In diesem Newsletter nehmen wir uns gemeinsam ein Thema vor, über das wir schreiben, dabei wissen wir nicht, was die andere geschrieben hat. In dieser Ausgabe geht es um Eifersucht!
Lass das, das ist lasterhaft!
von Mika
Sucht kommt nicht von Suchen, aber jedes Mal wenn ich das irgendwo lese, drehen sich meine Augen ganz automatisch so weit Richtung Hinterkopf, dass es weh tut. Begriffsgeschichtlich leitet sich Sucht vom gotischen Wort siukan = Kranksein ab und ist mit Siechtum verwandt. Aus diesem Wortstamm kommen auch Gelbsucht oder Schwindsucht, wie Tuberkulose lange genannt wurde. Im 16. Jahrhundert wurde Sucht umgangssprachlich verwendet, um negative Charaktereigenschaften zu bezeichnen: Rachsucht, Geltungssucht und eben Eifersucht. Im Althochdeutschen bedeutete eibar (auf das Eifer zurückgeht) so viel wie scharf oder bitter. Es handelt sich also um ein Determinativkompositum aus den Substantiven Eifer und Sucht und bedeutet in etwa krankhafte Bitterkeit.
Ich geb’s zu: Die Etymologie ist der große Fels hinter dem ich hervorspähe, um aus sicherer Entfernung meine geistreichen Observationen in mein Forscherinnentagebuch zu krickeln: Beachtlich wohl, dass Eifersucht nicht nur als Gefühl gelten möge, sondern ebenso als Merkmal eines verdarbten Charakters. Uns Christen, die wir dem Worte Gottes folgen, ist ihre Signifikanz als Teufelswerk, als Sünde offenkundig. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib und Vieh! Außerdem macht sie dich craaazy.
Wohl gemerkt: Mit mir selbst hat dieses schmuddelige Gefühl nichts zu tun, denn ich weiß, was ein Determinativkompositum ist.
Das stimmt natürlich nicht. Erstens hab ich das Wort einfach im Wictionary-Eintrag (Si apre in una nuova finestra) zu Eifersucht gelesen und zweitens ist es gar nicht lange her, dass ich meinen letzten Anflug von Eifersuchts-Craziness hinter mich gebracht habe. Er war Teil von Phase I meiner Identitätskrise:
Ich kam aus der Reha wieder und sah, dass ein neuer Suchtpodcast aufgetaucht war. Dieser Podcast von zwei Ex-Koksern hatte in nur wenigen Wochen tausende positive Bewertungen auf den Plattformen und in mir wachte etwas auf.
EY! Rief dieser Teil von mir. EY! Ich mach das schon seit zweieinhalb Jahren! Ich will auch tausend Bewertungen auf Spotify! Warum ich nicht? Ich war doch auch süchtig! Mein präfrontaler Cortex zappelte vor sich hin, hob den Finger, um etwas Vernünftiges zu sagen, aber vergebens. Die Crazy-Maschine war angeworfen: Wer sind diese zwei? Woher kennen die Olli Schulz? Kann man Spotify-Bewertungen kaufen? Wieso haben die Zeit, ständig Videos aus irgendwelchen Dönerläden zu posten? Wenn Mia und ich in derselben Stadt wohnen würden, dann würden wir das auch machen und dann hätten wir auch eintausend Likes.
Das macht Eifersucht so schmuddelig: Im Gegensatz zu Neid sagt sie nicht nur “Ich will das auch”. Sie sagt: “Ich habe das mehr verdient als du!” Sie entspringt dem Gedanken, dass es nicht genug für alle gibt. Dass da dieses begrenzte Reservoir an Liebe oder Aufmerksamkeit oder Erfolg ist, was unweigerlich dazu führt, dass wir weniger haben, wenn andere mehr haben. Sie lenkt die Energie ins Außen, auf eine vermeintliche Konkurrenz, statt zu fragen: Warum bin ich verunsichert?
Für mich war genau diese Frage ein guter Ausgangspunkt, um meinen präfrontalen Cortex wieder zu Wort kommen zu lassen und meine Energie aus dem Recherche-Vortex zu mir zurückzuholen.
Warum war ich verunsichert? Ich kam gerade aus einer intensiven Reha-Zeit zurück und war völlig desorientiert, mitten in einer unsicheren beruflichen Situation und einer Identität im Umbruch. Kein Wunder, dass ich nach greifbaren, unwiderlegbaren Beweisen suchte, dass alles gut werden würde.
Als nächstes fragte ich mich: Was will ich denn? Ich will Spaß haben, mit interessanten Menschen reden und dazulernen. Ich will auch was bewegen - Ich will das Stigma um Sucht und Abhängigkeit zerstören. Ich will, dass wir aufhören, im Stillen zu leiden. Ich will tausend Stimmen hören, die darüber sprechen. Ich will, dass wir so laut sind, dass man uns nicht mehr ignorieren kann. Ich will Verbindung und Freundschaft und Solidarität.
