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Am unscheinbaren Tag (4)

Rohfassung

Mittag

Wovon du nicht sprechen kannst, darüber musst du schweigen. So sagt das Ludwig Wittgenstein. Und: Die Grenzen deiner Sprache bedeuten die Grenzen deiner Welt.

Am Ursprungsort, an der Küste, als ich winzig und ein Kind bin, da fehlen mir die Worte. Ich habe noch keinen Begriff von der Welt in ihrer Vielfalt. Meine Welt bleibt begrenzt. Und nicht einmal das ist mir bewusst.

Damals mache ich regelmäßig Bekanntschaft mit dem unscheinbaren Tag. An Sonntagnachmittagen, während die Familie am Kaffeetisch sitzt und alle durcheinander plappern, da sitzt er auf seinem Stuhl. Er wirft ein Bein über das andere und schaukelte mit der lose an seinem Fuß baumelnden Sandale. Dabei trinkt er Kaffee und nimmt sich von dem Streusselkuchen.

Nur ich kann ihn sehen. Vielleicht noch mein um wenige Jahre älterer Bruder? Ich habe ihn nie danach gefragt. Meine Furcht, gerade das könnte den unscheinbaren Tag vertreiben, war zu groß.

Es gibt einen Sinn für das Unscheinbare, der sich noch vor der Geburt ausprägt. So spürt der ungeborene Mensch die Welt außerhalb der Geburtshöhle, ohne sie bis dahin gesehen zu haben. Dieses Gespür für das Unbegreifliche, Unsichtbare und Unscheinbare ist mir heute ein Begriff. Ich nenne es den Unsinn.

Nach der Geburt stumpft der Unsinn ab und andere, angeblich wichtigere Sinne setzen sich durch. Sehen, Hören, Riechen und so weiter scheinen recht wichtig zu sein. Wichtiger jedenfalls als der Unsinn. Der Unsinn hingegen wird uns regelrecht ausgetrieben: Mache du keinen solchen Unsinn! Unsinnig! Ohne Sinn! Sinnlos!

Wer sagt denn, dass alles einen Sinn ergeben muss?

Die wirkliche Erkenntnis vom Unsinn habe ich dann erst später entwickelt. In einer Vollmondnacht finde ich zu meinem persönlichen Unsinn zurück. Oder zumindest finde ich einen Begriff für das Phänomen. Die Grenzen meiner bis dahin bekannten Welt beginnen sich zu verschieben.

In dieser Nacht, seinerzeit am Ursprungsort, schrecke ich mit einem nie gekannten Kopfstechen aus dem Schlaf und fürchte sofort, es könnte etwas in mir zersprungen sein. Stumm und reglos warte ich ab. Dann beginne ich mit zunächst winzigen, prüfenden Bewegungen. Ich zwinkere mit den Augen, rolle die Zehen ein und schlage übertrieben häufig mit den Wimpern. Es gibt nichts zu beanstanden. Also fahre ich fort. Ich spiele virtuos Luftklavier und beginne das Fuchsduhastdieganzgestohlensummen. Als aber alles Rollen, Schlagen, Spielen und Summen einwandfrei verläuft, der Mond noch immer voll und ganz über mir schwebt und das Kopfstechen ohnehin längst verschwunden ist, da besinne ich mich auf den Traum, aus dem ich gerade aufgeschreckt bin.

In diesem Traum gehe ich mit meiner kleinen Tochter durch die schmalen Gassen einer unbekannten Stadt. Unser Weg führt an einem winzigen Laden vorüber. Durch ein Fenster erkennen wir allerhand Kram: Schulhefte, bunte Stifte und Mäppchen. Wir schauen einander an, zucken mit den Schultern, gehen weiter um die Ecke. Die Gasse wird immer enger. und zuletzt so eng, dass die Tochter mit ihrem Schulranzen da nicht durchpasst. Sie nimmt ihn ab. Weil ihr das mit den Riemen und Schnallen nicht gleich gelingen will, wird sie richtig fluchig. Ich will ihr helfen, bekomme sie aber nicht zu fassen. Sie tanzt und dreht sich mit dem Ranzen, der ihr inzwischen halb von der Schulter baumelt.

Ich frage nie nach der Bedeutung meiner Träume. So auch nicht nach dem Sinn dieses einen Traumes. Träumen ergibt für sich einen Sinn. Es geht um Reinigung. Wer nicht träumt, dessen Baumkrone hängt voller abgestorbener Denkzweige.

Ich steige aus dem Bett, schlüpfe hastig in mein Sakko. Will hinauf in das Oberstübchen. Auf dem Weg dorthin streife ich durch die Räume, begegne den Schatten, die das Mondlicht auf den Wänden und auf dem Boden zeichnet. Die Holzleisten und das Metallgestänge eines Gartenstuhls, der im Haus überwintert hat und noch immer hier herumsteht, werfen eine gespenstisch in die Länge gezerrte Kontur vor meine Füße. Und auf dem Schattenspiel sitzt er, wirft ein Bein über das andere und schaukelte mit der lose an seinem Fuß baumelnden Sandale.

Ja, ich könnt ins Bett zurück und auch diese Nacht wie tausend andere Nächte zerschlafen. Aber eine Melodie arbeitet sich in meinem Kopf an die Oberfläche meines Bewusstseins. Passend zu den farblosen Nachtschatten stammt die aus einem alten Schwarz-Weiß-Film. Der hat den Titel Tanz auf dem Vulkan. Ich erinnere auch den Text zu der Melodie:

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