Ich war in der Kirche, das ist für mich ungewöhnlich. Im Gebälk der Kirche war ich auch, dort sieht es so aus:

Im Kirchenraum (Gotik, fünfschiffig) musste ich eine kleine Rede halten, zwischen dem 23. und 24. Dezember, um Mitternacht. Es war kalt, und es war voll. In der Stadt mit der Kirche war ich einmal ein sehr unglückliches und verlorenes Kind. Die Kirche war ursprünglich ein Holzbau, dann hat man im 12. Jahrhundert eine erst spätromanische und dann gotische Kirche darauf gesetzt (dreischiffig), und im 15. Jahrhundert dann die ganz-gotische, fünfschiffig. Dann war sie erwachsen, und im Zweiten Weltkrieg ist sie ausgebrannt.
Ich war schon als Kind in dieser Kirche, die einen Aussichtsturm hat, und auch in der anderen Kirche, deren Glocken im Krieg beim Bombenangriff halb geschmolzen und herabgestürzt sind. Der Anblick der Glocken erzeugte bei den Erwachsenen Verbitterung, das Gefühl, das alles nicht verdient zu haben, obwohl man selber Schuld war. Zu der Rede eingeladen hat mich eine Frau, ohne die ich völlig anders erwachsen geworden wäre. Ich hätte mich ohne sie nie auf meine eigene Weise aus der Stadt mit den Kirchen und geschmolzenen Glocken herauskatapultieren können. Ich bin dann auf einem anderen Kontinent gelandet, in einem Land, das damals unvorstellbar weit war und heute von einem schaurigen Wahn beherrscht wird. So wird immer alles alles aufeinander draufgesetzt, brennt aus, schmilzt, katapultiert sich anderswohin, verfällt in einen Wahn, kommt zurück, steht plötzlich im Gebälk, weiß nicht warum und würde gern eine zusammenhängende Geschichte mit Sinn und Bedeutung daraus bauen. Das geht aber nicht.
Mein Foto vom Dachstuhl der Kirche sieht eigentlich so aus:

Das da oben links in der Ecke ist mein Finger, und im gefälschten Foto oben habe ich eine KI den Finger wegmachen lassen. Die KI hat die Latten hinter dem Finger aber im falschen Winkel verlegt, und wenn sie das Dach gebaut hätte, wäre es vielleicht eingestürzt.
Natürlich ist die Technik der Fälschung nicht von der KI erfunden worden sondern von den Menschen, weil sie nur glatte Erzählungen mit klaren Zusammenhängen ertragen können und denen eine falsche glatte Erzählung lieber ist als eine wahrhaftige krumme, wo man den Finger noch sieht. Die Menschen können sehr böse werden, wenn man sie anders erzählt, als sie erzählt werden möchten. Dann fühlen sie sich betrogen, und, wie mein Vater es immer formuliert hat: „Dann setzt es was.“
Mein Vater hat immer gesagt, was Juli Zeh sagt, die Schriftstellerin, die in Brandenburg auf dem Dorf lebt und vor Kurzem großherzig erklärt hat, dass ihre Nachbar*innen keine Nazis sind, obwohl die meisten AfD wählen: Am Ende müssen wir alle miteinander auskommen, wir können es uns nicht leisten, uns unser Dorf nicht schönzureden. Sonst können wir die anderen auch nicht mehr zwingen, sich uns schönzureden. Wir können uns Verzicht auf Verdrängung nicht leisten.
Aber natürlich können wir es uns leisten, Gruppen, die wir schon immer verachtet haben, anderen ans Messer zu liefern. Dann können wir uns endlich ein bisschen hineinentspannen in Feigheit und Bösartigkeit, Unterwürfigkeit und Habgier, Sadismus und Angst. All das lässt sich ja problemlos in das bürgerliche Leben integrieren, ohne dass man sich unanständig vorkommen muss. Und das ist das alte Rezept bürgerlicher Menschen, die ihren Status in Gefahr sehen: Verrohung, die man andere ausagieren lässt, bis man sie sich endlich auch selbst erlaubt. Viele Kirchen sind gegründet worden, um die Menschen zur Barmherzigkeit zu verführen, und sind dann als Institution ihrem eigenen Willen zur Macht erlegen und selbst verroht.
