Es ist kalt, und es wird auf absehbare Zeit nicht wärmer. Die Gehwege sind spiegelglatt, die Menschen schlagen auf dem Pflaster hin, die Krankenhäuser kommen nicht mehr hinterher. Auf den Straßen rollt der Verkehr. Die Stadt erklärt, dass sie für die Gehwege nicht zuständig ist.
Die Krankenhäuser rufen den Notstand aus, und die Verkehrssenatorin verkündet, dass sie Gespräche mit der Stadtreinigung geführt habe und alles geklärt sei. Die Insta-Kachel zeigt ihr strahlendes Gesicht. Am nächsten Morgen schneit es wieder, und jetzt werden auch die Straßen nicht mehr geräumt.
Ich verstehe die Welt nicht mehr, ganz grundsätzlich. Ich war beim Arzt, zum jährlichen Check-up. Er attestiert mir einen guten körperlichen Zustand: altersgerechte Verfallserscheinungen, nicht mehr. Warum sollten meine Probleme, die Welt zu verstehen, etwas anderes sein als eine altersgerechte Verfallserscheinung?
Dort, wo ich mich online umtue, wird die Welt so dargestellt, als wollte sie dauernd verstanden werden. Will sie das? Das weiß ich nicht. Aber ich verstehe, dass es nützlich sein kann, sich auf ein Verständnis der Welt zu einigen, wenn man überleben will, in einer Gruppe oder einer Gemeinschaft.
Ich sehe die Heftigkeit, mit der rund um mich herum die Festlegung auf ein bestimmtes Verständnis der Welt gefordert wird. Vielleicht verstehen gerade viele Menschen die Welt nicht mehr und fordern Eindeutigkeit, weil sie Halt suchen. Viele dieser Menschen sind jünger sind als ich, und das erleichtert mich: Die Welt nicht mehr zu verstehen muss vielleicht nicht unbedingt eine reine Alterserscheinung sein!
Ich finde die Heftigkeit aber auch beklemmend. Ich finde es immer schwerer, sie auszuhalten, auch wenn ich die Ängste dahinter verstehe.
Ich versuche, mit den Fotos aus den Epstein-Files klarzukommen. Es gibt welche, die zeigen den Bruder des heutigen Königs von England auf allen Vieren oder auf Knien, neben oder über einer schlanken Frau, wahrscheinlich eher einem Mädchen. Es liegt auf dem Rücken, sein Gesicht ist geschwärzt. Mann und Mädchen tragen Weiß. Auf einem Bild streckt es einen Unterarm in die Luft, sodass es bei Bewusstsein zu sein scheint. Sonst deutet nichts darauf hin.
Es könnte sich um Bilder einer Erste-Hilfe-Behandlung handeln, wobei der Erste Hilfe Leistende merkwürdigerweise barfuß ist, oder um ein Kinderspiel, für das die Beteiligten zu alt aussehen.
Auf einem der Fotos blickt der Bruder des heutigen Königs von England unschuldig in die Kamera; dass er fotografiert wird, stört ihn offenbar nicht. Im Hintergrund sehe ich einen Sessel mit Leopardenmuster, aus dem die Beine eines Mannes ragen, der die nackten Füße auf den Tisch legt. Auf dem Tisch liegen außerdem sorgfältig gefaltete weiße Handtücher, wie im Bad eines Hotelzimmers oder in der Sauna. Und als Tischdecke dient offenbar das Sternenbanner, die Nationalfahne der Vereinigten Staaten von Amerika.
Ich erschrecke vor den Bildern des Königsbruders, weil sie für mich etwas tief Asexuelles haben. Ich sehe Abbildungen einer Situation, die man nur noch mit Gewalt ins Sexuelle zwingen kann. Ich bin mir sicher, dass diese Gewalt jetzt ausgeübt werden wird. Sie wird beobachtet werden, von einem gesichtslosen Mann, der seine nackten Füße auf das Sternenbanner legt, und mindestens noch einem Menschen, der nicht im Bild ist, weil er die Kamera hält.
