Passa al contenuto principale

Trinkträume

Hast du manchmal noch Trinkträume? fragte letzte Woche jemand beim Publikumsgespräch in Mülheim nach einer Lesung aus Rausch und Klarheit

Ich habe selten Trinkträume, erzählte ich, vielleicht einmal oder zweimal im Jahr, und es ist fast immer der gleiche Traum: Ich klaue eine Flasche Rotwein von einem düsteren, irgendwie vampirisch wirkenden Mann. Und trinke sie heimlich. Und fühle mich dabei extrem schuldig, und wenn ich dann aufwache, bin ich auf einem richtigen Erleichertungs-High, dass es nur ein Traum war. 

Obwohl man Trinkträume auch als etwas deuten könnte, das einen heimsucht, weil man eine chronische Krankheit hat, von der man niemals genesen kann, die immer irgendwie im Schatten lauert, und auf einen schwachen Moment wartet, um einen zu überwältigen, finde ich es viel logischer, meine Trinkträume als das zu sehen, was sie jedesmal sind: Eine sensorische Erinnerung daran, wie froh, erleichtert und dankbar ich darüber bin, nicht mehr trinken zu müssen. Meine Trinkträume sind nie sehnsuchtsvoll, es sind immer Alpträume. 

Nach der Lesung, im Hotel, hatte ich den abgefahrensten und emotionalsten Trinktraum, den ich je hatte. 

Ich träumte, dass ich immer noch mit meinem Ex zusammen war, mit Nick, es war die Endphase der Beziehung, ich war schon maximal angespannt und wachsam und musste erhebliche Energie aufwenden, um mir selbst zu verheimlichen, dass es nicht funktionierte. 

Nick war in dem Traum nicht da, und ich ging aus, auf eine Party, mit einem platonischen Freund von mir (der in Wirklichkeit nicht existiert) ein Typ Oberstufenkumpel, supernett und auch ein bisschen hot, und wir gehen aus und trinken und besaufen uns episch. Wir knallen uns Cocktails und Kurze und Bier rein, tanzen, und machen irgendwann rum. 

Am nächsten Morgen wache ich mit dem schlimmsten Kater in der Geschichte der Menschheit in einem Hotelbett auf, meine Rippen, meine ganze Vorderseite tut weh, als hätte ich eine große Prellung. Ich gehe zum Badezimmerspiegel, ziehe mein Shirt hoch, und sehe, dass mein kompletter Oberkörper, vom Bauchnabel bis zum Schlüsselbein, voller frischer Tattoos ist. Wie zum Teufel ist das denn passiert, schreie ich meinen Freund an, wie soll ich das jemals Nick erklären?! Ich weiß, meine Beziehung ist over. Dieses Fremdgehen kann ich auf keine Fall verheimlichen oder rechtfertigen. Ich bin voll mit Schuld, Angst und Horror.

Der Traum ist so intensiv, dass ich noch Minuten nachdem ich um vier Uhr morgens zu mir komme, verzweifelt überlege, wie ich das alles erklären soll; den Absturz, das Rummachen, die Drinks, die Tattoos. 

Das Interessante an diesem für mich vollkommen untypischen Trinktraum ist, dass der Alkohol überhaupt nicht im Vordergrund steht.

Das Besäufnis war nur ein treibender Faktor für all die anderen schlechten Entscheidungen, die ich im Laufe dieses Traumes getroffen habe. Ich erzähle das am nächsten Tag Tom und er sagt, wahrscheinlich liegt es daran, dass ich gerade meine Romantikvergangenheit aufarbeite, mich durch diese, tiefer liegende Schicht meines Schattenlebens durcharbeite, nachdem der Alkohol weitgehend durchleuchtet, dekonstruiert und demystifiziert ist. 

Das stimmt, denke ich, Alkohol ist immer nur ein Symptom, eine schlechte Art, vor sich selbst wegzulaufen, und genau so ist es mit giftig gewordenen romantischen Beziehungen. Die Erinnerung an Trinken, an Betrunkensein und an Kater sind nach einer Weile verblasst für mein Alltagsbewusstsein, die dazugehörigen Gefühle sind aber nie tot. Sie leben ewig, ich kann in meinen Träumen auf sie zugreifen. So wie ich in meinen Träumen auch auf die Gefühle für längst vergangene Liebesgeschichten zugreifen kann. Auf die Verliebtheit, die Wut und die Demütigungen schmutziger Trennungen. 

Aber so wenig Angst ich heute vor den unangenehmen Gefühlen meines Wachlebens habe, so wenig Angst habe ich vor den Zombie-Gefühlen meiner Schattenvergangenheit. (Auch wenn ich einen kompletten Tag brauchte, um diesen crazy Traum zu verstoffwechseln.) 

Man könnte solche Träume framen als ein Zeichen dafür, dass die Sucht niemals aufhört, dass man immer und ewig in ihrer Bedrohung leben muss. Dass man unheilbar krank ist, niemals heilen kann, die Krankheit nur zum Stillstand bringen kann. Aber ich sehe das nicht so. Ich weiß—solange ich nicht trinke / mich auf eine süchtige, romantische push- and pull-Dynamik einlasse—kann ich gut unterscheiden zwischen Gefühlen und Fakten.

Nur weil ich im Traum besoffen bin, heißt das noch lange nicht, dass ich mich in Gefahr befinde. Es heißt bloß, dass ich sehr genau weiß, wie besoffen sein ist. Und dass es ein ziemlich wichtiger (wenn auch kein guter) Teil meines Lebens war.

Die ewige Jungend, die Unsterblichkeit gewisser Gefühle ist für mich eine gute Erinnerung daran, dass Zeit nicht linear ist. Dass ich ein Wesen des ewigen Augenblicks bin, und dass meine ganze Vergangenheit und meine ganze Zukunft immer nur in der Gegenwart stattfinden wird. Dass die Gegenwart alles ist, was ich je haben werde, und dass die Gegenwart immer brandneue, frische Gelegenheit bietet, es richtig zu machen. 

Argomento Bi-Weekly

0 commenti

Vuoi essere la prima persona a commentare?
Abbonati a SodaKlub e avvia una conversazione.
Sostieni