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MAL GUCKEN

FILM-KRITIK (Si apre in una nuova finestra)

Irgendwo im Bundesstaat New York arbeitet der junge Polizist Lucas Brennan (Tom Blyth, Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds and Snakes) in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre in einer dieser Malls, die ihr noch aus Sitcoms, den Fear Street-Filmen und gegebenenfalls der eigenen Vergangenheit kennt. Dort soll er als verdeckter Ermittler in zivil Cruising-Homos anlocken, auf dem Klo „stellen“ und schließlich verhaften (lassen). Die gute alte Zeit!

Doch befindet sich der immerfort betroffen dreinblickende Lucas in einer emotionalen und psychischen – wie letztlich auch physischen – Bredouille. Erstens muss er sich mit seiner eigenen Homosexualität auseinandersetzen, die er sich nach und nach einzugestehen beginnt und parallel strikt vor seinem arg heterosexuellen Umfeld geheimhalten muss/will. Zweitens verguckt er sich in Andrew (Russell Tovey, Looking, The War Between the Land and the Sea, Years & Years, American Horror Story: NYC), den er eigentlich hätte melden müssen.

Dass sein Geheimnis durch Andrew auffliegen könnte, ist eine Sorge, die Lucas, der sich für diese Begegnung einfach mal nach seinem verstorbenen Vater „Gus“ nennt, eher nicht plagen müsste. Andrew hat selber Frau und Kinder. Außerdem sind Chemie und flirty Schlagabtausch zwischen den beiden zu gut, um einander ans Messer oder das Gericht zu liefern.

Seltener Moment der Zweisamkeit: Andrew (Tovey) und Lucas/Gus (Blyth) // © Cinemien
Seltener Moment der Zweisamkeit: Andrew (Tovey) und Lucas/Gus (Blyth) // © Cinemien

Doch ist PLAINCLOTHES, so der Titel des Debütfilms von Carmen Emmi der heute im Verleih von Cinemien im Kino startet, immer von Stress und Anspannung, Sorge und Angst, Scham und Ablehnung durchzogen. Lucas scheint überall wissende Blicke zu ahnen, steigert sich im Laufe der neunzig Minuten Laufzeit in eine Art panische Paranoia. Als dann auf einer Silvesterparty, die über die Laufzeit in Häppchen serviert wird, noch ein ominöser Brief verschwindet, ist er vollends im Panikattacken-Modus.

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Zusätzlich merken wir, wie sehr der junge Mann an der Familie (vor allem seiner von Maria Dizzia nuanciert gespielten Mutter) hängt und fürchtet, dass ein Coming Out alles zerstören könnte. Der homofeindliche Onkel Paul (Gabe Fazio) füttert diese Angst kontinuierlich. Es scheint, als würde sich sein wahres Ich, sein sexuelles Selbst für ihn wie Verrat anfühlen. Da helfen auch die Worte der von Amy Forsyth (The Gilded Age, Westhampton) wunderbar menschlich verkörperten Emily wohl wenig.

Russell Tovey beobachtet als Andrew in der Mall jemanden
Und immer die Frage: Wer... // © Cinemien

So ist es kein Wunder, dass sich Lucas/Gus in sein Begehren von Andrew auf eine Art reinsteigert, die uns immer wieder zweifeln lässt, in welcher Art von romantischem Thriller wir uns hier befinden. Ist der Lurker-Lucas aus der Mall gar ein Stalker-Gus? Stalker aus Schuld, falsch verstandener Zuneigung? Oder geht „Gus“ in zivil ganz andere Wege? Ist Andrew gar seinerseits ein Undercover-Cop, der Lucas auf der Spur ist? (Dass Tovey in AHS: NYC einen Polizisten im New York der 80er spielte, ließ mich das auf einer ironischen Metaebene vermuten.)

