
Liebe Redensarten-Freundinnen und Freunde,
willkommen zu meinem einundzwanzigsten Newsletter.
Mein letzter ist ja nun schon wieder eine Weile her (nein, das liegt nicht daran, dass ich so lange meinen Schreibtisch aufgeräumt habe - das war ein Witz!), und diesmal habe ich mich entschieden, den Schatten zum Thema zu machen. Das hatte ich schon länger auf dem Schirm (Si apre in una nuova finestra) - schließlich spielt der Schatten in umgangssprachlichen Ausdrücken und Redensarten eine große Rolle. Zudem hat er in unserer Geistesgeschichte eine große und vielfältige symbolische Bedeutung - aber der Reihe nach.
Der Schatten im wörtlichen Sinn
Zunächst einmal gibt es Ausdrücke und Redensarten, die sich auf die eigentliche Bedeutung von "Schatten" beziehen: der dunkle Fleck, der entsteht, weil er vom Licht nicht beschienen wird, weil sich ein Körper zwischen Lichtquelle und Fläche befindet.
Hierher gehört der "Schattenparker (Si apre in una nuova finestra)" (ein zimperlicher Mensch, ein Weichling):
(Si apre in una nuova finestra)Wer sein Auto im Schatten parkt, verhindert damit, dass sich das Auto durch die Sonneneinstrahlung im Inneren aufheizt. Der Ausdruck kam in der Jahrtausendwende auf, als Ausdrücke wie Warmduscher, Turnbeutelvergesser und Frauenversteher populär wurden, die sich über schusslige oder verweichlichte Männer lustig machten, aber nicht wirklich böse gemeint waren. Aus dem Frauenversteher (jemand, der die weibliche Sichtweise begreift oder ein Feminist) entwickelte sich die allgemeine Endung "…versteher", die man mit beliebigen Personen oder anderen Dingen verknüpfen kann. Diese Ausdrücke haben immer etwas Abwertendes. So gibt es z. B. heute im politischen Bereich den "Putinversteher" - also jemand, der trotz seiner vielfältigen Verbrechen allzu viel Verständnis für den russischen Präsidenten aufbringt.
Auch eher scherzhaft gemeint ist die Redensart "über den eigenen Schatten stolpern / fallen (Si apre in una nuova finestra)" (hinfallen, stolpern) - was natürlich nicht geht, weil der Schatten keinen Körper hat. Die Redensart kann aber auch im übertragenen Sinn verwendet werden (an sich selbst scheitern). Insgesamt wird sie allerdings eher selten gebraucht.
Sehr häufig dagegen hört man "über seinen eigenen Schatten springen (Si apre in una nuova finestra)", die ein ähnliches Sinnbild verwendet, aber etwas ganz anderes bedeutet: sich überwinden und etwas tun, was eigentlich der eigenen Natur widerspricht. Die Redewendung wird positiv verwendet:
Manchmal muss man einfach über seinen Schatten springen!
Die Brüder waren lange zerstritten, aber als Vater starb, sprangen sie über ihren Schatten und versöhnten sich wieder
Die Redensart ist in dieser Bedeutung erst seit dem 20. Jahrhundert geläufig. Davor gab es sie auch schon, aber eher in der Bedeutung "etwas Unmögliches tun wollen". Noch heute hört man gelegentlich den Satz: Niemand kann über seinen Schatten springen.
Wieder etwas seltener zu hören: dem eigenen Schatten nachjagen / nachlaufen (Si apre in una nuova finestra) (etwas Sinnloses tun). Das entsprechende Sinnbild versteht sich von selbst.
Heute überhaupt nicht mehr gebräuchlich ist die Redensart "um den Schatten eines Esels streiten (Si apre in una nuova finestra)" (sich wegen einer Kleinigkeit streiten). Ich erwähne sie hier trotzdem, weil sie eine schöne und lehrreiche Geschichte hat: Sie war nämlich schon im alten Griechenland bekannt. Demosthenes war ein griechischer Redner, der im 4. Jahrhundert vor Christus gelebt hat. Einmal hielt er eine Rede vor den Athenern, konnte sie aber nicht beenden, da die Athener nicht mehr zuhörten. Also wechselte er das Thema und erzählte folgende Geschichte:
Einmal wollte ein Athener in eine andere Stadt reisen und mietete sich dafür vom Eselstreiber einen Esel. Morgens zogen sie also los - der Athener auf dem Esel und der Eselstreiber, der ihn begleitete. Als am Mittag die Sonne heiß brannte, sah sich der Athener nach einem schattigen Plätzchen um, um sich ein wenig abzukühlen, sah aber keinen Baum, unter den er sich setzen konnte. Also wollte er sich im Schatten des Esels ausruhen. Der Eselstreiber jedoch hinderte ihn daran, weil er ihm zwar den Esel vermietet habe, aber nicht dessen Schatten. Der Athener jedoch behauptete, auch den Schatten gemietet zu haben.
