Passa al contenuto principale

Newsletter DREIUNDZWANZIG

WAS IST NEU?

Gerade bin ich durch den Tiergarten in Berlin-Mitte gejoggt, auf meiner üblichen Route. Vorbei an Blumen, Regenbogenfahnen und Kerzen. Die Menschen gedenken den Opfern des schrecklichen Anschlags auf den CSD. Queerfeindlichkeit war nie verschwunden und wird gerade von allen Seiten wieder größer. Es ist so traurig und furchtbar. Eigentlich hatte ich diesen Newsletter schon letzte Woche angefangen zu schreiben - und darin meine Sehnsucht nach einem ruhigen Sommer zum Ausdruck bringen wollen. Jetzt sehne ich mich nicht nach Ruhe, sondern nach einer Gesellschaft mit weniger Hass und Gewalt.

Hier jetzt also die Version des Newsletters, geschrieben vor Samstag:

Was ist eigentlich mit dem Sommerloch los? Diese schöne Zeit, in der mal nicht ganz so viel passiert. Diese Zeit, in der man einfach so durch die News scrollen kann - und denkt: Okay, Waldbrände, Rekordhitze, Wassernotstand, ein ganz normaler Sommer - ABER SONST IST NICHTS LOS! Nee, nee, nee: Jens Spahn tritt zurück. Danger Dan und Igor Levit werden vom ZDF ausgeladen. Der Krieg im Iran. Regierungsumbildung. Gesundheitsrefom. Sozialkürzungen. Noch schlimmere Waldbrände als sonst. Großbritannien bekommt einen neuen sympathischen Premierminister (Deutschland leider nicht.) Es passiert so viel, dass es nichtmal die Debatte um mehr Straftaten in Schwimmbädern auf die vorderen Nachrichtenplätze schafft (gehen übrigens zurück…).

Ich will Sommerloch. Geht auch nichts anders, denn in den nächsten drei Wochen ist die Kita zu. Und mein Sohn möchte nicht, dass ich die ganze Zeit am Handy rumhänge. (So viel zu Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. Ich wäre ja für ein Social-Media-Verbot für alle. Und das Internet darf nur eine Stunde am Tag öffnen. Alles hat Öffnungszeiten, nur das Internet nicht? Das kann nicht sein!). Es gibt übrigens ein Wort dafür, wenn man andere ignoriert und nur aufs Handy guckt: Phubbing. Also werde ich die nächsten Wochen mit meinem Sohn verbringen. Den ganzen Tag! Jede Stunde! Jede Minute. Jede Sekunde! Freude! Ja, nicht nur... Aber schon auch! Deswegen gibt’s den nächsten Newsletter erst am 24. August. Ist jetzt auch nicht mehr so weit hin. Oder wie REM vor sehr langer Zeit sangen: “September’s coming soon.” Leider immer. Habt viel Spaß in der Sonne. Und beim “Nightswimming.”

Danach geht es dann auch im monatlichen Takt weiter. Ist einfach ganz schön viel los im Herbst.

DAS TELEFONAT

Ich rufe meine Eltern in meiner Heimatstadt Freiburg an.

Mein kleiner Sohn ist gerade zum ersten Mal allein bei meinen Eltern zu Besuch.

"Hallo Sebastian, was gibt's?", fragt meine Mutter.

"Wie geht es meinem Sohn?", rufe ich.

"Welcher Sohn?"

"Lustig, Mama."

"Du brauchst dir keine Sorgen machen. Wir können doch mit kleinen Kindern umgehen. Weisst du doch aus eigener Anschauung."

"Ja, eben", sage ich. "Guckt er gerade Fernsehen?"

"Nein, natürlich nicht! Dein Vater und er sind zusammen im Garten."

"Na dann."

"Gerade zeigt er ihm die Kettensäge."

"AHHHHH!"

"Sebastian, entspanne dich. Wir haben das im Griff.“

"Okay, ich bin nur ein bisschen nervös. Ich vertraue euch ja."

Plötzlich im Hintergrund etwas, das wie eine Durchsage klingt: "Familie Lehmann, bitte in Behandlungszimmer 4."

"Seid ihr etwa gerade im Krankenhaus? Was ist mit meinem Sohn?"   

"Ach, nichts Schlimmes. Weißt du noch, als du als Dreijähriger von unserem sich schließenden Garagentor fast zweigeteilt wurdest?"

"MAMA!"

"Das ist nicht passiert! Es war dieser Stacheldraht…“

"Ich will sofort mit meinem Sohn sprechen!"

"Das geht erst wieder nach der Vollnarkose. Aber ich bin mir sicher, er wird die OP überleben."

Ich falle in Ohnmacht.

"Vielleicht sind wir zu weit gegangen", sagt mein Vater.

"Nein, lustig!", ruft mein Sohn. "Jetzt Mama anrufen!"

SONGS FOR THE LEFTOVERS -

Die besten Sommersongs

REM: “Nightswimming”

Beim Hören denke ich an nachts ins Freibad einbrechen, damals im Sommer nach dem Abi. (Ich hoffe, die Freiburger Polizei liest nicht mit? Aber bestimmt verjährt, oder?). Ich wohnte so nah am Freibad, dass ich immer in Shorts und Badelatschen, Handtuch lässig über der Schulter, um zwei Uhr nachts durch die Stadt lief. Kann ich jedem empfehlen.

