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Wieso fühlt sich alles nach Arbeit an, Pam?

Mia liest Pamela Anderson

Ich habe diese Woche keine Energie mehr, was zu schreiben, denn ich muss Geld verdienen, was sich zur Zeit anfühlt, wie gegen eine sehr starke Strömung anschwimmen.

Daher lasse ich euch diese Woche nur einen Textschnipsel der Woche, diesmal von: Pamela Anderson!

Ich habe gerade angefangen ihre Memoiren zu hören. Und bin etwas überrascht, wie gut ich sie finde. Was ja auch irgendwie Teil der Erzählung ist, dass Leute überrascht sind, wenn sie die kreative Arbeit von jemandem gut finden, die jahrzehntelang ausschließlich als Außenseite inszeniert wurde. Aber ich wusste, dass Pam Style hat, spätestens, als ich vor ein paar Jahren mal ein Interview las, in dem sie auf die Frage, was sie so in der nächsten Zeit vorhabe, antwortete: »Noch ein paar Jahre Arsch und Titten und dann mal sehen«.

Pamela schreibt im Intro zu ihrem Buch dies:

»I was, and stil am, an exeptionally easy target. And I’m proud of that. My defenses are weak. I’m not bitter. I don’t have the craving to be hard, heard or taken seriously. I prefer to be fluid and free. Without boundaries. Leaving life to chance, and destiny.

Give me something else I can’t handle, I’d say, up for the challenge. Life is a series of problems, we must navigate with grace. One problem solved, another arises, again and again, until we die. I bumble along, pushing those closest to me to new, annoying and inspiring places. Asking of others only what I demand of myself.« *

* »Ich war und bin ein ausgesprochen leichtes Ziel. Und stolz darauf. Meine Abwehr ist schwach. Ich bin nicht bitter. Ich habe kein Verlangen, hart zu sein, gehört oder ernst genommen zu werden. Ich bin lieber fließend und frei. Grenzenlos. Ich überlasse das Leben dem Zufall, dem Schicksal.

Gib mir noch etwas, womit ich nicht klarkomme, sage ich, bereit für die Herausforderung. Das Leben ist eine Serie von Problemen, die wir mit Anmut bewältigen müssen. Ein Problem ist gelöst, ein anderes taucht auf, wieder und wieder, bis wir sterben. Ich stolpere vor mich hin und schubse die, die mir am nächsten stehen, an neue, anstrengende und inspirierende Orte. Ich verlange von anderen nur, was ich von mir selbst verlange.«

Love, Pamela ist gerade erschienen (Die deutsche Übersetzung kommt im Herbst)

Mika über die Frage, wieso sich alles nach Arbeit anfühlt

Im Dezember 2022 saß ich auf meine Sofa (ich berichtete davon) und habe mich mit einigen großen Lebensfragen beschäftigt. In dieser Identitätskrise ist folgender Text entstanden, der zu Schade ist, um ihn euch vorzuenthalten. Viel Spaß.

Wieso fühlt sich alles wie Arbeit an?

Es ist Dezember 2022. In der Ukraine tobt Krieg, in Iran gehen Menschen für ihre Freiheit auf die Straße und werden hingerichtet, Twitter ist … Was auch immer Twitter gerade ist, und ich habe Angst vor der nächsten Gasabrechnung. 1.181 Tage ist es her, dass ich mit dem Trinken aufgehört habe. Seitdem habe ich zwei Beziehungen und drei Jobs angefangen und aufgegeben. Zwischendurch ist Großbritannien aus der EU ausgetreten. Ich habe zweimal mit dem Rauchen aufgehört und einmal mehr damit wieder angefangen. Ich habe Antidepressiva abgesetzt, Selbsthilfegruppen besucht und Social Media Pausen gemacht. Ich wurde ins Home Office geschickt, bin morgens einmal um den Block gelaufen und habe den Überblick verloren, welche Naturkatastrophe eigentlich wann war. Ich war erfolglos auf Therapiesuche, habe Blumen mit Aquarell gemalt und dazu skandinavische Krimis geschaut, während die Intensivbetten in den Krankenhäusern knapp wurden. Ich habe versucht Yoga zu machen, eine Meditationsroutine zu etablieren, jeden Morgen mein Bett zu machen und vor dem Schlafengehen das Handy abzuschalten. Ich habe Pop-Up Blocker installiert und Cookies akzeptiert, mir eine Knirschschiene anfertigen lassen und sie nach zwei Wochen verloren, obwohl ich nirgends war. Ich habe auf Kohlenhydrate verzichtet und - aus völlig anderen Gründen - 25 Kilo abgenommen. Ich habe krampfhaft gelächelt, wenn ich dafür gelobt wurde. Ich habe hilflos zugesehen, wie meine sozialen Beziehungen immer weiter in den digitalen Raum abgewandert sind und habe mich buchstäblich kontaktbeschränkt gefühlt.

