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Blut, überall Blut.

 Mit sieben bis acht Knoten rauscht die Ketsch nach Nordnordost. Hier im Lee der flachen Insel Bequia gibt es kaum Seegang. Beste Bedingungen für schnelle Fahrt. Nur die halbe Genua, das erste Reff im Groß und das Besansegel lassen das achtzehn Meter lange Schiff durch das tiefblaue Meer sausen.  

Wir sind zu viert an Bord auf der Reise von Trinidad nach Antigua: Uschi mit ihren leuchtend roten Locken, Hannes und Albrecht, zwei stämmige Mitsechziger aus Bayern und ich als Eigner und Skipper meiner DAISY, seit zehn Monaten mein Zuhause aus Stahl.

»Pass auf, da kommt ein Boot entgegen!« Uschi hat’s zuerst gesehen. Ein solides großes Schlauchboot hält von vorne kommend direkt auf uns zu, passiert an backbord, dreht schäumend um und läuft parallel zu uns nach Nordosten. Keine fünfzig Meter entfernt. Nah genug, um zu sehen, worum es geht.

Der Typ am Steuer hebt ein schwarzes Gerät vor sein Gesicht: Er peilt uns mit einer großen Kamera an. Er kommt noch näher. Ein Weißer, rotblond. Er legt die Kamera weg, kommt noch näher.

»What a nice yacht. I have some pictures of you. You come to Port Elizabeth?«

»Yes. It is the plan.«

»How long you ‘ll stay?«

»One night, I think. Let’s see.«

»Okay. See you tomorrow morning!«

Der Kerl gibt Gas, der Motor heult auf und das Boot prescht davon.

Port Elizabeth auf Bequia liegt an einer weiten Bucht, die nach Südwest offen ist. »Admirality Bay« steht in der Seekarte. Im Fernglas sehe ich was da los ist: Bestimmt dreißig oder vierzig Schiffe liegen dort vorn vor Anker. Die meisten mit Masten, Segelyachten.

Bevor wir die ersten passieren, dreh ich in den Wind, lass die Maschine an. Albrecht kurbelt die Genua weg und ich geh nach vorn, um das Groß zu bergen und den Anker klarzumachen. Hannes steht am Ruder. Mal sehen, ob es einen Platz näher an der Stadt gibt. Flaggen aus aller Welt. An vielen Schiffen dümpeln Schlauchboote am Heck.

»Schau mal, da gibt es auch Bojen.«

Uschi weist nach vorn und nach steuerbord.

Tatsächlich liegen die meisten Schiffe an weißen und grauen Bojen. Also Leine und Bootshaken vorbereiten.

Da tut sich eine Lücke auf, und eine schöne weiße Boje liegt auch noch da. Fahrt weg, Boje gegen den Wind anfahren, an backbord mittschiffs aufnehmen. Fahrt weg. Übung macht den Meister. Diesmal klappt es gleich. Albrecht erwischt die Boje, Hannes steckt die Leine durchs Auge und macht sie am Bug fest. Maschine aus. Das waren nun 27 Meilen. Es gib ein Carib oder zwei. Und eine kleine Brotzeit.

Der Generator muss noch eine Stunde laufen. Während dessen machen wir das Dinghi klar. Fertig zum Landgang. Es findet sich ein kleiner Holzsteg, an dem schon zehn Schlauchboote festgemacht sind. Ich quetsche meines dazwischen.

Ist richtig was los im Ort. Die Restaurants und Bars sind gut besucht. Das mexikanische Lokal lockt uns besonders mit leckeren Tacos.

Lustiger Abend.

Wir hören Deutsch in verschiedenen Färbungen von schwäbisch bis österreichisch, dazu Französisch und Englisch von Nachbartischen. Wir vergessen die Zeit. Eigentlich wollte ich immer um 18:00 Uhr an Bord zurück sein. Hier tobt das karibische Leben.

