
Das Paradoxon des weißen Blattes: Wir denken oft, es mangelt uns an Ideen für den nächsten Artikel oder das nächste Buch. Doch das Gegenteil davon ist wahr: Wir schleppen eine Fülle an Informationen und Ideen aus Erlebtem, Gehörtem und Gefühltem permanent mit uns herum.
Die Kunst des Schreibens ist nicht das Erfinden neuer Storys, denn davon haben wir genug, sondern das Erinnern, das alles in uns liegt. Lass uns gemeinsam entdecken, wie du aus dem Chaos deiner Geschichte die eine Erzählung filterst, die die Welt bewegen wird.
Das obige Zitat von Carl Gustav Jung berührt den Kern seiner Psychologie: die Verbindung zwischen dem Individuellen und dem Universellen. Um es greifbarer zu machen, kann man es vielleicht so erklären:
Die Bedeutung des Zitats
Jung unterscheidet hier zwischen zwei „Schichten“ der Psyche:
Die eigene Geschichte: Das ist das persönliche Unbewusstes. Es umfasst alles, was wir jemals erlebt, vergessen oder auch verdrängt haben – die eigene Kindheit, Erfolgserlebnisse, die Wunden, die uns zugefügt wurden. Es ist das, was uns zu einzigartigen Wesen macht.
Die Geschichte der Menschheit: Damit meint Jung das kollektive Unbewusste. Er war überzeugt, dass wir mit einem psychischen Erbe geboren werden, das aus bestimmten Ur-Erfahrungen besteht, die alle Menschen teilen, bspw. die so genannten Archetypen wie die Mutter, der Held, der Schatten oder der Weise.
Die Kernaussage seiner Lehre ist: Man ist nie ein vollkommen unbeschriebenes Blatt. Selbst wenn wir schweigen, tragen wir ja das gesamte Wissen und die gesamte Erfahrungswelt der menschlichen Spezies unauslöschlich in uns. Auch wenn unser individuelles Gehirn scheinbar separat arbeitet, so kommen wir nicht auf „Amöben-Niveau“ auf die Welt.
Der Zusammenhang zum Schreiben
Für uns Schreibende ist dieses Zitat in meinen Augen eine Befreiung von der Angst vor der "leeren Seite" oder auch der Angst davon, keine neuen Ideen mehr zu bekommen.
Wenn wir über unsere eigene Geschichte schreiben, schöpfen wir genau genommen aus den Vollen. Unsere persönlichen Erlebnisse geben dem Schreiben 100% Authentizität. Aber Jung geht eigentlich noch weiter: Wenn wir tief genug in unser eigenes Erleben eintauchen, stoßen wir quasi „automatisch“ auf die Menschheitsgeschichte. So kann ein persönlicher Verlust so zu einer universellen Erzählung über Trauer werden, die jeden Leser berührt, egal woher er kommt.
Dabei dienen uns die Archetypen als Gerüst, denn die "Geschichte der Menschheit" liefert uns die Baupläne für alle Arten von packenden Geschichten.
Warum funktionieren denn alte Weisheiten und vor allem auch Märchen oder moderne Mythen wie Star Wars weltweit? ... Weil sie auf den Strukturen basieren, die Jung dem kollektiven Unbewussten zuordnete. Wir erkennen diese Muster instinktiv wieder, brauchen keinerlei Anleitung dafür, eben weil sie universell sind.
Wie findet man in dieser Fülle Geschichten?
Wenn prinzipiell "alles" bereits in uns ist, kann diese enorme Fülle uns paradoxerweise blockieren. Hier sind Strategien, um die „richtigen“ Geschichten ans Licht zu bringen:
Die Resonanz-Methode: Achte darauf, welche Themen dich bei anderen triggern – was bringt Wut, Neid, tiefe Rührung oder auch Ängste hervor. Diese Emotionen sind die wunderbaren Wegweiser zur „eigenen Geschichte", die nur darauf wartet, endlich erzählt zu werden.
Die Arbeit mit dem Schattenanteil: C.G. Jung nannte den „Schatten" jene Teile von uns, die wir lieber vor anderen verstecken. Genau dort liegen aber oft die stärksten und spannendsten Geschichten, die allen – oder zumindest vielen – bei der Persönlichkeitsentwicklung helfen könnten. Du könntest dich fragen: Was würde ich niemals über mich aufschreiben? Genau dort beginnt die Reibung, die Auseinandersetzung, die eine Geschichte so lebendig macht, denn gute Geschichten brauchen spannenden Herausforderungen – und das sind unsere täglichen Konflikte.
Das „Archetypische Mapping“: Nimm eine Alltagssituation und frage dich: Welches uralte Motiv steckt dahinter? Ist der neuerliche Konflikt mit dem Chef vielleicht symbolisch der Kampf gegen einen "Tyrannischen König"? Ist die Suche nach einem neuen Hobby die "Reise des Helden", der sich aufmacht den Drachen zu finden? Das verleiht dem Alltäglichen eine besondere Tiefe – und Schreibimpulse!
Das "Strandgut" der Träume: Jung legte großen Wert auf Träume als Botschaften des Unbewussten, was offenbar ein bisschen aus unserem Zeitalter verschwindet. Nutze die Bilder oder auch „seltsame Stimmungen“ aus deinen Träumen als Startpunkt einmal tiefer zu schauen. Sie sind oft die reinste Form der "Menschheitsgeschichte" in dir und kommen in einer anderen „Verkleidung“ zu dir, um neu erzählt zu werden.
C.G. Jung hat noch ein schönes Zitat hervorgebracht:
„Wer nach außen schaut, träumt; wer nach innen schaut, erwacht."
Indem wir schreiben, verbinden wir diese beiden Welten. Wir können über unsere „privaten“ Erfahrungen das kollektive Erbe für andere begreifbar, erlebbar machen – und damit vielleicht ein bisschen näher zusammenrücken. Und dann ist die Fülle kein Hindernis mehr, sondern ein Speicher, aus dem wir einfach nur auszuwählen brauchen, was in diesem Moment am lautesten in uns „anklopft", um ans Licht geholt zu werden. Vielleicht, weil es Zeit ist, eine bestimmte Emotion zu entlassen oder eine Situation abzuschließen.
Hier findest du weitere Anregungen zum “Kreativen Schreiben”:
https://gudrun-anders.tentary.com/?category=7677 (Si apre in una nuova finestra)