
Attention please, Sonderausgabe TSM!
Wenn es eine Zeit des Jahres gibt, in dem sich viele zumindest kurzzeitig dem Eskapismus hingeben, dann ist das der Sommer. Jedes Jahr wird nach dem Blockbuster des Sommers, dem Sommer-Hit und natürlich auch dem Buch des Sommers gesucht. Wir haben für unsere Spezialausgabe TSM Book Review die zehn Romane und fünf Sachbücher, die wir 2026 bisher am liebsten mochten, zusammengestellt – unabhängig davon, ob sie dieses Jahr erschienen sind oder nicht. Zugegeben, das ist nicht immer leichte Kost, aber garantiert lesenswert. Viel Spaß mit unserer Liste und den Empfehlungen!
Aber bevor wir zu unseren Lese-Highlights der vergangenen Monate kommen, noch einmal die Erinnerung, dass Isis neues Buch Die Stadt, die sie schrieben. Autorinnen in New York City am 17. September im AvivA Verlag erscheint! Vorbestellungen sind wichtig, um Autor*innen und Verlage zu unterstützen. Das könnt ihr bei AvivA selbst machen (Si apre in una nuova finestra) oder einfach in eurer Stammbuchhandlung. Und wenn ihr Isi mit dem Buch live erleben wollt, gibt es bereits die ersten Termine: Am 03. September ist die Vorpremiere in Hamburg (Si apre in una nuova finestra), am 16. September die „richtige“ Premiere im Hessischen Literaturforum in Frankfurt (Si apre in una nuova finestra).
Daniel „Robbie“ Stähr (@danielstaehr_autor (Si apre in una nuova finestra)) und Isabella Caldart (@isipeazy (Si apre in una nuova finestra))
Belletristik
Helene Bukowski – Wer möchte nicht im Leben bleiben (Claassen, 2026)
Wie schreibt man über eine Person, die man nicht kannte und über die es kaum Quellen gibt? Helene Bukowski bekommt Notizen über das Leben von Christina zugetragen, eine angehende Starpianistin in der DDR, die sich im Alter von 24 Jahren suizidierte. Aus diesen Aufzeichnungen, die vor allem von Christinas Vater stammen, entspinnt sie ihr Leben zwischen DDR-Provinz und Musikkonservatorium in Moskau – und spricht ihre Protagonistin dabei direkt an. Wer möchte nicht im Leben bleiben ist nicht nur aufgrund dieser Form besonders, sondern auch, weil die Autorin die vielen Leerstellen in Christinas Leben im Text sichtbar macht und mit eigener Fiktion füllt. Dafür schreibt sie sich selbst in diese Welt ein, etwa wenn sie zu Beginn des Romans hilft, Christinas Piano das Treppenhaus hochzutragen. Es ist ein besonderes Leben und vor allem eine außergewöhnliche Weise, sich diesem zu nähern. [Isabella]
Edward Chisholm – A Waiter in Paris (monoray, 2022, noch nicht auf Deutsch erschienen)
Kurz nach der Finanzkrise 2007-2009 geht Edward Chisholm, nicht in der Lage, in London einen Job zu finden, nach Paris, wo er sich nach kurzer Zeit ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse und ohne Wohnung wiederfindet. Als er nach vielen gescheiterten Versuchen endlich einen Job in einem Restaurant bekommt, entdeckt er die Stadt ganz neu. A Waiter in Paris ist der fiktionalisierte Bericht dieser Erfahrungen. Dabei romantisiert Chisholm weder Paris, deutlich beschreibt er die massive Armut, die es dort gibt, noch das Gastrowesen, prangert immer wieder den Rassismus und die schlechten Arbeitsbedingungen an. Gleichzeitig gibt er auch schönen Momenten Raum, der Solidarität zwischen den Kellnern und der Hilfsbereitschaft derjenigen, die selbst kaum etwas haben. Diese Gegensätze zu vereinen – hier das malerische Paris, da die Realität der Menschen, die ohne viel Geld in der Stadt leben –, gelingt ihm, weil er permanent seine Privilegien reflektiert. Auch wenn er zwischendurch nicht genug Geld für Essen oder Miete hat und tagelang zwischen 18-Stunden-Schichten kaum schläft, weiß er, dass für ihn die Option existiert, dieses Leben hinter sich zu lassen. Ein großartiger Paris-Roman, dessen deutsche Übersetzung überfällig ist. [Daniel]
Kiran Desai – Die Einsamkeit von Sonia und Sunny (S. Fischer, 2026, übersetzt von Robin Detje)