Ich erinnere mich an meine Mannwerdung. James Bond hat für mich das bestimmt, was man als Mann erotisch finden musste, und mir vorgeführt, wie man sich als Mann durch locker zur Schau gestellte Dominanz begehrenswert zu machen hatte. Der mir generationstechnisch zugeordnete Bond war Roger Moore. Fleisch gewordene Gewaltfantasie.

Im meinem wirklichen Leben waren autoritäre Bürokraten mit Nazi- oder Wehrmachtsvergangenheit die Bestimmer, traumatisiert und untherapiert. Sie hatten das Recht, ihre Frauen zu schlagen. Sie brauchten dieses Recht, um Dampf ablassen zu können, und Dampf ablassen mussten sie, weil das Mannsein so eine schwere Last war.
Der Bordellbesuch war Honoratiorenpflicht. Im Herrenzimmer durfte man sich gehen lassen. Der Bond-Film, und im Bond-Film die Insel des bösesten Bond-Bösewichts, war eine Herrenzimmerfantasie. So viele Orte, so viele Fantasien, um Dampf ablassen zu können. Die Gesellschaft war eine einzige Männerrechtsbewegung, die Welt eine Dampfmaschine.
Gleichzeitig wurden die Bestimmer dieser Welt infrage gestellt, es kam ein Kulturwandel, und von den Helden dieses Wandels habe ich mir manchmal gewünscht, dass sie mir eine Welt bauen, in der ich leichter atmen kann. Heute weiß ich, dass sie das alte Herrenzimmer oft nur frisch angestrichen haben. Im Newsletter von Sarah Raich (Si apre in una nuova finestra) gab es kürzlich eine schöne Liste schrecklicher Pop- und Rockstars, dort erzählt sie von Bowie und den "Baby-Groupies".
Und kennt ihr die Geschichte von Gene Simmons von KISS, der Hardrock-Band mit den SS-Runen im Logo? Das ist der Sohn einer Holocaust-Überlebenden, der behauptet hat, mit 5000 Frauen (oder Mädchen?) geschlafen zu haben. Ee will von jeder ein Foto gemacht haben, wie auf dem Polizeirevier. Sie sind bestimmt gern fotografiert worden und haben das überhaupt nicht creepy gefunden.
Bürokraten des Priapismus. Und was für ein gigantischer Knoten von Traumata und Gewalterfahrungen, die vererbt und weitergegeben werden, angeblich auf befreiende Weise. Befreiend für wen?
Einmal war ich Schauspielschüler und saß oft mit großen und kleineren Schauspielern in der Theaterkantine. Wenn die Mädchen aus dem neuen Jahrgang eintrafen, riefen sie: „Da kommt das Frischfleisch!“ Später war #meetoo, es gab Empörung, und ich war verwirrt. Was habt ihr euch denn gedacht?, habe ich mich gefragt. Was habt ihr denn geglaubt, warum Männer berühmte Filmproduzenten werden wollen? Was soll man denn mit Macht, wenn man sie nicht missbrauchen kann? Wenn man so kaputt ist, dass man sich Genuss oder zumindest Erleichterung nur noch über den Machtmissbrauch verschaffen kann? Das ist die Leitkultur der Fleischfresser.
Wie soll ich in Trump etwas anderes sehen als die Krönung dieser verzweifelten Dominanzkultur, den verurteilten Sexualstraftäter als König? Ubu Roi, halb oder ganz dement, der die Welt verzehrt. Der das Versprechen der totalen Entgrenzung endlich einlöst. Und wie soll ich in Epstein etwas anderes sehen als den Bürokraten, der den Zugang zum Herrenzimmer verwaltet, in das sie alle glauben hineinzumüssen, um sich mit Gewalt als Männer zu beweisen? Der Herr der Bond-Bösewicht-Insel.
Die Bilder von Bill Gates aus den Epstein-Files, auf denen er irgendwie verloren mit den zur Benutzung freigegebenen Kindern im Arm dasteht, machen mich traurig. Der Vollzug der Wunscherfüllung scheint eine triste Angelegenheit zu sein, ein Krampf, ganz ohne 007-Glamour und -Swagger: Irgendwo stapelt jemand Saunahandtücher, irgendwo zerstört jemand Mädchenleben, irgendwo macht jemand ein Foto davon, weil das zum Mannsein dazugehört.
