Bevor wir heute in Nachbarschaften hineinzoomen eine Bitte: Unterstützt die Aktion vom Hanfverband (Si apre in una nuova finestra) (und generell Aktionen) gegen die Kürzungen, die Krankenkassen-Versicherte betreffen. Wenn die Kosten für Blüten nicht mehr übernommen werden können, und das werden sie aktuell schon für viel zu wenige, hat das schwere Folgen für die Betroffenen, die jetzt in guter Behandlung sind. Die Unterscheidung zwischen “richtiger” Medizin und gerauchtem Cannabis als “nicht so wirkliche” Medizin ist eine konstruierte Schwelle und wird weder der Pflanze noch den Menschen gerecht (siehe dazu auch Briefing 38 (Si apre in una nuova finestra)). Diese Änderung würde nicht alle gleich treffen. Sie würde jene, die sich ein Privatrezept leisten können oder gar nicht erst kassenversichert sind, nicht groß tangieren. Die Krankenversicherung ist uns doch eigentlich viel wert, um in einer Gesellschaft zu leben, die nicht so sehr vom Elend geprägt ist wie zum Beispiel die USA. Aber diese “Einsparung”, die von den Minister*innen damit vorgeblich erzielt werden soll, ist nicht einmal eine. Die Fertigarzneimittel, die statt den Blüten verschrieben werden sollen, sind viel teurer! Ob das einfach eine Umverteilung von unten nach oben sein soll, weiß ich bei Gesundheitsministerin Warken nicht zu beurteilen. Ich glaube, es geht hier primär einfach nur darum, etwas gegen Cannabis durchzudrücken. (Zur Aktion (Si apre in una nuova finestra))
Elend produzieren – das so traurige wie vermeidbare Thema der Gegenwart – darum geht es auch im heutigen Artikel. Eine Medienkritik.
Ich bin diese Woche über einen Instagram-Beitrag vom rbb gestolpert. Es ist einer wie viele dieser Art in den letzten Jahren. Dieser startet mit diesem Bild:

Bewohner*innen von Häusern werden in ihrer sie belastenden Situation geschildert, mit der ja auch niemand tauschen will. Aber der Bericht muss so nicht sein. Der ist eine Entscheidung zu entmenschlichen, zu skandalisieren. “Das Drogenhochhaus”… Puh. Solcher Journalismus ist eine Entscheidung, aber auch eine traurige Gewohnheit: Die “Belastungen”, wie es selbst in einem progressiven Stadtteilmagazin hieß, kommen dabei nicht zu Wort. Manchmal dann auch die Polizei.
Das Framing, ein Gleichsetzen von diesen Menschen in Not und Kriminellen, gehört zum Repertoire. Wenn es nicht Kriminelle wären, wären es ja auch Menschen!
Framing heißt nicht, dass die Ereignisse im Einzelnen nicht so stattfinden, aber es wird ein Bild geschaffen, das zu bestimmten Vorstellungen explizit einlädt (das sind alles gefährliche Kriminelle) und andere Vorstellungen ausschließt: dass die meisten sicherlich nicht durch Einbrüche oder eine andere Sicherheitsgefahr kriminell sind, sondern die Kriminalität bei den meisten durch die Kriminalisierung von Drogen entsteht.




Der rbb Instagram-Beitrag bekam in den Kommentaren viel Applaus. Menschen wie Müll entsorgen. Bravo 👏 Dass man in diesem Wohnhaus und an vielen anderen eine Konfliktsituation zwischen Bewohner*innen und Wohnungslosen hat, muss sich so nicht in einer Berichterstattung wiederspiegeln. Journalismus kann mehr. Und zwar sich daran erinnern: Die betreffenenden Personen können mitsprechen! Müll kann nicht reden, Menschen schon. Ist einem der Unterschied wichtig?
Journalist*innen sind in Verantwortung für die Wirkung ihrer Texte und wissen genau, dass es einen Unterschied macht, wen sie wie portraitieren. Wessen Leben, wessen Konflikte werden für die Leser*innen nachvollziehbar gemacht? Wessen Kriminalitätserfahrung zählt? Wessen Sicherheit zählt?

