Passa al contenuto principale

Fenster der Möglichkeit

von Mika

Ich glaube, in jeder Suchtgeschichte gibt es Momente von Klarheit. Das sind Situationen, in denen etwas sichtbar wird, was sonst im Verborgenen liegt. Irgendwo im Inneren scheint dann eine Tür aufzugehen, macht jemand mal kurz das Deckenlicht an, schiebt sich die Wahrheit so sehr ins eigene Blickfeld, dass man nicht mehr drum herumgucken kann. Man weiß plötzlich mit erschreckender Dringlichkeit, dass man aufhören muss zu trinken.
Ich habe in meinem Leben viele dieser Momente gehabt – und die große Mehrzahl verstreichen lassen.

Man muss dafür natürlich nicht süchtig sein. Jeder Mensch, der schon einmal viel Energie darauf verwendet hat, einer unangenehmen Wahrheit aus dem Weg zu gehen, kennt das. Man geht einfach so die Straße lang, guckt völlig unschuldig in die Gegend – und plötzlich weiß man: Ich muss ihn verlassen. Ich muss kündigen. Ich führe das falsche Leben.

Ankündigung

OAMN Liveklassen gibt es jetzt für alle!

Good News: An Nathalie Stübens OAMN Liveklassen können ab sofort alle teilnehmen, die ein OAMN Abo abschließen. Jährlich oder monatlich. 

Dann könnt ihr zum Beispiel Mias Liveklasse »Schreibworkshop zur emotionalen Selbstbegleitung« am 02. Juli machen. Oder Mikas Liveklasse »Alkohol und Einsamkeit« am 16. Juli.

Alle Infos findet ihr auf www.oamn.jetzt/abo (Si apre in una nuova finestra) und wenn ihr Fragen habt, schreibt gerne an wir@oamn.jetzt.

ankündigung ende

Das Problem bei diesen ungebetenen Truthbombs des Unterbewusstseins ist allerdings, dass das Wissen an sich noch nicht viel bringt. Man muss auch das Gefühl haben, dass es möglich ist – aufzuhören, ihn zu verlassen, zu kündigen, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

Ich nenne diese Momente: Fenster der Möglichkeit.

Als ich vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufhörte, war ich bereits Aufhör-Profi. Ich hatte erfolgreich mit dem Trinken aufgehört – und zweimal erfolglos mit dem Rauchen. Ich hatte diverse Jobs gekündigt, viele Beziehungen beendet und mehrere Studiengänge abgebrochen. Aufhören war nie leicht, aber immer gut. Jedem Aufhören war ein langer innerer Kampf vorangegangen – ein nervenaufreibendes Ziehen und Zerren: Angst, Schuld, Scham.
Es gab die Momente von Klarheit, aber es gab auch Verdrängung.

Jetzt war also zum dritten Mal das Rauchen dran, und ich beschloss, mir den ganzen Mist zu sparen und einfach zu warten. Ich machte einen Pakt mit mir selbst, dass ich – wenn ich schon rauchte – mir wenigstens keine Lügen darüber erzählte. Ich weigerte mich, anderen oder mir selbst zu erzählen, dass ich Rauchen toll fand, dass es nicht so schlimm wäre, dass es halt eines dieser Laster war. Ich sagte stattdessen: Ich find’s richtig scheiße, dass ich rauche. Ich will nicht rauchen. Ich schaffe es nicht, damit aufzuhören.

Ich erinnere mich noch gut an den Morgen, an dem ich aufwachte und wusste: Heute. Heute ist es möglich.
Ich kann gar nicht so genau sagen, was diesen Tag anders machte als all die anderen. Ich hatte weder besonders gut noch besonders schlecht geschlafen, war nicht sehr gestresst oder sehr entspannt, nicht besonders glücklich, nicht besonders traurig. Ich wusste nur einfach: Heute ist es möglich, nicht zu rauchen.
Als wäre plötzlich aus dem Nichts ein Seil in meinen Brunnenschacht gefallen. Genau darauf hatte ich gewartet. Ich griff zu.

Im Februar unterhielt ich mich auf einer Tagung mit einem Typen, der in der Obdachlosenhilfe arbeitet. Er erzählte mir, wie er aus den oberen Etagen Druck bekam, die Leute zur Abstinenz zu zwingen. Viel von seiner Arbeit ging an den offiziellen Kanälen vorbei, weil er schlicht und einfach der Meinung war, dass auch süchtige Menschen Hilfe bekommen sollten.
Dann sagte er: »Und das Verrückte ist: Irgendwann kommen Menschen, die sich bislang allem verweigert haben, und plötzlich sagen sie: So! Heute will ich dieses Angebot wahrnehmen! Oder: Heute bin ich bereit, was an meinem Konsum zu ändern. Heute ist da was möglich.«
Und ich sagte: »Ja! Fenster der Möglichkeit.« – und erzählte ihm von meinen eigenen Fenstern. Ich sagte, wie krass ich das fand, zu erfahren, dass es diese Momente auch in schweren Stadien der Erkrankung und in ganz schwierigen Situationen gibt. Und er sagte, wie krass er das fand, dass ich das genauso sah wie er.

Immer wieder denke ich seitdem über diese Fenster der Möglichkeit nach.
Sind sie ein Geschenk des Universums? Eine komplexe innerpsychische Dynamik? Ein Ergebnis äußerer Umstände, die wir bloß nicht erkennen können?
Ich weiß es nicht. Ich wüsste es gern.
Ich weiß nur: Diese Fenster kommen immer wieder. Man kann lernen, sie zu erkennen. Und man muss sie immer greifen.

Termine und Interviews

Mika war übrigens neulich zu Gast im Podcast »Fragen an…« von Frank Göbel. Die Folge könnt ihr hier anhören:

https://fragen-an.letscast.fm/episode/82-mit-mika-recovery-deutschland (Si apre in una nuova finestra)

SodaKlub Live

07. Juli — Berlin | Talk Filmgespräch The Outrun im Freiluftkino am Franz-Mehring-Platz

9. August — München | OAMN-Sommerkongress (Si apre in una nuova finestra)

27. September — Leipzig | Recovery Walk (Si apre in una nuova finestra)

07. November – Leipzig | Live-Podcast im Rahmen vom Suchtkongress

Mia Gatow Live

11.08 — Bad Aibling | Lesung Buchladen momo & frieda (Si apre in una nuova finestra), 19:00

21.08. — Zwickau | Lesung Alois Fußballkneipe, 19:00

25.09. — Alsdorf | Lesung Stadtbücherei, 19:30

13.11. — Lübeck | Talk Aktionstag Suchtberatung, Hansemuseum

Argomento Bi-Weekly

1 commento

Vorresti vedere i commenti?
Abbonati a SodaKlub e partecipa alla conversazione.
Sostieni