Meine Eltern haben mir erzählt, wie schrecklich es früher war, und sie haben mir versprochen, dass es nie wieder so kommen würde. Sie haben ihr Versprechen gebrochen, und das wird mein inneres Kind ihnen nie verzeihen. Jetzt wäre für mich wieder ein guter Zeitpunkt, mich aus meinem Leben hinauszukatapultieren, aus Gesprächen zum Beispiel, aus Diskursen. Ein Schweigegelübde abzulegen, aus dem Gefühl heraus, nichts mehr sagen zu können, ohne gegen meinen Willen in Konflikten zur Partei gemacht zu werden. Wo alles als heroischer Kampf verstanden wird und den Kämpfenden die eigene Heldenhaftigkeit wichtiger ist als das Lösen der Konflikte. Das ist die Art von Radikalisierung, die dafür sorgt, dass Kriege nie enden, dass Schuld verleugnet und Bitterkeit angestaut wird bis zum nächsten Ausbruch, bis zum nächsten Glockenschmelzen und zum nächsten Bitterkeit erzeugenden Mahnmal.
Heilige Kriege. Aber in dem Augenblick, in dem ich öffentlich daran leide, darf ich mich schon von dem Teil des deutschen Bürgertums vereinnahmt fühlen, der nach „Mäßigung“ ruft und gegen „Polarisierung“ kämpft und damit nur die Gefährdung der eigenen Diskurshoheit meint. Die man ihm ehrlich gesagt so schnell wie möglich abnehmen sollte.
Ich zeige mir selbst den Schweigefuchs.
Nur eins noch: Ich bin der Meinung, dass das Patriarchat nicht mehr gefüttert werden darf, bis es verreckt ist. Und hier ist die Rede, die ich halten durfte, auf einer Petrivision (Si apre in una nuova finestra) der Kulturkirche St. Petri zu Lübeck zum Thema „fremd und vertraut“:
Hallo. Ich bin der Robin aus Lübeck, und ich fühle mich fremd. Überall. Von Geburt an. Meine Eltern haben mir wieder und wieder erzählt, ich hätte schon gleich immer so komisch geguckt.
Die Welt fühlt sich für mich so unbehaglich an wie eine Hose, die nicht richtig passt. Die scheuert und zwickt, die ich aber trotzdem jeden Morgen anziehen muss. Das ist nämlich meine einzige Hose.
Und die Hose mag mich auch nicht. Sie fühlt sich von mir gezwickt. Sie findet mich merkwürdig. Ich gucke immer so komisch, findet sie. Du bist wieder so quengelig, sagt die Hose, was hast du denn schon wieder? Reiß dich doch mal zusammen! Die anderen können das doch auch!
Und ich kann nichts machen. Das ist meine einzige Hose, die mir lebenslänglich zugeordnet worden ist, und wenn sie mir abhaut, stehe ich ohne da. Ich bin meiner Hose ausgeliefert.
Seit drei Jahren weiß ich, dass ich Autist bin. Autismus heißt, mein Gehirn verarbeitet Reize anders als die Gehirne der allermeisten Menschen, und das macht, dass es immer zwickt und scheuert. Unabänderlich. Unheilbar.
Meine autistische Weltwahrnehmung funktioniert so, dass mein Gehirn nicht filtert. Das heißt, ich sehe und höre und rieche immer alles, alle Räume ganz, mit allen Menschen, allen Säulen, allem Klappern, allen Farben. Das kann rauschhaft sein, wirklich ekstatisch. Es kann aber auch völlig schiefgehen, und dann muss ich mich in ein dunkles Zimmer hocken, um wieder klar zu kommen.