Dann fragte ich mich: Merkste selber, ne?
Wir können uns Eifersucht nicht verbieten. Wir können sie nicht weg-ignorieren, bloß weil wir finden, dass wir bessere Menschen sein sollten, denn sie wird sich ihren Weg bahnen. Aber wir können uns fragen, wieso die Aufmerksamkeit, die einer andere Person zuteil wird, für uns so schwer auszuhalten ist. Welchen Anspruch wir erheben, wieso wir gerade so unsicher sind und was uns helfen würde, Sicherheit herzustellen. Dann sind wir wieder handlungsfähig.
Ich freue mich auf jeden Fall drauf, die Jungs von Sucht+Süchtig nächste Woche in Hamburg beim Nice Dry Event zu treffen (Ich werde sie aber definitiv fragen, woher sie eigentlich Olli Schulz kennen). Außerdem solltet ihr mal in den Podcast reinhören, er ist sehr gut.
Liebesnest vs. Liebesnetz
von Mia
Ich bin der am seltensten eifersüchtige Mensch, den ich kenne. Das hat sich schon früh in meinem Leben gezeigt. Als ich meinen allerersten Boyfriend hatte, mit dem ich eineinhalb Jahre crazy in Love war (von sechzehneinhalb bis achtzehn), macht sich meine Eifersuchtslosigkeit das erste Mal bemerkbar.
Jascha und ich hatten eine Freundin namens Viktoria. Ich ging mit ihr in die zehnte Klasse und wir waren beide einzelgängerische Alpha Mädchen, weswegen wir uns zwangsläufig anfreundeten. Viktoria war wunderschön, Typ Margot Robbie. Sie kam aus einer konservativen polnischen Familie, spielte Klavier, trug ein goldenes Kreuz um den Hals und hatte diesen konservativ-cleanen Katholikentochter-Vibe, der sie wie eine invertierte Version von mir wirken ließ. Man kann sich unseren Alltag ungefähr vorstellen wie diesen Videoclip (Si apre in una nuova finestra) (nur ohne Auto).
Jedenfalls hingen Jascha und ich permanent mit Viktoria rum und wir machten das hauptsächlich bei mir zuhause, weil ich keine Geschwister hatte und meine Mutter arbeiten ging, wir also den ganzen Tag sturmfrei hatten. Eines Nachmittags hatte ich irgendwelche Sachen zu tun und ließ deswegen Jascha und Viktoria allein in meinem Zimmer zurück, wo sie gerade damit beschäftigt waren, zum dritten Mal in dieser Woche Dogma auf VHS anzuschauen.
Als ich viel später zurückkam, waren Jascha und Viktoria schon nach Hause gegangen und meine Mutter war da, die wenig subtil versuchte, ihre Tochter vor nahendem Unheil zu warnen. Sie sagte mit weit hochgezogenen Augenbrauen, dass die beiden einen sehr vertrauten Eindruck gemacht hätten, ob es mich nicht stören würde, dass sie sich so überaus gut verstehen würden.
Ich sagte meiner Mutter zu ihrem Entsetzen, dass ich vollstes Vertrauen in meine Freundin und meinen Freund hätte und dass ich alles, was auch immer sie taten, wenn sie alleine waren, voll unterstützte. Ich sagte, dass beide offensichtlich sehr attraktiv seien und es nur natürlich, wenn sie sich voneinander angezogen fühlten. Ich weiß noch, dass meine Mutter mich anstarrte, als hätte sie ein Monster geschaffen.
Ich weiß wirklich nicht, woher ich meine Ansichten über freie Liebe zu diesem frühen Zeitpunkt herhatte. Ich las viel, kann mich aber nicht erinnern, dass soziologische Betrachtungen zur Polyamorie auf meinem Nachttisch lagen.
Eifersucht erschien mir bloß immer schon wie ein lächerliches, infantiles Gefühl für emotional Ungebildete. Das kam nicht durch eine psychopathische Indifferenz oder bemitleidenswerte Naivität (wie meine Mutter vielleicht vermutete) sondern durch eine im Grunde zutiefst romantische Haltung.
Ich wusste instinktiv: keine irdische Macht würde das Energiefeld zwischen Jascha und mir verändern können. Wenn Jascha mich wirklich liebte (und ich spürte, dass das so war), könnte man ihn einen Monat lang mit achtundzwanzig wunderschönen Mädchen und sämtlichen Depeche Mode Alben in ein Zimmer sperren und das würde nicht das Geringste an seiner Liebe ändern.