Eine Liebesgeschichte zu schreiben, in der sich die Protagonist*innen erst nach über der Hälfte des Buches treffen (in Kiran Desais Fall: nach über 300 Seiten!), ist an sich schon ein Statement. Die Einsamkeit von Sonia und Sunny ist aber viel mehr als ein Liebesroman. Es ist ein grandioses Familienepos, ein Porträt Indiens um die Jahrtausendwende, eine Ode an die Kraft der Kunst und ein Buch über das Schreiben selbst – hier Sunny, der Journalist bei der Associated Press, da Sonia, eine angehende Romanautorin. Was den Roman so außergewöhnlich macht, ist aber nicht sein Plot, sondern Desais unfassbares Talent, selbst die unwichtigste Nebenfigur lebendig und echt wirken zu lassen sowie Orte mit so viel Auge fürs Detail zu beschreiben, als hätte sie selbst ihr gesamtes Leben dort verbracht. Für das alles findet sie eine Sprache, die wirklich unvergleichlich ist, spielerisch und leicht, ohne zu verkitscht zu sein (und die Robin Detje hervorragend ins Deutsche übertragen hat). Schon jetzt ein moderner Klassiker. [Daniel]
Zoe Dubno – Nur das Allerbeste (dtv, 2026, übersetzt von Anke Caroline Burger)
Eine junge Autorin ist nach Jahren der Abwesenheit zurück in New York City und rennt ihrem alten Mentor in die Arme, den sie eigentlich meiden wollte. Und so landet sie auf einem künstlerischen Abendessen zwischen lauter Möchtegern-Intellektuellen und -Künstler*innen, die in ihren Augen allesamt shallow sind. Auf einem weißen Sofa sitzend betrinkt sie sich, während sie angewidert diese Dinnergesellschaft beobachtet. Wer sich jetzt an Thomas Bernhards Holzfällen erinnert fühlt, liegt richtig: Zoe Dubno aktualisiert seinen Roman und holt ihn mit Nur das Allerbeste vom Wien der 1980er ins Manhattan der 2020er; gekonnt gelingt es ihr, den typisch Bernhard‘schen Ton beizubehalten, aber etwas Eigenes daraus zu machen. Dass der gehässige Stream-of-Consciousness am Ende durch einen berührend ernsthaften Moment unterbrochen wird, ist die nötige Zäsur in dem Roman, die ihn zu einem großen Werk erhebt. [Isabella]
Jacqueline Harpman – Ich, die ich Männer nicht kannte (Klett-Cotta, 2026, übersetzt von Luca Homburg)
„Warum waren wir hier, und wozu hielt man uns am Leben?“, fragt sich die Erzählerin im wiederentdeckten Roman Ich, die ich Männer nicht kannte der belgischen Autorin Jacqueline Harpman, der ursprünglich 1995 erschienen ist. Zusammen mit 39 anderen Frauen wird sie in einem unterirdischen Käfig gehalten; wieso und wie sie dahinkamen, weiß niemand. Nichts durchbricht ihren monotonen Alltag, bis ihnen eines Tages überraschend die Flucht gelingt. Doch in Freiheit merken sie, dass sie in einer anderen Art von Gefängnis gelandet sind: An der Oberfläche dieser Welt erwartet sie absolut nichts, nur karge Landschaft. Mit der Zeit finden sie andere Käfige, in denen die Insass*innen zu Tode kamen. In ihrem Roman wirft Harpman wichtige existentialistische Fragen auf, allen voran jene, was uns überhaupt zum Menschen macht. Ich, die ich Männer nicht kannte ist dark, ist philosophisch, ist mitreißend und wird seinem Hype gerecht. [Isabella]
Jonas Hassen Khemiri – Die Schwestern (Rowohlt, 2025, übersetzt von Ursel Allenstein)
Ina, Evelyn und Anastasia könnten unterschiedlicher nicht sein, teilen aber zwei Überzeugungen: dass ihr Großvater das Rockefeller Center mit aufgebaut habe und dass ihre Familie mit einem Fluch belegt sei, laut dem immer, wenn ihnen Menschen zu nahekommen, etwas Schlimmes geschieht. Über Jahrzehnte hinweg verfolgt Jonas das Leben der drei titelgebenden Schwestern, wie er Schwedentunesierinnen, die er eigentlich eher entfernt kennt, von denen er aber unerklärlich fasziniert ist. Interessant ist der Aufbau des Romans: Der erste, längste Teil umfasst ein Jahr, der letzte Teil nur noch eine Minute. Jonas Hassen Khemiri schlägt auch dank Rückblenden einen großen Bogen von den 1980ern bis in die 2030ern, von Stockholm nach Tunesien, Deutschland und New York City. Die Schwestern inhaltlich zusammenzufassen ist unmöglich, geht es in diesem multiperspektivisch erzählten Buch doch um zahlreiche Leben. Das Tolle ist: Trotz des großen Aufwurfs hat dieser Familien- und Gesellschaftsroman sprachlich eine unglaubliche Leichtigkeit, weswegen man durch seine gute 700 Seiten gerade zu fliegt.
