Liebes Taubenschlag-Publikum,
Es kommen wieder viele Filme mit Gebärdensprache auf uns zu! Bevor wir uns auf drei sehr unterschiedliche Filme konzentrieren, erstmal zur Politik, genauer genommen den Namensgebärden des Bundeskabinetts, die seit dieser Woche offiziell sind!
Erstmal: Wo? Auf Taubenschlag (Si apre in una nuova finestra), YouTube (Si apre in una nuova finestra) (als Playlist) und Instagram (Si apre in una nuova finestra).
Spannend ist diesmal: es gibt keine “witzigen” Gebärden wie Merkels Mundwinkel oder Lindners Porsche. Am ehesten kommt noch Schnieders “Riese” ran, was übrigens eine wunderbare Eselsbrücke ist – schreibt/gebärdet er sich Schneider, ist er kleiner. Muss man sich nur noch die Ämter dazu merken. Manche Leute in den Kommentaren auf Instagram erkennen in Merz’ Gebärde Ähnlichkeiten zu Graf Draculas Haarstil. Eieiei.
Vom Timing her passt es zum Deaf Awareness Month, oder Taubewusstseinsmonat. Gerüchten zufolge soll es sogar gratis Dolmetscheinsätze geben und am Samstag, den 27.9. das traditionelle Straßenfest in der Berliner Friedrichstraße. Vielleicht haben die sich streitenden Vereine GVB und GFGB dann sogar eine Lösung für das Gehörlosenzentrum – und wer ist eigentlich hier der lachende Dritte? Fragen über Fragen. GFGB kündigte zuletzt an, dass das Gutachten, das eventuell über die Zukunft des Gehörlosenzentrums entscheidet, im September rauskommt.
Im September?
Huch, das ist ja jetzt. Wir beobachten die Lage und werden berichten.
Und war da nicht was mit Filmen?

Den Anfang macht THE NEGOTIATOR (der ebenfalls englische Originaltitel ist RELAY). Riz Ahmed (kennt man aus SOUND OF MUSIC METAL (Si apre in una nuova finestra)) nutzt Schriftrelaisdolmetschdienste (sowas wie TeScript (Si apre in una nuova finestra)), um Whistleblower zu schützen, weil angeblich der Datenschutzstandard so hoch ist, dass nichts gespeichert wird. Leider bietet der Film ansonsten nur eine 08/15-Handlung und die Sache mit dem Schriftdolmetschen hat kaum Einfluss auf die Geschichte. Immerhin sieht man eine kleine Szene mit Gebärdensprache. Wenig berauschend. Kinostart 25. September. Trailer (Si apre in una nuova finestra).

In Österreich kommt einen Tag später schon der nächste Film. Ab dem 26. September läuft dort WENN DU ANGST HAST, NIMMST DU DEIN HERZ IN DEN MUND UND LÄCHELST. Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich eine Coming of Age-Geschichte, in der es um Klassenunterschiede geht, also wie es sich bemerkbar macht, wenn man mehr oder weniger Geld als andere hat. Daneben geht’s auch um queere Themen und Gehörlosigkeit. Klingt vielversprechend, Trailer sieht auch so aus. In Deutschland allerdings erst Kinostart 2. Oktober. Trailer (Si apre in una nuova finestra).