Wenn seine Liebe aber verschwinden sollte – das wusste ich auch – würde es absolut nichts geben, was ich tun könnte, um diesen Prozess aufzuhalten. Man kann Menschen nicht wegschließen oder besitzen, denn sie sind keine Dinge. Überall da, wo man in zwischenmenschlichen Beziehungen Kontrolle ausüben will, geht es nicht mehr um Liebe. Sondern um das eigene Ego und dessen Ängste, um Leidenschaft und um gelernte soziale Mechanismen. Das heißt nicht, dass diese Probleme trivial sind, sondern, dass sie sich nur bei dir selbst lösen lassen und nicht im Außen.
Ich kann die Anlässe, in denen ich eifersüchtig war, an einer Hand abzählen. Das eine Mal, als der Russe (eindeutig zurecht) sauer auf mich war und vorübergehend anfing, mit einem sehr jungen französischen Model namens Belle (kein Witz) zu schlafen, störte mich erstmal nicht. Also ging er noch einen Schritt weiter und hörte auf, mit mir zu schlafen. Und obwohl alle meine Freundinnen mir entnervt versicherten, er mache das nur, um mich dran zu kriegen, wirkte es: ich war in der Hölle. Ich konnte tagelang weder schlafen noch essen und schickte ihm abwechselnd verzweifelte Liebesgedichte und Morddrohungen, bis er genug hatte und siegreich zu mir zurückkam.
Eifersucht bei Männern fand ich immer schon genauso unsexy wie bei mir. Die ultimative romantische Horrorfantasie, die zuverlässig meine Libido tötet, ist ein Typ, der mit einem anderen »um mich kämpft«. In der Neunten waren wir alle Zeuginnen, als zwei Typen sich auf dem Sportplatz um meine Mitschülerin Daria prügelten. Daria glühte vor Stolz. Als hätte sie einen Preis gewonnen. Kapierte sie nicht, dass sie der Preis war? Kapierte sie nicht, dass sie hier öffentlich gedemütigt wurde? Wie ein Ding. Ohne eigenen Willen. Wie ein Auto.
Eifersucht wird immer noch als etwas romantisches verkauft: in der romantizistischen Logik bedeutet ein Mehr an Eifersucht ein Mehr an Liebe. Aber Eifersucht und Liebe haben nichts miteinander zu.
Körperlich ist der Unterschied eindeutig spürbar: Eifersucht fühlt sich brennend und schmerzhaft an, verhärtet und verengt den Brustkorb und lässt den Atem flach werden. Liebe macht alles locker, warm und weich, gut durchblutet und erweitert dich über deine körperlichen Grenzen hinaus.
Das ist ein Naturgesetz: Liebe tut niemals weh. Liebe hat nichts, nichts, nichts mit Kampf oder Gewalt oder Kontrolle zu tun. Alles, was wehtut, ist keine Liebe. Das ist eine Regel ohne Ausnahmen.
Frauen werden traditionell darauf konditioniert, um Männer zu konkurrieren. Wenn mein Mann mich betrügt, so die Geschichte, so liegt das daran, dass ein gemeines Biest ihn mir stiehlt. Diese Geschichte ist das kulturelle Erbe einer Zeit, in der eine Frau ohne Mann nur schwer überleben konnte: Nahm dir eine den Mann, nahm sie dir deine Existenzgrundlage. Weswegen es patriarchale Tradition ist, dass Frauen sich gegenseitig missgünstig beäugen. (Diese Missgunst freut den Patriarchen, denn sie lenkt die Frauen von der Idee ab, sich zusammenzuschließen, um sich ein bisschen Macht zu nehmen.)
Aber Good News, Schwestern: Die Zeiten des Mangels sind vorbei.
Es gibt verwirrend viele Männer da draußen. Sie sind überall. Es gibt sie in allen Variationen. Wir können mit ihnen sexuelle oder spirituelle Erweckungserlebnisse haben, ihnen jeden Abend Brote mit Senfgurken schmieren, Brieffreundschaften mit ihnen führen, Firmen mit ihnen gründen oder Kinder mit ihnen machen.
Aber wir brauchen sie nicht mehr, um uns wirtschaftlich oder sozial abzusichern. Wir haben unsere eigenen Jobs, unsere eigenen Wohnungen, unser eigenes Geld und unser eigenes soziales Liebesnetz. Wir haben die Wahl. Wir sind nicht erpressbar. Wir können es uns leisten, großzügig mit unseren Männern umzugehen. Wir können, wenn wir wollen, mehrere haben. Oder sie – falls wir keine Zeit haben, uns um einen zu kümmern – miteinander teilen.
Bad News: Es gibt natürlich trotzdem keinen Schutz vor Liebesschmerz. Liebe ist immer Risiko. Das ist die Sache mit Reichtum: man hat was zu verlieren.
Love!
💙💜❤️
Mia + Mika