Daraufhin beendete Demosthenes seine Rede. Die Athener waren auf einmal ganz still und wollten nun hören, wie der Streit zwischen dem Athener und dem Eselstreiber ausging. Daraufhin sagte Demosthenes: "Demnach wollt ihr zwar etwas über den Schatten eines Esels hören, aber über ernsthafte Dinge wollt ihr mich nicht reden hören!" (Quelle (Si apre in una nuova finestra)).
Die absurde Geschichte wurde später mehrmals aufgegriffen und weitergesponnen (Si apre in una nuova finestra). Der Schriftsteller Christoph Martin Wieland schrieb sie in den 1770er Jahren zu Ende: Die beiden Streithähne gehen zurück in die Stadt vor den Richter, damit dieser entscheidet, wer von beiden recht hat.
(Si apre in una nuova finestra)Bevor er dies jedoch tun kann, treten in der Geschichte nacheinander immer mehr Leute auf, die versuchen, aus dem Streit einen Nutzen zu ziehen. Der Fall zieht immer weitere Kreise (Si apre in una nuova finestra), er eskaliert und spaltet schließlich die ganze Stadt. Am Ende soll durch einen aufsehenerregenden Prozess ein Urteil gefällt werden. Doch dazu kommt es nicht mehr, weil der Esel von einer aufgebrachten Menge getötet wird - und da der Stein des Anstoßes (Si apre in una nuova finestra) nicht mehr da ist, muss man auch keine Entscheidung mehr fällen. Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt verarbeitete den Stoff 1951 zu einem Hörspiel. Bei ihm führt der Streit zu einem Bürgerkrieg, der die ganze Stadt verwüstet.
Und das Ganze wegen dem Schatten eines Esels! Lächerlich? Na klar! Irrwitzig? Sicherlich! Übertrieben? Jawohl! Abwegig? Leider nein! Man muss ja nur mal in die sogenannten "sozialen Medien" schauen, wie sich manche über Kleinigkeiten aufregen! Sie kriegen Schnappatmung (Si apre in una nuova finestra) wegen jedem Gendersternchen, während sie bei wirklich schlimmen Dingen wie Klimakrise oder das Sterben in Gaza, im Sudan oder der Ukraine nur teilnahmslos mit den Schultern zucken (Si apre in una nuova finestra). Man sollte sich ins Gedächtnis rufen (Si apre in una nuova finestra), wohin das führen kann, wenn Menschen auf den Plan treten (Si apre in una nuova finestra), die jeden Pups (Si apre in una nuova finestra) zu einer großen Sache aufblasen, um ihr eigenes Süppchen zu kochen (Si apre in una nuova finestra). Insofern ist diese alte Geschichte hochaktuell!
Verfolgung
Doch zurück zum Thema. Der Schatten hat mehrere, teils merkwürdige Eigenschaften, die in Redewendungen als Sinnbild für übertragene Bedeutungen genutzt werden. Dazu gehört, dass der Schatten einem überall hin folgt.
Hierher gehört die vergleichende Redensart "jemandem folgen wie ein Schatten (Si apre in una nuova finestra)" (jemanden immer begleiten / verfolgen, jemandem ständig nachlaufen). Sie war schon in der römischen Antike bekannt. Gelegentlich werden auch Verfolger aller Art (Spione, Leibwächter o. ä.) selbst als "Schatten" bezeichnet. Heute nicht mehr so häufig verwendet wird der "Kurschatten (Si apre in una nuova finestra)". Das ist eine Liebschaft oder auch Freundschaft, die man während eines Kuraufenthaltes hat, also wenn der Ehepartner bzw. die Ehepartnerin nicht anwesend ist. Der Ausdruck bot früher allerlei Stoff für mehr oder weniger anzügliche Witze in der Regenbogenpresse und ist heute nicht mehr so verbreitet wie früher.
