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Bis dir das Blut gefriert: Tornados auf der Adria

 Was tun, wenn sich ein Tornado, eine Wasserhose vor dem Bug deines Schiffes entwickelt? Woran erkennst du das frühzeitig? Wenn ich an die Situationen denke, in denen ich das lernen musste, laufen mir immer noch eisige Schauer über den Rücken.

Sowas willst du nicht erleben.

Und doch musst du damit rechnen.

Je wärmer das Meer wird, umso häufiger wird dieses Phänomen. Auch die Adria wird immer wärmer. Sogar noch im September entsprechen ihre Temperaturen schon regelmäßig dem spöttischen Gerede von der wohltemperierten Badewanne Europas.  

In Pula, der weit mehr als zweitausend Jahre alten Stadt in Istrien, hatte sich die neue Crew eingefunden. Richtig neu waren die meisten der Damen und Herren eigentlich nicht an Bord der DAISY. Gisela war schon von Halifax nach Horta dabei gewesen, Gerlinde von Antigua bis Santo Domingo, Hartmut und Bernd unter anderem von Jamaika nach Miami. Nur mit Jürgen und Christl kamen neue Gesichter in die Runde.

In Sichtweite des riesigen römischen Amphitheaters ergab sich in der ACI-Marina an Bord der DAISY eine lustige Willkommensparty. Ich hatte noch einen Stegnachbarn eingeladen. Moritz ein witziger Berliner brachte seinen Kumpel mit. Und den stellte er als einen Steuermann der CHRONOS vor. Da zeigten sich Klassenunterschiede. Ein Luxuskreuzfahrtsegler für gut Betuchte. Als die Rede auf die Kocherei an Bord kam, meinte der Nico: »Wir haben keinen Smutje. Bei uns kocht ein Chef.«

Na gut, bei uns kochen mindestens drei Chefs, und ab und zu der Skipper. Der aber nicht unbedingt nur am Herd. Auch auf dieser Reise sollte es dem richtig heiß werden und das, obwohl der September schon fortgeschritten war – oder gerade deshalb.

Die Kombüse war gut versorgt, Kühlschrank und Kühltruhe gefüllt, sollte reichen bis Korfu, die Crew eingewiesen und los gings am nächsten frühen Nachmittag. Vorbei an den riesigen Kränen auf der Werftinsel in der weiten Hafenbucht von Pula. Blauer Himmel, wenig los in der Luft.

Rum um die grüne Hafenlampe am Ende der langen, halbversunkenen Mole. Segel rauf, und zwar alle drei: Besan, Groß, Genua, insgesamt rund 170 Quadratmeter. Vollzeugsegeln nennt sich das. Aber ohne Wind bringt die Fläche auch nicht viel. Es reichte für dreieinhalb Knoten. Zum Eingewöhnen auf der achtzehn Meter langen Stahlketsch genau richtig. Vorbei am sicher berühmtesten Leuchtturm der Adria, dem Porer. Noch vor acht Uhr abends längsseits fest in Pomer an der Außenmole.

Tags drauf geht’s noch vor neun Uhr morgens los. Die Wettervorhersage drückt aufs Tempo: Ab drei Uhr nachmittags ist Gewitter mit stürmischen Winden angesagt. Da sollte die DAISY irgendwo fest sein. Die Wahl fällt auf Mali Losinj. Die 32 Meilen sollten in fünf Stunden zu schaffen sein. Ein sicherer, sehr schöner Hafen.

Davor liegt die Kvarner Bucht. Sechzehn Meilen bis zur Insel Unje und dann nochmal so viel bis Losinj. Viel gefürchtet, weil aus dem Trichter gern bei klarem Himmel die Bora pfeift, die vom Kvarnergebirge herunterfällt und die See ordentlich aufstellt. Man kann dann halbwinds richtig flott nach Südosten düsen an Unje vorbei, wo die Welle aufhört, und der Wind bleibt. Wunderbar.  

Vollzeugsegeln mit der Sahlketsch DAISY
Vollzeugsegeln mit der Sahlketsch DAISY

Heute sieht es genau danach aus. Blauer Himmel, zwar auch Nordost aber nur zehn bis fünfzehn Knoten. Drei Segel sind bald gesetzt, das Schiff legt los.