Die Wohnungsnot ist real, dem muss man ins Gesicht sehen.
Die Bewohner*innen können diesen Konflikt nicht lösen. Diese Menschen sind in Notsituationen und wissen selbst, dass das nicht schön ist.
Im Instagram-Beitrag mit einem kleinen Hinweis auf die Verdrängungssituation aus dem öffentlichen Raum einen Anlass für Verständnis anzubieten, reicht nicht aus. Würde man die Menschen mitsprechen lassen, käme man immer wieder darauf zurück: Wohnungsnot, Mietkosten, Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt, Kriminalisierung wegen Drogen, Vorurteile, Stigma.
Das könnte sich so anhören, wie in diesen gesammelten O-Tönen: mybrainmychoice.de/o-ton (Si apre in una nuova finestra)
Die Bewohner*innen sind zurecht mit der Situation überlastet und genau das ist der Punkt.
Was mich so wütend macht, ist, dass hier eine politisch vermeidbare Situation zu Bewohner*innen in Nachbarschaften geschoben wird. Es ist völlig vorhersehbar, dass dies zulasten der Menschen im Elend eskaliert. So geht es seit Jahren. Auch bei mir in der Nachbarschaft gibt es Bürger*innenveranstaltungen zur Aussprache und um Verständnis bei den Bewohner*innen zu gewinnen. Es ist aber in erster Linie kein zwischenmenschliches Problem, zu dem wird es erst gemacht. Es ist ein politisches Problem.
Dass die Politik vom Versagen in der Wohnungspolitik ablenkt, kann man noch als Fahrlässigkeit oder gewisse politische Normalität abtun. Aber wie versteht sich hier eine Nachrichten-Redaktion? Die Presse muss der Regierung doch kritisch auf die Finger schauen.
Was ich von der Presse erwarte, ist Demut vor einer extrem elendigen, traurigen, bitteren Situation. Aber was mach der rbb? Stilisiert die Bewohner*innen eines Wohnhauses als Held*innen ihrer Situation.
Das Problem heißt Stigma. Es ist wichtig, es nicht falsch zu verstehen.
Im obigen Fall ist klar, dass Stigma im Spiel ist. Aber wie? Stigma wird oft als etwas irendwie psychologisches, zwischenmenschliches, etwas Ähnliches wie Vorurteile und Abwertung definiert, aber das greift zu kurz. Eine passende Defintion liefert die Sprache, den gesellschaftlichen Mechanismus der hier wirkt, denken zu können.
Stigma ist das Schmiermittel von Ungleichheit.1 Ungleichheit entsteht nicht einfach durch ein Schnipsen. Sie muss geschaffen werden durch Gesetze, aber das nicht alleine, sondern es braucht Stigma, die Erklärung und die Rechtfertigung, die in der Gesellschaft stattfindet und politisch aktiv betrieben wird. Pressemitteilungen von Behörden, Reden von Politiker*innen, grausige Presseberichterstattung, … gestalten das Stigma tagtäglich engagiert mit. Sie treten nach unten und liefern die nötigen Erklärungen, damit Ungleichheit kommt und bleibt.
Am obigen Beispiel: Stigma ist das, was folgt, wenn man in dieser Situation sagt, man muss den Menschen einfach Wohnungen geben, Mieten senken, eine Wirtschaft anstreben, die Platz für alle macht. Das müsste irgendwie Konsens sein. Aber es kommen Reaktionen: Ja, aber… Das ist das Stigma.
Stigma ist aber nicht “nur psychologisch”, sondern seit jeher eine Markierung und Strafe, die sich auf die Stigmatisierten körperlich eingeschreibt.2 Stigma wird am Aussehen der stigmatisierten sichtbar. Es macht krank.
Wie passend, dass manche Drogen illegal sind.
Es gibt mehrere Erklärungen, warum Drogen verboten sind, die miteinander zusammenwirken. Eine davon ist die Droge als Sündenblock, basierend auf den Mythen und Irrtümern über ihre Wirkungen und Gebräuche. Die Drogen sind schuld. Allerdings nicht alle und nicht alle Konsumierenden gleich. Wohnungslose Menschen ohne Rückzugsraum anders als Menschen mit Wohnraum. Das Spritzen und Inhalieren anders als das orale Einnehmen. Das Illegale anders als das Verschriebene. Die Illegalität liefert einerseits die Kriminalisierung von Menschen, deren Elend stört, und andererseits eine Rechtfertigung dafür, für ihr Elend keine andere Lösung zu sehen außer ihrem Rausschmiss als Müll.