Ein sehr schöner Film ist SORDA geworden. Leider wird der deutsche Titel um DER KLANG DER STILLE ergänzt. Zum Glück lässt sich das ignorieren. Die Handlung: ein Pärchen, sie taub, er hörend, kriegen ein Kind, dann der Schock (für sie): das Kind ist hörend. Es entwickelt sich ein Konflikt, der fast wie eine Parodie auf die übliche Reaktion hörender Eltern auf ihr ertaubtes Kind wirkt. Aber als Film ist es sehr überzeugend und stellt endlich einmal das Taube Erleben in den Mittelpunkt. Filme über Codas gibt es ja beileibe viele, auch wenn die Handlung (Si apre in una nuova finestra) irgendwie (Si apre in una nuova finestra) immer (Si apre in una nuova finestra) “Hörende Tochter mag Musik und Tauber Papa kommt nicht drauf klar” ist. Dabei ignoriert SORDA sowohl technische Hilfsmittel als auch das Dolmetschen und konzentriert sich komplett auf das individuelle Erleben. Besonders die Beziehung zu den hörenden Eltern und das Hör-Erleben mit Hörgerät sind sehr eindringlich und realistisch präsentiert.
Bei SORDA hat sich der deutsche Verleih vorbildlich Gedanken gemacht und bringt für alle Vorführungen Untertitel mit. Auf Leinwand sogar!
Kinostart 30. Oktober, Vorab-Screenings für die Deaf Community bereits im September. Trailer (Si apre in una nuova finestra).
Und sonst?
Auf Netflix läuft seit gestern mit BLACK RABBIT noch eine Serie, die mit Oscar-nominierten Schauspielern (Jude Law) und wirbt und dabei unterschlägt, dass ein Oscar-Gewinner (Troy Kotsur) mitspielt. Aber: man sieht ihn als Tauben Gangsterboss schon im Trailer (Si apre in una nuova finestra). Spannend.
Wer in Köln ansässig ist, kann einen der obigen Filme auf dem cinepänz-Filmfestival sehen. Vom 4.-9. Oktober werden die “schönsten Kinder- und Jugendfilme des Jahres” gezeigt, oft sogar mit Live-Verdolmetschung. Ansonsten gibts auch Untertitel auf Leinwand oder Filme ganz ohne Dialog (sehenswert: FLOW). Aber aufgepasst: Manchmal ist die GRETA-App Voraussetzung. Zum Glück steht das alles transparent und nachvollziehbar im Programm (Si apre in una nuova finestra)!
Schwierigkeiten mit der Barrierefreiheit hat das Leipziger Filmfestival DOK Leipzig, das schon dem Namen nach den Schwerpunkt auf Dokumentarfilme setzt. Das berichtet die Leipziger Volkszeitung. Letztes Jahr noch wurden durch Förderung des Bundeslands Sachsen 35 Filme in barrierefreier Fassung gezeigt, drei bis fünf Filmgespräche gab es mit DGS-Verdolmetschung.
Dieses Jahr führte die komplette Streichung dieser Mittel dazu, dass nur acht Filme mit Untertiteln gezeigt werden, man konnte aber für drei weitere Filme durch Crowdfunding Untertitel bereitstellen. Zwei Filme wurden zusätzlich mit Audiodeskription ausgestattet.
Ab dem 9. Oktober wird die Filmauswahl bekannt gegeben.
Das Magazin Business Punk berichtet über Gebärdensprach-Avatare, aber mit einem fast schon irritierend schlecht recherchierten Artikel. (Si apre in una nuova finestra) Erstmal werden die 80.000 Gehörlosen mit 14 Millionen Schwerhörigen in einen Topf geworfen, indem behauptet wird, dass diese 14 Millionen die Zielgruppe der KI-Avatare sein sollen.
Richtig die Augenbrauen in die Höhe schießen lässt dann die Behauptung, dass es in Fulda keinen einzigen Dolmetscher gäbe und in Hessen nur einen einzigen.

Vielleicht hat die Redaktion das Gendern zu wörtlich genommen und meint tatsächlich, es gibt keine männlichen Dolmetscher in Fulda und nur einen in Hessen. So würde es Sinn ergeben. Ich schließe aber Wetten drauf ab, dass noch nicht mal das stimmt.
Oder es ist noch viel mehr zwischen Lesen, Verstehen und Schreiben schief gelaufen, und gemeint ist der Dolmetscher, der sich angeblich mit Millionen Euros aus dem Staub gemacht hat (Si apre in una nuova finestra). Von dem gibt es tatsächlich nach aktuellem Wissensstand nur einen.
Höchstwahrscheinlich will die Redaktion nur auf die Goldgrube KI-Avatare (Si apre in una nuova finestra) aufmerksam machen. Ein Konzept, das erstmal logisch und günstig klingt: Text in Computer, DGS kommt raus. Abgesehen von anderen Problemen funktioniert das Ganze auch noch lange nicht vollständig automatisiert oder ohne Menschen, die tatsächlich DGS können. Aber es reicht, dass Auftraggeber das glauben. So könnte man dann schnell am Fließband “DGS”-Videos raushauen, statt qualifizierte Dolmetschende zu beauftragen.
Für Geldgeber ist es natürlich auch attraktiv, auf lange Sicht vielleicht Dolmetschende überflüssig machen zu können. Da riskiert man schon mal ein bisschen Kapital. Leider befeuert der Artikel im Business Punk das nur noch, statt sich kritisch damit auseinanderzusetzen.
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Das war’s dann erstmal, nächstes Mal berichten wir vielleicht sogar schon von unseren Eindrücken von PINOCCHIOS, dem neuen Stück des Deutschen Gehörlosentheaters. Premiere ist nächste Woche in Berlin. Infos und Tickets hier (Si apre in una nuova finestra).
Grüßt:
Wille
P.S.: Ihr kennt sie vielleicht, die Clickbait-Werbung, in der es heißt: “Was viele beim Hörgerät nicht beachten - ein wichtiger Tipp”, aber ihr habt euch noch nicht getraut, drauf zu klicken? Auch weil die Vorschaubilder so unseriös wirken? Doch Rettung/Aufklärung naht.

Diese Werbung löst es endlich auf: Hörgeräte immer in den Gehörgang stecken! Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der dafür Werbung schaltet. Schönes Wochenende!
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