Die See ist bewegt. Die Wellen laufen von backbord an, bei Winddruck in den Segeln ergibt sich eine stetige, ruhige und sehr flotte Fahrt. Halbwindkurs. Sechs Knoten über Grund zeigt der GPS-Plotter am Kartentisch. Wenn man mal nicht hinschaut, sicher mehr. Die Crew wird in Teilen etwas wortkarg.

Um zehn ist Unje schon greifbar nah, aber die Ketsch bleibt stehen, die Segel flappen in der Flaute. Der Blick nach vorn läßt die Stirn runzeln. Dunkle Wolken ballen sich dort über der Halbinsel Losinj aber wer genau hinschaut, bemerkt, dass sie nach Osten ziehen.

Der Ford-Sechszylinder muss wieder schnurren. Das große Vorsegel, die Genua wird eingerollt. Die finsteren Wolken da vorn ziehen eindeutig zu langsam. Ich schlüpf schon mal ins Ölzeug, Gisela, Bernd und Hartmut, die geübten Deckshände, folgen dem Beispiel.

Gerade noch rechtzeitig.

Da vorn sieht es sehr ungemütlich aus. Die See dunkel, jetzt ist schon weiße Gischt zu erkennen über dem dunkelblaugrünen Wasser. Die Segel müssen runter, schnell.

»Bernd Autopilot aus, steuere in den Wind. Hartmut an die Großschotwinsch, hol dicht. Ich hol das Groß runter, Gisela halte die Zeisinge bereit.« Zwei steck ich mir gleich in die Tasche und laufe vor zum Großmast.

Das Schiff dreht in den Wind.

Großfall loswerfen und das Segel herunterziehen. Schon fliegt mir Gisch um die Ohren. Das Segel kommt zügig runter. Fall abschäkeln, am Baum einschäkeln, Zeisinge über das Tuch werfen, festknoten. Gisela ist da mit weiteren Zeisingen. Schnell nach achtern zum Besansegel.  Das kleine Tuch mit den vier Latten ist rasch unten.

»Zurück auf alten Kurs!«

Nun rennt das Schiff fast genau mit dem Wind. Jetzt geht es richtig los. Mit Wucht erwischt es die DAISY. Es fetzt ordentlich. Der Sturm kommt aus Nordnordwest. Also von Achtern. Wir laufen sozusagen vor Top und Takel aber mit Maschine. Noch bin ich am Besanmast beschäftigt als Bernd aus dem Steuercockpit ruft: »Fünfzig Knoten!«

Okay denk ich, wir laufen sieben oder acht Knoten, dann sind es insgesamt 57 oder 58 Knoten wahrer Wind. So sieht das fliegende Wasser auch aus. Weiße Gischstreifen auf grüner, scharf gezackter See.

Vorn im Mittelcockpit unter der Sprayhood klammern sich unsere beiden Neuen mit großen Augen an den Handläufen fest.

In diesem wüsten Toben vermittelt DAISY Gelassenheit. Das ist es, was, ich an diesem Schiff so sehr schätze. Der Ford brummt satt. Die dreißig Tonnen Verdrängung geben Souveränität.

Um großen Seegang aufzubauen ist der Sturm noch zu neu. So ziehen wir am Kirchturm von Unje und den flachen, bewaldeten Hügeln der Insel vorbei und lassen danach auch die beiden langgestreckten Sarkane-Lehmhaufen an Backbord. Aber dann geht es mit einem siebzig Gradschwenk nach Osten in die Bucht von Mali Losinj.  

Und schon befinden wir uns im Schutz der Insel. Es regnet noch etwas auf dem Weg nach Süden in den Hafen von Mali Losinj. Aber das Gewitter hat sich nach Osten verzogen. Die Sonne taucht alles wieder in goldige Wärme. Der alte K.u.K.-Kurort zeigt klassizistische bis venezianische Fassaden etliche noch im Kaisergelb der Donaumonarchie.

An steuerbord findet sich ein Platz für die achtzehn Meter lange DAISY. Fender und Leinen sind klar. Um 15:00 Uhr liegt das Schiff steuerbord längsseits fest vertäut. Jetzt könnte der angesagte Sturm kommen.  Ein Wetterbericht ist eben kein zuverlässiger Fahrplan.

Großes Durchatmen bei der neuen Crew. Sommerklamotten werden rausgekramt. Es folgen ein entspannter Nachmittag und ein kulinarischer Abend. Theo von der Konoba Odisej, nur ein paar Schritte entfernt, serviert einen Lammbraten zum Träumen. Kroatien von seiner schönsten Seite.

