung eines Fötus verlangen (bspw. aufgrund einer zu erwartenden Behinderung), wenn die Leihmutter die Schwangerschaft fortsetzen will und auch Ernährungsvorschriften oder Eingriffe in den Lebenswandel widersprechen dem Prinzip der körperlichen Selbstbestimmung. Wer die Dienstleistung einer Leihmutter in Anspruch nehmen möchte, darf deshalb nicht über sie als Person verfügen. Das finde ich essenziell.
Ich finde es falsch, die Leihmutterschaft in Deutschland zu verbieten und das „Problem“ damit ins Ausland zu verlagern. Es braucht klare Regelungen im Sinne der Arbeiter*innen. Das habe ich ja bereits schon etwas weiter ausgeführt. Bei kommerzieller Leihmutterschaft wird das Problem des ungleich verteilten Reichtums (bis zur Revolution) bestehen bleiben: Für reiche Leute wird es weiterhin eine Option sein, eine andere Person für das Austragen einer Schwangerschaft zu bezahlen, arme Menschen haben dieses Privileg nicht. Für mehr gesellschaftliche Fairness braucht es also – neben der generellen Umverteilung von oben nach unten – faire Regelungen, nach denen der Staat (bzw. die Krankenkassen) Menschen (nicht nur Paare übrigens) bei der Reproduktion auch finanziell unterstützen. Hier könnt ihr ja selbst ein bisschen weiterdenken, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der es keine Frage finanzieller Mittel ist, ob und wie eine Familie mit Kindern gegründet werden kann. In meiner Utopie kann die menschliche Reproduktion außerhalb kapitalistischer Logiken stattfinden, in kollektiven Gesundheitszentren, ohne private Agenturen. Es ist eine Utopie, in der Menschen sich als Familien und Sorgegemeinschaften kollektiv zusammenschließen, unabhängig von Genetik und ohne staatlicher Ordnungssysteme. Kinder wachsen darin als von Anfang an selbstbestimmt auf, nicht als Eigentum ihrer Eltern, unterstützt und begleitet von sorgenden Erwachsenen.
Das generelle Verbot von Leihmutterschaft, wie es heute gilt, hilft aus meiner Sicht niemandem außer der christlich-fundamentalen bzw. rechtskonservativen Idee von der „biologisch reinen“, heteronormativen Kleinfamilie. Nicht den Leihmüttern, nicht den Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch und auch nicht den Kindern selbst. Die werden auch von heterosexuellen Ehepaaren mit Fortpflanzungsfähigkeit nicht gefragt, ob sie geboren werden wollen. Jeder Mensch hat ab dem Moment seiner Geburt ein, von seinen Erzeuger*innen oder Gebärenden unabhängiges, Recht auf Existenz und Menschenwürde. Entsprechend braucht es funktionierenden Kinderschutz, orientiert an internationalen Kinderrechten. Diese gelten unabhängig von Zeugung, Geburt oder rechtlicher Elternschaft.
Ich komme hiermit zum Ende, auch wenn es sicherlich noch mehr zu sagen gäbe, offene Fragen zu klären und Widersprüche zu diskutieren. Ich bin gespannt auf eure Gedanken dazu und hoffe, einige davon angeregt zu haben. Wenn ihr meine Arbeit, das heißt das Lesen, Recherchieren und Schreiben des Newsletters, unterstützen möchtet, könnt ihr das mit einer Steady-Mitgliedschaft (Si apre in una nuova finestra) tun oder mit einem Trinkgeld via Paypal (Si apre in una nuova finestra).
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Danke euch, wie immer, fürs Lesen, habt es gut und passt auf euch und einander auf,
Ulla