Buongiorno liebe Leser:innen,
ich bin's, Bartholomäus. Während ich das hier schreibe, sitze ich in einem kleinen Café auf einer kleinen Insel zwischen Italien und Tunesien (Lampedusa), trinke meinen zweiten doppelten Espresso und esse meine erste Portion Gelato (Pistacchio und Stracciatella). Eigentlich sollte ich jetzt gerade in der Luft sein – als Journalist begleite ich die Organisation „Sea Watch“ bei ihren Aufklärungsflügen mit der Propellermaschine „Seabird“. Mit dem kleinen Flugzeug wollen die Freiwilligen Boote von Geflüchteten finden, Rettung alarmieren – und Fehlverhalten von Frontex und der sogenannten libyschen Küstenwache dokumentieren. Doch nun ist das Wetter schlecht und die Wellen so hoch, dass es riskant wäre zu fliegen – und dadurch auch weniger Boote losfahren.
Für einen chronisch ungeduldigen Menschen wie mich ist das das Schlimmste am Journalisten-Dasein: Warten, dass etwas passiert, enttäuscht zu werden, dass nichts passiert, Stoßgebete zum Himmel schicken, dass die Geschichte doch noch irgendwie hinhaut. Naja, denke ich mir: So bleibt mir Zeit, die letzten Wochen Revue passieren zu lassen. Denn wie immer war bei Selbstlaut viel los – vor allem gab's auf die Ohren.
Aus dem Kollektiv
Das Business mit Pfleger:innen aus Vietnam
Vor zwei Jahren meldete sich eine anonyme Quelle bei Eva , die von Betrugsvorwürfen gegen deutsche Firmen im Geschäft mit Pflegekräften aus Vietnam berichtete.
In Deutschland werden dringend Pflegekräfte gesucht, während junge Menschen in Vietnam auf eine berufliche Zukunft im Ausland hoffen. Eva fand heraus: Oft führt ihr Weg über vietnamesische Vermittlungsfirmen, die Komplettpakete anbieten – Sprachkurs plus Visum, Reise und Ausbildungsplatz. Dafür verlangen die Vermittler teils horrende Gebühren. Das Geschäft boomt, wird aber kaum kontrolliert – denn den Profit machen auch Pflegeschulen und Bildungsunternehmen in Deutschland.
Mithilfe eines Stipendiums von Netzwerk Recherche (Si apre in una nuova finestra)(danke!) hat Eva ein Jahr lang in Ausbildungsbetrieben und auf Fachtagungen recherchiert – und mithilfe eines Undercover-Kollegen auch in Vietnam: Wie fair ist der Weg nach Deutschland für Menschen, die hier so dringend gebraucht werden? Was zahlen sie dafür? Und was ist dran an den Vorwürfen, dass deutsche Unternehmen horrende Summen kassieren, um an Azubis zu kommen und Zertifikate zu verkaufen?
Die Recherche ist nun bei Deep Doku vom rbb veröffentlicht, ihr könnt sie hier (Si apre in una nuova finestra) hören.
Der Fall Lumumba
Unterdessen war Paul in Brüssel unterwegs, im Palais de Justice. Er hat das Verfahren zur Aufnahme eines historischen Prozesses begleitet: den Mord am ersten demokratisch gewählten Premierminister des Kongo, Patrice Lumumba. In Brüssel traf er dabei auch auf Lumumbas Enkelkinder, die mehr als 60 Jahre nach der Ermordung ihres Großvaters für Gerechtigkeit kämpfen. Ein Satz ist ihm dabei besonders im Gedächtnis geblieben – von Yema Lumumba: „Mein Großvater hat uns gezeigt, dass Afrika seine eigene Geschichte schreiben kann. Aber um das zu schaffen, müssen wir uns die Wahrheit darüber zurückholen."
Das ganze Feature könnt ihr jetzt hier (Si apre in una nuova finestra) nachhören.