Jetzt sitze ich kurz nach Weihnachten auf meinem Sofa, erleichtert, heute nicht noch wo hin zu müssen, während eine leise Stimme fragt, ob ich einfach verlernt habe, Freizeit zu haben. Oder wusste ich noch nie, wie das geht? Und wieso fühlt sich alles wie Arbeit an?

Ich muss gestehen: Wenn Freizeit bedeutet, dass man sich frei fühlt, fiel mir das noch nie besonders leicht. Die To-Do-Liste in meinem Kopf kann man sich vorstellen, wie den dpa-Ticker: Termine Heute: Viel zu viel oder überhaupt nichts! MELDUNG: Mika hat immer noch nicht Wäsche gewaschen! Freundin enttäuscht - Mika hat sich nicht zurückgemeldet! Zur Arbeit gehen! Duschen! Friseurtermin machen (vorher mal das verfilzte Nest rauskämmen)! Endlich Mal dieses Buch da lesen! Nachrichten beantworten über eine absurde Anzahl von Endgeräten, Messengern und Social Media Kanälen. UPDATE: Mika hat ein neues Hobby. KORREKTUR: Kaffeetrinken abgesagt!

Das alles fand ich schon früher schwierig zu managen, aber ich hatte ein aktives Sozialleben, verabredete mich oft spontan und dachte nicht groß darüber nach, wenn ich irgendwo hinfuhr. Dann kam die Pandemie und mit ihr  Tod und Krankheit, Unsicherheit und Angst. Leider kam die Pandemie nicht nur, sie blieb auch - und mit ihr das Leben im unlösbaren Widerspruch zwischen Krise und Normalzustand. Überall spürte ich diese Spannung, die entsteht, wenn alles brennt und man trotzdem eine Tasse Kaffee trinkt und denkt “This is fine”. Ich glaube, dass dort, in diesem Widerspruch, etwas verloren gegangen ist, das wir alle vermissen, aber selten benennen: die Mühelosigkeit.

Mühelosigkeit ist, wenn du das Gefühl hast, dass die Welt dich trägt, wie eine Strömung, die in deine Richtung fließt. Wenn Sachen irgendwie klappen und du nicht viel dafür tun musstest. Wenn Gespräche leicht und gleichzeitig tief sind, und du dabei kein einziges Mal darüber nachgedacht hast, wie du deine Arme hältst und ob das bescheuert aussieht. Wenn du dich in den Zug setzt, einen Sitzplatz findest, niemand in deiner Umgebung Bifi isst und du pünktlich ans Ziel kommst. Wenn die Energie ohne Reibungsverlust dorthin fließt, wo sie dir dienlich ist.

Dieses Gefühl ist, zumindest in meinem Leben, rar geworden und ich glaube nicht, dass das nur an mir und meinem Mindset liegt. Denn so richtig und wichtig ich pandemische Maßnahmen finde (das muss man ja immer dazusagen), sie förderten nicht gerade das Gefühl von Flow. Selbst die einfachsten menschlichen Kontakte hatten plötzlich eine Reihe von Fragen im Gepäck: Test - Ja/Nein und Selbsttest reicht? Draußen oder Drinnen und was, wenn es regnet? Erstkontakt und Inkubationszeit? Wen hat man getroffen und mit wie viel Abstand? Plant man, seine Eltern zu besuchen? Wer im Freund:innenkreis ist in der Risikogruppe?

Das verbrauchte Bandbreite, erzeugte Reibung, zog Energie. Für mich war es Energie, die ich oft nicht hatte. So wurde das notwendige Übel, sich zu isolieren und alles mit sich selbst auszumachen, irgendwann eine Art Standardeinstellung meines inneren Betriebssystems. Gefüttert wurde das auch durch viele gute Ratschläge, die in dieser Zeit kursierten: So kommst du durch den nächsten Lockdown! So kannst du besser für dich sorgen! Mach dein Bett! Zieh dir auch im Home Office Draußenkleidung an! Mit diesen fünf Dingen, kannst du den unhaltbaren gesellschaftlichen Zustand aushalten!

