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“Warum bist du gekommen, uns zu stören?”

Boris Blacher: Der Großinquisitor (1942)

Weitläufige Platzszene in Sevilla während eines Autodafé, der feierlichen, öffentlichen Verkündung und Vollstreckung von Inquisitionsurteilen: Wir sehen erhöhte Tribünen mit Klerus und Würdenträgern, Angeklagte in spitzen Büßerhüten und Gewändern, umgeben von Soldaten und einer großen Zuschauermenge vor monumentaler Architektur. (Si apre in una nuova finestra)
Francisco Rizi: Auto de Fe en la plaza Mayor de Madrid (Public Domain, via Wikimedia Commons)

In Dostojewskis Roman “Die Brüder Karamasow” erzählt Iwan Karamasow seinem Bruder Aljoscha eine spektakuläre Geschichte: Im Sevilla des 16. Jahrhunderts, der Hochzeit der spanischen Inquisition, der dogmatischsten, brutalsten Auslegung des Christentums, erscheint ein junger Mann, macht einen Blinden sehend und erweckt ein totes Kind wieder zum Leben – Christus ist tatsächlich wiedergekehrt. Selbst der Kardinal-Inquisitor ist überzeugt, dass man es mit dem Sohn Gottes zu tun habe. Er lässt ihn festnehmen und in den Kerker werfen. Dort hält er ihm einen langen Monolog, in dem er Jesus vorwirft, für die Gewissensfreiheit des Menschen, zwischen Gut und Böse wählen zu können, verantwortlich zu sein. Diese Freiheit sei eine einzige Quälerei, weshalb die Kirche in über tausend Jahren eine Ordnung aufgebaut habe, die den Menschen klare Orientierung gibt – und die Jesus nicht zu stören habe. Er kündigt an, Jesus am nächsten Tag, zusammen mit hundert anderen Ketzern, öffentlich verbrennen zu lassen. (Wie die Sache ausgeht, verrate ich nicht; es gibt das Kapitel aber als anderthalbstündiges Hörbuch zum streamen.)

Diese haarsträubende Geschichte hat der deutsch-baltische Komponist Boris Blacher 1942 vertont (Uraufführung war 1947 im Berliner Admiralspalast, der damals in der sowjetischen Zone lag). Sein “Großinquisitor” ist ein Oratorium, was insofern interessant ist, als diese Form für die dramatische Darbietung sakraler Texte bekannt ist (man denke an Bachs Weihnachtsoratorium), nicht für bittere Kritik an der römisch-katholischen Kirche. Aber das passt zu der Aufnahme, die ich euch heute empfehle – sie stammt nämlich noch aus DDR-Zeiten. 1986 in Leipzig aufgenommen und später remastered, gilt die Aufnahme mit der Dresdner Philharmonie unter Herbert Kegel und dem Rundfunkchor Leipzig immer noch als die beste Einspielung dieses selten aufgeführten Werks. Die Hauptrolle singt der im letzten Jahr verstorbene Bariton Siegmund Nimsgern.

Ein kurzer Einschub zum Klassikstreaming: Auf den Schleichwegen zur Klassik ermutige ich euch ja, Klassik zu streamen. Aber klassische Musik findet bei den meisten Streamingdiensten nur am Rande statt, weshalb man oft schlecht suchen und finden kann, wer da spielt oder singt. (Dieses Ärgernis habe ich bei Zeit Online mal beschrieben (Si apre in una nuova finestra).) Die Bedienung ist oft wirr, die Tonqualität nicht so gut, wie sie sein könnte – und die Musiker:innen werden von den Plattformen schlecht bezahlt. Alle drei Probleme nimmt der französische Anbieter Qobuz ernster als viele Konkurrenten: Die Bedienung ist einfach, funktioniert auch für Klassik gut, die Tonqualität ist mit die beste auf dem Markt und man zahlt mehr an die Künstler:innen aus als alle anderen Streamingdienste. Ich bekomme kein Geld für diesen Hinweis und auch nicht, wenn ihr das Angebot annehmt, das Qobuz den Schleichwege-Leser:innen macht, nämlich den Dienst 60 statt 30 Tage kostenlos zu testen (Si apre in una nuova finestra). Probiert es aus, ich nutze Qobuz selbst und bin, auch wenn es nicht perfekt ist, zufriedener als mit Spotify und Apple Music.

