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„Ich bin hier nicht das Zimmermädchen!“ Wie bekomme ich mehr Zeit im Alltag?

Ein Gespräch mit Buchautorin und Zeitmanagement-Expertin Kristina Priller

Für Kommunikationsberaterin, Texterin und Autorin Kristina Priller (46) ist klar: Zeit wird nicht mehr verschwendet, denn man weiß ja nie, wieviel man noch hat.

Manchmal braucht es einen Moment, der alles verändert. Bei Kristina Priller (46) war es eine Krebsdiagnose zum 40. Geburtstag. Für die Kommunikationsberaterin, Texterin und Autorin war von da klar: Zeit wird nicht mehr verschwendet, denn man weiß ja nie, wieviel man noch hat. Den unerwünschten „Untermieter“ ist sie inzwischen glücklicherweise los. Heute spricht sie mit großer Klarheit über Zeit, Erwartungen und darüber, warum viele Frauen glauben, sie müssten „nur“ besser organisiert sein.

Kristina, wie bist du zum Thema Zeitmanagement gekommen?

Kurz nach meinem 40. Geburtstag habe ich die Krebsdiagnose bekommen. Zwei Jahre vorher hatte ich mich gerade selbstständig gemacht als Kommunikationsberaterin, mein Sohn war im Kindergarten. Meine Frauenärztin meinte zunächst noch, da sei nichts. Dann kam die Mammografie – und plötzlich war klar: Es ist Krebs. Ab diesem Moment wird man aus dem normalen Leben herausgerissen und landet in einem Therapiealltag. Es folgen unzählige Untersuchungen, und man wartet ständig auf Ergebnisse, die entscheiden, wie es weitergeht. Das war eine sehr schwierige Zeit.

Zwischen Diagnose und dem ersehnten „krebsfrei“ ein Jahr später habe ich viel nachgedacht. Vor allem über eine Frage: Was ist, wenn du nicht alt wirst? Ich habe gemerkt, dass ich vorher ständig auf etwas hingelebt habe. Später, wenn das Kind größer ist. Später, wenn die Selbstständigkeit läuft. Später, wenn mehr Zeit ist. Plötzlich wusste ich nicht mehr, ob dieses „später“ überhaupt kommt. Und dann war klar, ich mache es JETZT anders. Ich habe mir damals gesagt: Wenn das vorbei ist, möchte ich, dass die Dinge, die mir wichtig sind, jetzt in meinen Alltag passen. Ich habe dann damit angefangen, Bücher über Zeitmanagement zu lesen. „Die 1-%-Methode“ von James Clear und viele andere. Man sinkt dann wie in einen Kaninchenbau, weil man so fokussiert ist und ganz viel ausprobiert. Parallel habe ich auf Instagram darüber berichtet, was ich ausprobiere. Und daraus ist irgendwann eine Community entstanden.

Viele Frauen fühlen sich permanent zuständig für alles. Wann kippt Organisation von hilfreich zu belastend? Oder machen wir nur etwas falsch?

Ich glaube gar nicht, dass wir etwas falsch machen. Dieses Gefühl – wir machen etwas falsch, wir schaffen nichts – ist meiner Meinung nach der falsche Ansatz. Da bekomme ich sofort ein Störgefühl! Frauen schaffen unglaublich viel. Wir arbeiten, kümmern uns um Kinder und oft auch noch um unsere Eltern. Das Problem ist, dass das, was wir schaffen müssen, einfach zu viel ist. Wir versuchen für 180 Themen zuständig zu sein und schaffen davon 178. Das ist enorm.

Der Alltag ist heute komplexer geworden. Arbeit ist digitaler, die Grenze zwischen Büro und Feierabend verschwimmt. Auch der Alltag unserer Kinder ist viel voller als früher. Wenn ich sehe, wie viele Termine mein Sohn hat, ist das ein riesiger Unterschied zu meiner eigenen Kindheit. Früher ist man als Kind auch mal zu einer Freundin mitgegangen und hat dort Mittagessen mitgegessen- sowas gibt es ja kaum mehr, weil die Alltage so durchgetaktet sind.  Deshalb ist der wichtigste Gedanke: Ich bin nicht das Problem. Das System ist einfach sehr voll.

Was ist der größte Denkfehler beim Thema Zeitmanagement?

Viele glauben, sie müssten einfach effizienter werden. Nur: Effizienz ist ein Konzept, das für Unternehmen funktioniert. Wenn eine Firma einen Bleistift eine Sekunde schneller produziert, entsteht bei 100 Bleistiften ein echter Gewinn. Aber für unseren Alltag gilt das nicht. Wenn ich meine Küche zwei Minuten schneller aufräume, habe ich zwei Minuten gewonnen – mehr nicht. Wir überschätzen Effizienz. Wir glauben, wenn wir alles ein bisschen schneller machen, haben wir plötzlich viel mehr Zeit. Das stimmt aber nicht.

Gewohnheiten zu ändern, fällt vielen schwer. Was hilft wirklich?

Viele Menschen denken zu groß. Wenn jemand joggen gehen möchte, denkt er sofort an fünf Kilometer. Dann macht man das genau zweimal – zum ersten und zum letzten Mal.