Ich wünsche den Opfern von Bill Gates Gerechtigkeit. Ich wünsche den Tätern, dass sie im Gefängnis sterben. Aber ich wünsche mir auch, sie wären Männer geworden, die so etwas nicht tun.
Und jetzt kriecht mir Andrew Albert Christian Edward Mountbatten-Windsor, damals vermutlich noch ein Prinz, auf allen Vieren durchs Gehirn. Sein Vater, ein Prinzgemahl, war ein gefühlskalter Rassist aus einer Familie voller Nazis. Der Sohn ist ein Täter geworden, der vor Strafe bisher geschützt geblieben ist. Wie bekomme ich ihn wieder aus dem Kopf? Er macht mich wütend, aber auch er macht mich wieder vor allem traurig. Er kommt mir traurig vor. Ich male mir eine Welt für ihn aus, in der er weniger traurig gewesen wäre und deshalb keine Kinder zu Opfern gemacht hätte.
Ich weiß nicht, ob es so etwas nur in Kinderbüchern gibt, ich wünsche es mir trotzdem. Ich wünsche mir, dass die Welt mit guten Kinderbüchern überflutet wird.
Mein Traurigsein ist keine ausreichend eindeutige politische Widerstandshandlung, und in meinem Kommunikationsumfeld wird, siehe oben, das Uneindeutige nicht mehr unbedingt zugelassen. Es ist nicht politisch genug.
Meine Timeline liefert mir eine Mischung aus Affektabfuhr und Analyse und viel Analyse im Affekt. Ich verstehe die Ängste, die dahinterstehen und die mit Eindeutigkeit beschwichtigt werden wollen, mit Aufrufen zu Held*innentaten. Ich teile die Ängste. Aber ich sehe mir die größere Timeline an, den ewigen Krieg, in dem wir leben, in seinem ganzen Wahnwitz – die Auslöschung von Gaza als Rache für das Massaker der Hamas, das Massaker der Hamas als Rache für die Nakba, Musk und Thiel als Rache für das Ende der Apartheid, der Überfall auf die Ukraine als Rache für das Ende der Sowjetunion, der Islamismus als Rache für die Kreuzzüge, die AfD als Rache für Habermas, die Schändung der Töchter als Rache an den Müttern, der Fossil-Fuel-Krieg gegen die Schöpfung als Rache dafür, dass wir nackt geboren werden. Und ich habe den Verdacht, dass Heroismus uns nicht dabei helfen wird, diese grausame Kaskade aus ineinander verknoteten Rachefeldzügen zu beenden, die sich über Jahrtausende hinziehen.
Deshalb lautet die Forderung der einzigen Bewegung, die ich gründen möchte, in unmännlicher Weichheit und aus tiefer Traurigkeit: Behandelt Tätertraumata!
Benennt Täter klar. Bestraft sie. Lasst sie im Gefängis sterben. Erzählt währenddessen die Geschichten ihrer Opfer. Aber behandelt auch die Tätertraumata. Und behandelt die Tätertraumata, die sie ihren Kindern vererben.
Es ist kalt, und es wird auf absehbare Zeit nicht wärmer. Auf der Straße trampeln die Menschen immer neue Muster in den Schneematsch. Ich lüfte, und als ich wieder ins Zimmer komme, sitzt im offenen Fenster die Krähe. Sie wendet mir den Rücken zu, den Blick auf die kalte Straße gerichtet, als würde sie Wache halten.
Sie tröstet mich. Wenn ich König von Deutschland bin, schenke ich jedem Menschen eine Wachkrähe.
Danke fürs Lesen, danke für Abonnieren, danke fürs Bezahlabo abschließen, wenn das Geld reicht. Ich bin übrigens dafür, dass wir das Patriarchat und die Manosphere verhungern und verdursten lassen.
(Dieser Newsletter wurde lesbar gemacht durch die Kritik von Stefanie Messner und Elisa Duca.)