Und es wird noch schöner. Auf dem Weg weiter nach Südosten schenkt uns der Himmel tags drauf ein wenig Segelwind. Bis zu drei Beaufort aus Nordost. Das bringt die DAISY genug in Schwung. Sieben Stunden darf der Ford schlafend mitreisen. An Illovik, Premuda, Skarda und Silba vorbei bis Molat. Da bricht schon der Abend herein. Der Wind ist weg, die Segel müssen runter, der Ford treibt uns weiter.

Romantische Stimmung im verglimmenden Abendrot als die ersten Sterne blinken, da unterläuft mir ein peinlicher Fehler.

Nicht weitererzählen!

Um auf die Südwestseite der Insel Molat zu gelangen, zu unserer angepeilten Bucht Podgarbe läuft DAISY langsam auf das Kap Zaplo zu, das Südkap von Molat. Auf der Seekarte sieht es nach einer Passage aus, aber eben nur von Weitem.

Plötzlich blitzt vor unseren Positionslichtern ein weißer Scheinwerfer auf. Genau auf uns. Drehzahl runter, was ist das? Propeller auf achteraus, alle Fahrt aus dem Schiff.

Ein unbeleuchteter Fischerkahn zeichnet sich auf dem Wasserspiegel ab. Da hockt ein Mensch drin. Jetzt schallt eine tiefe heisere Männerstimme:

»Ne možeš proći tamo. Kamenje!«

»What?«

»Hier nicht durch. Steine! Weiter da drüben!«

Jetzt erst check ich die Karte genau. Ach du Sch... natürlich. Wir müssen noch um die kleine Insel Mali Tun rum.

»Vielen, vielen Dank! Puno hvala.«

Sowas darf nicht passieren! Nur sehr zögernd verliert sich der Schock. Ganz wird das nie gelingen. Mir nicht. Der wird immer spürbar bleiben. Eine unvergessbare Lehre.

Ruder legen, Propeller auf voraus, Drehzahl hoch. Um 20:30 Uhr fällt der Anker in der Bucht Podgarbe auf der Westseite der Insel Molat. Zwei Chefinnen servieren im Salon Spagetti Bolognese und Salat. Draußen ist schon Herbstkühle zu spüren. Es findet sich noch Rotwein aus Italien.

Die erfahrenen Damen und Herren haben ja schon einiges erlebt mit diesem Schiff und seinem Skipper zwischen Isla Mujeres in Mexiko und St. Petersburg in Russland.

Aber keiner von ihnen war jemals in der Uvala
Telascica
auf Dugi Otok.

»Das müsst Ihr gesehen haben.«

Ist ja nicht so weit von Molat aus: Fünfunddreißig Meilen. »Gut, dann segeln wir dahin.«

Nach Baden und Frühstück Anker auf, Segel rauf. Um halb elf den Motor ausgemacht. Die Ketsch zog sehr verhalten los unter Vollzeug bei schwachem Nordwind. Wieder durch die bewusste Passage, nach Südosten. Die DAISY zog an den Inseln Sestrunje, Iz, Rava und Lavdara vorüber. Dunkelgrüne Hügel und karstige Felshaufen. Um halb drei war der Wind ganz weg. Der Ford-Lehmann erledigte brummend den Rest der Strecke.

Schließlich bogen wir ab in die Mala Proversa, der kleinen Passage in die Bucht Telascica auf Dugi Otok, der Langen Insel. Zwei rote und zwei grüne Bojen kennzeichnen die Fahrrinne. Die ist etwas über dreißig Meter breit, vier Meter achtzig tief und etwa hundert Meter lang. Danach muss noch ein rotes Leuchtfeuer umrundet werden dann gehts mit nördlichen Kursen in die Uvala Telascica.

Bald kurven wir um den letzten Inselkegel in der Bucht und fieren den Anker ab auf fünf Meter Tiefe. Vier andere Yachten sind schon da. Den Meeresgrund sieht man nicht mehr. Die Ruhe bezaubert. Es wird ein klassischer Buchtabend für sorglose, fröhliche Urlauber.

Diesmal kocht der Chef.