Der Trick ist, den ersten Schritt lächerlich klein zu machen: Wenn du ab sofort morgens joggen willst, ziehst du in der ersten Woche einfach deine Sportschuhe an und gehst einmal ums Haus. Der Idee ist, dass du die Routine „leer“ erschaffst und dann anfüllst mit dem, was du tun willst. Es geht nur darum anzufangen. Und Sportschuhe anziehen als Trigger ist der Startschuss!  

Das liegt auch an Social Media. Wenn ich dort Sport sehe, dann ist das das Ergebnis von Sportroutinen, die über viele Jahre aufgebaut wurden. Das ist unrealistisch. Das sehen wir aber natürlich nicht mehr, es wirkt so greifbar. Man sieht das Endergebnis und nicht den Weg dahin.

Dein Motto ist „Alltagsorganisation leicht gemacht“. Was kann man sofort vereinfachen?

Es gibt Dinge, die uns gar nicht bewusst sind: Wir übernehmen zum Beispiel viele Standards aus früheren Generationen, ohne sie zu hinterfragen. Unsere Eltern lebten oft in einem Modell, in dem eine Person gearbeitet hat und die andere Vollzeit daheim war. Dann war der perfekte Haushalt vielleicht kein so großes Problem. Nur heute ist das anders- die Perfektionsansprüche stammen aber aus dieser Zeit und sind geblieben.

Ein Beispiel: Kürzlich schrieb jemand unter einem Instagram-Reel, dass jede Woche alle Wandfliesen im Bad wischen ja wohl normal sei. Und ich dachte: Ich kann ich mich gar nicht dran erinnern, wann wir das das letzte Mal gemacht haben… „Das macht man halt so“ ist ein riesiger Zeitfresser!

Ein zweiter wichtiger Punkt ist, Zeit sichtbar zu machen. Wir handeln oft nur auf Basis eines Zeitgefühls. Trägt man sich Zeitblöcke im Kalender ein, sieht man plötzlich, wie viel Zeit tatsächlich da ist – und wo sie verschwindet. Ich trage sie mir immer am Tag vorher in meinen Kalender ein und notiere alles, was fix ist. Sonst läuft man auch Gefahr, dass sich die Aufgabe ausdehnt, weil ja so viel Zeit zur Verfügung steht. Kennt man ja auch von sich selbst, man driftet irgendwann in den Perfektionismus ab. Eine Freundin sagte mir mal: Warum mache ich immer 4 Stunden Hausputz und brauche, wenn meine Schwiegermutter plötzlich kommt, nur 15 Minuten? Ja, weil man dann eben nicht noch anfängt, Schubladen auszusaugen und den Vorratsschrank zu entmüllen. Und in der Küche von Frau Sowieso auf Insta sieht es ja immer ordentlicher aus- ans Vergleichen darf man gar nicht denken. 

Das alles hilft, Entscheidungen zu treffen. Und manchmal lautet die ehrliche Antwort auch: Wenn keine freie Zeit da ist, muss etwas wegfallen. Sonst neigt man dazu, zu spät ins Bett zu gehen oder steht um 05.00 Uhr auf, was verrückt ist. Das kann man eine Weile so machen. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem es einen unzufrieden und müde macht. Dann lieber mit dem Partner zusammensetzen und überlegen:  Wann kann ich mich rausziehen, die Dinge machen, die ich brauche?

Was ist eigentlich mit dem Stressor Handy?

Dazu habe ich einen tollen Tipp bei meinen Recherchen gefunden: Autorin Anna Miller vergleicht das Handy mit einem digitalen Schnuffeltuch, weil wir es ewig nicht aus der Hand legen und von Raum zu Raum mitschleppen. Und dafür gibt es keinen Grund, denn man hört es ja klingeln, wenn man nicht gerade 82 Zimmer hat. Ich habe also angefangen, meinem Handy einen festen Platz zu geben, am Bistrotisch in der Küche, wo die Stühle unbequem sind. Ins Arbeitszimmer darf es noch, aber unten in unserem privaten Umfeld ist es verboten. Ich nehme es nicht mehr mit auf die Coach. Und da merkt man erstmal, wie gering unsere Aufmerksamkeitsspanne inzwischen geworden ist und wie häufig man zum Handy greift. Jetzt gucke ich einfach nur Fernsehen. Und das ganz bewusst!

Und dein persönlicher Lieblingshack?

Zu akzeptieren, dass ich nicht perfekt sein muss. Man kann vielleicht alles haben, nur nicht gleichzeitig. Im Deutschen fehlt uns da die Unterscheidung aus dem Englischen: You can do anything, but not everyting. Ich kann alles, was machen ich will, aber ich kann nicht in allen Bereichen meines Lebens alles machen. Das gibt einem so ein gutes Maß, wieviel Planung, Organisation überhaupt sinnvoll ist. Und: Viele Erwartungen kommen von außen. Wir wollen die perfekte Wohnung, engagierte Eltern sein, einen erfolgreichen Job haben. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht allem entsprechen muss. Wenn die Schwiegermutter oder der Spielbesuch kommt und es liegen halt noch Krümel auf dem Boden, dann ist das eben so. Wenn ich nicht bei jedem Elternamt mitmache, ist das auch in Ordnung. Ich mache es so gut, wie ich kann. Und das ist genug.

 

Mehr zu Kristina findet ihr hier:

Insta: @thehappyworklife

 

 

https://steady.page/de/thehappyworklife/posts (Si apre in una nuova finestra)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Argomento MINDSET & PERSPEKTIVE

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