Deutsche Rüstungs-Start-ups
Besonders stolz bin ich darauf, dass Paul, Olivia und ich die erste große Recherche zu unserem Jahresthema Rüstung veröffentlichen konnten. Seit Anfang des Jahres recherchieren wir als Kollektiv unter anderem zu automatisierten Waffensystemen, wie KI-gesteuerten Drohnen. Deutsche Unternehmen wie Helsing oder Stark Defence sind sogenannte Unicorns, die mit mehreren Milliarden Euro bewertet werden. Für die Sendung „Das Wissen" vom SWR (Si apre in una nuova finestra) sind wir der Frage nachgegangen: Wie konnten die Start-ups so schnell so groß werden? Und wie profitieren sie vom Krieg? Olivia war dafür mit Helena und Laila auf der Münchner Sicherheitskonferenz, ich war im Bundestag und habe mit dem Forscher Jens Hälterlein von der Uni Paderborn gesprochen. Im Kopf geblieben ist mir seine Warnung: „Von Bundesregierung und den Herstellern wird zwar auf die Einhaltung des Prinzips menschlicher Kontrolle verwiesen. Die Frage ist jedoch, wie substanziell diese sein kann. Wenn ein KI-System Zielauswahl und Bewertung vornimmt und der Mensch nur noch eine finale Bestätigung erteilt, kann nicht mehr von einer reflektierten, verantwortungsvollen Entscheidung gesprochen werden."
(Si apre in una nuova finestra)
(Si apre in una nuova finestra)Unsere Recherche hat gerade erst begonnen, wir bleiben dran – und sind immer auf der Suche nach neuen Informationen: Solltet ihr selbst in der Rüstungsindustrie arbeiten (oder Leute kennen, die das tun) oder Hinweise für weitere Recherchen haben, meldet euch gern per Mail: info@selbstlautkollektiv.com (Si apre in una nuova finestra) oder auf sicherem Weg über unseren Threema-Account: HH7CFCTF
Was machen die Kolleg:innen?
Abgesehen von Ausbeutung, Regime Change und Krieg hat uns noch ein anderes Thema bewegt: die Spiegel-Recherche zu digitaler sexualisierter Gewalt an Collien Fernandes durch ihren Ex-Mann Christian Ulmen. Lange haben wir im Kollektiv darüber gesprochen, was das mit uns macht – und wie wir journalistisch mit solchen Fällen umgehen können. Wir haben dazu die investigative Journalistin Pascale Müller (Si apre in una nuova finestra), die seit Jahren zu sexualisierter Gewalt in Deutschland recherchiert und unser Selbstlaut Kollektiv mitgegründet hat, eingeladen, für diese Ausgabe ihre Erfahrungen mit uns zu teilen:
Seit einigen Wochen bekommen Recherchen zu sexualisierter Gewalt viel Aufmerksamkeit. Das ist gut und wichtig. Wahr ist allerdings auch: Viele Recherchen zu diesem Thema werden nie veröffentlicht.
Berichterstattung über sexualisierte Gewalt gerät in vielen Fällen an ihre Grenzen. Etwa wenn Betroffene sich an Teile der Geschehnisse nicht oder unzusammenhängend erinnern. Wenn sie dem mutmaßlichen Täter noch immer ausgesetzt sind. Oder wenn die zusammengetragenen Beweise juristisch nicht ausreichen.
Ich berichte seit über zehn Jahren zu sexualisierter Gewalt. Frauen haben mich am Telefon angeschrien, in Wut und Verzweiflung, weil Recherchen aus redaktionellen Gründen gestoppt wurden. Recherchen, von denen ich überzeugt bin, dass sie heute veröffentlicht werden würden. Zurück blieb bei meinen Quellen und mir ein tiefes Ohnmachtsgefühl.
Ich habe erlebt, wie Frauen abgeschoben wurden, nachdem sie ihren Missbrauch gemeldet und öffentlich gemacht hatten. Mehrere meiner Quellen haben versucht, sich das Leben zu nehmen, weil sie stark traumatisiert waren und es ihnen an Unterstützung gefehlt hat.
Die Öffentlichkeit, so mein Eindruck, will vor allem kämpferische Held*innen. Wir wollen, dass “die Scham die Seiten wechselt”.