Rindersteaks mit Gemüsetopf. Beim Dinner schwärme ich den Leuten von einer der bezauberndsten Städte Dalmatiens vor. Nächstes Dinner beim Kamerlengo in Trogir! Der Plan wird akzeptiert.

Der Morgen schaut grau zu meiner Decksluke herein. Tatsächlich hängen dunkelgraue Wolken über Dugi Otok. Es nieselt leicht. Ölzeugwetter.

Es geht früh los.

Frühstücken kann man auch unterwegs. Kurz nach acht starte ich die Maschine und wir holen den Anker hoch. Wir kurven zwischen den Inselchen in der Uvala Telascica nach Süden. Gegen zehn Uhr sehen wir den rot-weiß gekringelten Sestrice-Leuchtturm voraus. Da geht’s hinaus aufs richtige Meer. Der Turm bleibt an Backbord. Es regnet aus tiefen Wolken.

»Gehen wir raus, oder bleiben wir drin?«

Bei 25 bis 30 kn Wind und mehr zwischen den Felsen herumzueiern, das gefiel mir gar nicht. Die Erinnerung an gestern! Bei solchen Bedingungen brauchst du Raum, der keine Balken und vor allem keine Felsen aufweist. Tatsächlich leuchten immer wieder Blitze auf über Dugi Otok und Donner rollt viele Sekunden später über die Inseln.  

Die Damen und Herren haben auch keine Lust, mit Felsen nähere Bekanntschaft zu machen. Also segeln wir raus.

»Wir müssen hart anluven, damit ich ein Reff ins Groß krieg! Bernd Autopilot aus, anluven. Hartmut, du fierst die Schot, wenn ich dir das Zeichen gebe.«

»Alles klar!«

Mit kleineren Segeln geht es flott weiter. Otok Aba Vela bleibt an backbord. Es gibt Wind aus Ost-Nordost an die 12 Knoten. Aber es sieht nach mehr aus. Die Wolken hängen tief, die See ist dunkelgrün, bald mit weißen Krönchen. Der Leuchtturm wandert achteraus.

Da fallen auch schon die harten Gewitterböen ein. Aus Nordost. Das passt gut. Wir segeln raus auf die Adria.

Der Wind nimmt deutlich zu. Die Genua wird zur kleinen Fock reduziert. Nochmal ein Manöver für das zweite Reff. Besan getrimmt. Die DAISY zeichnet souverän ihr Kielwasser ins grüne Meer.

Im Norden, Osten und Südosten dräuen jetzt finstere Wolken. Im Norden blitzt es, der Donner rumpelt sehr verzögert. Das Gewitter tobt offenbar etliche Meilen weiter nordöstlich, eher über Land. Ein Schauer geht nieder. Hartmut und Bernd hocken im Ölzeug neben der Steuersäule im Achtercockpit Der Rest der Crew gesammelt im geschützten Mittelcockpit um Gerlindes blonde Locken.

Das Meer spiegelt den Himmel dunkelblau fast schwarz und dunkelgrün wider mit kleinen weißen Schaumkämmen. Die Böen liegen jetzt bei dreißig Knoten. Und es wird mehr. DAISY läuft nach Südosten. Drei Segelyachten kommen achteraus aus Norden und streben mit ziemlich kleinen Segeln der Einfahrt in die Inselwelt zu. Na ja, wer’s mag!

Nach etwa einer Stunde lockert sich die Bewölkung ein wenig auf.

Dann sehe ich den ersten Schlauch.

Gut über eine Meile südöstlich von uns biegt er sich in elegantem blauengrauen Bogen aus den dunklen Wolken auf das Wasser herab. Sein Ursprung liegt wohl über der kahlen Insel Kornat, die sich an Dugi Otok anschließt. Dort, wo er aufs Wasser trifft, schäumt es wie aus einem Teller aus weißer Gischt. Ich ändere den Kurs zehn Grad von Südost weiter südlich. Die Crew sieht das Naturschauspiel mit Schaudern. Keiner hat sowas je gesehen. Faszinierend.

Doch dann sagt Hartmut in seiner gleichmütigen ruhigen Art: »Da schau, was ist das?«

Mir stockt der Atem. Hitze steigt mir in den Nacken. Das ist jetzt keine halbe Meile mehr entfernt. Da wirbelt gewaltig weißes Wasser auf. Auch so ein Teller bloß viel, viel größer.

Und viel zu nah.

Argomento Albtraum Tornado

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