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„Die Menschheit hat den Verstand verloren“

Taktvoll-Serie: Tagebücher – Die Tagebücher von Astrid Lindgren 1939 bis 1945

Ein schwarz-weiß Foto, eine Frau sitzt in einem Sessel. (Si apre in una nuova finestra)
Astrid Lindgren im Jahr 1953 (CC-BY)
🎼

Für manche ist es ein festes Ritual, jeden Abend das Tagebuch aufzuschlagen und ein paar Sätze zu Papier zu bringen: Gedanken sortieren, Ereignisse dokumentieren, Begegnungen reflektieren. Die Tagebücher sind meist nur für den Eigengebrauch gedacht. Manche Tagebücher werden veröffentlicht.

In der Serie „Taktvoll – das Tagebuch“ stelle ich Tagebuchschreiberinnen (Si apre in una nuova finestra) und -schreiber und einige ihrer Gedanken vor, die mir beim Lesen wichtig wurden.

I. Der Mensch

Fast jeder kennt sie, die 1907 im schwedischen Näs bei Vimmerby geborene Autorin Astrid Anna Emilia Lindgren. Ihre Kinderbuch-Klassiker wurden in mehr als 70 Sprachen übersetzt. Wohl die meisten von uns sind groß geworden mit Pippi Langstrumpf, Kalle Blomquist, Michel aus Lönneberga, Karlsson vom Dach und den Kindern aus Bullerbü.

II. Das Tagebuch

Nach dem Tod von Astrid Lindgren im Jahr 2002 machte ihre Familie in einem Schrank eine überraschende Entdeckung: Die Autorin hatte in einem Wäschekorb 17 in Leder eingebundene Kladden aufbewahrt, von denen bisher keiner etwas wusste – ihre Kriegstagebücher, die sie von 1939 bis 1945 geschrieben hatte. Die Angehörigen entschlossen sich zur Veröffentlichung. Die Tagebücher erschienen erstmals 2015, auch in Deutschland unter dem Titel „Die Menschheit hat den Verstand verloren“, einem Zitat von Lindgren, das in den Tagebüchern auftaucht.

Ein Buchcover, auf dem eine Frau mit dunklem Kleid und heller Bluse zu sehen ist.
(Ullstein-Verlag)

Die Tagebücher bilden die Grundlage des Anfang 2026 in den Kinos angelaufenen Filmporträts über die schwedische Schriftstellerin. „Es ist ein eindrückliches Porträt einer außergewöhnlichen Frau, einer mutigen Feministin, liebevollen Mutter und begnadeten Autorin, aber auch eine sehr persönliche Chronik des Zweiten Weltkriegs“, schreibt das Filmmagazin epd (Si apre in una nuova finestra) in einer Kritik.

Als Lindgren mit dem Tagebuchschreiben begann, war sie 32 Jahre alt und Mutter zweier Kinder. Sie arbeitet als Sekretärin im Königlichen Automobilclub, wo sie ihren Mann Sture kennengelernt hatte. 1940 trat Lindgren eine neue Stelle an: Sie arbeitete nun für den schwedischen Nachrichtendienst in der Briefzensur. Sie las Briefe, unter anderem solche, die aus Deutschland kamen, und solche, die nach Deutschland gingen. Heikle Passagen wurden geschwärzt.

Der Film zeigt Lindgrens politische Seite, zeigt sie als Chronistin ihrer Zeit, zeigt, welchen Einfluss der Krieg auch auf das neutrale Schweden hatte, etwa auf das alltägliche Leben in Stockholm: „Heute habe ich meinen kleinen Hamstervorrat in einer Küchenecke untergebracht, um ihn später auf den Dachboden zu befördern. Er besteht aus 2 kg Zucker, 1 kg Würfelzucker, 3 kg Reis, 1 kg Kartoffelmehle, 1,5 kg Kaffe in verschiedenen Dosen, 2 kg Schmierseife, 2 Paketen Persil, 3 Stückchen Seife, 5 Packungen Kakao, 4 Packungen Tee und einigen Gewürzen. Mit der Zeit will ich versuchen, etwas mehr zu beschaffen, denn die Preise werden sicher bald steigen.“

https://www.youtube.com/watch?v=0CohbyLIBLU (Si apre in una nuova finestra)

Lindgren und ihrer Familie ging es in Kriegszeiten persönlich nicht schlecht. Das bereitete ihr hin und wieder Gewissensbisse. „Sie sitzt da halbwegs verschont auf dieser Insel und rund herum rücken die Fronten immer näher und ganz Europa versinkt in Elend und Schutt und Asche, und sie versucht, da irgendwie einen Überblick zu behalten“, schreibt die Übersetzerin und Schriftstellerin Antje Rávic Strubel im Vorwort (Si apre in una nuova finestra) der ersten deutschen Ausgabe der Kriegstagebücher, die im Ullstein-Verlag erschien.