Daniel Kraus – Angel Down (First Atria Books, 2025, noch nicht auf Deutsch erschienen)
Als Daniel Kraus den diesjährigen Pulitzer-Preis gewann, gab es nicht wenige, die davon überrascht waren, ist die Jury doch in der Regel auf der Suche nach the next Great American Novel. Angel Down spielt im Ersten Weltkrieg und ist halb Fantasy-, halb historischer Roman. Er erzählt die Geschichte einer Gruppe US-amerikanischer Soldaten, die allesamt nicht gerade zur Crème de la Crème ihrer Division gehören, und von ihrem Vorgesetzten auf eine potenziell tödliche ins Niemandsland geschickt werden, weil dort eine Person schreit. Was sie finden, ist aber kein verletzter Soldat, sondern ein Engel. Mich interessieren weder der Erste Weltkrieg noch Engel als Romanstoff besonders, und dass der Roman aus einem einzigen Satz besteht, klingt auch nach zäher Kost. Doch genau darin liegt Kraus‘ Kunststück: Er verbindet dieses sehr spezielle Setting mit einer sehr speziellen Form und macht daraus eine im wahrsten Sinne atemlose Geschichte. Jedes Kapitel beginnt mit „and“ und verleiht dem Text etwas Mündliches, als säße man am Lagerfeuer und lausche gespannt. Außerdem hat Kraus mit seiner Hauptfigur Cyril Bagger einen perfekten Antihelden geschaffen, an den ich immer noch denke. Ja, Angel Down ist brutal, schildert explizit die Gewalt, Hoffnungslosigkeit und Grausamkeit des Krieges, aber es ist vor allem ein Buch über Hoffnung und Menschlichkeit und damit vielleicht doch ein Great American Novel, wie er im 21. Jahrhundert aussehen muss. [Daniel]
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Marie Ndiaye – The Witch (MacLehose Press, 2026, ins Englische übersetzt von Jordan Stump, auf Deutsch 1997 unter Die Hexe bei Kunstmann erschienen, übersetzt von Andrea Spingler)
Eigentlich hat Marie Ndiaye La sorcière bereits 1996 veröffentlicht, auf Deutsch erschien der Roman ein Jahr später. (Es gibt eine Besprechung im Spiegel aus jener Zeit, die sich (Si apre in una nuova finestra) heute durchaus skurril liest.) Doch erst jetzt, nach der Übersetzung ins Englische und der Nominierung für den International Booker, erhält das Buch größere Aufmerksamkeit. In gewisser Weise ist The Witch ein typischer Ndiaye-Roman aus jener Phase ihres Schreibens: Wie in Selbstportrait in Grün (2005) und Mein Herz in der Enge (2007) nutzt Ndiaye auch hier das Übernatürliche, um eine Stimmung zu erzeugen, die voller unangenehmer Spannung ist, schlussendlich aber als Symbol für feministische Kämpfe dient. Die Hexe Lucie hat selbst kaum Fähigkeiten – sie kann nur für kurze Augenblicke und nicht besonders zielgerichtet in die Zukunft und Vergangenheit blicken –, entdeckt aber bei ihren Zwillingstöchtern, wie mächtig diese sind. Die magischen Aspekte sind nur der Rahmen, vielmehr geht es um Lucies kalte Ehe, die Enge der französischen Provinz und die verlorengegangene Nähe zu den eigenen Kindern. Das Ndiaye all diese Themen auf 130 Seiten erzählt und ihnen dabei gerecht wird, ist das große Kunststück dieses Romans. [Daniel]
Asta Olivia Nordenhof – Geld in der Tasche / Das Teufelsbuch (Ullstein, 2026, übersetzt von Ursel Allenstein)