Draußen flanieren Menschen aus aller Welt. Steelbandklänge von irgendwoher. Mopeds kurven durch die Straßen mit und ohne Licht. Längst ist es stockfinster, als wir uns zur Heimkehr entscheiden.

Ein Glück, das Dinghi liegt noch da am Steg. Und ein weiteres Glück, dass ich das Topplicht und ein Kabinenlicht der DAISY eingeschaltet habe. Nicht so einfach in der karibischen Nacht zwischen all den Ankerliegern das eigene Schiff wieder zu finden. Zurück an Bord sieht alles recht friedlich aus. Trotzdem kurbeln wir das Dinghi an Deck. Nicht ahnend, was uns noch blühen wird.

Nachtruhe.

Gemütliches Frühstück. Das Meer glitzert rundherum in der Sonne.

Der Tee ist noch nicht getrunken als ein großes Schlauchboot herantuckert.

»Das ist der von gestern!«

Der rothaarige Typ grinst ein »Good Morning!« herüber. Er stoppt sein Boot längsseits auf, macht es mit einem Bändsel an der Reling fest.

»Look, your pictures.«

Er reicht einen großen Umschlag herüber. Tolle Bilder. DAISY in voller Fahrt unter leicht gerefften Segeln. Elegantes Boot. Uschi winkt fröhlich. Das Ganze in Farbe und auf A5-Format.

»How much?«

»Twentyfive US.«

»Wieviel?« fragt Albrecht.

»Fünfundzwanzig US-Dollar.«

»Naa oiso des is ma zu teuer.«

 »Aber ist schon einmalig irgendwie.«

»Fünfundzwanzig Dollar. Mein lieber Schwan.«

Die Ketsch DAISY in voller Fahrt am Ufer von Bequia entlang.
Die Ketsch DAISY in voller Fahrt am Ufer von Bequia entlang. Auf der Bordwand ist meine Hompageadresse zu lesen: www.hermann-engl.de. Dieses Bild erschien auch in der Zeitschrift "Yacht" zu einem Bericht über den Raubüberfall.

»Also ich kauf es,« entscheide ich. »Wo kriegst denn sonst so ein hübsches Foto her? Alle sind wir drauf. Und das Schiff, wie das im Wasser liegt, einfach super.«

Ab in meine Kabine, mit der Kohle zurück.

»Thanks a lot! How long you do this job?«

»Two years now.«

»Where are you from?«

»UK.«

»Good idea. Good luck!«

Hannes hat schon seinen Fotoapparat zur Hand. »Legs mal auf den Tisch ich mach eine Kopie für alle.«

»Hehe und ich darf zahlen, was? Mach nur.« Grins.

Niemand kann ahnen, dass dieses Bild noch ziemlich bekannt werden würde.

Der Fotograf bindet sein Schiff los und düst davon, sucht seine nächste Kundschaft.

Es gilt, das Dinghi wieder zu verstauen. Motorcheck und Maschine starten. Ich geh zum Bug, um die Leine einzuholen, die das Schiff an der Boje hält.

Oh Schreck: Die sieht gar nicht gut aus.

Da ist ein kapitaler Fehler passiert: Die Leine ist auf zwei verschiedenen Klampen am Bug belegt. Die Folge: Die Schiffsbewegungen im Wind haben das Tau im eisernen Auge der Boje hin und her bewegt, so daß der Mantel der zwanzig Millimeter starken Leine durchgescheuert wurde. Noch ein Tag und die Leine wäre komplett durch gewesen. Fatal. Merke: Bojenleine immer auf ein- und derselben Klampe belegen.

Leine einsammeln und nach achtern gehen zum Ruderrad.

»Schaut mal, was mit der Leine passiert ist. Nächstes Mal machen wir das anders. Immer auf derselben Klampe festmachen. Okay?«

Unter Maschine schlängeln wir uns durch das Feld der ankernden Yachten raus aus Port Elizabeth.