Astrid Lindgren sammelte in ihren Tagebüchern zahlreiche Zeitungsausschnitte, die sie einklebte und kommentierte. Durch ihre Arbeit in der Briefzensur hatte sie besondere Einblicke in das Kriegsgeschehen und die Weltlage. Sie dokumentierte die Bedrohung durch Adolf Hitler, aber auch durch Stalin, der im November 1939 Finnland angriff.

Während des Schreibens dieser Tagebücher geschah noch etwas anderes: Astrid Lindgren wurde zur Autorin. Wilfried Hauke, der Regisseur des Filmporträts über die schwedische Schriftstellerin, ist der Ansicht, dass es ohne die Tagebücher heute keine Pippi Langstrumpf gäbe.

Lindgrens Tochter Karin war während des Krieges häufig krank. Ihre Mutter erzählte ihr zur Aufmunterung Geschichten. Eines Tages bat Karin darum, etwas von Pippi Langstrumpf zu erzählen. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie ich auf diesen Namen gekommen bin“, sagt die Tochter Karin Nyman heute. Aber der Name habe die Fantasie ihrer Mutter angeregt.

„Die freiheitsliebende Pippi ist der anarchische Gegenentwurf zu Krieg und Gewalt, für sie galten keine Zwänge“, heißt es in einer Sendung des NDR (Si apre in una nuova finestra) über das Filmporträt.

III. Die Zitate

Erster Eintrag am 1. September 1939: „Oh! Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben.“

3. Oktober 1939: „Schade, dass niemand Hitler erschießt.“

1940

21. Mai 1940: „Heute ist Karin sechs geworden. Heute haben die Deutschen den englischen Kanal erreicht. Und heute kam der Sommer, wunderbar, schmerzhaft schön, ihn zu betrachten und wahrzunehmen.“

13. Oktober 1940: „Arme Menschheit; wenn ich ihre Briefe lese, staune ich darüber, wie viel Krankheit und Not, Trauer und Arbeitslosigkeit, Armut und Verzweiflung auf diesem jammervollen Erdball Platz haben.“

1942

12. November 1942: „Warum begreifen nicht alle Menschen, dass es sich bei einem, der so redet wie Hitler, um einen psychisch kranken Menschen handeln muss.“

1943

29. November 1943: „Ich frage mich, wie sich die Berliner vor dem nahenden Weihnachtsfest fühlen. In dieser Woche hat die totale Bombardierung Berlins angefangen. Ein Stadtviertel nach dem anderen wird zerstört. Ein schrecklicher Gedanke.“

1944

20. März 1944: „An der Heimatfront hat Karin die Masern gehabt, und zwar mit allem Drum und Dran, und darf noch nicht aufstehen. – Ich amüsiere mich gegenwärtig mächtig mit Pippi Langstrumpf.“

Über ihre Gefühle angesichts einer Krise mit ihrem Mann Sture – er hatte eine Affäre mit einer anderen Frau und trank immer mehr Alkohol – schreibt sie am 19. Juli 1944 nur kurz:

„Blut fließt, Menschen werden zu Krüppeln, überall Elend und Verzweiflung. Und ich kümmere mich nicht darum. Nur meine eigenen Probleme interessieren mich. Sonst schreibe ich immer ein wenig darüber, was zuletzt passiert ist. Jetzt kann ich nur schreiben: Ein Erdrutsch ist über meinem Leben hereingebrochen und ich bleibe einsam und frierend zurück.“

1945

25. November 1945: „Gestern bin ich in einem Buchladen gewesen und habe mir ein Exemplar von Pippi Langstrumpf gekauft, diesem verflixt lustigen Buch, das wahrscheinlich nie entstanden wäre, wenn ich mir im Spätwinter 1944 nicht den Fuß verknackst hätte.“

Weihnachtstag 1945: „Pippi ist ein kleines freches Gör, das sich erfolgreich zu entwickeln scheint. Sie ist auch nach Norwegen verkauft.“

Letzter Eintrag Silvester 1945: „Ich wünsche mir selber ein gutes neues Jahr! Mir und den Meinen! Und möglichst auch der ganzen Welt, aber das ist vermutlich zu viel verlangt. Doch selbst wenn es vielleicht kein gutes neues Jahr werden kann, wird es vielleicht ein besseres neues Jahr.“

Eine Unterschrift

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Argomento Kultur + Rhythmus

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