„Es gibt ein Schweigen, eine Furcht davor, sich dumm anzustellen, die da einsetzt, wo die Wirtschaft beginnt.“ Dieser Satz von der dänischen Autorin Asta Olivia Nordenhof in Geld in der Tasche, dem ersten Teil ihrer auf sieben Bücher angelegten Scandinavian-Star-Reihe, gehört für mich zu den besten, die ich dieses Jahr gelesen habe. Die Scandinavian Star war eine Passagierfähre, die 1990 ausbrannte. Bei diesem Brand, der, wie wir heute wissen, gelegt wurde, um die Versicherungssumme zu kassieren, kamen 159 Menschen ums Leben. Für Nordenhof ist das eine „kapitalistische Katastrophe“ und der „größte Massenmord der modernen skandinavischen Geschichte“. (Si apre in una nuova finestra) Ihre Romane erzählen diese Katastrophe nicht direkt, sondern drehen sich um sie wie um ein unsichtbares Zentrum. Nordenhofs Figuren, die teils gar nicht wissen, was es mit der Scandinavian Star auf sich hat, sind nur lose mit ihr verbunden. Genau darin liegt die Wucht dieser Bücher: Sie erzählen die Exzesse des Kapitalismus, ohne die tatsächlichen Opfer dafür auszuschlachten. Nordenhof will uns zudem die Angst nehmen, die sich angesichts der Komplexität wirtschaftlicher Zusammenhänge einstellen kann, denn „es ist [der Triumph des Geschäftsmannes], dass er mit einer Sprache operiert, die Schweigen hervorruft. Sein Triumph, dass ich glaube, ich wäre dumm.“ [Daniel]
Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter (Luchterhand, 2026, übersetzt von Amelie Thoma)
Trag das Feuer weiter ist der Abschluss von Slimanis großer Familientrilogie, in der sie die Geschichte ihrer eigenen Familie mit der Marokkos seit dem Zweiten Weltkrieg verbindet. Der Roman ist, genau wie Slimanis Werk als Ganzes, nicht perfekt. Armut ist bei ihr häufig entweder eine Leerstelle oder ein Mittel zur Abgrenzung: das Andere. Trag das Feuer weiter erzählt die Geschichte Marokkos aus einer privilegierten Perspektive. Dennoch ist Slimani eine meiner Lieblingsautorinnen und diese Trilogie außergewöhnlich, weil ich nicht glaube, dass jede denkbare Perspektive von einer einzelnen Autorin gleichermaßen dargestellt werden muss. In Trag das Feuer weiter steht die in Paris lebende Autorin Mia Daoud im Mittelpunkt, die nach einer Long-Covid-Erkrankung zurück nach Marokko reist. In Rückblicken wird Mias Aufwachsen erzählt und die Heimatlosigkeit, die ihre Generation gut ausgebildeter Kinder erfährt. In Paris ist sie die Marokkanerin, im zunehmend konservativeren Marokko die Europäerin. Die Trilogie ist ein außergewöhnliches Porträt Marokkos, seines Befreiungskampfes und seiner gescheiterten Hoffnungen, durch die Augen einer Familie. [Daniel]

Sachbuch
Manon Garcia – Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess (Suhrkamp, 2025, übersetzt von Andrea Hemminger)
Die international angesehene Philosophin Manon Garcia, die sich vor allem mit den Auswirkungen und Ursachen patriarchaler Gewalt beschäftigt, begleitet in Avignon den Pelicot-Prozess. Dabei ordnet sie das Verbrechen und das, was sie vor Ort erlebt, nicht nur als Philosophin und Wissenschaftlerin ein, sondern auch als Partnerin, Mutter, Frau. Es ist diese Gleichzeitigkeit des analytischen Blicks mit der unmittelbaren eigenen Betroffenheit als Frau in dieser Gesellschaft, die das Buch (leider) zu einem der wichtigsten feministischen Werke der Gegenwart macht. Am Ende von Mit Männern leben formuliert Garcia einen Gedanken, der den meisten Frauen wohl bekannt sein dürfte: „Ich frage mich, ob wir zu naiv sind, wir, die wir glauben, dass ein friedliches Leben mit Männern möglich ist.“ [Daniel]
Siri Hustvedt – Ghost Stories (Rowohlt, 2026, übersetzt von Uli Aumüller und Grete Osterwald)