Doch dafür braucht es Ressourcen, die den enormen Fliehkräften, die in diesen Recherchen wirken, entgegenstehen. Ein starkes soziales Netz, mentale und emotionale Kraft, Geld, Anwält*innen — Privilegien, die die meisten Betroffenen nicht haben und die wir ihnen nicht leihen können.
Die Realität sexualisierter Gewalt kann chaotisch, still und allzu oft unzusammenhängend sein. Gehört die Gewalt nicht der Vergangenheit an kommen Sicherheitsbedenken dazu, vor denen wir unsere Quellen nicht schützen können. Auch in vielen Redaktionen fehlt es noch immer an Wissen darüber.
So entsteht im schlimmsten Fall ein verzerrtes und falsches Bild davon, wer sexualisierte Gewalt erlebt, wie sie aussieht und was für Folgen sie hat. Die Frage ist also nicht nur, warum so viele Recherchen scheitern. Sondern auch, was wir als Medienschaffende bereit sind zu verändern, damit sie künftig stattfinden können. Denn Sichtbarkeit sollte keine Frage des individuellen Muts und der Privilegien Betroffener sein. Sie ist eine Frage der Bedingungen, die wir schaffen.
Ausblick

Apropos Bedingungen schaffen: Im Rahmen des Mediencamps in Berlin hatte Olivia am vergangenen Freitag die Journalistin Özge İnan für eine Live-Podcast-Folge zu Gast, zum Thema „Meinung in den Medien – wie wir berichten sollten in Zeiten von Krisen“. Es ging darum, wie man sich als Journalist:in zwischen allen wichtigen Themen orientiert, dazu selbst eine Meinung entwickelt und diese dann auch noch an ein Publikum heranträgt und sich auf Diskussionen einlässt. Özge sagt: “Das schlimmste ist, wenn jemand sagt, er hätte keine Weltanschauung.” Man müsse sich den eigenen Prägungen bewusst sein. Nachzuhören gibts das ganze bald im Bonjourno-Podcast; folgt am besten hier (Si apre in una nuova finestra), damit ihr auch keine Folge verpasst.
Olivia ist nicht die einzige Selbstlaut-Kollegin, die aktuell auf Bühnen steht. Meine Kollegin Anna-Theresa spricht am 9. Mai beim Journalismusfest in Innsbruck (Si apre in una nuova finestra) über blinde Flecken in der Krisenberichterstattung. Kommt alle, die ihr in Innsbruck seid!
Und wir bleiben noch in Österreich – in Wien. Während Theresa in Innsbruck spricht, gebe ich einen zweitägigen Workshop übers Reportageschreiben und Interviewführen bei unseren Freund:innen vom Mosaik-Blog . Falls ihr Mosaik noch nicht kennt, folgt unbedingt rein (Si apre in una nuova finestra): Das aufstrebende linke Medium in Österreich, das sich Themen wie Kolonialgeschichte, Gesundheitspolitik – und Boxen aus kritischer, feministischer Perspektive widmet.

Ach, und einmal zurück nach Lampedusa: Am Ende bin ich dann doch geflogen – davon zeugen Fotos, die Elisabeth Sellmeier, Medien-Koordinatorin von Sea-Watch Airborne, geschossen hat. Die ganze Geschichte gibt's bald im SWR, der WOZ und im Deutschlandfunk – aber davon erfahrt ihr dann in einem der kommenden Newsletter.
Macht es gut & bis in einem Monat!
Bartholomäus
Das Selbstlaut-Kollektiv sind Ann Esswein, Karolina Kaltschnee, Olivia Samnick, Bartholomäus Laffert, Anina Ritscher, Anna-Theresa Bachmann, Alicia Prager, Paul Hildebrandt, Sandra Singh, Laila Sieber, Helena Lea Manhartsberger, Eva Hoffmann und Timo Stukenberg. Mehr Infos und Links zu unseren Veröffentlichungen findet Ihr auf unserer Website (Si apre in una nuova finestra), auf Instagram (Si apre in una nuova finestra), LinkedIn (Si apre in una nuova finestra) und BlueSky (Si apre in una nuova finestra).