Tom Blyth schaut durch einen falschen Spiegel um das Geschehen auf der Mall-Toilette zu beobachten
...hier wen? // © Cinemien

Der Stil Emmis sowie die Kamera Ethan Palmers vermitteln ebenso viele Eindrücke, die sich nicht in eine Stil-Und-Genre-Schublade packen lassen (Si apre in una nuova finestra). Immer wieder sind VHS-Erinnerungs-Schnipsel eingebunden, Lucas driftet in Erinnerungen und Ahnungen, Panik und Ausbrüche stiller Verzweiflung ab. Was der Schnitt von Erik Vogt-Nilsen sowie die ungemein ergreifende mimische wie körperliche Präsenz Tom Blyths hier zwischen psychedelischen und psychotischen Momenten (Si apre in una nuova finestra) präsentieren, ist ästhetischer wie emotionaler Wahnsinn.

Verschiebung in Bild und Ton: Tom Blyth und Russell Tovey in PLAINCLOTHES // © Cinemien
Verschiebung in Bild und Ton: Tom Blyth und Russell Tovey in PLAINCLOTHES // © Cinemien

Unterstrichen wird dieser Effekt, der manches Mal schon an gefühlvollen Terror grenzt, in PLAINCLOTHES symphonisch, melodisch und stimmlich von Emily Wells' energ(et)ischer, verspielter Musik, die sich immer wieder wie eine weitere Figur ins Geschehen mischt. (Bei Tracks, die „BreathBeat“, „The Bird Feeder and the Funeral“, „I Need a Placebo“ oder „Symphony 5 was a Surprise“ heißen, wohl kaum verwunderlich.)

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Ein wenig bedauerlich ist, dass die inhärente Homophobie und das Ausschlachten von künstlich geschaffenen und befeuerten Ängsten innerhalb der Polizei und Justiz weniger thematisiert werden. Natürlich bilden sie den Mantel der Erzählung und werden an ein, zwei Stellen mit einem Augenzwinkern zur vulnerablen Homoerotik aufgegriffen (etwa in der Figur von Lucas’ Vorgesetztem Ron, gespielt von Christian Cook mit Pornoschnauzer), letztlich aber nicht vertieft. Dann wiederum wäre es ein gänzlich anderer Film (geworden).

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Was Carmen Emmi hier aufs winterliche Tableau bringt, ist eine Geschichte, die ob der vielen Eindrücke und Spielereien schnell hätte wegrutschen können. Doch tänzelt sie mal melancholisch, mal schwungvoll, doch immer wieder überraschend auf dem Eis, das die Erzählung dieser Zeit, der Homofeindlichkeit und einer gesellschaftlich als gefährlich konstruierten Zuneigung (Si apre in una nuova finestra) eben ist. In jedem Fall ist PLAINCLOTHES ein Film, der unbedingt in einem muckelig dunklen Saal geschaut werden sollte. Und einer, den mensch sich häufiger ansehen dürfte, allein schon, um andere, neue Details wahrzunehmen. Sich intensiver auf das Spiel und die Chemie von Blyth und Tovey einzulassen. Andeutungen anders einzuordnen, usw. usf.

Ein starkes, sexy, surreales Stück Film, kurz vor dem emotionalen Impact eines All of Us Strangers.

JW

PS: Tom Blyth ist aktuell auch im Netflix-Film People We Meet on Vacation (nach dem Roman Kein Sommer ohne dich von Emily Henry, erschienen bei Knaur). Da tanzt er auch.

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PLAINCLOTHES ist ab dem 15. Januar 2026 im Kino zu sehen (Si apre in una nuova finestra).

PLAINCLOTHES; USA 2025; Regie und Drehbuch: Carmen Emmi; Bildgestaltung: Ethan Palmer; Musik: Emily Wells; Darsteller*innen: Tom Blyth, Russell Tovey, Maria Dizzia, Christian Cooke, Gabe Fazio, Amy Forsyth, John Bedford Lloyd, u. a.; Laufzeit ca. 94 Minuten; FSK: 16; Verleih: Cinemien

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Argomento Film & Serie

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