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Blachers Musik ist so sparsam wie dramatisch. Das Werk beginnt mit Oktaven in den Streichern und Kontrabass-Pizzicati (gezupfte, nicht gestrichene Saiten), der Chor setzt sofort ein, fast mit Sprechgesang. Und er ist hervorragend zu verstehen, selbst ohne den Text mitzulesen. Das wichtigste Gestaltungsmittel Blachers ist der Rhythmus – wir hören viele Synkopen und oft muss man an Jazz denken.

Aber Blacher war auch ein brillanter Chorkomponist. Wie kunstvoll er Frauen- und Männerstimmen dissonant gegeneinanderstellt, zeigt Achim Zimmermann, Künstlerischer Leiter und Dirigent der Berliner Singakademie, in diesem Video:

https://youtu.be/OTNNbMNbnL0?si=8iXpA_AsvtlCSffe&t=1102 (Si apre in una nuova finestra)

Boris Blacher gehörte sicherlich zu den vielseitigsten, neugierigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Nazis diffamierten sein Werk (natürlich) als “entartete Kunst”, sie erteilten ihm Berufsverbot, aber er überlebte im Gegensatz zu vielen Musikerkolleg:innen die NS-Herrschaft und wurde 1953 Direktor der Hochschule für Musik (Si apre in una nuova finestra) in Berlin (heute UdK Berlin), was er bis 1970 blieb. Er komponierte derweil weiter, auch elektronische Musik und mehrere Opern, darunter “Zwischenfälle bei einer Notlandung”, uraufgeführt 1966. Der “Spiegel” schrieb damals über das Stück für Orchester, Gesang und elektronische Zuspielungen, die “erstmals in der Großform der Oper erprobte Mischtechnik und die räumliche Klangprojektion, bislang ausschließlich im Konzertsaal praktiziert, sicherten der Notlandungsoper ein außergewöhnliches Interesse“. Heute ist diese Ästhetik auf den großen Bühnen Standard.

Christus selbst spricht in Blachers Oratorium übrigens kein einziges Wort, er wirkt nur durch Wundertaten und einfühlsames, verständiges Zuhören. Er gönnt dem Großinquisitor keinen Zorn, nicht mal als der erklärt, es gäbe nur drei Dinge, die das Gewissen der Menschen “besiegen” könnten: “Das Wunder, das Geheimnis und die Autorität”. Dostojewski wusste, was er da schrieb, denn es stimmte damals, traf zur Nazizeit zu und tut es heute auch noch. Wenn der Großinquisitor Christus fragt, “Warum bist du gekommen, uns zu stören?” und ihm gleich darauf den Mund verbietet, vermeint man die geifernde Rede heutiger Autokratinnen und Autokraten zu hören.

https://www.youtube.com/watch?v=z__m7LlgoB8&list=RDz__m7LlgoB8&start_radio=1&rv=z__m7LlgoB8 (Si apre in una nuova finestra)

Das gesamte Stück auf Qobuz streamen (Si apre in una nuova finestra) oder überall sonst (Si apre in una nuova finestra).

Herzliche Grüße aus Berlin
Gabriel

P.S.: Hier noch ein kleiner Bonus-Schleichweg, falls dir nicht nach Gesang (oder einfach leichterer Kost) ist: Über die Paganini-Variationen habe ich schon mal geschrieben (Si apre in una nuova finestra) – viele Komponisten haben Variationen über eine Melodie des “Teufelsgeigers” Paganini geschrieben und die von Blacher gehören zu den besten – auch bei ihnen kannst du seine sparsame, elegante Instrumentierung und die Liebe zum Jazz hören:

https://www.youtube.com/watch?v=l8GVvL-wW8c&list=RDl8GVvL-wW8c&start_radio=1 (Si apre in una nuova finestra)

Argomento Moderne

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