Man könnte Siri Hustvedt den gleichen Vorwurf machen, der auch Joan Didion gemacht wurde: Beide Frauen schrieben direkt nach dem Tod des jeweiligen Ehemanns ein Buch darüber. Aber sie tun nun mal das, was Autorinnen tun: Sich schreibend ihrer Realität bewusst werden und sie dadurch verarbeiten. Ghost Stories wurde kaum zwei Jahre nach dem Krebstod Paul Austers veröffentlicht. Aus einem Sammelsurium von Quellen – alten Briefen, E-Mails, die Freund*innen über den Verlauf der Krankheit berichten, Sekundärliteratur, ihren persönlichen Eindrücken vor und nach seinem Tod sowie Briefen von Auster an seinen Enkel – setzt Hustvedt ihr Memoir zusammen. Sie geht dabei über das Dokumentieren des sterbenden Partners hinaus, erzählt auch von mehr als vier Jahrzehnten gemeinsamen Lebens und Schreibens und von der Entwicklung der USA. Im Vergleich zu ihren anderen Büchern merkt man hier die Unmittelbarkeit an – anstatt geschliffener Worte ist dieses Buch direkter und roher und gerade deswegen ein Highlight in Hustvedts Bibliografie. [Isabella]
Veronika Kracher – Bitch Hunt (Verbrecher, 2026)
Seit vielen Jahren beschäftigt sich Veronika Kracher mit einem Themenkomplex, der in unserer Gegenwart immer dringlicher geworden ist: der Radikalisierung von Männern im Internet. In ihrem zweiten Buch Bitch Hunt dröselt Kracher Onlinehass und digitale Misogynie auf. Anhand von zahlreichen Beispielen, von der transfeindlichen Plattform Kiwi Farms über den Komplex Gamergate bis hin zum wahrhaften Witch Hunt gegen Schauspielerin Amber Heard, zeigt sie analytisch und anschaulich dargelegt, wie derartige Mechanismen funktionieren, wie es zur Massenradikalisierung kommen kann und warum das eine Gefahr für unsere Demokratie darstellt. Die Lektüre ist alles andere als erquicklich, aber unglaublich relevant. [Isabella]
John Cassidy – Der Kapitalismus und seine Kritiker (Propyläen, 2026, übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt)
John Cassidy ist nicht nur ein außergewöhnlicher Autor, sondern als Staff Writer beim New Yorker, wo er seit Jahrzehnten über ökonomische Themen schreibt, auch mein Vorbild. In seinem Buch nimmt er uns mit auf eine über 800 Seiten lange Reise durch die kapitalistische Ideengeschichte vom 18. Jahrhundert bis heute, die er anhand der Porträts wichtiger Kapitalismuskritiker*innen erzählt. Einige sind erwartbar (Marx, Engels, Luxemburg), andere kannte ich vorher nicht oder kaum (wie die frühen Feministinnen Anna Wheeler und Flora Tristan) und wieder andere strapazieren den Begriff des Kapitalismusgegners doch arg (Hayek und Friedman). Nichtsdetotrotz bietet das Buch einen fantastischen Überblick, wie sich die Kritik am und Verteidigung des Kapitalismus über die Jahrhunderte verändert hat, und zeigt gekonnt, was bei allen Anpassungen, die das kapitalistische System durchlaufen hat, doch gleichgeblieben ist: Kapitalistische Strukturen verbessern die Situation von einer Gruppe immer auf Kosten einer anderen. [Daniel]
Arundhati Roy – Meine Zuflucht und mein Sturm (S. Fischer, 2025, übersetzt von Anette Gruber)
Ich hatte bis zu diesem Buch, noch nie etwas von Arundhati Roy gelesen und bin sehr froh, das geändert zu haben. Als ihre Mutter 2022 stirbt, beginnt ihre Beziehung zu reflektieren. Mary Roy war einerseits eine prominente indische Feministin und Pionierin im juristischen Kampf für Frauenrechte, herrschte aber gleichzeitig als tyrannische Matriarchin über ihre eigene Familie. Doch Roy erzählt mehr als schwierige Mutter-Tochter-Verhältnis. Meine Zuflucht und mein Sturm ist ein Buch, das zu gleichen Teilen Memoir, politische Autobiografie und Essay ist. Es geht um Arundhati Roys Kindheit, ihren plötzlichen Ruhm, als sie 1997 mit der Veröffentlichung von Der Gott der kleinen Dinge zum Weltstar wurde, den Aufstieg des Hindu-Nationalismus und ihr eiges Engagement beispielsweise in Kashmir. Ähnlich wie Hustvedt nutzt sie den Tod eines geliebten Menschen, um über das Private hinauszuweisen. [Daniel]