Nächstes Ziel: Die Bucht von Chateaubelair. Die siebzehn Meilen verlaufen zum größten Teil im Nordost-Passat. Also Beaufort fünf bis sechs. Besan, erstes Reff im Groß und die halbe Genua. Die Standardbesegelung der DAISY im Gebiet der Winwards Islands.   

Kaum fährt der Wind in die Tücher, legt sich das Schiff etwas nach lee und pflügt mit sieben und acht Knoten durch die knallblaue See.

Chateaubelair liegt an der Westküste der Insel St.Vincent geschützt von hohen, mit Dschungel überwucherten Bergen. Einer davon springt ein Stück nach Westen ins Meer und in seiner Verlängerung steigt eine bewaldete Insel steil aus dem Wasser. Diese Formation bildet nördlich und südlich je eine recht heimelig wirkende Bucht.

Vor Jahren habe ich dort mal geankert für eine Nacht. Richard, ein kaum Zwanzigjähriger Bursche half mir beim Einklarieren und Proviant beschaffen. Nun gedenke ich, die Erinnerung aufzufrischen.  

 Am Kap der Insel fallen die Felsen fast senkrecht in Wasser. Malerische Klippen an ihrem Fuß. Respekt heischend.

Schon liegen Klippen und Kap an steuerbord querab. Zeit, den Sechszylinder zu starten und die Segel zu bergen. Hannes dreht die Genua weg. Im Windschatten der hohen Berge lass ich das Groß runter. Albrecht macht das Gleiche mit dem Besansegel.

Zwei Kabellängen vor dem Bug steht die eckige graue Betonpier im Wasser. Das massive Teil in L-Form ruht auf Betonsäulen. Hoch und trocken liegt am Strand ein halbes Dutzend bunt bemalter Fischerkähne. Jeder bestimmt fünf Meter lang, auf die Seite gekippt und mit großem Außenborder ausgestattet.

»Da kommt einer!«

Uschi deutet nach backbord voraus.

»Will bestimmt was verkaufen,« meint Albrecht.

Ein großer schlanker Mann, vielleicht vierzig, in bunten Bermudashorts hockt in der Mitte und rudert. Drei Buben um die zwölf Jahre, winken uns fröhlich entgegen. Der Typ grüßt freundlich.

Drehzahl runter, Schraube auf neutral.
Es ist windstill. DAISY bleibt fast stehen.

Der Kahn kommt langsam längsseits. Hannes kniet schon vorn am Bug neben der Ankerwinsch.

»Hello!« Ich winke den Buben zu.

»Look this is my uncle, this is my brother and this is my son.« Dabei strahlt er glücklich und lacht breit.

»Nice. You are lucky man.«

»Yes. You are looking for a berth?«

»Yes. We like to stay a night or two.«

»I show you. Over there is a nice spot.«

Er deutet nach Norden, nach außerhalb der Bucht.

»Oh I would like to stay inside the bay here.«

»But in the port you have no line to shore. Look there is quieter. I show you.«

Der Typ legt sich ins Zeug an den Riemen. Der Kahn dreht und läuft schräg auf das dicht bewaldete Ufer zu, dort wo der Strand endet.

»Schauen wir uns den Platz halt mal an.«

»Da kostet’s vielleicht nix.«

»Schaut aber schon ziemlich einsam aus, da draußen.«

Propeller wieder auf Vorausfahrt, Ruder legen. Die DAISY folgt dem Holzkahn.

Der steuert auf eine Stelle zwischen zwei Felsen zu. Der Typ springt an Land, hält sich an einem Busch fest und ruft: »Look here you can put a rope arround. Put the anchor down.«

Die DAISY steht noch zwei Schiffslängen von den Felsen entfernt. Ruder hart backbord, Schraube voraus. Sie dreht fast auf der Stelle. Das Echolot zeigt hier vier Meter fünfzig unterm Kiel.