Wann eine Situation für mich kippt, kann ich leider nicht vorhersagen, und Situationen, die andere Menschen alltäglich finden oder sogar genießen, können mich von einem Augenblick auf den anderen überfordern. Und die Menschen spüren meine Angst, dass eine Situation für mich umkippt, und können sie nicht einordnen, und dann finden sie mich komisch und sagen mir, ich soll mich nicht so anstellen.
Immer schwierig. Wirklich immer.
Aber langweilig ist mein Leben nicht, aus vielen Gründen. Mein Problem ist eher, dass Menschen mit Normalhirn sich aus dem, was sie als Normalität definieren, ein Recht ableiten, mich als gestört einzustufen. Medizinisch wird meinem Gehirn nämlich eine Entwicklungsstörung zugeschrieben. Ich bin also nicht nur anders, ich bin falsch.
Und das mit der Störung ist schon klar, ich weiß, dass ich euch störe. Ihr stört mich aber auch. Ihr Normalhirnmenschen, die ihr durch die Welt trampelt und das meiste, was ich sehe, gar nicht bemerkt und dann auch noch stolz darauf seid!
Gibt es einen Raum, wo wir das gemeinsam klären könnten?
Wo wir beschließen könnten, uns in unserer Andersartigkeit auszuhalten? Ich frage auch im Namen von Menschen, die aus anderen Gründen zur Störung erklärt werden, weil sie zum Beispiel mit dem falschen Geschlecht im falschen Körper gestrandet sind, oder weil sie mit dem falschen Glauben oder der falschen Hautfarbe oder beidem in einem weißen Land gestrandet sind, oder weil sie nicht sehen, hören oder sprechen können, weil sie sich nicht so bewegen können, wie man sich angeblich bewegen soll, und weil sie Hilfsmittel brauchen oder eine eigene, andere Sprache, und denen man beigebracht hat, das als Schwäche zu sehen und die Hilfe als eine Art Gnadenakt.
Oder weil sie Long Covid haben und erleben müssen, dass man ihnen Hilfe verweigert und Forschungsmittel streicht, bis sie verzweifeln. So wie alle diese Menschen oft verzweifeln. Weil die Welt sie als falsch markiert und auf ihrem Recht beharrt, nicht mit ihnen umgehen zu müssen.
Und diese Weigerung wird immer gruseliger, immer aggressiver. Wir spüren das alle. Wir sind in einem wirklich furchterregenden Abwärtsstrudel.
Könnten wir nicht gemeinsam beschließen, auf diesen ganzen Unbarmherzigkeitsscheiß zu verzichten? Und uns dafür einen Raum schaffen?
Das würde dann aber auch bedeuten, dass in diesem Raum jede und jeder und jedes einzelne beschließen müsste, mit den Ängsten umzugehen, die aufkommen, wenn man mit etwas konfrontiert wird, was einem fremd ist. Und darauf verzichten müsste, diese Ängste in Gewaltphantasien oder Gewalt umzuwandeln, um sich dann an den Menschen abzureagieren, die man zu Schwächeren ernannt hat.
Es ist nicht einfach, so einen Raum zu bauen, aber die Veranstaltungsleitung hat mir leider gesagt, dass ich nach 700 Worten Schluss machen muss. Sonst hätten wir das schnell noch gemacht. Schade.
Darum erkläre ich jetzt einfach, aus praktischen Gründen, mit der Macht, die dieser hohe Kirchenraum mir mit seiner ganzen schwierigen und komplexen Geschichte verleiht, als autistischer Atheist, der die Hoffnung nicht aufgeben will, dass es doch noch so etwas wie Barmherzigkeit gibt: Unser Raum dafür sei Weihnachten.
Ich ernenne Weihnachten zu diesem Raum der frei ist von dem von unseren Ängsten bestimmten Unbarmherzigkeitsscheiß.
Und im kommenden Jahr dehnen wir das dann auf 365 Tage aus.
Schöne Feiertage, haltet euch fuchtig. Danke!
Ein frohes neues Jahr euch allen. Es beginnt mit einem neuen Krieg. Danke fürs Lesen, danke fürs Teilen, danke fürs Abonnieren oder Mitgliedschaft abschließen, wenn das Geld reicht!