Ich bin großer Fan davon, mich auf das zu konzentrieren, was ich selbst in der Hand habe. Aber mein persönlicher To-Do-Ticker ist in den Pandemiejahren immer lauter und schneller geworden - und ich weiß manchmal nicht, wie ich ihn wieder bremsen kann. Vielleicht gibt es diese Menschen, die schon vor Corona weitgehend mühelos Karriere, Familie und Freizeit gestaltet haben. Menschen, die Grenzen ziehen, wenn jemand gemein zu ihnen ist und die sich an schlechten Tagen etwas Gutes tun. 

Vielleicht gibt es die, die es geschafft haben, sich je nach Infektionslage anzupassen, Risiko und Angst flexibel, aber umsichtig, zu managen und denen es leicht fällt, nach den Maßnahmen, nach der akuten Gefahr, nach dem Krisenzustand, zurückzukommen. Ich gehöre nicht zu diesen Menschen.

Wenn es mir nicht gut geht, dann ist mein erster Impuls, davor zu fliehen. Früher habe ich getrunken. Heute greife ich oft zu Serien, Podcasts, Social Media oder Essen. Nichts davon reicht in seiner Dramatik an meine Alkoholabhängigkeit heran, aber ich erkenne dieselben Impulse. Nicht nur in mir, sondern auch in anderen: Wir greifen nach Konsum im Außen, um innere Zustände herzustellen. Wir betäuben uns, wollen fliehen, Mal eine Pause vom ständigen Denken und Fühlen haben, einfach Mal diese Anspannung lösen. Gleichzeitig wissen wir, dass das keine gute Idee ist, dass wir einen Preis dafür zahlen werden, auch wenn wir nicht immer sicher sind, was dieser Preis sein wird. Dann gehen wir hart mit uns ins Gericht, verurteilen die Impulse, die Handlungen und uns selbst, wieso wir es nicht schaffen, endlich mal achtsam zu sein. Je härter wir mit uns ins Gericht gehen, desto stärker wird der Teil in uns, der dagegen rebelliert. Desto kürzer wird die Lunte zwischen Impulsen und Handlungen, desto weniger Luft zum Atmen haben wir.

Dass dieses Phänomen alles andere als neu ist, beschreibt der Mediziner und Autor  Carl Erik Fisher in seinem Buch »The Urge«. Von ihm habe ich folgendes Wort gelernt: Akrasia. Es kann schlicht mit Willensschwäche übersetzt werden, aber die alten Griechen meinten damit noch etwas anderes: Die Erfahrung, entgegen der Vernunft zu handeln, während die Vernunft anwesend ist - ja sogar aktiv verhandelt wird. Wir erleben alle ständig diese Akrasia: Wenn wir wissen, dass uns ein Typ nicht gut tut, und ihm dann irgendwie doch eine Nachricht gesendet haben. Wenn wir wissen, dass wir aufhören sollten zu trinken, während sich unsere Hand zum Glas bewegt. Wenn wir wissen, dass wir eine Pause brauchen, während wir uns sagen hören: Klar mache ich das! 

Platon nutzte dafür die Metapher eines Streitwagens: Der Lenker symbolisiert den Verstand, das langfristige Denken - Er weiß, wo er hin will. Der Drang nach kurzfristiger Bedürfnisbefriedigung ist das durchdrehende Pferdegespann. Ich kenne mich nicht gut mit Pferden aus, aber würde mal vermuten, dass es nicht hilft, die verängstigt rebellierenden Tiere härter zu peitschen und mit größtmöglicher Lautstärke in die Gefügigkeit zu erschrecken. Ich versuche es trotzdem immer wieder.