Stereophonics: “Have a nice day”

Einfach ein Lied für die gute Laune. Obwohl nicht alles nur gute Laune ist in dem Lied. Immer auch schön: Refrains, die nur lauten: “Ba Ba Baba Ba.”

The Kinks: “Waterloo Sunset”

Klassiker. Was für eine Melodie! Was für eine Gitarre! Was für wunderschöner Harmoniegesang… Übrigens schwierig zu entscheiden bei den Kinks, “Sunny Afternoon” ist auch ein heißer Kandidat für den besten Sommersong.

Bilderbuch: “Bungalow”

Okay, hätte man nicht gedacht: Österreicher bei den besten Sommersongs. Doch wenn man einen Garten in Ostdeutschland besitzt (wie ich), nennt man die Gartenhäuschen auch gern Bungalow. Sieht auch fast so aus wie in L.A., diese schönen Siebzigerjahre-Asbest-Hütten aus DDR-Produktion. Deswegen auf Dauerschleife im Auto auf dem Weg in den Sommergarten.

Metronomy: “The Bay”

Das ganze Album ist schönes Sommeralbum. Heißt “The English Rivera”. Allerdings auch düster. Selbst der heißeste Sommer hat Schattenseiten. Das Video zu “The Bay” ist auf jeden Fall ein tolles Sommervideo, alle haben die absolut richtigen Sonnenbrillen auf.

Dota: “Badermeister*in

Selbsterklärend. Schwimmbäder sind natürlich der beste Sommerort schlechthin. Tags und nachts. Wer braucht schon einen eigenen Pool? Da sind ja gar keine Teenager, die direkt vor deiner Nase eine Arschbombe ins Becken machen. Zum Glück gibt es die Badermeisterin: “Sie kann Herzdruckmassage machen / Sie zeigt dir die Kiste mit den Fundsachen / Sie rettet vielleicht dein Leben / Vielleicht hat jemand deinen Schlüssel bei ihr abgegeben. Wie immer hat Dota recht.

BUCHEMPFEHLUNG

Die besten Sommerbücher

Eigentlich bin ich gegen das Konzept “Sommerbuch”. Bücher müssen immer gelesen werden, nicht nur am Strand. Trotzdem hier drei Bücher, die mir eingefallen sind, als ich übers Lesen im Sommer nachgedacht habe:

Karl Ove Knausgård: “Im Sommer”

Kurze Texte zu allen möglichen Themen, Worten, Ideen. Schreibübungen des großen Autors, Tagebucheinträge. Oft geht es um den Sommer. Immer geht es um Knausgård selbst. Dabei kommen manchmal großartige und lustige Beobachtungen heraus. Wie zum Beispiel, als Knausgård vor den Augen seiner Kinder zwei Eis an der Eisdiele hintereinander verspeist, was sie nie dürfen würden : “Für mich war es ein Scherz, der allerdings auch einen Anflug von Ernst hatte, da er mich erkennen ließ, dass ich tatsächlich tun konnte, was immer ich wollte. Dass ich meine Freiheit nutzte, um zwei Eis hintereinander zu essen gab mir zusätzlich zu denken.

Judith Hermann: “Sommerhaus, später”

Klar, der Titel. Dabei geht es in dem Buch gar nicht um den Sommer. Es ist Hermanns erster Kurzgeschichtenband. Und der hat damals wahrscheinlich eine ganze Generation von jungen Schreibenden geprägt, mich auch. Und ich finde, Kurzgeschichten im Sommer zu lesen ist eine gute Idee. Eine halbe Stunde lesend in der Sonne liegen reicht ja auch. Dann die Augen schließen und weiter träumen.

Wolfgang Herrndorf: “Bilder deiner großen Liebe”

Eine Art Fortsetzung zu seinem erfolgreichsten Buch “Tschick”. Der Roman ist unvollendet, da Herrndorf vor Abschluss an einem Gehirntumor starb. Seine Sätze sind großartig. Schlicht und tief und weit und schön. Jedes Wort muss ihm damals schon große Kraft gekostet haben, seine Krankheit im Endstadium. Der Roman beschreibt den Weg der jungen Isa, einer Figur aus “Tschick”, wahrscheinlich durch Brandenburg. Es passiert nicht viel - und doch passiert sehr viel. Im Kopf. Im Herz. Der erste Satz lautet: “Verrückt sein heißt ja auch immer, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.”

WAS STEHT AN?

Mein Soloprogramm “Kleinere Katastrophen”:

13.8. Baienfurt, 19.9. Calw, 20.9. Heidelberg, 23.9. Ludwigsburg, 24.9. Baden-Baden.

Alle Ticketlinks auf: www.sebastianlehmann.net (Si apre in una nuova finestra).

VIELEN DANK FÜRS LESEN.

Bis in vier Wochen! Dein Sebastian.

0 commenti

Vuoi essere la prima persona a commentare?
Abbonati a Sebastian Lehmann e avvia una conversazione.
Sostieni