»Wenn ich mit dem Ruder achteraus so nah an die Felsen komme, weiß ich gar nicht wie tief das ist. Gefällt mir gar nicht.«

»Ja, da sehe ich schon Felsen im Wasser, obwohl, vielleicht tief genug.«

Albrecht und Uschi stehen auf dem Seitendeck und peilen ins klare blaue Wasser.

»Vielleicht…«

Mein Bauchgefühl meldet sich. Welches Interesse hat der Typ, uns diesen Platz zu empfehlen, weit ab von der Ortschaft?

»Nein, gefällt mir nicht, so weit weg von allem. Ich möchte lieber näher an den Ort.«

»Ja ist wahrscheinlich sicherer.«

»Thanks a lot! We look for a place close to the village!«

Schraube auf Vorausfahrt, Drehzahl erhöhen. Das Schiff läuft zurück in die Bucht. Etwa hundert Meter von der Betonpier entfernt gebe ich Hannes das Zeichen.

Der Anker platscht ins Wasser und die Kette rasselt raus. Das Echolot zeigt sechs Meter Tiefe. Vierzig Meter Kette sollten reichen für eine ruhige Nacht. Schraube auf Achterausfahrt drehen bis der Anker die Fahrt stoppt. Maschine aus.

»Also hier gefällt es mir schon besser,« meint Uschi.

»Ja find ich auch. Viel näher zum Ort.«

»Gehen wir an Land?«

»Ich komm mit,« meldet sich Uschi.

»Ich bleib an Bord,« sagt Albrecht und Hannes schließt sich ihm an.

Erst mal ein Ankerbier und eine kleine Brotzeit. An Land drüben zeigt sich wenig Leben.

Schlauchboot per Spifall ins Wasser, Motor dranschrauben.

An der Betonpier findet sich eine Treppe bis zum Wasser. Sehr praktisch. Ich muss das Boot so anbinden, dass es nicht unter die Betonpier gerät. Könnte beschädigt werden, falls es Wellen geben sollte oder der Spiegel steigt.  

Es handelt sich wohl um die Hauptstraße, die wir entlangwandern. Der Ort zieht sich auf einer ansteigenden Ebene zum Fuß der Berge hin. An den Straßen reihen sich einzelnstehende meist ebenerdige Häuser.

»Hey schau, da ist die Polizeistation.« Steht auf dem Schild: »Police« über der Tür des blassrosa gehaltenen ebenerdigen Hauses. Alle Fenster sind offen. Kein Wunder bei der Hitze. In der Straße parallel zum Strand spielt eine Schar Kinder Fußball. Ein paar der Kleinen mustern uns mit großen Augen, laufen lachend um uns herum.  Noch ein Stück weiter erreichen wir das Beach-Front-Restaurant.

»Lass uns was trinken.«

Eine hübsche schwarze Miss serviert uns zwei Cubalibre an den Tisch. Wir sind die einzigen Gäste. Gut es ist Mittwochnachmittag. Wer hat da schon Zeit? Die Bude ist schlicht eingerichtet.

Nach dem Bezahlen schlendern wir zum Hafen zurück. Hannes und Albrecht betätigen sich in der Pantry. Es entsteht ein köstliches Dinner.

Eine Besprechung schließt sich an. Die bisherige Reise, die nächsten Ziele und das Leben überhaupt. Oben im Mittelcockpit. Begleitet von einigen Caribs aus der Dose. Unter den Straßenlampen an Land bewegt sich allerhand. Leute spazieren, Kinder spielen.

Das Dinghi steht samt angeschraubtem Motor vorne auf dem Deck, wie immer, wenn wir über Nacht vor Anker liegen und es am nächsten Tag nochmal einsetzen wollen. Einkaufen und so.

Um Mitternacht schlummern alle in den Kojen.

Ein Geschrei! Ein unglaubliches Geschrei.

»I am a woman, I am a women!«

Jemand schreit aus Leibeskräften um Hilfe um sein Leben. Um ihr Leben. Eine Frauenstimme. Es ist Uschis Stimme. Ihre Kabine liegt mittschiffs.

Argomento Macheten und Kanonen

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