Etwas anderes ist die Redewendung "etwas im Windschatten tun (Si apre in una nuova finestra)". Der Windschatten ist kein richtiger Schatten, man nennt so die windgeschützte Seite "im Windschatten", also hinter einem Gegenstand auf der windabgewandten Seite. Wenn sich dieser Gegenstand bewegt, sagen wir z. B. jemand auf einem Fahrrad, dann kann man direkt hinter ihm fahren und hat so weniger Gegenwind. Wenn man also - bildlich gesprochen - im Windschatten fährt, dann nutzt man eine einflussreiche Person, eine günstige Gelegenheit o. ä., um ohne große Eigenleistung Vorteile zu erlangen:
Der Kurs von Zoom Technologies schnellte im ersten Quartal 2020 im Windschatten von Zoom Videotechnologies ebenso kräftig nach oben
Im Windschatten von SpaceX hat sich in den letzten Jahren eine ganze Branche von Unternehmen entwickelt, die neuen Wind in die Raumfahrt gebracht hat
Gelegentlich gibt es auch die Formuliereng "im Windschatten von etwas / jemandem segeln (Si apre in una nuova finestra)" (sich jemandem / etwas mit wenig Eigenleistung anschließen, kaum beachtet vom großen Erfolg von jemand anderem / einer anderen Sache profitieren, die Aktivitäten von jemandem / etwas für das eigene Vorankommen nutzen, sich absichtlich unauffällig verhalten, um davon zu profitieren) (Quelle (Si apre in una nuova finestra)).
(Si apre in una nuova finestra)Das bedeutet das Gleiche, doch das Sprachbild ist unsinnig, denn es gibt einen Unterschied zum Fahren im Windschatten: Wer im Windschatten eines anderen Segelbootes segelt, hat weniger Wind auf seinem Segel und kommt somit langsamer voran. Hier zeigt wieder einmal, dass Redewendungen nicht immer logisch sind.
Auswirkung auf etwas anderes
Insbesondere, wenn die Sonne niedrig steht, dann wirft ein Körper einen langen Schatten und verdunkelt die Fläche hinter ihm. Der Schatten kann also auch den Aspekt "Einfluss" vermitteln.
So kann etwas oder jemand "einen langen Schatten haben / werfen (Si apre in una nuova finestra)", also großen Einfluss haben - oder bezogen auf vergangene Ereignisse: noch lange spürbar sein und nachwirken:
Ein großer Vorgänger hat einen langen Schatten, aus dem es schwierig ist, herauszutreten
Die Krise wirft einen langen Schatten
(Si apre in una nuova finestra)Ganz ähnlich ist die Redewendung "seine Schatten vorauswerfen (Si apre in una nuova finestra)", die sich auf zukünftige Ereignisse bezieht, die aber jetzt schon spürbar sind. Meist verwendet man sie in Bezug auf große Veranstaltungen oder wichtige Entscheidungen, die geplant sind:
Die Kommunalwahlen 2026 werfen ihre Schatten voraus. Eine Woche nach der SPD stellte nun auch die CDU ihre Kandidatenliste für den Kreistag auf
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Das gilt bei uns derzeit für die Erstkommunion, die unser Sohn Ende April empfangen will
Die Redensart ist heute recht häufig zu hören bzw. noch häufiger: zu lesen. Geläufig wurde sie vor etwa 200 Jahren. Usprünglich stammt sie aus der englischen Literatur: Der schottische Dichter Thomas Campbell schrieb in einem Gedicht: "Tis the sunset of life gives me mystical lore, And coming events cast their shadows before". Der Satz wurde gerne zitiert und gelangte so auch ins Deutsche.
Dann gibt es noch den Ausdruck "die Schatten der Vergangenheit (Si apre in una nuova finestra)". Das sind Ereignisse, die früher stattgefunden haben und heute noch spürbar sind. Meist sind es negative Ereignisse - schlimme Erlebnisse, Schicksalsschläge oder Verbrechen - , die einen einholen, d. h. immer noch nachwirken:
Die Schatten der Vergangenheit verfolgten sie bis in ihre Träume , und sie erwachte oft mit einem Schrei auf den Lippen
Die Schatten der Vergangenheit werden für den Schweizer Rohstoffkonzern Glencore teuer. Das Unternehmen hat mit amerikanischen und brasilianischen Behörden im Zusammenhang mit Marktmanipulations- und Korruptionsvorwürfen eine Einigung erzielt und zahlt netto knapp 1,1 Milliarden Dollar
Hier kommt auch der Schatten als Symbol der Dunkelheit und damit des Negativen zum Tragen, doch dazu mehr in der nächsten Ausgabe.
Bis dann!
Viele Grüße,
euer Peter vom Redensarten-Index
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