In die Lücke zwischen Wissen und Tun passt sehr viel Leid

Das erste Problem mit diesem Vorgehen ist natürlich: Es klappt nicht. Das zweite ist: In die Lücke zwischen Wissen und Tun passt sehr viel Leid, das wiederum gemanaged werden muss. Vielleicht trinken wir noch mehr, fordern von uns aber zusätzlich noch eine Sportroutine (wegen der Kalorien), kämpfen uns durch extra lange Arbeitstage oder müssen unbedingt vor Silvester noch das ganze Altglas wegbringen, um frisch ins neue Jahr zu starten. Weil das alles furchtbar stressig ist, brauchen wir noch mehr Zeug. Bis unser Leben voll ist mit dem Management unseres Leidens - und wir leer und ausgebrannt, weil nichts davon uns wirklich nährt. Vielleicht sitzen wir dann kurz nach Weihnachten auf dem Sofa und fragen uns, ob wir verlernt haben, Freizeit zu haben, weil sich alles nur wie die nächste Pflichtaufgabe in unserem dpa-Ticker anfühlt. Die Lösung ist dann widererwarten nicht, noch mehr Selbsthilfebücher zu kaufen, die wir nicht lesen, noch mehr Morgenroutinen zu planen, an denen wir scheitern und noch mehr Online-Programme zu buchen, die wir vergessen zu kündigen.

Ging das nicht auch schonmal anders?

Manchmal sehne ich mich nach der Zeit der ganz frühen Nüchternheit. Alles erschien mir klar in diesen Flitterwochen meiner Abstinenz. Das war eine Zeit, in der mein einziger Fokus darauf lag, einen nüchternen Tag an den nächsten zu reihen und der Rest fiel mühelos an den richtigen Platz. Selbst schwierige Situationen, die ich zweifelhaft meisterte, wurden allein dadurch zum Erfolg, dass ich nicht getrunken hatte. Jetzt erscheint mir die Sachlage komplexer, die Fragen größer und die Antworten nebulös. Doch was war anders im Vergleich zu jetzt - schließlich bin ich immer noch nüchtern? Auch wenn ich es damals nicht so benannt hätte, war da eine anhaltende Euphorie darüber, dass ich in Bezug auf das Trinken aus meiner persönlichen Akrasia-Hölle ausgestiegen war und Wissen und Handeln endlich in Einklang gebracht hatte. Zum anderen gab ich mir die Erlaubnis, alle anderen Baustellen einfach mal okay zu finden.

Wenn ich daraus eine Handlungsanweisung ableiten sollte, wäre das:

Schau, wo es am meisten weh tut, wenn du wider besseren Wissens handelst und mache das für eine Zeit zu deiner obersten Priorität. Und: Sei nett zu dir.

Nachdem ich ziemlich lange an diesem Text herumgedoktort habe, auf der Suche nach dem, was eigentlich mein scheiß Problem ist und was ich hier überhaupt sagen will, kommt mir diese Pointe etwas lächerlich vor. Unter anderem deshalb, weil ich das alles natürlich längst weiß - aber eben nicht danach handel, sondern mir lieber noch ein Selbsthilfebuch reinziehe (Akrasia lässt grüßen). Selbst jetzt, wo ich eigentlich mal einen Punkt setzen könnte, tickern die Möglichkeiten zur weiteren Optimierung durch mein Bewusstsein: Naja, wirklich nur eine Priorität? Gehen nicht auch zwei? Oder dr…NEIN. Vielleicht doch so eine anspruchsvolle Morgenrouti… NEIN.

Die Wahrheit ist: Ich habe Angst vor dem Raum, in dem nichts zu managen ist. Vor dem Leerlauf, der Langeweile, dem Stillstand. Ich weiß nicht, wer ich bin, wenn ich nichts tue und ich weiß nicht, wohin es mich trägt, wenn ich loslasse. Das Nichts lässt sich nicht kontrollieren und in einer Welt, in der alles immer unsicherer scheint, wirkt es wie ein irrwitziges Unterfangen, auf einen ominösen Prozess zu vertrauen, der irgendwo hinführt oder auch nicht. Gleichzeitig weiß ich: Man kann eh nichts kontrollieren.

Nicht nur, wird es den Leerlauf immer geben, wir brauchen ihn auch. Erst dort, wo es gerade nichts zu managen gibt, wo Langeweile und Unentschlossenheit sein dürfen, finden wir heraus, was wir wollen. Das ist der Ort, an dem Kreativität entsteht, Perspektivwechsel möglich werden und wir zu uns kommen. All das gehört zu diesem ominösen Prozess, der erst dann beginnt zu tragen, wenn wir akzeptieren, wo wir sind.

Argomento Bi-Weekly

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